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Dramatische Rede

Analyse der dramatischen Kommunikation


Die Analyse der Kommunikation im dramatischen Dialog kann auf der Grundlage von Bertolt Brechts Theorie vom (gesellschaftlichen) Gestus in Verbindung mit bestimmten Ergebnissen der Kommunikationspsychologie und -theorie erfolgen. (vgl. Der Gestus der Rede)
Ein derartiges Analysemodell haben Karl Beilhardt, Otto Kübler und Dietrich Steinbach (1979) entwickelt. Die Sprechweise im Drama wird dabei als zugleich stilistiert und natürlich aufgefasst, da das fiktionale Gespräch  mit den realen und natürlichen Kommunikationsprozessen vermittelt werde (vgl. Beilhardt u. a. 1979, S.8). Von dieser Annahme ausgehend ergeben sich in dem Modell zur die Analyse dramatischer Dialoge vor allem folgende Untersuchungsgesichtspunkte und Verfahrensweisen:
  1. Der gesellschaftliche Gestus eines Gesprächs

  2. Inhalts- und Beziehungsaspekt der Kommunikation

  3. Symmetrische oder komplementäre Kommunikation

  4. Diskurs und ideale Sprechsituation

1. Der gesellschaftliche Gestus eines Gesprächs

Nach Beilhardt u. a. (1979) lässt sich Bertolt Brechts Theorie vom (gesellschaftlichen) Gestus für die Analyse von Dialogen im Drama fruchtbar machen. Die wichtigen Grundannahmen, Prinzipien und Kategorien von Bertolt Brechts Theorie vom (gesellschaftlichen) Gestus sind. (vgl. 4 Zitate Brechts über die Bedeutung des Gestus)

  • Sprache und Sprechen sind Werkzeuge des Handelns.

  • Die Beziehungen der Menschen zueinander und die Haltungen, die sie dabei einnehmen, wird als Gestus bezeichnet.

  • Im gesellschaftlichen Gestus der Äußerungen werden die den (Sprech-)Handlungen zugrunde liegenden gesellschaftlichen Haltungen der Menschen zueinander erkennbar. Dieser gesellschaftliche Gestus scheint in diesen Handlungen immer durch.

  • Der soziale Gestus der Sprache besteht in der nicht davon lösbaren kommunikativen Grundfunktion von Sprache, die sogar im Selbstgespräch erhalten bleibt.

(vgl. ebd. S. 8)

2.  Inhalts- und Beziehungsaspekt der Kommunikation

Die Typologie verschiedener Formen des Gesprächs im Drama, die Beilhardt u. a. (1979) entwickeln,  geht davon aus, dass Gespräche einen jeweils unterschiedlichen  gesellschaftlichen Gestus haben. Damit rückt auch der Beziehungsaspekt der Kommunikation und die Art und Weise, wie damit "Haltungen und Beziehungen der Sprecher zueinander sprachliche werden“, in den Blickpunkt des Interesses. Dies schließt ein, dass auch die Bedingungen, unter denen Kommunikation im Allgemeinen gelingen oder scheitern kann, thematisiert werden können. Zugleich werden auch die gesellschaftlichen Bedingungen und gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zueinander sichtbar.
Unter literaturgeschichtlichem Aspekt lässt sich dabei bei der Gestaltung des dramatischen Dialogs eine Entwicklung feststellen. Während nämlich das ältere Drama im dramatischen Dialog den Schwerpunkt auf den Inhaltsaspekt legt, zielt das moderne Drama eher auf die Gestaltung des Beziehungsaspektes der Kommunikation. Indem so in der Metakommunikation auch die Bedingungen, unter denen Kommunikation im Allgemeinen gelingen oder scheitern kann, ins Blickfeld geraten, werden auch die ihnen zugrunde liegenden gesellschaftlichen Bedingungen und gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zueinander sichtbar. (vgl. ebd. S. 10f.)

3. Symmetrische und komplementäre Kommunikation

Der gesellschaftliche Gestus eines Gesprächs hängt auch davon ab, ob die Beziehung der Gesprächspartner symmetrisch oder komplementär gestaltet ist.

  • Symmetrisch ist eine Beziehung dann, wenn die sozialen, funktionalen und institutionellen Rollen, die die Gesprächspartner im Dialog spielen, auf Gleichheit beruhen. Die Gesprächspartner sind also in dieser Hinsicht gleichberechtigt.
    Tendenziell zielt die symmetrische Kommunikation damit in ihrer reinen Form auf eine herrschaftsfreie Kommunikation.

  • Komplementär dagegen ist dagegen eine Beziehung, die vom Gegenteil charakterisiert wird. Hier gibt es zumindest einen, der dominiert und einen, der der Dominanz des anderen unterworfen ist. Die Gesprächspartner nehmen dann superiore und inferiore Stellungen im Gespräch ein, die aus unterschiedlichen sozialen, funktionalen oder institutionellen Gründen zustande kommen.

Was in natürlichen Gesprächen im Allgemeinen nicht vorkommt, zeichnet dabei den fiktionalen Dialog aus. In ihm kann die eine oder andere Beziehungsdefinition - symmetrisch oder komplementär - quasi in Reinform gestaltet werden, wie es in der  Wirklichkeit des natürlichen Gesprächs, wo sich symmetrische und komplementäre Anteile und Phasen ständig mischen und /oder abwechseln, nicht anzutreffen ist. (vgl. ebd., S.11)

4. Diskurs und ideale Sprechsituation

Eine ideale Sprechsituation zeichnet sich nach Habermas (1971, S. 31), dass sowohl die äußeren Bedingungen als auch die innere Struktur eines Gesprächs keinerlei systematische Verzerrungen zulassen. Dies ist dann der Fall "wenn für alle möglichen Beteiligten, eine symmetrische Verteilung der Chancen, Sprechakte zu wählen und auszuüben, gegeben ist." In einer solcherart definierten idealen Sprechsituation wird eine diskursive Auseinandersetzung zur Begründung Meinungen und Standpunkten möglich. Auf der Basis einer "kooperativen Verständigungsbereitschaft" ermöglicht der (herrschaftsfreie) Diskurs damit, Geltungsansprüche in Frage zu stellen, Sachverhalte zu problematisieren und Empfehlungen und Warnungen zu diskutieren. (vgl. ebd.)

Vor allem in der Möglichkeit des dramatischen Dialogs, quasi im Vorgriff auf die noch zu schaffenden realen gesellschaftlichen Bedingungen, eine ideale Sprechsituation zu gestalten, sehen Beilhardt u. a. (1979) die herausragende didaktische Funktion des fiktionalen Dialogs, "in der sich die Ausrichtung auf den Diskurs (Fähigkeit zum Diskurs) mit der kritischen (Selbst-)Reflexion auf die Bedingungen der Diskurs-Verhinderung verbindet." (Beilhardt u. a.,1979, S. 12)

       
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