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Formen des Erzählerberichts

Szenische Darstellung


Die Erzählweise der szenischen Darstellung zeichnet sich nach Lämmert (1955) durch vier Merkmale aus:

  • direkte Rede

  • dialogischer Charakter

  • Eindruck von Unmittelbarkeit

  • eine mit der dramatischen Rede vergleichbare Präsentation

 

                      

Beispiel 1:
In ihrer Erzählung »Trinidad« (1994) lässt »Doris Dörrie (* 26. Mai 1955 in Hannover) den Erzähler in einer szenischen Darstellung den nachfolgenden Dialog erzählen:

"Wissen Robert und Charlotte wirklich nicht, dass ich in meinem Dachkämmerchen jedes Wort genau verstehen kann, das sie in ihrem Schlafzimmer sprechen? Es dringt durch den Kamin wie durch einen Lautsprecher direkt an mein Ohr. Hier ist ein Dialog von gestern Nacht, den ich aus purer Langeweile mitgeschrieben habe.

Er: Wofür willst du dich rächen, hm?

Sie: Bist du so naiv?

Er: Jetzt komm schon ...

Sie: Mach den Test, dann reden wir weiter.

Er: Das ist doch lächerlich.

Sie: Meinst du, ich weiß nicht, warum du dauernd diese Musik hörst, warum du von Trinidad schwärmst, als sei es das Paradies auf Erden?

Er: Es ist das Paradies auf Erden.

Sie: Ach, Scheiße. Und fass mich nicht an.

Er: Heißt das, du verlangst von mir ...

Sie: Genau.

Er: Du bist doch verrückt.

Sie: Ach ja?

Er: Woher nimmst du das?

Sie: Ich sehe es dir an.

Er: Gut. Ich war glücklich da. Ja.

Sie: Ohne uns.

Er: Ja.

Sie: Warum?

Er: Die Menschen sind anders.

Sie: Die Frauen, meinst du.

Er: Auch die Frauen.

Sie: Wie?

Er: Das willst du doch gar nicht wissen.

Sie: Doch.

Er: Wenn ich es dir sage, drehst du durch, das weiß ich doch.

Sie: Tue ich nicht.

Er: Tust du doch.

Sie: Sag es mir.

Er: Was?

Sie: Was so toll ist an den Frauen in Trinidad.

Er: O Gott.

Sie: Was?

Er: Sie führen keine Gespräche wie dieses.

[...]"

 

(aus: Doris Dörrie, Trinidad, in: diess., Bin ich schön? Erzählungen, Zürich: Diogenes Verlag 1995, S.36f.)

 

Beispiel 2:
In ihrem Roman »Infrarot« (2012) bedient sich die kanadische Schriftstellerin »Nancy Huston (* 16. September 1953 in Calgary, Alberta) der szenischen Darstellung in einer besonderen Weise. Sie lässt die Erzählerfigur Rena Gesprächsfetzen aus vier Stunden wiedergeben, die sie aus ihrem Zimmer im Hotel in einer Stadt in der Toskana bei geöffnetem Fenster ihren Vater Simon und dessen zweite Frau Ingrid, ihre Stiefmutter, sagen hört. Dabei werden die Gesprächsfetzen so montiert, dass sie den Eindruck zeitdeckenden Erzählens hinterlassen, obgleich die Zeit dabei gerafft ist. Dabei entstehen "Leerstellen", die den zeitlichen Ablauf des Geschehens innerhalb dieser vier Stunden aber bis zu einem gewissen Grad rekonstruieren lassen. Die Kaschierung des scheinbar zeitdeckenden Erzählens wird dabei im Erzählerbericht davor ausdrücklich offengelegt. (Gaia, die in dem Auszug erwähnt wird, ist die Hotelbesitzerin)

(…)

Rena setzt sich zum Lesen bei geöffneten Fenstern in ihr Zimmer. In den nächsten vier Stunden vernimmt sie hier und da Fetzen vom sanften Delirium des Paares.

"Wir hatten noch keine Zeit, eine einzige Ansichtskarte zu schreiben, wenn wir es jetzt nicht machen, sind wir womöglich selbst vor den Karten wieder in Montreal!"

"Gute Idee, wo hast du sie hingesteckt?"

"Du hattest sie doch. Warte ich suche sie. Ich muss die Koffer sowieso neu packen."

"Wo setzen wir uns hin? Im Schatten ist es zu kalt, in der Sonne zu warm."

"Ich habe meinen Hut nicht mitgenommen!"

"Soll ich ihn dir holen?"

"Nein, nein, gehen wir in den Schatten."

"Welche willst du? Okay, ich nehme die anderen."

"Mit wem fangen wir an?"

"Wir machen eine Liste."

"Natürlich die Kinder … und die Enkel."

"Aber das ist doch dieselbe Adresse! Dafür müssen wir doch keine Briefmarke verschwenden!"

"Wie du willst."

"Deborah? Nein, später."

"Ich habe ein Hüngerchen."

"O ja, ich auch!"

"Wollen wir Gaia um einen kleinen Imbiss bitten? Sie kann uns vielleicht etwas hier rausbringen."

"Man müsste nur einen zweiten Tisch aufstellen."

"Warte, ich gehe sie fragen. Diese Frau redet zu viel, ich versteht nichts, das erschlägt einen!"

"Schreibst du also David?"

"Nein, mach du das. Nimm den David von Michelangelo. Das Panoramabild, ja? Nicht das tralala."

"Ha ha!"

"Weißt du seine Adresse?"

"Nicht auswendig."

"Macht nichts. Geben wir ihm die Karten, wenn wir zurück sind."

"Und der Campanile von Dingsdabums, ist der okay für Freda?"

"Gute Idee. Ich frage mich, wie es ihr geht, ob die Behandlung zu wirken beginnt."

"Und Marcy! Ihre Operation!"

"Das stimmt. Die war letzte Woche. Wir hätten sie anrufen müssen."

"Ach, sie weiß doch, wie schwierig es ist, aus dem Ausland anzurufen."

"Schau mal, wie schön die Hügel sind."

"Wunderbar."

"Bei uns ist es im Moment sicher auch schön."

"Soll ich ein Foto machen?"

"Warum nicht?"

"Wo ist der Apparat?"

"Oben, in der roten Tasche."

"Sag der Sonne, sie soll sich nicht vom Fleck rühren!"

"Kannst du mir einen Pulli mitbringen, wenn du sowieso hochgehst?"

"Ist dir kalt?"

"Ein bisschen."

"Vielleicht sollten wir reingehen."

"Gut, ich bringe die Tassen in die Küche."

"Pass auf die Stufe auf!"

"Huch! Danke!"

Sie lieben sich.

(…)

 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 06.11.2017
 

                                          
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