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Explizite Figurencharakterisierung

Überblick


Die explizite Figurencharakterisierung kann auf zwei verschiedenen Ebenen erfolgen. Diese Ebenen sind:

Explizit bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das, was an Informationen über eine Figur gegeben wird, ausdrücklich dargelegt wird. Das wiederum bedeutet nicht, dass sich der Sinn solcher Ausführungen nicht erst im Zuge der Interpretation erschließt. So können Handlungen einer Figur, die vom Erzähler mehr oder weniger kommentarlos erzählt werden, natürlich auch indirekt Wichtiges über den Charakter einer Figur aussagen. Die Figur wird also auf Grund bestimmter Handlungen indirekt charakterisiert, auch wenn die Technik der Figurencharakterisierung im Sinne der folgenden Zuordnung explizit ist. In jedem Fall entspricht die Kategorie der expliziten Figurencharakterisierung damit nicht der Unterscheidung in direktes und indirektes Charakterisieren.

Explizite Charakterisierung durch den Erzähler Explizite Charakterisierung  durch die Figuren
  • Beschreibungen
    Auf Außensicht basierende Beschreibungen einer Figur; sie können mit oder ohne kommentierende Einmischungen gestaltet sein;

  • Beziehungen
    Darstellung von Beziehungen einer Figur zu anderen Figuren; Möglichkeit zu Korrespondenz oder Kontrast gegenüber anderen Figuren

  • Handlungen
    Darstellung von Handlungen einer Figur

  • Situationen
    Einordnung einer Figur in einen zeitlichen, räumlichen und kausalen oder finalen (Handlungs-)Zusammenhang einer "Story"  

  • Redeinhalte
    Figurencharakterisierung in Form des Redeberichts oder der indirekten Rede.

  • Gefühlsinhalte
    Figurencharakterisierung in Form einer pauschalen Wiedergabe von Gefühlen, Eindrücken und Wahrnehmungen einer Figur; keine Wiedergabe von Gedanken der Figur.

  • Fremdthematisierung
    Figurencharakterisierung durch  andere Figuren in Form der direkten Redewiedergabe einer Figur oder in Form von auf Innensicht beruhender Gedankenwiedergabe einer Figur. Unterschieden werden muss: 

    • die Fremdthematisierung vor dem ersten Auftreten einer Figur

    • nach dem ersten Auftreten einer Figur 

    • in Anwesenheit der Figur

    • in Abwesenheit der Figur

  • Selbstthematisierung
    Figurencharakterisierung durch  die Figur selbst in Form der direkten Redewiedergabe einer Figur oder in Form von auf Innensicht beruhender Gedankenwiedergabe einer Figur. 

(vgl. Fricke/Zymner 1993, S. 153ff.)

Beispiel 1:
Am Beginn der Novelle "Michael Kohlhaas" von Heinrich von Kleist (1777-1811), nimmt der auktoriale Erzähler eine explizite Charakterisierung der Hauptfigur vor. In äußerst knapper Form beschreibt er  im ersten Satz dabei die Titelfigur mit ihrem Namen, Beruf und Herkunft. Danach wird der Handlungsort beschrieben und dann kommen die wirtschaftliche Lage und familiären Verhältnisse von Michael Kohlhaas zur Sprache. Damit wird die Handlung räumlich und zeitlich situiert. Schließlich kommen bestimmte Charaktereigenschaften von Kohlhaas zur Sprache, die mit seinem Erziehungshandeln gegenüber seinen Kindern "in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue" weitgehend nüchtern, sachlich und ohne jede Kommentierung vom Erzähler vorgetragen werden. Man gewinnt als Leser, auch als Ergebnis der sprachlichen Gestaltung, den Eindruck, als habe sich der Erzähler hinter die Ereignisse, das Faktische, zurückgezogen. An zwei Stellen jedoch verlässt der Erzähler seinen sachlich-nüchternen Stil und gibt sich mit seinen Kommentaren deutlich zu erkennen. Am Ende des ersten Satzes gibt er mit einer Apposition ("einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit") eine eindeutige Wertung an und nimmt damit eine Abwertung der Titelfigur vor. Diese eher "en passant" (so ganz nebenbei) gemachte Bemerkung, entfaltet freilich eine besondere Wirkung, denn diese fast "unmotivierte Charakterisierung des Mannes" lässt besonders dadurch aufhorchen, weil sie "in ein Paradox gehüllt ist. " (Holz 1963, S.117ff.)

