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Personale Ich-Erzählperspektive

Merkmale


Die personale Ich-Erzählperspektive weist eine Reihe von charakteristischen Merkmalen auf, die sie von anderen Erzählperspektiven unterscheiden. Dabei ist freilich zu beachten, dass Erzählperspektiven der einen oder der anderen Art nicht unbedingt zur Charakterisierung eines gesamten Werkes oder auch nur eines größeren Abschnitts dienen können, "sondern lediglich zur Klassifizierung kleinerer Erzähleinheiten dienen kann." (Vogt 1990, S. 52):
  • Autor ist nicht identisch mit dem Erzähler!

  • Durchgängiger Gebrauch der ersten Person Singular.
  • Erzähler steht  in der von ihm erzählten Welt (Innenperspektive).
  • Eingrenzung des Blickfeldes des Erzählers auf die Außensicht und die Innensicht der Ich-Figur.
  • Andere Figuren können nur von außen beschrieben werden; Informationen über ihr Innenleben sind entweder bloße Vermutungen oder müssen irgendwie verbürgt sein.
  • Durch die Darstellung von Gedanken, Gefühlen und Bewusstseinsvorgängen des erlebenden Ichs während der Erlebnisse und Ereignisse selbst tendiert die personale Ich-Erzählperspektive zum personalen Erzählen.
  • Erlebendes Ich (auch: erinnertes Ich) des Erzählers steht im Mittelpunkt.

(vgl. Stanzel 1964/1979, S.37f., Vogt 1990, S.67ff.)

Für Franz K. Stanzel (1964/1979, S. 37) stellen die personale und die auktoriale Ich-Erzählsituation (Erzählperspektive) verschiedene Variationsrichtungen des Ich-Romans dar. Wenn das erlebende Ich ganz in die Mitte der Darstellung rückt, tritt nämlich "das Interesse am Geschehen selbst, am spannenden Ablauf der Handlung und an der Fülle und Echtheit der Charakterportraits in den Vordergrund", während das "Hervorkehren des Problems der geistigen Bewältigung der Geschichte, der Reflexion, der essayistíschen Abhandlung darüber", das das auktoriale Erzählen auszeichnet, zurücktritt. (vgl. ebd.) Damit eröffnet sich aber auch die Möglichkeit, in der personalen Ich-Erzählperspektive die "Innenwelt, Bewusstseinsabläufe, Gedanken, Stimmungen der Ich-Figur im Augenblick seines Erlebnisses" (ebd., S. 37f.) darzustellen. Insgesamt ist freilich festzuhalten, dass die personale Ich-Erzählperspektive im Allgemeinen "nur in kürzeren Stücken" eines Erzähltextes konsequent gestaltet wird.

Beispiel 1:
Die im Jahre 1900 entstandene Monologerzählung »Leutnant Gustl« von Arthur Schnitzler (1862‑1931) erzählt von einem jungen Leutnant, der nach einem Konzert von einem Handwerker beleidigt worden ist. Da der Leutnant erkennen muss, dass sein Beleidiger nicht satisfaktionsfähig ist, glaubt er keine andere Wahl mehr zu haben, als sich zu erschießen. Von diesem Schicksal bleibt er jedoch dadurch bewahrt, dass der Bäckermeister noch in der gleichen Nacht, vom Schlag getroffen, eines natürlichen Todes stirbt. Der Leutnant erfährt dies, nachdem er die ganze Nacht durch Wien gezogen ist und über seine Lage nachgesonnen hat. Mit der Darbietungsform des inneren Monologs wird darin die personale Ich-Erzählperspektive gestaltet.

