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Typen des Ich-Romans

Memoirenroman


Der Memoirenroman oder auch autobiographische Roman stellt einen Typus des Ich-Romans dar, den man als eine pseudo-autobiographische Ich-Erzählung bezeichnen kann. Sie zeichnet sich nach Vogt (1996) durch die folgenden Merkmale aus:
 

Beispiele:  

(vgl. Vogt 1996, S.70-72)

Beispiel 1:
In Manfred Bielers (1934-2002) Roman "Still wie die Nacht. Memoiren eines Kindes“, erzählt der Autor, wohl weitgehend autobiographisch, im Alter von 54 Jahren seine Kindheit zwischen dem ersten und dem siebten Lebensjahr, die Zeit zwischen 1934 und 1941. Man hat diesen Memoirenroman als einen "psychosomatischen Roman“ bezeichnet, weil die Seele des über Fünfzigjährigen jenen Zuständen noch so nahe sei, "wo Affekt und leibliche Reaktion ineinander übergehen.“ (Tilmann Moser, in: Die Zeit, 29.9.1989) Mitleidslos, Tabus zerstörend, mit kalter verzweifelter Wut und selbstzerstörerischer Erinnerungsobsession (vgl. Paul Kersten, in: Der Spiegel 4/1989, S.64) werden in diesem Roman "die verdrängten Schrecken der eigenen Kindheit aus der Seele gerissen und in einem langen, schmerzhaften Prozess der Selbstanalyse literarisch artikuliert.“ (ebd.) Die zweipolige Ich-ich-Struktur wird über den ganzen Memoirenroman hinweg durchgehalten, wobei die personale Ich-Erzählperspektive des Kindes bei weitem die auktoriale Ich-Erzählperspektive des 54 Jahre alten Erzählers überwiegt. Mitunter bringt er sich aber auch sehr deutlich mit eigenen Reflexionen ein, die meist das Verhältnis des erwachsenen Ichs und des kindlichen Ichs thematisieren. In diesen Situationen scheint es, als müsse der auktoriale Erzähler "einen Moment Atem schöpfen, weil der Ansturm ihn zu überwältigen droht. Selbstzweifel an der Niederschrift werden laut, die Angst vor dem Wagnis kommt auf, noch einmal hinabzutauchen, in die Höllentiefe der Zeit, aus der ihm das Kind, das er einmal war, entgegenkommt." (Kersten, a. a. O.). So äußert er sich z. B. wie folgt:

"Wer von uns beiden ist erschöpft? Ich oder ich? Das Kind oder der Fünfzigjährige? Wem klopft das Blut in den Schläfen, ihm oder mir? Wer beugt sich über den eigenen Rand und blickt in eine ungeahnte Tiefe? Wohin gehen wir, du und ich? Was wurde uns gestohlen, dir und mir? Wer nahm die Liebe aus deinem und meinem Herzen? Wer raubte dir und mir das Glück der kleinen Freuden, die Wohltat der unbefleckten Zärtlichkeit, das Geheimnis der Tränen, die Unschuld der Spiele, die Lust am Leben? Wer von uns beiden feiert im Juli seinen vierten Geburts- tag, du oder ich? Wen laden Robert und Edith dazu ein? Den Cousin und die Cousinen? Nein. Marlene, Hans und Gretchen sind mit ihren Eltern in die Ferien gefahren, auf einen Bauernhof. Wir beide, du und ich, stehen mit den Nachbarskindern auf der Freitreppe des ehemaligen Untersuchungsgefängnisses, schwenken Hakenkreuzfähnchen und werden von der Mutter fotografiert. Gut, gut. Aber wer von uns beiden weiß eigentlich noch, was im August geschah, als wir zum zweiten Mal nach Binz fuhren? Auf mich darfst du dich nicht verlassen. Ich habe es vergessen. Sprich du!
Der Vierjährige erzählt: Onkel Willy und der Vater sind zu Hause geblieben. Deswegen hat sich Tante Erna ans Steuer gesetzt und die Mutter daneben. Unterwegs wollte mir Rosi die Trillerpfeife wegnehmen, mein Geburtstagsgeschenk von Louise, aber ich habe mich gewehrt. [...]"

