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Erzählerbericht und Figurenrede (Ältere
Erzähltheorie)
Das
Gedankenzitat stellt eine Form der •
zitierten Figurenrede (zitierte
Gedankenrede) bei der • Darstellung von
Gedanken einer Figur durch den Erzähler bzw. die Erzählinstanz dar.
Es grenzt sich als nicht-autonome Wiedergabe von Figurenbewusstsein vor
allem von dem autonomen • Inneren Monolog
ab, bei dem jeglicher Erzählrahmen fehlt und die Bewusstseinsvorgänge
einer Figur unmittelbar ohne Beteiligung eines Erzählers dargeboten
werden.
Im
Gegensatz dazu wird bei der
erzählten Gedankenrede das, was eine Figur denkt vom Erzähler
in seiner Erzählerrede im
narrativen
Modus als • Bewussteinsbericht
dargeboten;

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Analog zur
▪
zitierten Figurenrede bei der •
Erzählung bzw. Darstellung
gesprochener Worte wird den
wiedergegebenen Bewusstseinsvorgängen auch beim Gedankenzitat der Anstrich
gegeben, es sei
authentisch, also genau so gedacht, wie es in Schriftform gefasst worden
ist. Der Erzähler bietet dabei im
dramatischen Modus
(mimetischer
Modus) das Gedachte dar und markiert bzw. signalisiert dies in der
Regel mit einem
verbum
dicendi
oder verbum credendi
(denken, überlegen, nachsinnen, durch den Kopf gehen, ...) (=
zitierte Gedankenrede).
Um dies zu
unterstreichen, orientiert sich das Gedankenzitat im Allgemeinen, aber
mit unterschiedlicher Konsequenz, in deutschsprachigen Erzähltexten an
den • grammatischen Regeln zur wörtlichen Wiedergabe
(direkte Rede) und nutzt nicht selten das ▪
Anführungszeichen, um Anfang
und Ende der entsprechenden Wiedergabe zu markieren. Damit wird sie auch
klar von der Erzählerrede bzw. dem Erzählerbericht abgegrenzt.
Allerdings wird in literarischen Texten in unterschiedlicher Weise
und mit verschiedenen Zielen von den ▪
Anführungszeichen als Wiedergabeindices Gebrauch gemacht.
Beispiel:
"Kein Wunder", dachte sie, "hat er mir die ganze Zeit
vorgemacht, dass er länger im Büro bleiben muss. Wie konnte ich nur so
blöd sein?"
Das Gedankenzitat kann, wenn es einen größeren Umfang
hat, auch den Charakter eines Selbstgesprächs annehmen und nähert sich
damit "dem Modell des Bühnenmonologs" (Martinez/Scheffel
11. überab. Aufl. 2019, S. 64) wie er aus •
dramatischen Texten, z. B. •
Lessings, Nathan der Weise, bekannt ist. Ähnlich wie in
vergleichbaren dramatischen Texten, aber ohne dessen vielfältige
• dramaturgische Funktionen können solche Selbstgespräche in •
erzählenden Texten an Schüsselstellen der
Handlung stehen, wenn wichtige Entscheidungen anstehen oder Konflikte
sich besonders zugespitzt haben.
Beispiel:
In
•
Theodor Fontanes
(1819-1898) Roman »Effi
Briest« (1895) findet sich am Beginn des •
29. Kapitels ein Beispiel für ein Selbstgespräch als Langform des
Gedankenzitats.
Nach dem Duell mit dem Verführer seiner Frau Effi Briest, Major Crampas,
bei dem Baron von Instetten, seinen Widersacher getötet hat, macht sich
Instetten auf der Rückreise nach Berlin Gedanken darüber, ob er damit
Schuld auf sich geladen hat.
