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Auktoriale Ich-Erzählperspektive

Merkmale


Die auktoriale Ich-Erzählperspektive (Erzählsituation, Erzählhaltung) besitzt eine Reihe von Merkmalen, die sie von anderen unterscheidet.

Die auktoriale Ich-Erzählperspektive (Erzählsituation, Erzählhaltung) lässt sich an folgenden Merkmalen erkennen:

  • Autor ist nicht identisch mit dem Erzähler!
  • Durchgängiger Gebrauch der ersten Person Singular.
  • Erzähler steht - oder stand einstmals - in der von ihm erzählten Welt (Innenperspektive) (Ggs. zu auktorialem Erzähler, der im Allgemeinen einem anderen Seinsbereich angehört) (Vogt).
  • Fiktionale Welt wird aus der Retrospektive erzählt.
  • Eingrenzung des Blickfeldes des Erzählers auf die Außensicht und die Innensicht der eigenen Figur.
  • Zweipolige Ich-ich-Struktur: in-persona-Identität von erzählendem und erlebendem Ich (Stanzel) als unterschiedliche Ich-Instanzen
    • erzählendes Ich (auch: sich erinnerndes Ich): Ich, das etwas, was vor längerer Zeit geschehen ist, erzählt
    • erlebendes Ich (auch: erinnertes Ich): Ich, das einst bestimmte Ereignisse erlebt hat
  • Auktorialer Ich-Erzähler als erzählendes Ich übernimmt vom auktorialen Erzähler die Fähigkeit, die Elemente seiner Geschichte von einem zumindest zeitlich späteren Standpunkt und/oder unter dem Blickwinkel späterer Einsichten zu ordnen. Dieser point of view ist dem erlebenden Ich nicht möglich.
  • Damit der auktoriale Ich-Erzähler nicht vorschnell mit dem Autor identifiziert werden kann, wartet die auktoriale Ich-Erzählung häufig mit zahlreichen Passagen auf, die den auktorialen Ich-Erzähler im Erzählakt selbst thematisieren (z.B. Ansprechen von Problemen beim Erzählen, Artikulieren von Einfällen über die bestmögliche Weiterführung der Geschichte etc.)
  • Mitunter ergeben sich aus der grundsätzlichen Spannung von erzählendem und erlebendem Ich parodierende Wirkungen

(vgl. Stanzel 1964/1979, S.37f., Vogt 1990, S.67ff.)

Beispiele:

