Schon allein die Theaterarchitektur
der • Orchestra-Bühne mit den für die Auftritte und Abgänge des
• Chores vorgesehenen
mächtigen Parodostoren unterstrich die große Bedeutung des
Chores und machte den ohnehin spektakulären Ein- und Auszug des
Chores besonders effektvoll. Manchmal wurde der Chor für
bestimmte dramaturgische Zwecke in
Chor und Gegenchor oder
uch anders untergliedert (z. B. Drittelchöre).

In der Orchestra war der Chor während der
gesamten Aufführung stets auf der Bühne präsent, dort sprach, sang und tanzte
er.
Während des Spiels trugen auch die Choreuten oft
typisierende ▪ Masken, um eine
"zeichenhafte Identität" (ebd.)
anzunehmen, die auch noch die Zuschauer erkennen konnten, die
weitab von der Bühne in den oberen Rängen der Theater zusahen
und wohl kaum hören konnten, was da unten gesprochen und
gesungen wurde. Und, nur so am Rande: Digitale
Texteinblendungen, wie wir sie heute bei Open-Air-Opern kennen,
waren ja schließlich noch nicht erfunden.
Der Einzug des Chores in die
Orchestra, dramaturgisch der Parodos, durch eines der beiden
danach benannten seitlichen Tore war ebenso eine Tanzaufführung
wie der Auszug des Chores (Exodos) nach der Schlussszene des
Dramas. Beide Teile der episodischen Struktur der Tragödie
gehörten gewiss zu den Vorführungen in und um die Orchestra
herum, die den größten Eindruck auf die Zuschauer machten.
Das lag aber nicht nur an den
Tänzen, sondern auch der Tatsache, dass die Choreuten allesamt
Bürger der Polis waren und der Chor in der Tragödie meistens
einen "Blick »von außen«" (Brauneck
2012, S.38) auf das Geschehen hatte. Zudem stimmten die
Raisonnements und Kommentare, die der Chor im Monolog oder im
Dialog mit den handelnden Figuren abgab, im Allgemeinen mit den
Sichtweisen überein, die auch das Publikum einnahm.
Ebenso wichtig war aber auch, dass
der handelnde und tragisch scheiternde Heros ihnen wie als
mythische Gestalt aus einer anderen Zeitordnung "von
Götterwillkür und blinder Schicksalsfügung" (ebd.)
erschien, der ihnen "im Grunde fremd"
(ebd., S.44) war, aber dessen ungeachtet eine
"Projektionsfläche"
(ebd., S.46) anbot, mit dem er durch den "Blick in das
Chaos" der fiktionalen Welt des Theaters "das politische und
moralische Selbstverständnis"
(ebd.) der demokratisch verfassten Polis überprüfen konnte.
Und: Auf diese Weise konnten die Zuschauer und Zuschauerinnen
sich der Werten und der Rationalität ihrer eigenen
gesellschaftlichen und politischen Ordnung immer wieder aufs
Neue versichern. Dem grundlegenden Wirkungsmodell der Tragödie,
den Zuschauer durch mit eine besonderen Kombination von
"spezifischer Lust und Freude" (Schadewaldt
1970, S. 22, zit. n.
ebd.,
S.35) in einem als ▪
Katharsis bezeichneten "ganzheitlich verstandenen
Reinigungsprozess, der seelische Phänomene einschließt" (ebd.),
von den durch die tragische Handlung erregten Affekte wieder zu
befreien, tat dies freilich keinen Abbruch.
Die
Tänze, die der Chor, aber auch die Schauspieler, in der Tragödie
aufführten, waren stets den gesprochenen Worten (Logos)
untergeordnet, sie waren also keine unterhaltenden Tanzeinlagen,
auch wenn davon auszugehen ist, dass insbesondere das riesige
Publikum auf den oberen Rängen, weit ab vom Schuss wie man sagt,
vom gesprochenen Wort da unten ohnehin wenig mitbekommen hat und
damit wohl nur Zu-Schauen, statt auch Zu-hören konnte. Tanz und
Musik, das waren sicherlich die Schaueinlagen, die ihren
Bedürfnissen am ehesten entgegenkamen.
Was und wie der Chor tanzte, hing
dabei von der Sprache, ihren Ausdrucksformen beim Sprechen ab
und vor allem davon, welche geistige und psychische Wirkung man
dem Tanz im Zusammenspiel mit seiner musikalischen Begleitung
durch den zweirohrigen »Aulos,
einem nur für den Chor vorgesehenen »Rohrblattinstrument,
geben wollte. Man glaubte nämlich, dass bestimmte Tonarten,
Tonlagen und Rhythmen ganz bestimmte affektive Wirkungen hätten.
Bei der Tragödie und ihren von Trauer und Pathos gezeichneten
Heroen sollten daher tiefe Tonlagen verwendet werden. (ebd.,
S.32)
Für den Chor war Tanz aber nicht nur
beim Einzug und Auszug aus der Orchestra besonders wichtig. Auch
in der Kommunikation zwischen Chorführer und Chor kam es immer
wieder zu einem Wechselspiel zwischen Gesang und Tanz und, wenn
die Klage- und Trauerdialoge von Chor und Schauspieler
dargeboten wurden, rhythmisierte man diese sehr und trug sie
quasi tanzend, meistens auch mit einem lebhaften,
ausdrucksstarken und weithin im Rund sichtbaren Gebärdenspiel
vor (vgl.
ebd.,
S.33). Erst im Laufe der weiteren Tragödienentwicklung,
wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem
zunehmenden dramaturgischen Bedeutungsverlust des Chores,
wurde der Tanz eine eher situationsunabhängige Darbietung
mit zunehmender Virtuosität, die den Vorrang des gesprochenen
Wortes (Logos) wohl hinter sich ließ.
Andere, insgesamt dynamischere und von grotesken
Köperverrenkungen u. ä. mehr gekennzeichnete Tänze kamen
hingegen in den nach der Aufführung einer
Tragödientetralogie
vorgeführten »Satyrspielen
zum Zuge, denen die Aufgabe zufiel, dem Publikum nach all dem
tragischen Geschehen auf der Bühne, wieder "eine
burlesk-verspielte, optimistische Sicht auf die Welt der Heroen
und Götter" (ebd.,
S.39) zu vermitteln, durch Darbietungen, die dem Publikum einfach nur Spaß machen
und Entspannung bringen sollten. Von den Komödientänzen gar nicht
zu reden, die viel spektakulärer als die Tragödientänze waren,
dazu oft den Charakter situationsentbundener und aus der
Handlung herausgelöster Tanzeinlagen hatten und mit ihren
erotischen, frivol und anstößig geltenden Tänzen wie dem
allseits beliebten »Cordax
mit seinen heftigen fast obszön wirkenden Hüftbewegungen die
Aufmerksamkeit des Zuschauers auf ganz andere Dinge zu lenken
pflegten. Heute werden der spanische »Fandango
oder auch die »Tarantella
damit als moderne Ableger in Verbindung gebracht. In den "sexy
Dancemoves" der Musikvideoszene des digitalen Zeitalters lebt
der Cordax aber in jedem Fall fort.