[...] Herrgott, ist das ein Gedränge bei der Garderobe! … Warten wir lieber noch ein bissel … So! Ob der Blödist meine Nummer nehmen möcht'? … "Sie, zweihundertvierundzwanzig! Da hängt er! Na, hab'n Sie keine Augen? Da hängt er! Na, Gott sei Dank! … Also bitte?" … Der Dicke da verstellt einem schier die ganze Garderobe … Bitte sehr!" …
"Geduld, Geduld!"
Was sagt der Kerl?
"Nur ein bissel Geduld!"
Dem muss ich doch antworten … "Machen Sie doch Platz!"
"Na, Sie werden's auch nicht versäumen!"
Was sagt er da? Sagt er das zu mir? Das ist doch stark! Das darf ich mir nicht gefallen lassen! "Ruhig!"
"Was meinen Sie?"
Ah. so ein Ton? Da hört sich doch alles auf!
"Stoßen Sie nicht!"
"Sie, halten Sie das Maul!" Das hätt' ich nicht sagen sollen, ich war zu grob … Na jetzt ist's schon g'scheh'n!
"Wie meinen?"
Jetzt dreht er sich um … Den kenn ich, ja! - Donnerwetter, das ist ja der Bäckermeister, der immer ins Kaffeehaus kommt … Was macht denn der da? Hat sicher auch eine Tochter oder so was bei der Singakademie … Ja, was ist denn das? Ja, was macht er denn? Mir scheint gar … ja, meiner Seel', er hat den Griff von meinem Säbel in der Hand … Ja, ist der Kerl verrückt? … "Sie, Herr…"
"Sie, Herr Leutnant, sein S' jetzt ganz stad."
Was sagt er da? Um Gottes willen, es hat's doch keiner gehört? Nein, er red't ganz leise … Ja, warum lasst er denn meinen Säbel net aus? … Herrgott noch einmal … Ah, da heißt's rabiat sein … ich bring' seine Hand vom Griff nicht weg … nur keinen Skandal jetzt! … Ist nicht am End' der Major hinter mir? … Bemerkt's nur niemand, dass er den Griff von meinem Säbel hält? Er red't ja zu mir! Was red't er denn? "Herr Leutnant, wenn Sie das geringste Aufsehen machen, so zieh' ich den Säbel aus der Scheide, zerbrech' ihn und schick' die Stück an Ihr Regimentskommando. Versteh'n Sie mich, Sie dummer Bub'?" Was hat er g'sagt? Mir scheint, ich träum'! Red't er wirklich zu mir? Ich sollt' was antworten … Aber der Kerl macht ja Ernst - der zieht wirklich den Säbel heraus. Hergott - er tut's! … Ich spür's, er reißt schon dran. Was red't er denn? … Um Gottes willen, nur kein' Skandal - - Was red't er denn noch immer?
"Aber ich will Ihnen die Karriere nicht verderben … Also, schön brav sein! … So, hab'n S' keine Angst, s' hat niemand was gehört … es ist schon alles gut … so! Und damit keiner glaubt, dass wir uns gestritten haben, werd' ich jetzt sehr freundlich mit Ihnen sein! - Habe die Ehre, Herr Leutnant, hat mich sehr gefreut ? habe die Ehre."
Um Gottes willen, hab' ich geträumt? … Hat er das wirklich gesagt? … Wo ist er denn? … Da geht er … Ich müsst' ja den Säbel ziehen und ihn zusammenhauen --  [...]

Beispiel 2:
In seinem Roman Ulysses" entwickelt James Joyce die Erzähltechnik des inneren Monologs radikal zum Bewusstseinsstrom (stream of consciousness) weiter; der über 1000 Seiten zählende labyrinthisch konstruierte Roman umfasst von der Handlung her betrachtet den Ablauf eines einzigen Tages des jüdischen Anzeigenvermittlers Leopold Bloom, seiner ihn betrügenden Frau Molly und des jungen Dichters Stephen Dedalus; dabei schildert Joyce in einem breit angelegten Strom von Episoden das großstädtische Leben; im berühmten Schlusskapitel des Romans werden die Gedanken Molly Blooms in ca. 25.000 Wörtern ohne jegliche Interpunktion dargelegt. Dabei erinnert sich die Ich-Erzählerin Molly Bloom an den Tag, an dem ihr von ihrem Mann Leopold Bloom ein Heiratsantrag gemacht worden ist. Konsequent wird hier in der Darbietungsform des Bewusstseinsstroms die personale Ich-Erzählperspektive gestaltet.