Beispiel 1:
In ihrem Roman "Die Wand" (1962) gestaltet Marlen Haushofer (1920-1970) das Leben der Ich-Erzählerin in einer außergewöhnlichen Extremsituation. Als einzige Überlebende einer Katastrophe, von der sie annimmt, dass sie sich durch den Einsatz einer Geheimwaffe einer Großmacht ausgelöst worden ist, beginnt die Ich-Erzählerin über zwei Jahre nach diesem Ereignis einen Bericht zu schreiben. Vor über zwei Jahren war sie übers Wochenende mit ihrer Cousine und deren Mann sowie dessen Hund Luchs zur Jagdhütte ihrer Verwandten gefahren. Als ihre Verwandten nach einem abendlichen Spaziergang nicht mehr zurückkehren, macht sich die Ich-Erzählerin anderntags mit dem Hund Luchs auf die Suche, stößt aber dabei  "etwas Unsichtbares, Glattes, Kühles", das sie am Weitgehen hinderte. (S.15) Dieses "Ding" nennt sie fortan die "Wand" (S.16), die undurchdringlich, aber durchsichtig ist, und das erstarrte Leben außerhalb von dem existierenden Leben innerhalb des von der Wand umgrenzten Gebietes trennt. Schon zu Beginn ihres Berichts gibt die Ich-Erzählerin zu erkennen, dass sie die Geschichte aus einer auktorialen Erzählperspektive in der Retrospektive zu erzählen gewillt ist. Zugleich zeigt sie sich der Tatsache bewusst, dass trotz ihrer Bemühungen, das Geschehene anhand von Notizen zu "reorganisieren", ihre Erinnerung von späteren Wahrnehmungen, Erfahrungen und Einsichten überlagert sein könnte("dass sich in meiner Erinnerung vieles anders ausnimmt, als ich es wirklich erlebte."). Mit der Preisgabe ihres vordringlichen Motivs zur Abfassung des Berichts thematisiert sie sich darüber hinaus als auktorialer Erzähler. Der Umgang mit der erzählten Zeit weist darüber hinaus darauf hin, dass der Ich-Erzähler die Elemente seiner Geschichte eindeutig von einem zeitlich späteren Standpunkt heraus erzählt ("Heute, am fünften November", "im Lauf des vergangenen Winters", "Zehn Tage waren vergangen", "Schon damals, am zehnten Mai", "noch viel später", "heute" ). Die Erzählergegenwart, die Zeitebene also beim Abfassen des Berichts, erstreckt sich über nahezu vier Monate, beginnend mit dem 5. November und endet am 25. Februar, an dem, wie die Ich-Erzählerin notiert, alles Papier zum Schreiben aufgebraucht ist. (S.276) Die zweipolige Ich-ich-Struktur wird an den Reflexionen und Kommentaren sichtbar, die die Ich-Erzählerin aus der Erzählergegenwart in den Bericht an mehreren Stellen des Auszugs einfügt (z. B. "Wenn ich heute an meine Kinder denke" bis "wenn sie diesen Vorgang zur Kenntnis nähme?"; "Heute frage ich mich manchmal" bis "warten und versuchen, am Leben zu bleiben.")

"Heute, am fünften November, beginne ich mit meinem Bericht. Ich werde alles so genau aufschreiben, wie es mir möglich ist. Aber ich weiß nicht einmal, ob heute wirklich der fünfte November ist. Im Lauf des vergangenen Winters sind mir einige Tage abhanden gekommen. Auch den Wochentag kann ich nicht angeben. Ich glaube aber, dass dies nicht sehr wichtig ist. Ich bin angewiesen auf spärliche Notizen; spärlich, weil ich ja nie damit rechnete, diesen Bericht zu schreiben, und ich fürchte, dass sich in meiner Erinnerung vieles anders ausnimmt, als ich es wirklich erlebte.
Dieser Mangel haftet wohl allen Berichten an. Ich schreibe nicht aus Freude am Schreiben; es hat sich eben so für mich ergeben, dass ich schreiben muss, wenn ich nicht den Verstand verlieren will. [...] "(S.7)