(aus: Manfred Bieler, Still wie die Nacht. Memoiren eines Kindes, Hamburg: Hoffmann und Campe, S. 145)

Das erlebende Ich des Kindes kann sein Erleben, weitgehend unbeeinträchtigt, ungefiltert und ohne Kommentare des auktorialen Ich-Erzählers so zur Sprache bringen, dass die Vergangenheit unverarbeitet und unbearbeitet aufbricht (vgl. Moser, a. a. O..). Die personale Erzählperspektive des Kindes ist dabei so konsequent gestaltet, dass, auch wenn sich diese Kindheit im Nationalsozialismus zwischen 1934 und 1941 abspielt, "Bieler da nichts hineinmontiert hat, was über die Wahrnehmungsfähigkeit des Kindes hinausgeht. Und doch ist das Buch getränkt von einer Atmosphäre unaufrichtiger, lüsterner Gewaltsamkeit, von der Selbstverständlichkeit der täglichen Lüge angesichts lautstark hochgehaltener Ideale. Von der Unbekümmertheit der Demütigung des Schwächeren und des Fremden, dass die historische Zeit unverwechselbar anwesend und spürbar ist und den Leser immer wieder mit der Mischung von Ekel, Faszination und Schauder konfrontiert.“ (Moser, a. a. O.) So erweist sich die personale Erzählperspektive des Kindes als Kunstgriff, mit dem dessen unnachsichtiger Blick "für detailscharfe Augenblicksbilder aus den ersten sieben Jahren seines Lebens, groteske Momentaufnahmen aus der familienneurotisch aufgeheizten Spießerhölle eines Kleinbürgerhaushalts zur Vorkriegszeit in der sächsischen Provinz“ (Kersten, a. a. O.) erzähltechnisch gestaltet werden kann. Nur manchmal wird die personale Erzählperspektive verlassen.
Im nachfolgenden Kapitel wird der Junge im Alter von etwa fünf Jahren unbeabsichtigt Zeuge sexueller Eskapaden seiner Mutter an ihrer Arbeitsstätte. Zuvor verlässt er die Wohnung, ohne dass es seine Großmutter Louse bemerkt, um seine Mutter Edith nach dem Feierabend abzuholen. Er macht sich auf dem Weg zur Fa. Kutarsky, wo seine Mutter arbeitet, gibt sich auf dem Weg ganz seinen Eindrücken von der Natur hin und scheint, während er spielerisch von Schatten zu Schatten springt, bester Laune, auch wenn er sich nicht sicher ist, ob ihn die Mutter, für sein eigenwilliges Tun letztlich ausschimpfen wird. Die Eindrücke könnten nicht härter aufeinander treffen. Kaum hat er noch mit den Hühnern gespielt und seine letzten Selbstzweifel überwunden (" Ich brauche nicht zu schleichen. Ich tue nichts Verbotenes. Oder doch?"), wird er Augenzeuge von Verbotenem: Seine Mutter Edith gibt sich zwei Männern gleichzeitig hin. Der Fünfjährige ist mit dem, was er da zu sehen bekommt, völlig überfordert (Die Mutter beugt sich über einen schmalen Tisch ...  schiebt ihr seinen Schniepel in den Mund.) Dabei bleibt die Sprache bei der Beschreibung der Vorgänge äußerst nüchtern, lässt außer den schockierenden Fakten keine Wertungen zu Wort kommen, ein klares Festhalten an der personalen Ich-Erzählperspektive, denn der pornographische Blick ist dem Kind ohnehin fremd. So nehmen denn auch diese Ereignisse wenig Raum in der Erzählung des personalen Ichs ein, dessen Deutungsmuster dafür ohnehin nicht ausreichen. Viel wichtiger dagegen sind die körperlichen und psychischen Reaktionen des Kindes. Es fühlt sich wie gelähmt, hat Angst, friert, bekommt eine Gänsehaut, ihm schlottern die Knie, es schwitzt, wird rot, weiß irgendwie, dass es Zeuge von etwas Verbotenem geworden ist, für das ihn die beiden Männer umbringen werden.