…die Sonne die scheint für dich allein hat er damals gesagt an dem Tag wo wir unter den Rhododendren lagen oben auf dem Howth in dem grauen Tweedanzug und mit dem Strohhut an dem Tag wo ich ihn so weit kriegte dass er mir einen Antrag gemacht hat ja zuerst hab ich ihm ein bisschen von dem Mohnkuchen aus meinem Mund gegeben und es war Schaltjahr wie jetzt ja vor 16 Jahren mein Gott nach dem langen Kuss ist mir fast die Luft ausgegangen ja er sagte ich wäre eine Blume des Berges ja da hat er wirklich einmal was Wahres gesagt in seinem Leben und die Sonne die scheint für dich allein heute ja deswegen hab ich ihn auch gemocht weil ich gesehn hab er versteht oder kann nachfühlen was eine Frau ist und ich hab auch gewusst ich kann ihn immer um den Finger wickeln und da hab ich ihm die ganze Lust gegeben die ich konnte und hab ihn so weit gebracht dass er mich gebeten hat ja zu sagen und zuerst hab ich gar keine Antwort gegeben hab bloß rausgeschaut aufs Meer und über den Himmel ich musste an so viele Sachen denken von denen er gar nichts wusste Mulvey und Mr. Stanhope und Hester und Vater und der alte Captain Groves und die Matrosen die alle Vögel fliegen hoch und ich ruf bückt euch und Geschirrspülen wie sie das nannten spielten wie am Pier und die Wache vor dem Haus des Gouverneurs mit dem runden Ding um den weißen Helm der arme Teufel halb gebraten war er und die spanischen Mädchen wie sie immer am lachen waren in ihren Schals und mit den großen Kämmen und die Versteigerung morgens immer die Griechen und Juden und Araber und weiß der Teufel wer sonst noch alles von allen Enden Europas und die Duke Street und der Geflügelmarkt wie das alles am gackern war vor Larby Sharon und die armen Eselchen wie die halb im Schlaf da langschlichen und die Gammelbrüder mit den Mänteln die auf den Treppenstufen schliefen im Schatten und die großen Räder der Ochsenkarren und das alte Schloss Tausende von Jahren alt schon ja und die hübschen Mauren alle ganz in weiß und mit Turbanen wie Könige wie sie einen baten man soll doch Platz nehmen in ihren winzig kleinen Lädchen und Ronda mit den alten Fenstern der posadas hinterm Gitter zweier Augen Glanz für ihren Liebhaber dass er das Eisen küsst und die Weinhandlungen die immer halb offen hatten nachts und die Kastagnetten und an dem Abend wo wird das Fährschiff in Algeciras verpasst hatten der Wächter wie er so heiter und alles in Ordnung herumging mit seiner Laterne und oh der reißend tiefe Strom oh und das Meer das Meer glührot manchmal wie Feuer und die herrlichen Sonnenuntergänge und die Feigenbäume in den Alamedagärten ja und die ganzen komischen kleinen Straßen und Gässchen und rosa und blauen und gelben Häuser und die Rosengärten und der Jasmin und die Geranien und Kaktusse und Gibraltar als kleines Mädchen wo ich eine Blume des Berges war ja wie ich mir die Rose ins Haar gesteckt hab wie die andalusischen Mädchen immer machten oder soll ich eine rote tragen ja und wie er mich geküsst hat unter der maurischen Mauer und ich habe gedacht na schön er so gut wie jeder andere und hab ihn mit den Augen gebeten er soll doch noch mal fragen ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen dass er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging mir wie verrückt ich hab ja gesagt ja ich will Ja.

(aus: James Joyce, Ulysses, Frankfurt/M.: Suhrkamp  S. )

                            
Ich, auktorial ] Ich, personal ]

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017


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