"Zehn Tage waren vergangen und nichts hatte sich an meiner Lage verändert. Zehn Tage lang hatte ich mich mit Arbeit betäubt, aber die Wand war noch immer da und keiner war gekommen, um mich zu holen. Es blieb mir nichts übrig, als mich endlich der Wirklichkeit zu stellen. Ich gab die Hoffnung damals noch nicht auf, noch lange nicht. Selbst als ich mir endlich sagen musste, dass ich nicht länger auf Hilfe warten durfte, blieb diese irrsinnige Hoffnung in mir; eine Hoffnung gegen jede Vernunft und gegen meine eigene Überzeugung.
Schon damals, am zehnten Mai, schien es mir sicher, dass die Katastrophe von riesigem Ausmaß war. Alles sprach dafür, das Ausbleiben der Retter, das Schweigen der Menschenstimmen im Radio und das wenige, das ich selber durch die Wand gesehen hatte.
Noch viel später, als fast jede Hoffnung in mir erloschen war, konnte ich noch immer nicht glauben, dass auch meine Kinder tot wären, nicht auf diese Weise tot wie der Alte am Brunnen und die Frau auf der Hausbank.
Wenn ich heute an meine Kinder denke, sehe ich sie immer als Fünfjährige und es ist mir, als wären sie schon damals aus meinem Leben gegangen. Wahrscheinlich fangen alle Kinder in diesem Alter an, aus dem Leben ihrer Eltern zu gehen; sie verwandeln sich ganz langsam in fremde Kostgänger. All dies vollzieht sich aber so unmerklich, dass man es fast nicht spürt. Es gab zwar Momente, in denen mir diese ungeheuerliche Möglichkeit dämmerte, aber wie jede andere Mutter verdrängte ich diesen Eindruck sehr rasch. Ich musste ja leben und, und welche Mutter könnte leben, wenn sie diesen Vorgang zur Kenntnis nähme?
Als ich am zehnten Mai erwachte, dachte ich an meine Kinder als an kleine Mädchen, die Hand in Hand über den Spielplatz trippelten. Die beiden eher unangenehmen, lieblosen und streitsüchtigen Halberwachsenen, die ich in der Stadt zurückgelassen hatte, waren plötzlich ganz unwirklich geworden. Ich trauerte nie um sie, immer nur um die Kinder, die sie vor vielen Jahren gewesen waren. Wahrscheinlich klingt das sehr grausam, ich wüsste aber nicht, wem ich heute noch etwas vorlügen sollte. Ich kann mir erlauben, die Wahrheit zu schreiben; alle, denen zuliebe ich mein Leben lang gelogen habe, sind tot.
Im Bett fröstelnd, überlegte ich, was zu tun wäre. Ich konnte mich umbringen oder versuchen, mich unter der Wand durchzugraben, was wahrscheinlich nur eine mühevollere Art des Selbstmords gewesen wäre. Und natürlich konnte ich hier bleiben und versuchen, am Leben zu bleiben.
Um ernstlich an Selbstmord zu denken, war ich nicht mehr jung genug. Hauptsächlich hielt mich auch der Gedanke an Luchs1 und Bella2 davon ab und außerdem eine gewisse Neugierde. Die Wand war ein Rätsel und, und ich hätte es nie fertig gebracht, mich angesichts eines ungelösten Rätsels davonzumachen. [...]
Über die Wand zerbrach ich mir nicht allzu sehr den Kopf. Ich nahm an, sie wäre eine neue Waffe, die geheim zu halten einer der Großmächte gelungen war; eine ideale Waffe, sie hinterließ die Erde unversehrt und tötete nur Menschen und Tiere. Noch besser freilich wäre es gewesen, hätte man die Tiere verschonen können, aber das war wohl nicht möglich gewesen. Solange es Menschen gab, hatten sie bei ihren gegenseitigen Schlächtereien nicht auf die Tiere Rücksicht genommen. Wenn das Gift, ich stellte mir jedenfalls eine Art Gift vor, seine Wirkung verloren hatte, konnte man das Land in Besitz nehmen. Nach dem friedlichen Aussehen der Opfer zu schließen, hatten sie nicht gelitten; das ganze schien mir die humanste Teufelei, die je ein Menschenhirn ersonnen hatte.
Ich konnte nicht ahnen, wie lange das Land unfruchtbar bleiben würde, ich nahm an, sobald es betretbar war, würde die Wand verschwinden und, und die Sieger würden einziehen.
Heute frage ich mich manchmal, ob das Experiment, wenn es überhaupt etwas Derartiges war, nicht ein wenig zu gut gelungen ist. Die Sieger lassen so lange auf sich warten.
Vielleicht gibt es gar keine Sieger. Es hat keinen Sinn, darüber nachzudenken. Ein Wissenschaftler, ein Spezialist für Vernichtungswaffen, hätte wahrscheinlich mehr herausgefunden als ich, aber es hätte ihm wenig genützt. Mit all seinem Wissen könnte er nichts anderes tun als ich, warten und versuchen, am Leben zu bleiben." (S.39ff.)

