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Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit

Überblick


Die Dauer des erzählten Geschehens ist ein grundlegendes Strukturelement der Zeitgestaltung eines epischen Textes. Dabei stehen die beiden Zeitebenen oder Zeitskalen Erzählzeit und erzählte Zeit in einem funktionalen Verhältnis zueinander. (vgl. Schwarze 1982, S.156) und dieses Verhältnis bestimmt das Erzähltempo eines epischen Textes. (vgl. Vogt 1990, S.101)

Das Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit und das ihm jeweils entsprechende Erzähltempo werden gewöhnlich in einem epischen Text nicht durchgehend oder allein  zeitdeckend, zeitraffend oder zeitdehnend gestaltet. Meistens wechseln die erzählerischen Mittel der Zeitstrukturierung miteinander ab. (vgl. Schwarze 1982, S.168)

Zunächst sind jedoch Zeitdeckung, Zeitraffung und Zeitdehnung die wesentlichen Gestaltungselemente, die sich aus dem Verhältnis der beiden Zeitebenen ergeben.

Je nachdem, wie das Verhältnis von Erzählzeit zu erzählter Zeit ausfällt, wird die Reihenfolge beim linearen Erzählen also zeitdeckend, zeitraffend oder zeitdehnend ausfallen.

 

Edgar Neis (1965) hat das Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit an einigen Beispielen aus der deutschen Literatur herausgearbeitet:

"Goethe benötigte, um die etwa 10 Jahre dauernden Lehrjahre Wilhelm Meisters zu erzählen, etwa 600 Seiten; Thomas Mann für den im wesentlichen im Stil traditioneller Erzählkunst gehaltenen Roman "Buddenbrooks" etwa die gleiche Seitenzahl, um eine Zeitspanne von 42 Jahren darzustellen; da weder alle Ereignisse der zehnjährigen Lehrzeit Wilhelm Meisters noch die der vier Generationen der Lübecker Patrizierfamilie vollständig auserzählt werden konnten, war eine starke Raffung der Zeit nötig, wenn der Zusammenhang der Handlung überhaupt gewahrt werden sollte. Ganz anders aber ist der Erzählvorgang bei James Joyce, in dessen Roman "Ulysses" auf über 1600 Seiten ein einziger Tag dargestellt wird, wie ihn Menschen in Dublin von 8 Uhr früh bis Mitternacht erleben. Hier zerdehnt der Erzähler in einer einzigartigen Weise die Zeit und berichtet in einer Art von Zeitlupentempo von allen Wegen, Besorgungen und Unternehmungen der Menschen seines Romans - es sind dies der irisch-jüdische Anzeigenvermittler Leopold Blum, seine Frau Marion und der junge Dichter und Bohemien Stephan Dädalus -, vor allem aber lässt er sie ihre Gedanken in endlosen inneren Monologen aussprechen. Diese bedingen denn auch das außerordentliche Übergewicht der Erzählzeit gegenüber der erzählten Zeit."

(aus: Neis, Struktur und Thematik, 1965, S.66f.)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013

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