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Was ist eine tragische Dramenhandlung?

Jürgen Söring (1982)


Das ist dann der Fall, wenn die in ihr agierenden Figuren mit eine gewissen Zwangsläufigkeit in ein Geschehen verwickelt werden, das in die Katastrophe führt. Da ein solcher Weg selten ohne Zutun der Figur selber angetreten wird, lässt sich das Geschehen dialektisch auffassen: Es wird sowohl durch verantwortliches Handeln der Figur als auch durch Widerfahrnisse unberechenbarer Art bestimmt. Der tragische Charakter dieses Vorgangs wird gesteigert, wenn eine paradoxe Gegenstrebigkeit zwischen Handeln und Widerfahren besteht, d.h. wenn sich die katastrophalen Ereignisse jedem planenden Eingriff verschließen, aber gerade durch das planende Vollbringen zurechenbarer Taten heraufbeschworen werden, wie es in der Handlung des "König Ödipus" von Sophokles der Fall ist.
Der tragische Prozess verläuft also auf einer Grenzlinie zwischen Freiheit und Notwendigkeit. Entfernt sich die Handlung von dieser Grenzlinie, entweder weil dem Helden immer noch ein Ausweg aus der Bedrängnis offen steht oder weil umgekehrt die gesellschaftlichen Umstände oder seine psychische Verfassung ihm keine Wahl lassen, so liegt keine tragische Handlung vor. Der tragische Prozess verläuft ebenso auf einer Grenzlinie zwischen Sinn und Sinnlosigkeit. Auf der Ebene des Orakels entspricht ja das Schicksal des Ödipus durchaus der Vorsehung, wird es in den göttlichen Weltplan integriert. In den Augen des Helden, die durch ihr Nichtwissen für die Vorsehung blind sind, muss es als sinnlos erscheinen. Wäre ihm die Ordnung der Welt einsichtig und der Wille der Götter bekannt, so wäre er keine tragische Figur. Schließlich verläuft der tragische Prozess auf der Grenzlinie zwischen menschlicher Autonomie und göttlicher Autorität. Ödipus handelt aufgrund eigenen Wissens, aus eigenen Beweggründen, zu selbstgesetzten Zwecken, und erfüllt damit doch ein Verhängnis, das er nicht zu verantworten hat, wie es göttlicher Autorität bzw. der Bestimmung der Schicksalsgöttin (moira) entspringt. Wo der Mensch sich der göttlichen Ordnung unterwirft, wo er keine Anstalten trifft, dem im Orakel angezeigten Verhängnis zu entkommen, aber ebenso dort, wo die menschliche Autonomie unbestritten ist und religiöse Bedenken keine Rolle spielen, haben wir es nicht mit einer tragischen Handlung zu tun.

(aus: Söring 1982, S.36)

 


   Arbeitsanregungen:
  1. Arbeiten Sie heraus, unter welchen Voraussetzungen von einer tragischen Handlung gesprochen werden kann.
  2. Erläutern Sie an Hand weiterer Beispiele aus Tragödien die Thesen von Söring.

  

       
   
  
     
 


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