"Am
Abend desselben Tages traf Innstetten wieder in Berlin ein. Er war mit
dem Wagen, den er innerhalb der Dünen an dem Querwege zurückgelassen
hatte, direkt nach der Bahnstation gefahren, ohne Kessin noch einmal zu
berühren, dabei den beiden Sekundanten die Meldung an die Behörden
überlassend. Unterwegs (er war allein im Coupé) hing er,
alles noch mal
überdenkend, dem Geschehenen nach; es waren dieselben Gedanken wie zwei
Tage zuvor, nur dass sie jetzt den umgekehrten Gang gingen und mit der
Überzeugtheit von seinem Recht und seiner Pflicht anfingen, um mit
Zweifeln daran aufzuhören. »Schuld, wenn sie überhaupt was ist, ist
nicht an Ort und Stunde gebunden und kann nicht hinfällig werden von
heute auf morgen. Schuld verlangt Sühne; das hat einen Sinn. Aber
Verjährung ist etwas Halbes, etwas Schwächliches, zum mindesten was
Prosaisches.« Und er richtete sich an dieser Vorstellung auf und
wiederholte sich's, dass es gekommen sei, wie's habe kommen müssen. Aber
im selben Augenblick, wo dies für ihn feststand, warf er's auch wieder
um. »Es muß eine Verjährung geben, Verjährung ist das einzig
Vernünftige; ob es nebenher auch noch prosaisch ist, ist gleichgültig;
das Vernünftige ist meist prosaisch. Ich bin jetzt fünfundvierzig. Wenn
ich die Briefe fünfundzwanzig Jahre später gefunden hätte, so wär ich
siebzig. Dann hätte Wüllersdorf gesagt: 'Innstetten, seien Sie kein
Narr.' Und wenn es Wüllersdorf nicht gesagt hätte, so hätte es
Buddenbrook gesagt, und wenn auch der nicht, so ich selbst. Dies ist mir
klar. Treibt man etwas auf die Spitze, so übertreibt man und hat die
Lächerlichkeit. Kein Zweifel. Aber wo fängt es an? Wo liegt die Grenze?
Zehn Jahre verlangen noch ein Duell, und da heißt es Ehre, und nach elf
Jahren oder vielleicht schon bei zehnundeinhalb heißt es Unsinn. Die
Grenze, die Grenze. Wo ist sie? War sie da? War sie schon überschritten?
Wenn ich mir seinen letzten Blick vergegenwärtige, resigniert und in
seinem Elend doch noch ein Lächeln, so hieß der Blick: 'Innstetten,
Prinzipienreiterei ... Sie konnten es mir ersparen und sich selber
auch.' Und er hatte vielleicht recht. Mir klingt so was in der Seele.
Ja, wenn ich voll tödlichem Hass gewesen wäre, wenn mir hier ein tiefes
Rachegefühl gesessen hätte ... Rache ist nichts Schönes, aber was
Menschliches und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles
einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte,
halbe Komödie. Und diese Komödie muß ich nun fortsetzen und muß Effi
wegschicken und sie ruinieren und mich mit ... Ich musste die Briefe
verbrennen, und die Welt durfte nie davon erfahren. Und wenn sie dann
kam, ahnungslos, so musste ich ihr sagen: 'Da ist dein Platz', und
musste mich innerlich von ihr scheiden. Nicht vor der Welt. Es gibt so
viele Leben, die keine sind, und so viele Ehen, die keine sind ... dann
war das Glück hin, aber ich hätte das Auge mit seinem Frageblick und mit
seiner stummen, leisen Anklage nicht vor mir.«
Kurz
vor zehn hielt Innstetten vor seiner Wohnung. Er stieg die Treppen
hinauf und zog die Glocke; Johanna kam und öffnete. "
Unter der
direkten Rede im grammatischen Sinn versteht man die
wörtliche Wiedergabe einer Äußerung. Üblicherweise wird die direkte
Rede in geschriebener Sprache mit einem Wiedergabeindex versehen, der
Anfang und Ende der direkten Rede markiert.
Dafür gibt
es die die ▪
Anführungszeichen, die in der ▪
Zeichensetzung mit bestimmten
Regeln verwendet werden.
Die
wichtigste Wirkung der direkten
Rede beschreibt
Vogt (1990, S.151) wie folgt:
"Direkte Rede wirkt unmittelbar,
der Leser vernimmt wie im Drama die Figur selbst; andererseits
unterbricht sie spürbar den Erzählfluss - und dies um so stärker, je
ausgedehnter sie ist."