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Rosshändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. - Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.

Er ritt einst, mit einer Koppel junger Pferde, wohlgenährt alle und glänzend, ins Ausland, und überschlug eben, wie er den Gewinst, den er auf den Märkten damit zu machen hoffte, anlegen wolle: teils, nach Art guter Wirte, auf neuen Gewinst, teils aber auch auf den Genuss der Gegenwart: als er an die Elbe kam, und bei einer stattlichen Ritterburg, auf sächsischem Gebiete, einen Schlagbaum traf, den er sonst auf diesem Wege nicht gefunden hatte. Er hielt, in einem Augenblick, da eben der Regen heftig stürmte, mit den Pferden still, und rief den Schlagwärter, der auch bald darauf, mit einem grämlichen Gesicht, aus dem Fenster sah. Der Rosshändler sagte, dass er ihm öffnen solle. Was gibt's hier Neues? fragte er, da der Zöllner, nach einer geraumen Zeit, aus dem Hause trat. Landesherrliches Privilegium, antwortete dieser, indem er aufschloss: dem Junker Wenzel von Tronka verliehen. - [...]

Beispiel 2:
In Heinrich Heines (1797-1856) Reisebeschreibung "Die Harzreise" berichtet der Autor von einer Begegnung mit einem Goslarer Bürger, den er auf seiner mehrwöchigen Wanderung im Jahre 1824 kennen lernt. Neben zahlreichen Elementen romantischer Ironie, die sich bei der Beschreibung der kulissenartigen Natur zeigen, sind die darin expliziten Charakterisierungstechniken durch den Erzähler besonders auffällig.

Von Goslar ging ich den andern Morgen weiter, halb auf Geratewohl, halb in der Absicht, den Bruder des Klaustaler Bergmanns aufzusuchen. Wieder schönes, liebes Sonntagswetter. Ich bestieg Hügel und Berge, betrachtete, wie die Sonne den Nebel zu verscheuchen suchte, wanderte freudig durch die schauernden Wälder, und um mein träumendes Haupt klingelten die Glockenblümchen von Goslar. In ihren weißen Nachtmänteln standen die Berge, die Tannen rüttelten sich den Schlaf aus den Gliedern, der frische Morgenwind frisierte ihnen die herabhängenden, grünen Haare, die Vöglein hielten Betstunde, das Wiesental blitzte wie eine diamantenbesäte Golddecke, und der Hirt schritt darüber hin mit seiner läutenden Herde. Ich mochte mich wohl eigentlich verirrt haben. Man schlägt immer Seitenwege und Fußsteige ein und glaubt dadurch näher zum Ziele zu gelangen. Wie im Leben überhaupt, geht's uns auch auf dem Harze. Aber es gibt immer gute Seelen, die uns wieder auf den rechten Weg bringen; sie tun es gern und finden noch obendrein ein besonderes Vergnügen daran, wenn sie uns mit selbstgefälliger Miene und wohlwollend lauter Stimme bedeuten, welche große Umwege wir gemacht, in welche Abgründe und Sümpfe wir versinken konnten und welch ein Glück es sei, dass wir so wegkundige Leute, wie sie sind, noch zeitig angetroffen. Einen solchen Berichtiger fand ich unweit der Harzburg. Es war ein wohlgenährter Bürger von Goslar, ein glänzend wampiges, dummkluges Gesicht; er sah aus, als habe er die Viehseuche erfunden. Wir gingen eine Strecke zusammen, und er erzählte mir allerlei Spukgeschichten, die hübsch klingen konnten, wenn sie nicht alle darauf hinausliefen, dass es doch kein wirklicher Spuk gewesen, sondern dass die weiße Gestalt ein Wilddieb war und dass die wimmernden Stimmen von den eben geworfenen Jungen einer Bache (wilden Sau) und das Geräusch auf dem Boden von der Hauskatze herrührte. Nur wenn der Mensch krank ist, setzte er hinzu, glaubt er Gespenster zu sehen; was aber seine Wenigkeit anbelange, so sei er selten krank, nur zuweilen leide er an Hautübeln, und dann kuriere er sich jedes Mal mit nüchternem Speichel. Er machte mich auch aufmerksam auf die Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit in der Natur. Die Bäume sind grün, weil Grün gut für die Augen ist. Ich gab ihm recht und fügte hinzu, dass Gott das Rindvieh erschaffen, weil Fleischsuppen den Menschen stärken, dass er die Esel erschaffen, damit sie den Menschen zu Vergleichungen dienen können, und dass er den Menschen selbst erschaffen, damit er Fleischsuppen essen und kein Esel sein soll. Mein Begleiter war entzückt, einen Gleichgestimmten gefunden zu haben, sein Antlitz erglänzte noch freudiger, und bei dem Abschiede war er gerührt. Solange er neben mir ging, war gleichsam die ganze Natur entzaubert, sobald er aber fort war, fingen die Bäume wieder an zu sprechen, und die Sonnenstrahlen erklangen, und die Wiesenblümchen tanzten, und der blaue Himmel umarmte die grüne Erde. Ja, ich weiß es besser: Gott hat den Menschen erschaffen, damit er die Herrlichkeit der Welt bewundere. Jeder Autor, und sei er noch so groß, wünscht, dass sein Werk gelobt werde. Und in der Bibel, den Memoiren Gottes, steht ausdrücklich, dass er die Menschen erschaffen zu seinem Ruhm und Preis.
(aus: Heinrich Heine, Die Harzreise, Stuttgart: reclam 1984, S.38f.)