"Die Sirene der Zuckerraffinerie hat schon längst gepfiffen. Trotzdem lässt sich Edith immer noch nicht blicken. Die Großmutter ist am Küchentisch eingenickt. Zwei schwarze Fliegen strampeln in der Suppe. Ich schiebe sie auf den Tellerrand und beobachte, wie sie sich die Flügel mit den Vorderbeinen putzen. Ich laufe der Mutter ein Stück entgegen, flüstere ich Louise ins Ohr. Sie rührt sich nicht. Ich stehle mich aus dem Korridor und gehe leise die Treppe hinunter. Die Straße schläft. Der Himmel schreit vor Hitze. Braune Eicheln purzeln von den Bäumen. Mir wird schwummerig. Ich springe von einem Schatten zum anderen. Die rote Mauer bleibt hinter mir, auch der Park mit der Villa und den Kieswegen. Jetzt stehe ich vor dem blauen Tor der Firma Kutarsky. Ich erkenne das Fenster der Mutter in der zweiten Etage. Soll ich warten, bis sie ihre Briefe zu Ende getippt hat, oder soll ich lieber umkehren, damit sie mich nicht ausschimpft? Ich schlüpfe durch die Tür neben dem blauen Tor und stehe nach ein paar Schritten auf dem Fabrikhof. Es ist so still, dass ich mein Herz schlagen höre. Die Kellerfenster in dem großen Wohnhaus sind mit Eisenstangen vergittert, und gleich daneben, hinter dem Maschendrahtzaun, entdecke ich einige schwarz-weiß-gesprenkelte Hühner. Tock-tock- tock! locke ich sie zu mir heran. Aber jetzt neigt sich ein alter Mann über mich und fragt brummig: Was suchst du denn hier? Meine Mutter, antworte ich, und nachdem der Alte ihren Namen erfahren hat, zeigt er mir den Eingang zum Büro. Vielen Dank, sage ich und steige die Treppe hinan. Nun kann mich nichts mehr bremsen. Ich klopfe an eine Tür. Niemand öffnet. Ich versuche dasselbe bei der zweiten und dritten Tür, bis mir einfällt, dass ich in der falschen Etage bin. Ich gehe zum nächsten Stockwerk hinauf. Die Stufen erscheinen mir höher. Ich blicke rechts und links den Gang hinunter und lausche. Hinter einer dieser Türen sitzt die Mutter. Weshalb höre ich keine Schreibmaschine klappern? Hat Herr Kutarsky die Mutter vielleicht zum Einkaufen in die Stadt geschickt, oder macht er eine Spazierfahrt mit ihr? Ich gehe auf Zehenspitzen den Gang hinunter, wie ein Indianer. Aber warum? Ich brauche nicht zu schleichen. Ich tue nichts Verbotenes. Oder doch? Ich wische den Hemdsärmel über die Stirn, und im selben Moment höre ich hinter der Tür jemand lachen. Mir sträuben sich die Haare. Ich kenne den Mann. Leise drücke ich die Klinke herunter. Die Mutter beugt sich über einen schmalen Tisch, genauso, wie sich Hella über den Rand des Sandkastens gebeugt hat. Hinter der Mutter steht Herr Sengebusch. Er schlingt die Arme um sie und knetet ihre nackten Brüste. Edith stöhnt. Ihr braunes Kleid mit den weißen Punkten ist hinten hochgeschlagen, und Herr Sengebusch stößt auf sie ein, als wolle er sie durchbohren. Der Mutter gegenüber steht Oswin Kutarsky und schiebt ihr seinen Schniepel in den Mund. Ich zittere vor Angst um Edith, aber sie hört und sieht mich nicht. Plötzlich rieche ich den Gestank von schalem Bier und Zigarrenrauch. Mir wird elend. Ich weiß nicht, ob ich steige oder falle. Ich möchte die Arme ausbreiten und durch das geschlossene Fenster fliegen. Meine Sandalen kleben an den Dielen. Mir rinnt der Schweiß in die Achseln. Ich krampfe die Finger zur Faust. Ich drehe die Zehen einwärts. Ich will schreien. Meine Kehle ist verstopft. Ich will weglaufen. Meine Beine sind gelähmt. Die Mutter gibt Herrn Kutarsky einen Stoß vor die Brust und rennt aus dem Zimmer. Als ich Edith folgen will, sagt Herr Kutarsky, dass ich hier bleiben muss. Herr Sengebusch verschließt die Tür. Ich weiß, dass mich die beiden Männer umbringen wollen. Sie stehen am Fenster und flüstern. Meine Zunge ist hart und trocken. Ich vergehe vor Angst. Ich friere. Eine Gänsehaut überläuft mich. Mir schlottern die Knie. Du kommst jetzt mit, sagt Herr Kutarsky, öffnet die Tür und tritt in den Gang. Herr Sengebusch drückt seine Pranke um meinen Hals, und zu dritt steigen wir eine dunkle Treppe hoch. Ich schluchze bei jeder Stufe und spüre die Eisenhand des Schlossers im Genick. Auf dem Dachboden liegen leere Schubfächer und ein paar Kisten, die wie Kindersärge aussehen. Ich bin nass von Schweiß und Tränen. Ich merke, dass mir immer heißer wird. Die Hitze dringt mir in die Füße, kriecht an den Waden hinauf und klettert über die Knie. Die Glut erreicht meinen Bauch. Ich stehe in Flammen. Ich will schreien. Aber der Blick von Herrn Kutarsky macht mich stumnm. Du wirst uns jetzt hoch und heilig versprechen, dass du niemand auf der ganzen Welt etwas davon erzählst, was du heute gesehen hast! brüllt er. Niemals! Hast du gehört? Ich nicke. Die Eisenhand gibt mich frei. Doch Herr Kutarsky ist noch nicht fertig. Sein Totenkopf kommt mir so nahe, dass ich die faltigen Tränensäcke und die braunen Tabaklippen erkenne. Aber wehe dir, wenn du nicht den Mund hältst und es irgendeinem Menschen erzählst - dann musst du sterben! flüstert er mit geisterhafter Stimme. Herr Sengebusch packt meinen Kragen, als ich schwanke. Er begleitet mich bis ins Erdgeschoß und klopft mir zum Abschied auf die Schulter. Ich biege um Ecke, schlüpfe durch die Tür neben dem blauen Tor und torkele nach Hause."

