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Strukturen epischer Prosa

Textcollage


Fernher rauscht das Meer in die holde Stille, der Wind regt sanft das starre Laub. Ein mattseidenes Gewand, elfenbeinweiß und golden bestickt, umfließt ihre Glieder und lässt einen zartgeschwungenen Nacken frei, auf dem die feuerfarbenen Flechten lasten. Noch brannte kein Licht in Brunhilds einsamem Gemach, - die schlanken Palmen ragten wie dunkle phantastische Schatten aus ihren kostbaren chinesischen Kübeln empor, die weißen Marmorleiber der Antiken glänzten gespenstisch dazwischen und an den Wänden verschwanden die Bilder in ihren breiten mattschimmernden Goldrahmen.

Brunhild saß vor dem Flügel und ließ die Hände voll süßer Schwärmerei über die Tasten gleiten. Suchend floss ein schweres Largo daher, wie sich Rauchschleier aus glimmenden Aschen lösen, vom Winde zerfetzt werden und in bizarren Brocken herumfliegen, getrennt von der Flamme, wesenlos. Langsam wuchs die Melodie zum Maestoso, sie rollt dahin in mächtigen Akkorden und kehrt wieder mit holden, flehenden, unsäglich süßen Kinderstimmen und mit Engelschören und rauscht über nächtliche Wälder und einsame, weite, brennend rote Heiden, wo alte Heidenmale stehen, und spielt um verlassene Dorfkirchhöfe. Helle Wiesen gehen auf, Frühlinge spielen mit leicht bewegten Gestalten, und vor dem Herbst sitzt eine alte Frau, eine böse Frau, um die herum die Blätter fallen. Winter wird sein. Große glänzende Engel, die den Schnee nicht streifen, aber so hoch wie die Himmel sind, werden sich zu horchenden Hirten neigen und ihnen singen von dem Märchenkinde in Bethlehem. Der heiligen Weihnacht geheimnisgesättigter Himmelszauber umweht die in tiefem Frieden schlummernde winterliche Heide, als ob ein Harfenlied fremd im Tageslärm klänge, als ob das Geheimnis der Wehmut selber den göttlichen Ursprung besänge. Und draußen streicht der Nachtwind mit zarten, tastenden Händen um das Goldhaus, und die Sterne wandeln durch die Winternacht.

(aus: Fragespiele mit Literatur. Übungen im produktiven Umgang mit Texten. 1985)  - Jetzt bestellen bei Amazon!

Bild: Spontane Zeichnung einer Schülerin nach der Primärrezeption des Textes (Vorlesen).

 

   Arbeitsanregungen:
  1. Der Text ist eine Kompilation.

(Kompilation: seit dem 16. Jh. Gebräuchliche Bezeichnung für eine meist der Wissensvermittlung dienende Zusammenstellung von Textausschnitten aus einschlägigen Schriften; ferner bezeichnet Kompilation literar. Werke, in denen Stoffe und Episoden aus älteren Quellen nur oberflächlich aneinander gereiht sind.)

Versuchen Sie herauszufinden, aus welchen und wie vielen aneinander gefügten Textelementen verschiedener Werke er besteht.

  1. Begründen Sie Ihre Vermutungen am Text. Verfassen Sie hierzu ein schriftliches "Gutachten".

    

          
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