Beispiel 3:
Der Erzähler im Roman "Buddenbrooks" von Thomas Mann (1875-1955) erzählt von einem Streitgespräch zwischen Antonie Grünlich, geb. Buddenbrook, und ihrem ersten Mann Bendix Grünlich an einem Januarmorgen des Jahres 1850. Grünlich steckt zu diesem Zeitpunkt in einer aussichtslosen finanziellen Lage, die noch dadurch verschärft wird, dass ihm das Bankhaus Kesselmayer wegen seiner Zahlungsunfähigkeit sämtliche Kredite zu kündigen beabsichtigt. In dem Gespräch zwischen Antonie (=Tony) und ihrem Mann Grünlich kommen verschiedene explizite Charakterisierungstechniken zum Zuge. Als explizite Techniken sind auf der Erzählerebene, da Darbietung über weite Strecken in Form szenischer Darstellung erfolgt, nur wenige Ausführungen zu erkennen. Auf der Ebene der Figuren gibt es in der wörtlichen Rede beider Figuren deutliche Beispiele für die Fremdthematisierung ("Du bist nicht kinderlieb, Antonie." - "Du bist sauertöpfig!" - "Du ruinierst mich mit deiner Trägheit, deiner Sucht nach Bedienung und Aufwand ..."). Zugleich finden sich in den Äußerungen Antonie Grünlichs auch einige expliziten Techniken, die eine Selbstthematisierung darstellen (z. B. "wirf mir nicht meine gute Erziehung vor!")  Dass Tony, wie der Erzähler formuliert, sich von dem überlegenen, wehmütigen und schweigenden Lächeln Grünlichs verwirren lässt, kann dabei als pauschale Wiedergabe ihrer Gefühle durch den Erzähler verstanden werden.

