▪ Leitfragen zur Analyse der
Zeitgestaltung in einer Erzählung
In den meisten Erzähltexten wechselt die •
Erzählgeschwindigkeit. Eine der Grundformen, mit denen die
Erzählgeschwindigkeit in größeren oder kleineren Textsegmenten verändert
werden kann, ist die (deskriptive) Pause. Neben den anderen Formen
anisochronen Erzählens
wie ▪ Szene,
▪ Dehnung,
▪ Raffung und
▪ Ellipse (Martinez/Scheffel (1998/2016, S.47)
rhythmisiert die Pause mit ihrem besonderen Verhältnis von
Erzählzeit zu
erzählter Zeit
die Erzählung.
Wie der Begriff andeutet, bleibt der Handlungsverlauf quasi stehen,
wenn der Erzähler "eine Pause einlegt". Im Allgemeinen handelt es sich
dabei um Beschreibungen von Gegenständen, Orten oder auch Figuren. Dabei
können die davon gebildeten Pausen unterschiedlich lange ausfallen.

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Eine Textstelle aus •
Thomas Manns Roman
• "Buddenbrooks"
verdeutlicht, was damit gemeint ist. An der Stelle, an denen •
Johann
Buddenbrook sen. (1765-1842) und seine Frau •
Antoinette
Buddenbrook, geb. Duchamps (? -1842) äußerlich beschrieben
werden (s. kursive Hervorhebung), steht das fortlaufende Geschehen
praktisch still.
"Bei diesen Worten aber brach der alte M. Johann Buddenbrook
einfach in Gelächter aus, in sein helles, verkniffenes Kichern, das
er heimlich in Bereitschaft gehalten hatte. Er lachte vor Vergnügen,
sich über den Katechismus moquieren zu können, und hatte
wahrscheinlich nur zu diesem Zwecke das kleine Examen vorgenommen.
Er erkundigte sich nach Tonys Acker und Vieh, fragte, wieviel sie
für den Sack Weizen nähme und erbot sich, Geschäfte mit ihr zu
machen. Sein rundes, rosig überhauchtes und wohlmeinendes
Gesicht, dem er beim besten Willen keinen Ausdruck von Bosheit zu
geben vermochte, wurde von schneeweiß gepudertem Haar eingerahmt,
und etwas wie ein ganz leise angedeutetes Zöpflein fiel auf den
breiten Kragen seines mausgrauen Rockes hinab. Er war, mit seinen
siebenzig Jahren, der Mode seiner Jugend nicht untreu geworden; nur
auf den Tressenbesatz zwischen den Knöpfen und den großen Taschen
hatte er verzichtet, aber niemals im Leben hatte er lange
Beinkleider getragen. Sein Kinn ruhte breit, doppelt und mit einem
Ausdruck von Behaglichkeit auf dem weißen Spitzen-Jabot.
Alle hatten in sein Lachen eingestimmt, hauptsächlich aus
Ehrerbietung gegen das Familienoberhaupt. Mme. Antoinette
Buddenbrook, geborene Duchamps, kicherte in genau derselben Weise
wie ihr Gatte. Sie war eine korpulente Dame mit dicken weißen
Locken über den Ohren, einem schwarz und hellgrau gestreiften Kleide
ohne Schmuck, das Einfachheit und Bescheidenheit verriet, und mit
noch immer schönen und weißen Händen, in denen sie einen kleinen,
sammetnen Pompadour auf dem Schoße hielt. Ihre Gesichtszüge waren im
Laufe der Jahre auf wunderliche Weise denjenigen ihres Gatten
ähnlich geworden. Nur der Schnitt und die lebhafte Dunkelheit ihrer
Augen redeten ein wenig von ihrer halb romanischen Herkunft; sie
stammte großväterlicherseits aus einer französisch-schweizerischen
Familie und war eine geborene Hamburgerin. "
(Quellen: Thomas Mann, Buddenbrooks, Frankfurt: Fischer 1999/2008,
S.7, / Mann, Thomas. Buddenbrooks: Verfall einer Familie (Fischer
Klassik) FISCHER E-Books. Kindle-Version, S.1-2, Hervorh. d.
Verg.)
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Zeitgestaltung in einer Erzählung
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
02.06.2024