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Dramentheorie des Aristoteles

Die Tragödie als Kunstform


Nach Aristoteles kann und soll in einer Tragödie dargestellt werden, was Furcht und Mitleid erregen und im Prozess der Katharsis "reinigen" kann. Hierzu sind nicht alle ästhetischen Gegenstände geeignet.
Um zu verstehen, weshalb Aristoteles bestimmte Regeln und Strukturen der Tragödie für unerlässlich hält, muss man wissen, wie seiner Vorstellung nach die angestrebte Katharsis beim Zuschauer in Gang kommt. Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist dabei die Tatsache, dass Aristoteles sich nicht damit befasst, was der Zuschauer als Rezipient des Stückes leistet, d.h. welche konkreten psychischen Vorgänge die Rezeption steuern. Sein Interesse richtet sich hauptsächlich darauf, wie das Kunstwerk Tragödie beschaffen sein muss, damit es die behauptete Wirkung haben kann. Die aristotelische Katharsis soll sich also ohne Einwirkung auf den psychischen Prozess des Zuschauers vollziehen. Sie stellt einen quasi rationalen, wenngleich ästhetisch im Theaterstück vermittelten Akt dar, der sich beim bloßen Anschauen einer tragischen Handlung vollzieht. Die aristotelische Katharsis basiert auf dem Werk- oder Anschauungscharakter der Tragödie. Eine Selbsttätigkeit des Zuschauers im Sinne der Selbsterfahrung im Identifikationsprozess bei Lessing ist für das Gelingen der aristotelischen Katharsis nicht nötig.

Strukturprinzipien der Tragödie

Der Tragödienautor stellt als Produkt einen ästhetischen Gegenstand (Drama) her, der auf den genannten Voraussetzungen beruht und die genannten Ziele anstrebt. Gegenstände, die diese Bedingungen erfüllen, müssen nach bestimmten Regeln konstruiert werden (Regelpoetik).
Die wichtigste Regel ist die der Naturnachahmung (mimetisches Prinzip). Gegenstände der Dichtung müssen so gestaltet sein, dass sie natürlichen Dingen und Personen nachgebildet sind (Prinzip der Naturnachahmung, mimetisches Prinzip, Plausibilitätsprinzip: nichts Unwahrscheinliches zur Darstellung bringen)
Dichtung im allgemeinen und das Drama bzw. die Tragödie im besonderen bauen auf dem quasi "natürlichen" Nachahmungslernen des heranwachsenden Menschen und dessen Freude daran auf. Was den Zuschauern auf der Bühne geboten wird, sollte daher auch "wahrscheinlich" erscheinen.

1. Die Lehre von den drei Einheiten

Die Tragödienform ist auf der Basis des mimetischen Prinzips an die so genannten drei Einheiten gebunden:

  1. Einheit der Zeit (= Handlung darf höchstens 24 Stunden umfassen)

  2. Einheit des Ortes (= Schauplatz darf im Rahmen einer dramatischen Handlung nicht gewechselt werden)

  3. Einheit der Handlung (= Ganzheit, keine Episoden oder Nebenhandlungen)

Die Lehre von den drei Einheiten verwechselt aber, und darin liegt ihre grundsätzliche Problematik, dass der Raum und die Zeit der dramatischen Handlung fiktiv sind, während die Zeit, in der sich die Zuschauer befinden, real ist. Zudem lässt sich die von den Vertretern des französischen Klassizismus unter Berufung auf Aristoteles eingeführte Lehre mit dem, was Aristoteles in seiner Poetik ausgeführt hat, nicht so ohne Weiteres zur Deckung bringen. Dessen ungeachtet hat die von »Johann Christoph Gottsched (1700-1766) (s. Abb.) auch in die deutsche Dramatik eingeführte Lehre dazu geführt, dass die auf der Bühne dargestellten Geschehensabläufe äußerst konzentriert waren. Allerdings konnte sich Gottsched, der sich an den französischen Vorbildern »Pierre Corneille (1606-1684)  und »Jean Racine (1639-1699) orientierte, mit seiner dogmatischen Auffassung in Deutschland nicht wirklich durchsetzen. Schon Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781) wandte sich gegen eine mechanistische Anwendung dieser Prinzipien, auch wenn seine eigenen Stücke wie »Minna von Barnhelm« oder »Emilia Galotti« diesen noch weitgehend folgten. Johann Gottfried Herder (1744-1803), neben Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und Friedrich Schiller (1759-1805) wohl der einflussreichste Schriftsteller der Literaturepoche der Weimarer Klassik (1786-1805), bricht mit der Lehre von den drei Einheiten, und in der Literaturepoche des Sturm und Drang (1760-1785), lässt man sie links liegen und wendet sich mit seiner Orientierung am elisabethanischen Drama »William Shakespeares (1564-1616) mit seiner Szenenvielfalt und seinen unterschiedlichen Handlungs- und Realitätsebenen anderen dramatischen "Baugesetzen" zu, die dem Drama der offenen Form zugerechnet werden müssen. Dessen ungeachtet wurden die drei Einheiten wegen ihrer ästhetischen Bedeutung auch von späteren Dramatikern als Grundlage des geschlossenen Dramentyps immer wieder aufgegriffen und in Theaterstücken umgesetzt (z. B. Goethe, Iphigenie auf Tauris (1779/87), »Friedrich Hebbel (1813-1868), Magdalena (1843) oder verschiedene Dramen Henrik Ibsens (1828-1906)

2. Weitere Strukturmerkmale der Tragödie

Weitere Strukturmerkmale der Tragödienform sind :

  • Ständeklausel (Nachahmung "edler" Handlungen der politisch-sozialen Elite, deren Mitglieder bedeutende und existentielle Probleme übersehen und in grundlegenden Wertekonflikten stehen können)

  • Fallhöhe ("Sturz" des tragischen Helden aus sozial hochrangiger Stellung als Voraussetzung der tragischen Wirkung)

  • Unverdientheitsklausel (nur unerwartete und unverdiente Schicksalsschläge eignen sich für die tragische Wirkung)

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013
 

                  
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