»Du machst dich ja lächerlich«, sagte sie nach einigem Stillschweigen, indem sie ein sichtlich unterbrochenes Gespräch wieder aufnahm ... »Hast du Gegengründe? Gib doch Gegengründe an! ... Ich kann mich nicht immer um das Kind bekümmern ...«
»Du bist nicht kinderlieb, Antonie.«
»Kinderlieb ... kinderlieb ... Es fehlt mir an Zeit! Der Haushalt nimmt mich in Anspruch! Ich wache mit zwanzig Gedanken auf, die tagsüber auszuführen sind, und gehe mit vierzig zu Bett, die noch nicht ausgeführt sind ...«
»Es sind zwei Mädchen da. Eine so junge Frau ...«
»Zwei Mädchen, gut. Thinka hat abzuwaschen, zu putzen, reinzumachen, zu bedienen. Die Köchin ist über und über beschäftigt. Du isst schon am frühen Morgen Koteletts ... Denke doch nach, Grünlich! Erika muss Kurz über Lang jedenfalls eine Bonne, eine Erzieherin haben ...«
»Es entspricht nicht unseren Verhältnissen, ihr jetzt schon ein eigenes Kindermädchen zu halten.«
»Unseren Verhältnissen! ... O Gott, du machst dich lächerlich! Sind wir denn Bettler? Sind wir gezwungen, uns das Notwendigste abgehen zu lassen? Meines Wissen habe ich achtzigtausend Mark in die Ehe gebracht ...«
»Ach, mit deinen achtzigtausend"!«
»Gewiss! ... Du sprichst geringschätzig davon ... Es kam dir nicht darauf an ... Du hast mich aus Liebe geheiratet ... Gut. Aber liebst du mich überhaupt noch? Du gehst über meine berechtigten Wünsche hinweg. Das Kind soll kein Mädchen haben ... Von dem Coupé, das uns nötig ist, wie das tägliche Brot ist überhaupt keine Rede mehr ... Warum lässt du uns dann beständig auf dem Lande wohnen, wenn es unseren Verhältnissen nicht entspricht, einen Wagen zu halten, in dem wir anständiger Weise in Gesellschaft fahren können? Warum siehst du es niemals gern, dass ich in die Stadt komme? ... Am liebsten möchtest du, dass wir uns hier für alle Male vergrüben und dass ich keinen Menschen mehr zu Gesicht bekäme. Du bist sauertöpfig!«
Herr Grünlich goss sich Rotwein ins Glas, erhob die Kristallglocke und ging zum Käse über. Er antwortete durchaus nicht.
»Liebst du mich überhaupt noch?« wiederholte Tony... Dein Schweigen ist ungezogen, dass ich mir sehr wohl erlauben darf, dich an einen gewissen Auftritt in unserem Landschaftszimmer zu erinnern ... Damals machtest du eine andere Figur! ... Vom ersten Tage an hast du nur abends bei mir gesessen, und das nur, um die Zeitung zu lesen. Anfangs nahmst du wenigstens Rücksicht auf meine Wünsche. Aber seit langer Zeit ist es auch damit zu Ende. Du vernachlässigst mich!«
»Und du? Du ruinierst mich
»Ich? ... Ich ruiniere dich ...«
»Ja. Du ruinierst mich mit deiner Trägheit, deiner Sucht nach Bedienung und Aufwand ...«
»Oh! wirf mir nicht meine gute Erziehung vor! Ich habe bei meinen Eltern nicht nötig gehabt, einen Finger zu rühren. Jetzt habe ich mich mühsam in den Haushalt einleben müssen, aber ich kann verlangen, dass du mir nicht die einfachsten Hülfsmittel verweigerst. Vater ist ein reicher Mann; er konnte nicht erwarten, dass es mir jemals an Personal fehlen würde ...«
»Dann warte mit dem dritten Mädchen, bis dieser Reichtum uns etwas nützt.«
»Willst du etwa Vaters Tod wünschen?! ... Ich sage, dass wir vermögende Leute sind, dass ich nicht mit leeren Händen zu dir gekommen bin ...«
Obgleich Herr Grünlich im Kauen begriffen war, lächelte er; er lächelte überlegen, wehmütig und schweigend. Dies verwirrte Tony.
»Grünlich«, sagte sie ruhiger ... »Du lächelst, du sprichst von unseren Verhältnissen ... Täusche ich mich über die Lage? Hast du schlechte Geschäfte gemacht? Hast du ...«
In diesem Augenblicke geschah ein Klopfen, ein kurzer Trommelwirbel gegen die Korridortür, und Herr Kesselmayer trat ein.
(aus: Thomas Mann, Buddenbrooks, Frankfurt: Fischer Verlag 1999, S.198-200)

 

  
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