1Luchs: Hund, der mit der Ich-Erzählerin überlebt hat
2Bella: Kuh, die mit der Ich-Erzählerin überlebt hat

(aus: Marlen Haushofer, Die Wand, Frankfurt/M.:Ullstein 1990, S. 7, S. 39ff. gekürzt) 

Beispiel 2:
Als der Roman "Demian" von Hermann Hesse (1877-1962) 1919 bei Fischer in Berlin erschien, lautete sein Verfasser Emil Sinclair. Der Roman traf mitten in das Zeit- und Lebensgefühl dieser Jahre und entfaltete, wie Thomas Mann später festgestellt hat, eine "elektrisierende Wirkung", da er "mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf und eine ganze Jugend [...] zu dankbarem Entzücken hinriss.“ Erst später bekannte sich Hermann Hesse zu diesem erzählerischen Werk. Emil Sinclair, der auktoriale Ich-Erzähler des Romans, erzählt von den Erlebnissen seiner Jugend, schildert seinen Weg zum Erwachsenen mit all jenen Ängsten und Nöten, die zu diesem Prozess gehören. Schrittweise löst er sich aus der Enge seines behüteten Elternhauses und entwickelt sich unter dem Einfluss von Franz Kromer zu einem Lügner und Dieb. Erst sein neuer Freund Max Demian, eine irgendwie unwirkliche Gestalt mit geheimnisvollen wie fast übermenschlichen Zügen, kann ihn von diesem Einfluss befreien. Demian weist Sinclair den Weg, die Welt mit anderen Augen zu sehen und seine behütete Kindheit hinter sich zu lassen. Doch dieser Weg bleibt nicht geradlinig. Sein Ausbruchsversuch aus dem heimischen Milieu misslingt und er schließt sich einer Gruppe von jungen Leuten an, die ihr Gefühl von Nutzlosigkeit am liebsten im Alkohol ertränken. Auf Demians Einfluss ist es dann wieder zurückzuführen, dass es Sinclair gelingt, damit Schluss zu machen. Mehr und mehr wandelt er sich zu einem Menschen, der auf der Suche nach sich selbst ist. Unter dem weiteren Einfluss Demians und dessen Mutter, entwickelt er sich dabei zu "einem 'Gezeichneten', einem aus jener Schar Einzelner, die sich als eine geistige Elite verstehen, die mit dem Massenmenschen nichts gemein hat. 'Ich war ein Wurf der Natur, ein Wurf ins Ungewisse, vielleicht zu Neuem, vielleicht zu Nichts, und diesen Wurf aus der Urtiefe auswirken zu lassen, seinen Willen in mir zu fühlen und ihn ganz zu meinem zu machen, das allein war mein Beruf' so versteht sich Sinclair, darin sieht er den Sinn seines Lebens." (Fromm, in: Berliner Lesezeichen 12/00) Als Sinclair am Ende auch noch lernt, seinem stärksten Traumbild, der Sehnsucht nach der Mutter, zu entsagen, gelangt er zu Freiheit und Eigenverantwortung. Dieser Prozess Sinclairs zu sich selbst  wird im Spiegel von Träumen und Bildern dargestellt und trägt, da die die innere Symbolwelt bewusst gemacht wird, zur Verwirklichung der autonomen Persönlichkeit bei.

