Auf welche Bedeutungen der Begriff Tragödie ((griech.
τράγος/trágos = Bock;
ᾠδή
ōdḗ = Gesang,
Lied;,
τραγωδία, tragodía = Bocksgesang, Gesang um den
Bockspreis) wirklich
zurückgeht, ist bis heute nicht eindeutig zu klären.
Wie der Begriff
allerdings erklärt wird, wirft allerdings ein unterschiedliches
Licht darauf, was zu den möglichen Vorformen der Tragödie gehört
und in welchem rituellen Kontext sie entstanden ist und sich
entwickelt hat. Er könnte "(a) den Gesang um
den Preis eines Bocks, (b) den Gesang beim
Bocksopfer oder (c) den Gesang von als Böcke
verkleideten Sängern (bezeichnen)".
(Hose
2012.,
S.175)
Was auf den ersten Blick wenig bedeutsam zu schein scheint,
hat zur Erklärung der Entstehung der Tragödie indessen große
Bedeutung.
So würde die
erste Variante (a), die Herleitung des Begriffs aus dem
Wettgesang um einen Bock, "die
agonale
Einbettung der Tragödie" (ebd.),
d. h. ihren Wettkampfcharakter im Rahmen der •
kultischen Rituale der
Opferspiele zu Ehren des gr. Gottes »Dionysos
(»Dionysien)
bedeuten, die u. a. mit "Umzügen und orgiastischen
Feiern und Opferhandlungen mit magisch-symbolischen
Verwandlungsspielen" (Becker/Hummel/Sander
2017, S.129) begangen wurden.
Bezeichnet der
Begriff hingegen den Gesang beim Bocksopfer selbst
(Variante b), wäre die Tragödie als Kunstform von einem
Ritual abgeleitet, und ihre "besondere Bedeutung (läge) darin,
dass über dieses Ritual der Mensch sowohl die Tötung eines
Lebewesens vollzieht als auch das Töten zu bewältigen
sucht."
(Hose
2012, S.175) In der Konsequenz ließe sich daraus auch
erklären, warum die Tragödie existenzielle Probleme der
Menschen thematisiert.
Und auch die
dritte Variante (c) hat einiges für sich. Wenn sich die
Menschen nämlich rituell verkleiden können, könnte damit
auch ausgedrückt werden, dass sie sich für eine gewisse Zeit
lang verwandeln oder in eine andere "Welt des »als ob«" (ebd.)
eintauchen können und damit auf ein "anthropologische(s)
Grundprinzip" (ebd.)
verweisen, nämlich "die Fähigkeit zur Kunst und
insbesondere zur
Erschaffung imaginärer oder fiktionaler
Welten" (ebd.,
Hervorh. d. Verf.).