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Auktoriale Erzählperspektive

Merkmale


Die auktoriale Erzählperspektive weist eine Reihe von charakteristischen Merkmalen auf, die sie von anderen Erzählperspektiven unterscheiden. Dabei ist freilich zu beachten, dass Erzählperspektiven der einen oder der anderen Art nicht unbedingt zur Charakterisierung eines gesamten Werkes oder auch nur eines größeren Abschnitts dienen können, "sondern lediglich zur Klassifizierung kleinerer Erzähleinheiten dienen kann." (Vogt 1990, S. 52):
 
  • Autor ist nicht identisch mit dem  Erzähler!
  • Erzähler steht außerhalb der fiktionalen Welt der Figuren (Außenperspektive)
  • Point of view im Bewusstsein eines außerhalb der erzählten Welt befindlichen Erzählers
  • Persönlich anwesender, "allwissender"  Erzähler, der den Erzählvorgang initiiert und lenkt; aber: von Roman zu Roman unterschiedliches Ausmaß der Selbstkundgabe des auktorialen Erzählers
  • allwissend, allmächtig, d.h. prinzipiell sind dem Erzähler alle Elemente seiner Geschichte verfügbar; er "organisiert" die Geschichte (Zeitabläufe, Orte, Figuren/Personen etc.)
  • Ausgeprägter Gestus des Erzählens spürbar im Prozess der Vermittlung der erzählten Wirklichkeit (= "Distanz zum Erzählten" Graevenitz 1982, S.93)
  • Außensicht und Innensicht aller Figuren sind ihm jederzeit möglich
  • Telling: summarischer Erzählerbericht i. e. S., Erzählerkommentar (Erzählereinmischungen wie: Anrede des Lesers durch den Erzähler, Exkurse, direkte Eingriffe in das Geschehen durch: Vorausdeutungen, Rückwendungen, fiktiver Diskurs mit den Figuren, (= "überlegene Distanz zum Erzählten, um die Distanz zum Leser abzubauen" Graevenitz 1982, S.93)
  • Offenlegung wichtiger Erzählentscheidungen (Auswahl, Zeitraffungen)
  • häufig auch Verwendung der indirekten Rede und des Konjunktiv

Franz K. Stanzel, auf den die traditionelle Unterscheidung von Erzählhaltungen (Erzählperspektiven, Erzählsituationen) zurückgeht, betont den prinzipiellen Unterschied zwischen Autor und Erzähler, indem er die Rolle des Erzählers als einer Art "Zwischenträger" zwischen Autor und Leser betrachtet. Außerdem hebt er heraus, dass die Sicht des Erzählers auf das von ihm dargestellte Geschehen stets subjektiv ist, die Geschichte, wenn man so will, lediglich als Konstrukt des Erzählers aufzufassen ist. Dadurch scheine auch die "geistige Physiognomie" des auktorialen Erzählers durch.

In jedem Fall jedoch bedeutet auktoriales Erzählen Selbstkundgabe eines persönlichen und außerhalb der dargestellten Welt stehenden Erzählers, der sich mit seiner Selbstkundgabe im Erzählakt auch der Interpretation stellt. Wichtige Anhaltspunkte dafür, wie sich der Leser zu ihm einzustellen hat, liefert bereits die vom Erzähler angenommene Rolle, [...]. Daraus sind bereits Schlüsse auf die Lage seines Standpunktes, seine Perspektive und die Weite seines Beobachtungshorizontes zu ziehen […]
Aufschlussreicher als die Rolleneinkleidung des auktorialen Erzählers sind seine Einmengungen, seine Zwischenrede und seine Kommentare zum erzählten Geschehen. In diesen Einschaltungen zeichnet sich nämlich die geistige Physiognomie des auktorialen Erzählers ab, seine Interessen, seine Weltkenntnis, seine Einstellungen zu politischen, sozialen und moralischen Fragen, seine Voreingenommenheit gegenüber bestimmten Personen oder Dingen.[…]
Seine Einmengungen üben [...], während sie das Geschehen erläutern und kommentieren, einen vom Leser nicht immer bewusst wahrgenommenen Einfluss auf ihn aus. Sie regen seine Erwartung bezüglich der Geschichte in einer ganz bestimmten Richtung an, lenken sein Interesse, pflanzen Keime für Zweifel im Hinblick auf das Verhalten eines Charakters, steigern den Eindruck der einen Szene und dämpfen den einer anderen usw. Der Leser ist also den auktorialen Suggestionen in viel größerem Maße ausgeliefert als ihm im allgemeinen bewusst wird. Wenn der "geschätzte" oder "aufmerksame" Leser vom Erzähler ins Vertrauen gezogen wird, etwa über eine Frage, wie wohl dies oder jenes Ereignis am besten darzustellen sei, oder über ein Problem, das die Gedanken des Erzählers persönlich und ganz unabhängig von der Erzählung zu beschäftigen scheint, so geschieht dies nicht zuletzt mit der Absicht, einen guten Kontakt zwischen Erzähler und Leser herzustellen, was wiederum die Voraussetzung dafür zu sein scheint, dass sich der Leser den unterschwelligen Anleitungen des Erzählers gegenüber öffnet. [...]