"Es wäre Schönes, Zartes und Liebenswertes zu erzählen von meiner Kindheit, von meinem Geborgensein bei Vater und Mutter, von Kindesliebe und genügsam spielerischem Hinleben in sanften, lieben, lichten Umgebungen. Aber mich interessieren nur die Schritte, die ich in meinem Leben tat, um zu mir selbst zu gelangen. Alle die hübschen Ruhepunkte, Glücksinseln und Paradiese, deren Zauber mir nicht unbekannt blieb, lasse ich im Glanz der Ferne liegen und begehre nicht, sie nochmals zu betreten.
Darum spreche ich, soweit ich noch bei meiner Knabenzeit verweile, nur von dem, was Neues mir zukam, was vorwärts trieb, mich losriss.
Immer kamen diese Anstöße von der «anderen Welt», immer brachten sie Angst, Zwang und böses Gewissen mit sich, immer waren sie revolutionär und gefährdeten den Frieden, in dem ich gern wohnen geblieben wäre.
Es kamen die Jahre, in welchen ich aufs neue entdecken musste, dass in mir selbst ein Urtrieb lebte, der in der erlaubten und lichten Welt sich verkriechen und verstecken musste. Wie jeden Menschen, so fiel auch mich das langsam erwachende Gefühl des Geschlechts als ein Feind und Zerstörer an, als Verbotenes, als Verführung und Sünde. Was meine Neugierde suchte, was mir Träume, Lust und Angst schuf, das große Geheimnis der Pubertät, das passe gar nicht in die umhegte Glückseligkeit meines Kinderfriedens. Ich tat wie alle. Ich führte das Doppelleben des Kindes, das doch kein Kind mehr ist. Mein Bewusstsein lebte im Heimischen und Erlaubten, mein Bewusstsein leugnete die empordämmernde neue Welt. Daneben aber lebte ich in Wünschen von unterirdischer Art, über welches jenes bewusste Leben sich immer ängstlichere Brücken baute, denn die Kinderwelt in mir fiel zusammen. Wie fast alle Eltern, so halfen auch die meinen nicht den erwachenden Lebenstrieben, von denen nicht gesprochen ward. Sie halfen nur, mit unerschöpflicher Sorgfalt, meinen hoffnungslosen Versuchen, das Wirkliche zu leugnen und in einer Kinderwelt weiter zu hausen, die immer unwirkliche rund verlogener ward. Ich weiß nicht, ob Eltern hierin viel tun können, und mache den meinen keinen Vorwurf. Es war meine eigene Sache, mit mir fertig zu und meinen Weg zu finden, und ich tat meine Sache schlecht, wie die meisten Wohlerzogenen.
Jeder Mensch durchlebt diese Schwierigkeit. Für den Durchschnittlichen ist die der Punkt im Leben, wo die Forderung des eigenen Lebens am härtesten mit der Umwelt in Streit gerät, wo der Weg vorwärts am bittersten erkämpft werden muss. Viele erleben das Sterben und Neugeborenwerden, das unser Schicksal ist, nur dies eine Mal im Leben, beim Morschwerden und langsamen Zusammenbrechen der Kindheit, wenn alles Liebgewordene uns verlassen will und wir plötzlich die Einsamkeit und tödliche Kälte des Weltraums spüren. Und sehr viele bleiben für immer an dieser Klippe hängen und kleben ihr Leben lang schmerzlich am unwiederbringlich Vergangenen, am Traum vom verlorenen Paradies, der der schlimmste und mörderischste aller Träume ist.
Wenden wir uns zur Geschichte zurück. Die Empfindungen und Traumbilder, in denen sich mir das Ende der Kindheit meldete, sind nicht wichtig genug, um erzählt zu werden. Das Wichtige war: die »dunkle Welt«, die »andere Welt« war wieder da. Was einst Franz Kromer gewesen war, das stak nun in mir selber. Und damit gewann auch von außen her die »andere Welt« wieder Macht über mich.
Es waren seit der Geschichte mit Kromer mehrere Jahre vergangen. Jene dramatische und schuldvolle Zeit meines Lebens lag damals mir sehr fern und schien wie ein kurzer Alptraum in nichts vergangen. Franz Kromer war längst aus meinem Leben verschwunden, kaum dass ich es achtete, wenn er mir einmal begegnete. Die andere wichtige Figur meiner Tragödie aber, Max Demian, verschwand nicht mehr ganz aus meinem Umkreis. Doch stand er lange Zeit fern am Rande, sichtbar, doch nicht wirksam. Erst allmählich trat er wieder näher, strahlte wieder Kräfte und Einflüsse aus.
Ich suche mich zu besinnen, was ich aus jener Zeit von Demian weiß. Es mag sein, dass ich ein Jahr oder länger kein einziges Mal mit ihm gesprochen habe. [...]"