(aus: Manfred Bieler, Still wie die Nacht. Memoiren eines Kindes, Hamburg: Hoffmann und Campe, S. 222-224)

Beispiel 2:
Der Ich-Erzähler in Thomas Manns Roman »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil« weist deutliche Zeuge des auktorialen Erzählens auf. Die zeitliche Retrospektive ist schon in den ersten Sätzen des Romans deutlich herauslesbar und das auktoriale Ich zeigt mit seinen Ausführungen, dass es eine zentrale Rolle in der Geschichte einzunehmen gewillt ist. Am Romananfang reflektiert der auktoriale Ich-Erzähler, vierzigjährig, über den bevorstehenden Prozess der Niederschrift seiner Memoiren. Es dauert einige Zeit, bis sich eine zweipolige Ich-ich-Struktur entfaltet, da der Erzähler sein Vorhaben, dem linearen Verlauf der Geschichte nicht mehr vorgreifen zu wollen ("von nun an gedenke ich nicht mehr vorzugreifen") zunächst nicht einhalten kann und eigentlich erst nach erneuten "Abschweifungen" dem erlebenden Ich nach und nach das Wort erteilt. Dabei stellen die Ausführungen des Erzählers über seine außergewöhnlichen Schlafgewohnheiten gewissermaßen eine erste Klammer dar, die die Kindheit des Erzählers mit seiner Erzählergegenwart beschreibend und kommentierend verbindet.