(aus: Franz K. Stanzel (1979), Typische Formen des Romans, Göttingen: Vandenhoek &Ruprecht 9. Aufl. 1979,

Beispiel 1:
Der Beginn der Novelle "Michael Kohlhaas" von Heinrich von Kleist (1777-1811) weist typische Merkmale der auktorialen Erzählperspektive auf. In äußerst knapper Form stellt der Erzähler dabei zu Beginn in einer Art Einführung die Titelfigur vor, deren Name, Beruf und Herkunft im ersten Satz mitgeteilt wird. Danach wird der Handlungsort beschrieben und kommen die wirtschaftliche Lage und familiären Verhältnisse von Michael Kohlhaas zur Sprache, wird die Handlung räumlich und zeitlich situiert. Schließlich kommen bestimmte Charaktereigenschaften von Kohlhaas zur Sprache, die mit seinem Erziehungshandeln gegenüber seinen Kindern "in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue" weitgehend nüchtern, sachlich und ohne jede Kommentierung vom Erzähler vorgetragen werden. Man gewinnt als Leser, auch als Ergebnis der sprachlichen Gestaltung, den Eindruck, als habe sich der Erzähler hinter die Ereignisse, das Faktische, zurückgezogen. An zwei Stellen jedoch verlässt der Erzähler seinen sachlich-nüchternen Stil und gibt sich mit seinen Kommentaren deutlich zu erkennen. Am Ende des ersten Satzes gibt er mit einer Apposition ("einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit") eine eindeutige Wertung an und nimmt damit eine Abwertung der Titelfigur vor. Diese eher "en passant" (so ganz nebenbei) gemachte Bemerkung, entfaltet freilich eine besondere Wirkung, denn diese fast "unmotivierte Charakterisierung des Mannes" lässt besonders dadurch aufhorchen, weil sie "in ein Paradox gehüllt ist. " (Holz 1963, S.117ff.)

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Rosshändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. - Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.

Er ritt einst, mit einer Koppel junger Pferde, wohlgenährt alle und glänzend, ins Ausland, und überschlug eben, wie er den Gewinst, den er auf den Märkten damit zu machen hoffte, anlegen wolle: teils, nach Art guter Wirte, auf neuen Gewinst, teils aber auch auf den Genuss der Gegenwart: als er an die Elbe kam, und bei einer stattlichen Ritterburg, auf sächsischem Gebiete, einen Schlagbaum traf, den er sonst auf diesem Wege nicht gefunden hatte. Er hielt, in einem Augenblick, da eben der Regen heftig stürmte, mit den Pferden still, und rief den Schlagwärter, der auch bald darauf, mit einem grämlichen Gesicht, aus dem Fenster sah. Der Rosshändler sagte, dass er ihm öffnen solle. Was gibt's hier Neues? fragte er, da der Zöllner, nach einer geraumen Zeit, aus dem Hause trat. Landesherrliches Privilegium, antwortete dieser, indem er aufschloss: dem Junker Wenzel von Tronka verliehen. - [...]

Beispiel 2:
In Heinrich Bölls (1917-1985) Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" nimmt der auktoriale Erzähler die Rolle eines Berichterstatters ein. Im dritten Kapitel wird ausgeführt:

Die Tatsachen, die man vielleicht zunächst einmal darbieten sollte, sind brutal: am Mittwoch, dem 20.2.1974, am Vorabend von Weiberfastnacht, verlässt in einer Stadt eine junge Frau von siebenundzwanzig Jahren abends gegen 18.45 Uhr ihre Wohnung, um an einem privaten Tanzvergnügen teilzunehmen.
Vier Tage später, nach einer man muss es wirklich so ausdrücken (es wird hiermit auf die notwendigen Niveauunterschiede verwiesen, die den Fluss ermöglichen) dramatischen Entwicklung, am Sonntagabend um fast die gleiche Zeit genauer gesagt gegen 19.04 , klingelt sie an der Wohnungstür des Kriminaloberkommissars Walter Moeding, der eben dabei ist, sich aus dienstlichen, nicht privaten Gründen als Scheich zu verkleiden, und gibt dem erschrockenen Moeding zu Protokoll, sie habe mittags gegen 12.15 in ihrer Wohnung den Journalisten Werner Tötges erschossen, er möge veranlassen, dass ihre Wohnungstür aufgebrochen und er dort »abgeholt« werde; sie selbst habe sich zwischen 12.15 und 19.00 Uhr in der Stadt umhergetrieben, um Reue zu finden, habe aber keine Reue gefunden; sie bitte außerdem um ihre Verhaftung, sie möchte gern dort sein, wo auch ihr »lieber Ludwig« sei.
Moeding, der die junge Person von verschiedenen Vernehmungen her kennt und eine gewisse Sympathie für sie empfindet, zweifelt nicht einen Augenblick lang an ihren Angaben, er bringt sie in seinem Privatwagen zum Polizeipräsidium, verständigt seinen Vorgesetzten Kriminalhauptkommissar Beizmenne, lässt die junge Frau in eine Zelle verbringen, trifft sich eine Viertelstunde später mit Beizmenne vor ihrer Wohnungstür, wo ein entsprechend ausgebildetes Kommando die Tür aufbricht und die Angaben der jungen Frau bestätigt findet.
Es soll hier nicht so viel von Blut gesprochen werden, denn nur notwendige Niveauunterschiede sollen als unvermeidlich gelten, und deshalb wird hiermit aufs Fernsehen und aufs Kino verwiesen, auf Grusi und Musicals einschlägiger Art; wenn hier etwas fließen soll, dann nicht Blut. Vielleicht sollte man lediglich auf gewisse Farbeffekte hinweisen: der erschossene Tötges trug ein improvisiertes Scheichkostüm, das aus einem schon recht verschlissenen Bettuch zurechtgeschneidert war, und jedermann weiß doch, was viel rotes Blut auf viel Weiß anrichten kann; da wird eine Pistole notwendigerweise fast zur Spritzpistole, und da es sich im Falle des Kostüms ja um Leinwand handelt, liegen hier moderne Malerei und Bühnenbild näher als Dränage. Gut. Das sind also die Fakten.

(aus: Heinrich Böll, Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Köln Kiepenheuer&Witsch 1992, S.11-13)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 01.08.2017

  
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