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Bausteine: Gleichnis

[Didaktische Poesie]

Friedrich Theodor Vischer (1807-1882)

 
FAChbereich Deutsch
Glossar
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Gleichnis

Friedrich Theodor Vischer (1807-1882), [Didaktische Poesie] (1857)

"Der eigentlich didaktischen Poesie gehen mit dem Charakter ungeschiedener Ursprünglichkeit in Epos und Drama Erzeugnisse voran, welche den Lehrgehalt als religiöse Tatsache ansprechen. [...]

Die didaktische Poesie geht immer vom geistigen Inhalt aus und von da erst zum Bilde fort; [...]

Das Beispiel [...] bringt zum Beleg einer Wahrheit einen Fall, eine Erscheinung aus dem Leben ohne Fiktion herbei, worin diese Wahrheit real geworden ist oder immer wieder aufs Neue wird; es gehört eigentlich ganz in die Prosa [...]. Idee und Bild fallen in dieser einfachen Form gar nicht und ebenso sehr ganz auseinander; [...] die Güte eines Beispiels besteht nur darin, dass die vorgetragene Wahrheit den wesentlichsten unter den Zügen des angeführten Wirklichen bildet.

Die Parabel dagegen fingiert einen Hergang für ihren Zweck, hebst als Band zwischen ihm und der Wahrheit, die sie vortragen will, das tertium comparationis heraus und knüpft an dieses die letztere. Hat sie sich ihren Fall erfunden, so ist er eben ganz auf dies tertium angelegt, und dass in solchem Hergang auch noch andere Gesetze, Wahrheiten liegen können, geht sie gar nichts an. Der Zusammenhang zwischen Idee und Bild ist daher loser als im Beispiel, aber loser im Sinne des Freien, was sich das zweckmäßigste Anschauungsbild selber mit Phantasie schafft und eben dadurch straffer. Die Parabel ist demnach eigentlich ein Gleichnis, aber ein entwickeltes, zur Erzählung ausgebildetes, episch gewordenes Gleichnis und diese Entwicklung hat ihren Grund darin, dass die vorzutragende Lehre nicht einfach, sondern vielseitig ist, eine Reihe von belegenden Momenten, einen Reihe von Vergleichspunkten fordert. [...] Es ist in der Sache begründet, dass der der Parabeldichter am liebsten einen Vorgang aus der Menschenwelt erdichtet, weil er hier die reichsten Vergleichungspunkte für seinen vielseitigeren Lehrgehalt findet. Dieser bewegt sich weniger im untergeordneten Gebiete der Lebensklugheit als in dem hohen und ernsten der Ethik; die Parabel ist eine Bilderschrift, welche kindlichen Menschen erhabene und ehrwürdige, auf die Religion gegründete Wahrheiten des sittlichen Lebens einprägt und ihren frischen Geist durch die einleuchtende Zweckmäßigkeit erfreut und erfasst. Der Lehrgehalt wird direkt ausgesprochen: »das Himmelreich ist gleich« usw. der Parabelerzähler gesteht offen, dass das Bild bloß Mittel ist; Nathan in der Parabel von den drei Ringen tut dies war nicht ausdrücklich, aber es liegt im Anlasse, dass der Lehrzweck seiner Erzählung kein Geheimnis ist.

Die Fabel nun scheint auf den ersten Blick das Verhältnis zwischen dem Bild und dem Gehalte viel lockerer zu sein als in der Parabel. Das Gleichnis wird auch in ihr zur Erzählung, diese aber ist Fiktion in viel engerem Sinne, denn sie leiht der unbeseelten Natur, Pflanzen, Bergen, Gewässern, einzelnen Organen des Körpers, vor allem aber der Tierwelt Bewusstsein, Vernunft, Sprache und verlegt so Handlung in ein Gebiet, wo es nach Naturgesetzen keine gibt, freilich eine Handlung, die dem beobachteten Charakter der Naturwesen entspricht. Produkte der menschlichen Kunst treten ebenfalls auf und werden wie beseelte Naturwesen aufgefasst. Lebhafte Fiktion auf Grundlage der Naturbeobachtung ist also das Wesen der Fabel, nicht bloß der Äsopischen, sondern der Fabel überhaupt. Dass auch geisterhafte gestalten, Riesen und Zwerge, Götter und allegorische Personen auftreten, ändert nichts an diesem Charakter, denn sie werden in diesem Zusammenhange ganz ähnlich wie typisch einfache Tiercharaktere verwendet; [...] Die Fabel vereinigt also Wunderbarkeit und Natürlichkeit. [...] der Vergleichspunkt ist durch die geläufige Einfachheit und Entschiedenheit der Züge, die von den Naturwesen entlehnt werden, namentlich die schlechthin einleuchtende Analogie der allbekannten Tiercharaktere zu menschlichen Eigenschaften, Gesinnungen, so ganz schlagend, dass er mit voller Ungesuchtheit hervorspringt. Es ist nur ein unmerkbarer Ruck, der das Menschenähnlich zum Scheine des wirklich Menschen erhebt, ein augenblickliches scheinbares Ernstmachen aus einer Unterschiebung, die jedes lebendigen Menschen Phantasie leicht und gern mit den Naturgebilden vornimmt. am meisten die kindliche, und der Fabel gehört ursprünglich ein Auditorium, das wie Kinder gewohnt ist, Bäume, Steine, Flüsse, Tische, Messer und Gabel, Fuchs und Wolf sprechen zu lassen. Es ist nichts zu verwundern, es versteht sich von selbst. Die Beziehung  der vertrauten und einleuchtenden Eigenschaften der Naturwesen auf das tief verwandte Menschliche liegt nun eben schon in diesem Rucke zum scheinbar wirklich Menschlichen; der Dichter braucht daher die Moral gar nicht herauszustellen, wenn er richtig und lebendig erzählt, in der Handlung selbst von den Akteuren ausgesprochen."

(aus: Friedrich Theodor Vischer, Aesthetik oder Wissenschaft des Schönen 1923, S.365ff., zit. n. Dithmar 1982, S.193-196)

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Gleichnis

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 10.11.2020

    
   Arbeitsanregungen:

Arbeiten Sie die von Vischer genannten Unterschiede zwischen Beispiel, Parabel, Gleichnis und Fabel in Form einer Tabelle oder eines Textbildes als Schaubild heraus.

 
 
 

 
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