Indem ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit- gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde (so dass ich wohl nur in kleinen Etappen und unter häufigem Ausruhen werde vorwärts schreiten können), indem ich mich also anschicke, meine Geständnisse in der sauberen und gefälligen Handschrift, die mir eigen ist, dem geduldigen Papier anzuvertrauen, beschleicht mich das flüchtige Bedenken, ob ich diesem geistigen Unternehmen nach Vorbildung und Schule denn auch gewachsen bin. Allein, da alles, was ich mitzuteilen habe, sich meinen eigensten und unmittelbarsten Erfahrungen, Irrtümern und Leidenschaften zusammensetzt und ich also meinen Stoff vollkommen beherrsche, so könnte jener Zweifel höchstens den mir zu Gebote stehenden Takt und Anstand des Ausdrucks betreffen, und in diesen Dingen geben regelmäßige und wohl beendete Studien nach meiner Meinung weit weniger den Ausschlag, als natürliche Begabung und eine gute Kinderstube. An dieser hat es mir nicht gefehlt, denn ich stamme aus feinbürgerlichem, wenn auch liederlichem Hause; mehrere Monate lang standen meine Schwester Olympia und ich unter der Obhut eines Fräuleins aus Vevey, das dann freilich, da sich ein Verhältnis weiblicher Rivalität zwischen ihr und meiner Mutter - und zwar in Beziehung auf meinen Vater - gebildet hatte, das Feld räumen musste; [...]
Unsere Villa gehörte zu jenen anmutigen Herrensitzen, die, an sanfte Abhänge gelehnt, den Blick über die Rheinlandschaft beherrschen. Der abfallende Garten war freigebig mit Zwergen, Pizen und allerlei täuschend nachgeahmtem Getier aus Steingut geschmückt; [...]
Dies war das Heim, worin ich an einem lauen Regentage des - einem Sonntage übrigens - geboren wurde, und von nun an gedenke ich nicht mehr vorzugreifen, sondern die Zeitfolge sorgfältig zur Richtschnur zu nehmen. Meine Geburt ging, wenn ich recht unterrichtet bin, nur sehr langsam und nicht ohne künstliche Nachhilfe unseres damaligen Hausarztes, Doktor Mecum, vonstatten, und zwar hauptsächlich deshalb, wenn ich jenes frühe und fremde Wesen als »ich« bezeichnen darf - außerordentlich untätig und teilnahmslos dabei verhielt, die Bemühungen meiner Mutter fast gar nicht unterstützte und nicht den mindesten Eifer zeigte, auf eine Welt zu gelangen, die ich später so inständig lieben sollte. Dennoch war ich ein gesundes, wohlgestaltes Kind, das an dem Busen einer ausgezeichneten Amme aufs hoffnungsvollste gedieh. Ich kann wiederholtem eindringlichem Nachdenken nicht umhin, mein träges und widerwilliges Verhalten bei meiner Geburt, diese offenbare Unlust, das Dunkel des Mutterschoßes mit dem hellen Tage zu vertauschen, in Zusammenhang zu bringen mit der außerordentlichen Neigung und Begabung zum Schlafe, die mir von klein auf eigentümlich war. Man sagte mir, dass ich ein ruhiges Kind sei, kein Schreihals und Störenfried, sondern dem Schlummer und Halbschlummer in einem den Wärterinnen bequemen Grade zugetan; und obgleich mich später so sehr nach der Welt und den Menschen verlangte, dass ich mich unter verschiedenen Namen unter sie mischte und vieles tat, um sie für mich zu gewinnen, so blieb ich doch in der Nacht und im Schlaf stets innig zu Hause, entschlummerte auch ohne körperliche Ermüdung leicht und gern, verlor mich weit in ein traumloses Vergessen und erwachte nach langer, zehn-, zwölf-, ja vierzehnstündiger Versunkenheit erquickt und befriedigter als durch die Erfolge und Genugtuungen des Tages. Man könnte in dieser  ungewöhnlichen Schlaflust einen Widerspruch zu dem großen Lebens- und Liebesdrange erblicken, der mich beseelte und von dem an gehörigem Orte noch zu sprechen sein wird. Allein ich ließ schon einfließen, dass ich diesem Punkte wiederholt ein angestrengtes Nachdenken gewidmet habe, und mehrmals habe ich deutlich zu verstehen geglaubt, dass es sich hier nicht um einen Gegensatz, sondern vielmehr um eine verborgene Zusammengehörigkeit und Übereinstimmung handelt. Jetzt nämlich, wo ich, obgleich erst vierzigjährig, gealtert  und müde bin, wo kein begieriges Gefühl mich mehr zu den Menschen drängt und ich gänzlich auf mich selbst zurückgezogen dahinlebe: jetzt erst ist auch meine Schlafkraft erlahmt, jetzt erst bin ich dem Schlafe gewissermaßen entfremdet, ist mein Schlummer kurz, untief und flüchtig geworden, während ich vormals im Zuchthause, wo viel Gelegenheit dazu war, womöglich noch besser schlief als in den weichlichen Betten der Palasthotels. - Aber ich verfalle in meinen alten Fehler des Voraneilens.
Oft hörte ich aus dem Munde der Meinen, dass ich ein Sonntagskind sei, und obgleich ich fern von allem Aberglauben erzogen  worden bin, habe ich doch dieser Tatsache, in Verbindung mit meinem Vornamen Felix (so wurde ich nach meinem Paten Schimmelpreester genannt) sowie mit meiner körperlichen Feinheit und Wohlgefälligkeit, immer eine geheimnisvolle Bedeutung beigemessen, der Glaube an mein Glück und dass ich ein Vorzugskind des Himmels sei, ist in meinem Innersten stets lebendig gewesen, und ich kann sagen, dass er im ganzen nicht Lügen gestraft worden ist. Stellt sich doch das eben als die bezeichnende Eigentümlichkeit meines Lebens dar, dass alles, was Leiden und Qual darin vorgekommen, als etwas Fremdes und von der Vorhersehung ursprünglich nicht Gewolltes erscheint, durch das meine wahre und eigentliche Bestimmung immerfort gleichsam sonnig hindurchschimmert. - Nach dieser Abschweifung ins Allgemeine fahre ich fort, das Gemälde meiner Jugend in großen Zügen zu entwerfen.
Ein phantastisches Kind, gab ich mit meinen Einfällen und Einbildungen den Hausgenossen viel Stoff zur Heiterkeit. Ich glaube mich wohl zu erinnern, und oft ist es mir erzählt worden, als ich noch Kleidchen trug, gerne spielte, dass ich der Kaiser sei, und auf dieser Annahme wohl stundenlang mit großer Zähigkeit bestand. [...]

(aus: Thomas Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil, Frankfurt/M.: Fischer 1989, S.7-13, gekürzt)

                    
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017


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