▪
Erzählerbericht und Figurenrede (Ältere
Erzähltheorie)
Bei der ▪ Darstellung gesprochener Worte in
einem ▪ erzählenden Text spielt die ▪
erzählte Figurenrede bei der ▪
Wiedergabe von Rede und mentalen Vorgängen von
Figuren eine zentrale Rolle und zählt wie die • erzählte Gedankenrede
(Bewusstseinsbericht)
zum ▪ narrativen Modus
gesprochener Worte beim Erzählen.
Bei der erzählten Figurenrede, auch einfach
erzählte Rede,
referiert der Erzähler, in der Terminologie der
älteren Erzähltheorie gesprochen, in einer Art •
Redebericht (Lämmert
1955, S.235) analog zu dem
• Gedanken- bzw. • Bewusstseinsbericht
(psycho
narration, das,
was eine Figur sagt bzw. gesagt hat.
Bei der ▪ Darstellung gesprochener Worte dient
die erzählte Figurenrede (erzählte Rede, Redebericht) der Raffung des
dargestellten gesprochenen Geschehens und ermöglicht dem Erzähler,
Distanz zu dem von einer Figur Gesagten zu wahren. Zugleich kann er
diese Distanz auch dazu nutzen, sich kommentierend zu den Inhalten und
den den kommunikativen Praktiken der Äußerungen einer Figur zu
verhalten. Kürzere in Form erzählter Rede gestalteter Passagen können
aber auch in längere Erzählungen von gesprochenen Worten "zwischengefügt"
sein, die ansonsten mit • indirekter
Figurenrede oder im • dramatischen Modus
mit • zitierter Figurenrede (wörtliche Rede)
präsentiert werden. (vgl.
Lämmert 1955, S.235)
(• Beispiel)
Dabei wird keine
wörtliche Rede
verwendet. Grammatisch wird erzählte Rede in der 3. Person
Indikativ
Präteritum realisiert.
Oftmals wird nur der Inhalt / das Thema eines Gesprächs mitgeteilt. Dann
heißt es z. B.
Manchmal
reicht auch einfach die Wiedergabe eines bestimmten
Sprechaktes. Dann
heißt es z. B.
In
•
Theodor Fontanes
(1819-1898) Roman ▪
Effi
Briest (1895) ist am ▪
Beginn des 12. Kapitels das
Zusammenwirken von • zitierter Figurenrede/direkter
(Figuren-)Rede und
• indirekter Figurenrede und der
erzählten Figurenrede als "Redebericht" besonders ausgeprägt.
"Es war spät, als man aufbrach. Schon bald nach zehn hatte Effi zu
Gieshübler gesagt,
es sei nun wohl Zeit; Fräulein Trippelli, die den Zug nicht versäumen
dürfe, müsse ja schon um sechs von Kessin aufbrechen; die
daneben stehende Trippelli aber, die diese Worte gehört, hatte mit der
ihr eigenen ungenierten Beredsamkeit gegen solche zarte Rücksichtnahme
protestiert. »Ach, meine
gnädigste Frau, Sie glauben, dass unsereins einen regelmäßigen
Schlaf braucht, das trifft aber nicht zu; was wir regelmäßig brauchen,
heißt Beifall und hohe Preise. Ja, lachen Sie nur. Außerdem (so was
lernt
man) kann ich auch im Coupé schlafen, in jeder Situation und sogar
auf der linken Seite, und brauche nicht einmal das Kleid aufzumachen.
Freilich bin ich auch nie eingepresst; Brust und Lunge müssen immer frei
sein und vor allem das Herz. Ja, meine gnädigste Frau, das ist die
Hauptsache. Und dann das Kapitel Schlaf überhaupt - die Menge tut es
nicht, was entscheidet, ist die Qualität; ein guter Nicker von fünf
Minuten ist besser als fünf Stunden unruhige Rumdreherei, mal links, mal
rechts. Übrigens schläft man in Russland wundervoll, trotz des starken
Tees. Es muss die Luft machen oder das späte Diner oder weil man so
verwöhnt wird. Sorgen gibt es in Russland nicht; darin - im Geldpunkt
sind beide gleich - ist Russland noch besser als Amerika.«
Nach
dieser Erklärung der Trippelli hatte Effi von allen Mahnungen zum
Aufbruch Abstand genommen, und so war Mitternacht herangekommen. Man
trennte sich heiter und herzlich und mit einer gewissen Vertraulichkeit.
Der Weg von der Mohrenapotheke bis zur landrätlichen Wohnung war
ziemlich weit; er kürzte sich aber dadurch,
dass Pastor Lindequist bat,
Innstetten und Frau eine Strecke begleiten zu dürfen; ein Spaziergang
unterm Sternenhimmel sei das beste, um über Gieshüblers Rheinwein
hinwegzukommen.
Unterwegs wurde man natürlich nicht müde, die verschiedensten
Trippelliana heranzuziehen; Effi begann mit dem, was ihr in
Erinnerung geblieben, und gleich nach ihr kam der Pastor an die Reihe.
Dieser, ein Ironikus, hatte die Trippelli, wie nach vielem sehr
Weltlichen, so schließlich auch nach ihrer kirchlichen Richtung gefragt
und dabei von ihr in Erfahrung gebracht, dass sie nur eine Richtung
kenne, die orthodoxe. Ihr Vater sei freilich ein Rationalist gewesen,
fast schon ein Freigeist, weshalb er auch den Chinesen am liebsten auf
dem Gemeindekirchhof gehabt hätte; sie ihrerseits sei aber ganz
entgegengesetzter Ansicht, trotzdem sie persönlich des großen Vorzugs
genieße, gar nichts zu glauben. Aber sie sei sich in ihrem entschiedenen
Nichtglauben doch auch jeden Augenblick bewusst, dass das ein
Spezialluxus sei, den man sich nur als Privatperson gestatten könne.
Staatlich höre der Spaß auf, und wenn ihr das Kultusministerium oder gar
ein Konsistorialregiment unterstünde, so würde sie mit unnachsichtiger
Strenge vorgehen. »Ich
fühle so was von einem Torquemada in mir.« Innstetten war sehr
erheitert und erzählte seinerseits, dass er etwas so Heikles, wie das
Dogmatische, geflissentlich vermieden, aber dafür das Moralische desto
mehr in den Vordergrund gestellt habe. Hauptthema sei das Verführerische
gewesen, das beständige Gefährdetsein, das in allem öffentlichen
Auftreten liege, worauf die Trippelli leichthin und nur mit Betonung der
zweiten Satzhälfte geantwortet habe: »Ja, beständig gefährdet; am
meisten die Stimme.«
Unter solchem Geplauder war, ehe man sich trennte, der Trippelli-Abend
noch einmal an ihnen vorübergezogen [...]
(aus: Theodor Fontane, Effi Briest, 4. Aufl., o. O.: 1982
(=Goldmann-Klassiker mit Erläuterungen), S.88-90)
Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
21.04.2025