(aus: Hermann Hesse, Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1974, S. 49ff., gekürzt)

Beispiel 3:
In Max Frischs Roman "Homo faber" ist die Ich-Erzählperspektive besonders kunstvoll gestaltet. In einem im Großen und Ganzen chronologisch angelegten Erzählstrang, der allerdings durch zahlreiche Rückblenden und Vorgriffe unterbrochen wird, erzählt Walter Faber im Rückblick Ereignisse, die sich in den vergangenen fünf Monaten abgespielt haben und eine merkwürdige Verkettung miteinander aufweisen. Nach einer Notlandung während einer Flugreise lernt er den Bruder seines Jugendfreundes Joachim kennen und erfährt einiges über diesen und seine Beziehung zu seiner eigenen Jugendfreundin Hanna. Mit dem Bruder macht er sich zu einer Suchaktion auf, um Joachim, der im Dschungel verschollen ist, zu finden, entdeckt aber am Ende lediglich dessen Leiche. Auf einer Schiffsreise nach Europa lernt Walter Faber eine Studentin namens Sabeth kennen. Die sich entwickelnde Beziehung endet allerdings mit dem tödlichen Unfall der jungen Frau, die wie sich allmählich herausstellt, Fabers eigene Tochter ist. Nach ihrem Tod kommt es zu einer Begegnung Fabers mit Sabeths Mutter Hanna, die einstmals seine eigene Jugendfreundin gewesen ist. Von Schmerzen im Magen während dieser Zeit schon schwer beeinträchtigt, muss sich Faber am Ende einer Operation unterziehen und stirbt.
In diesem Roman kommt es zu einer sehr wirkungsvollen Verschachtelung von Ich-Erzählperspektiven. Zum einen überlagern sich zwei auktoriale Ich-Erzählperspektiven und zum anderen kommt noch zusätzlich eine personale Ich-Erzählperspektive hinzu. So ist das erzählende Ich in der so genannten "Ersten Station", einem der beiden großen Teile des Romans, in dem die Reisen Fabers in Amerika, seine Schiffsreise nach Europa und seine Reisen in Europa dargestellt werden, gleichzeitig erlebendes Ich im Reisetagebuch der "zweiten Station", die seine zweite Amerikareise, Reisen in Europa und seinen Aufenthalt in Athen darstellt.
Der nachfolgende Textauszug setzt nach der Notlandung der Super-Constellation auf dem Flug von New York nach Caracas in der mexikanischen Wüste von Taumalipas ein. Zunächst berichtet das erlebende Ich in sachlich nüchternen Worten über die landschaftlichen Gegebenheiten der Umgebung und die ersten Maßnahmen der Flugzeugbesatzung nach der Notlandung. Aber schon bald meldet sich das auktoriale Erzähler-Ich zu Wort, indem es über Fügung, Schicksal und den Zufall räsoniert. Die dadurch konstituierte zweipolige Ich-ich-Struktur bestimmt auch die Struktur des weiteren Romanauszuges. Sie wird insbesondere noch einmal sichtbar, an den Ausführungen über das Schachspiel, einer Beschäftigung im Übrigen, der alle im Roman vorkommenden Repräsentanten der technisch-"männlichen" Lebenskonzeption gerne frönen.  Was zunächst wie die Erzählung eines einfachen Zeitvertreibs nach der Notlandung daherkommt, entpuppt sich durch die nachgeholten Kommentare und Reflexionen des auktorialen Erzähler-Ichs als Ausdruck eines männlichen Rationalismus und männlicher Beziehungslosigkeit ("Ich schätze das Schach, weil man Stunden lang nichts zu reden braucht") Der point of view des auktorialen Ich-Erzählers lässt auch jene Vorausdeutungen (Vorgriffe) auf späteres Geschehen zu, die in diesem Auszug erwähnt werden ("Ohne die Notlandung in Taumalipas (26. III.) wäre alles anders gekommen" ...)

"Ringsum nichts als Agaven, Sand, die rötlichen Gebirge in der Ferne, ferner als man vorher geschätzt hat, vor allem Sand und nochmals Sand, gelblich, das Flimmern der heißen Luft darüber, Luft wie flüssiges Glas. -

Zeit: 11:05 Uhr.

