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Erlebte Rede

Merkmale


Die erlebte Rede ist eine Form  Figuren-/Personenrede, die sich durch ihre eigentümliche Stellung zwischen Erzählerbericht und innerem Monolog auszeichnet (Vergleich). Sie ist "eine von Einführungen unabhängige mittelbare Rede, eine »freie indirekte Rede«" (Steinberg 1971, S.357)

 

Merkmale:

  • 3. Pers. Singular Indikativ Präteritum

  • oft mit, aber auch häufig ohne redeeinleitende Verben

  • im Allgemeinen ohne Anführungsstriche

  • Innensicht

  • Fluktuieren zwischen verschiedenen grammatischen Formen und Aussagequalitäten

  • Erzähler schlüpft in eine Figur, um deren Gedanken und Gefühle eindrücklich wiederzugeben, ist aber noch als Erzähler spürbar

  • kommentierende Einmischung möglich (z.B. Ironisierung)

  • Erzähler tritt nahezu gänzlich hinter die Figur zurück 

  • Abgrenzung zwischen Erzählerbericht und erlebter Rede häufig schwierig

  • Reihung rhetorischer Fragesätze verbreitet bei dramatisch oder affektiv aufgeladener erlebter Rede

  • kann auch Zitate in direkter Rede integrieren

Weitere Indikatoren der erlebten Rede (vgl. FAQ 5):

Nach Roy Pascal 1977 gibt es aber noch eine Reihe von hilfreichen Hinweisen:

  1. deiktische, d.h. verweisende Zeit- und Raumadverbien wie "morgen", "hier" "nun", die sich auf den Standpunkt der Figur beziehen

  2. affektive oder argumentative Interjektionen wie "gewiss", "jedoch"

  3. emphatische Ausrufe wie "Ach!"

  4. rhetorische Fragen

  5. Modalverben mit subjektiver Qualität ("hatte er den Wagen zu holen")

  6. explizite Ankündigungen von Gedanken wie "dachte er"

  7. ironische Untertöne, die vom Erzähler her kommen

  8. Textpartien, die nur als innerer Monolog einer Figur aufgefasst werden können

  9. nahezu auktoriale Verwendung der erlebten Rede, die dazu verwendet wird, unartikulierte, unstrukturierte und halbbewusste Regungen einer Figur auszudrücken

Die erlebte Rede eignet sich besonders gut zur Vermittlung subjektiver, flüchtiger, in sich widersprüchlicher, affektiv geprägter Zustände, Phasen und Reflexe der Psyche (vgl. Vogt 1990, S.166-173). Diese "besondere Eignung der erlebten Rede zur Darstellung des Affektischen und Intimen macht ihren psychologischen Tiefgang aus. Sie will das zaghaft Gesprochene, das blitzartig durchs Bewusstsein Zuckende, das nicht zu Ende Gedachte erfassen. Alles scharf Umrissene, logisch Formulierbare, mit Bedacht Gesprochene ist ihr von Natur aus fremd und könnte besser in der Form der direkten oder indirekten Rede ausgedrückt werden. Dem Autor, der die erlebte Rede verwendet, ist es darum zu tun, ein direktes Schlaglicht auf die geistig‑seelische Situation seiner Figur zu werfen." (Hoffmeister 1965, S.22)

Als "gefährlich" kann sich die Verwendung der erlebten Rede in nichtfiktionalen Texten erweisen, wie der ehemalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) im Jahre 1988 erfahren musste. Dieser hatte in seiner Rede anlässlich des 50-jährigen Gedenkens an die Reichspogromnacht 1938 folgendes gesagt:

»Hitlers Erfolge diskreditierten nachträglich vor allem das parlamentarisch verfasste, freiheitliche System, die Demokratie von Weimar selbst. Da stellt sich für sehr viele Deutsche nicht einmal mehr die Frage, welches System vorzuziehen sei. Man genoss vielleicht in einzelnen Lebensbereichen weniger individuelle Freiheiten; aber es ging einem persönlich doch besser als zuvor, und das Reich war doch unbezweifelbar wieder groß. ja, größer und mächtiger als je zuvor. - Hatten nicht eben erst die Führer Großbritanniens. Frankreichs und Italiens Hitler in München ihre Aufwartung gemacht und ihm zu einem weiteren dieser nicht für möglich gehaltenen Erfolge verholfen? Und was die Juden anging: Hatten sie sich nicht in der Vergangenheit doch eine Rolle angemaßt - so hieß es damals -, die ihnen nicht zukam? Mussten sie nicht endlich einmal Einschränkungen in Kauf nehmen? Hatten sie es nicht vielleicht sogar verdient. In ihre Schranken gewiesen zu werden? Und vor allem: Entsprach die Propaganda - abgesehen von wilden, nicht ernst zu nehmenden Übertreibungen - nicht doch in wesentlichen Punkten eigenen Mutmaßungen und Überzeugungen?«

Entgegen der Absicht Jenningers haben damals die meisten Zuhörer diese Passagen "dem Redner selbst zugeschrieben und als Rechtfertigung der beschriebenen Einstellung gedeutet." Die Ursache dieses Rezeptionsfehler bestand demnach darin, "die erlebte Rede nicht als Personenrede erkannt zu haben". (Vogt 1990, S.177)

                                  
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