Ich zog meine Uhr auf -

Die Besatzung holte Wolldecken heraus, um die Pneus vor der Sonne zu schützen, während wir in unseren grünen Schwimmwesten umherstanden, untätig. Ich weiß nicht, warum niemand die Schwimmweste auszog.

Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Wieso Fügung? Ich gebe zu: Ohne die Notlandung in Taumalipas (26. III.) wäre alles anders gekommen; ich hätte diesen jungen Hencke nicht kennen gelernt, ich hätte vielleicht nie wieder von Hanna gehört, ich wüsste heute nicht, dass ich Vater bin. Es ist nicht auszudenken, wie anders alles gekommen wäre ohne diese Notlandung in Taumalipas. Vielleicht würde Sabeth noch leben. Ich bestreite nicht: Es war mehr als ein Zufall, dass alles so gekommen ist, es war eine ganze Kette von Zufällen. Aber wieso Fügung? Ich brauche, um das Unwahrscheinliche als Erfahrungstatsache gelten zu lassen, keinerlei Mystik; Mathematik genügt mir. [...]

Unser Aufenthalt in der Wüste von Taumalipas, Mexiko, dauerte vier Tage und drei Nächte, worüber es wenig zu berichten gibt - ein grandioses Erlebnis (wie jedermann zu erwarten scheint, wenn ich davon spreche) war es nicht. Dazu viel zu heiß. [...]

Es blieb uns nichts als Warten.

Das erste, was ich in der Wüste von Taumalipas tat: ich stellte mich dem Düsseldorfer vor, denn er interessierte sich für meine Kamera, ich erläuterte ihm meine Optik.

Andere lasen.

Zum Glück, wie sich bald herausstellte, spielte er auch Schach, und da ich stets mit einem Steck-Schach reise, waren wir gerettet; er organisierte sofort zwei leere Coaca-Cola-Kistchen, wir setzten uns abseits, um das allgemeine Gerede nicht hören zu müssen, in den Schatten unter dem Schwanzsteuer - kleiderlos, bloß in Schuhen (wegen der Hitze des Sandes) und in Jockey-Unterhosen.

Unser Nachmittag verging im Nu -

Kurz vor Einbruch der Dämmerung erschien ein Flugzeug, Militär, es kreiste lange über uns, ohne etwas abzuwerfen, und verschwand (was ich gefilmt habe) gegen Norden, Richtung Monterrey.

Abendessen: ein Käse-Sandwich, eine halbe Banane.

Ich schätze das Schach, weil man Stunden lang nichts zu reden braucht. Man braucht nicht einmal zu hören, wenn der andere redet. Man blickt auf das Brett, und es ist keineswegs unhöflich, wenn man kein Bedürfnis nach persönlicher Bekanntschaft zeigt, sondern mit ganzem Ernst bei der Sache ist -

»Sie sind am Zug!«, sagte er -

Die Entdeckung, dass er Joachim, meinen Freund, der seit mindestens zwanzig Jahren einfach verstummt war, nicht nur kennt, sondern dass er geradezu ein Bruder ist, ergab sich durch Zufalll ... Als der Mond aufging (was ich ebenfalls gefilmt habe) zwischen schwarzen Agaven am Horizont, hätte man noch immer Schach spielen können, so hell war es, aber plötzlich zu kalt; wir waren hinausgestapft, um eine Zigarette zu rauchen, hinaus in den San, wo ich gestand, dass ich mir aus Landschaften nichts mache, geschweige denn aus einer Wüste.

»Das ist nicht Ihr Ernst!« sagte er.

Er fand es ein Erlebnis.

»Gehen wir schlafen!« sagte ich, »- Hotel Super-Constellation, Holiday in Desert With All Accomodations!«

Ich fand es kalt."

(aus: Max Frisch, Homo faber. Ein Bericht 1957/1977, Frankfurt/M.: Suhrkamp S. 21-24, gekürzt)

                
Ich, auktorial ] Ich, personal ]

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017


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