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Dramentheorie des Aristoteles

Wirkungsästhetische Theorie: Katharsis


Die Dramentheorie von Aristoteles ist auf dem Hintergrund seines Menschen- und Gesellschaftsbildes zu begreifen. Dabei steht zunächst einmal die wirkungsästhetische Funktion des Dramas, hier der Tragödie, im Vordergrund.

Was die Tragödie bewirkt, ist - vorweg formuliert - die lustvolle Reinigung der von der tragischen Handlung erregten Affekte Furcht und Mitleid. Ein Vorgang, der dadurch zur sittlichen Vervollkommung des zoon politikon beiträgt, dass er die beiden Affekte wieder in ihre Normallage zurückversetzt (also keine Herstellung von etwas Neuem) 

Die Wirkung der Tragödie besteht nach Aristoteles in der Erregung und Reinigung der Affektzustände Furcht und Mitleid, denen in der Gesamtheit von Affekten eine Schlüsselstellung zugewiesen wird. (→ Strukturbild)
Reinigung bedeutet in diesem Zusammenhang soviel wie Mäßigung von Gefühlszuständen (Affekten, "Trieben").
Die Tragödie soll dazu beitragen, die Affekte ins rechte Maß zu bringen. Der Mensch muss dieses Maß finden, um Glückseligkeit im Rahmen einer staatlichen Gemeinschaft erlangen zu können (ethisches Prinzip der Mitte, eudaimonistische Staatsvorstellung, zoon politikon).
Furcht und Mitleid beeinträchtigen als "ungemäßigte" Affektzustände das seelische Gleichgewicht des Menschen, müssen gewissermaßen als "Störungen der Seele" behandelt werden, d.h. gemäßigt / gezügelt werden.

  • Furcht bedeutet für Aristoteles ein Gefühl in Antizipation eines Unheils. Es stellt sich ein, wenn man ein Unheil erwartet oder sich ein Unheil vorstellt, das einen selbst betrifft (Selbstbezug der Furcht).

  • Mitleid stellt sich dann ein, wenn man erwartet, dass jemand anderer von einem Unheil getroffen wird, oder wenn man sich derartiges vorstellt.

Inhaltlich gesehen können die beiden Affekte durch den gleichen Vorfall ausgelöst werden, also Gegenstand der Furcht ist auch das, was Mitleid auszulösen vermag.

Dieser Auffassung von Aristoteles ist entgegenzuhalten , dass Furcht in seinem Sinne sich beim Zuschauer durch das Betrachten eines Theaterstückes wohl kaum einstellt. Denn dass der Zuschauer wirklich und zwar so persönlich-konkret von dem Tragödiengeschehen betroffen ist, dass er beim Zusehen beginnt, sich zu fürchten, ist eher unwahrscheinlich. Es sei denn: Furcht wird, wie es später Lessing tut, als Mitfurcht interpretiert, was dann automatisch ein Mitleiden mit dem anderen einschließt.

Für Aristoteles haben Furcht und Mitleid praktische Bedeutung, ohne dass gleichzeitig eine moralische Bewertung der beiden Affekte vorgenommen wird. Mitleid ist also - im Gegensatz zu Lessing - nicht besser als Furcht (Prinzip der Mitte). Im Gegensatz dazu steht natürlich das christliche Verständnis von Mitleid, das als Form von Nächstenliebe verstanden, grenzenlos sein sollte.
Mitleid als Affekt im positiven Sinne ist für Aristoteles nur in Verbindung mit dem Gerechtigkeitsgefühl (Gegensatz zum Christentum) als Antrieb zum Handeln akzeptabel. Der Affekt Gerechtigkeitsgefühl wiederum wird aber nur dann ausgelöst, wenn ein Unheil unverdientermaßen über jemanden hereinbricht (Unverdientheitsklausel). Mitleidleidiges, sprich mitleidendes Verhalten ist für Aristoteles nicht per se gut. Im Gegenteil: Die kathartische Reinigung dieses Affektes in der Tragödie soll den Menschen gerade von einem Übermaß an sozial eingeübter sozialer Ansprechbarkeit befreien (Affektabfuhr), den Menschen vor "Gefühlsduselei" bewahren.
In gleicher Weise soll der Zuschauer der Tragödie den Affekt der Furcht dahingehend "reinigen", dass sich bei ihm wieder die Mitte zwischen nötiger Überlebenstechnik und übertriebener Ängstlichkeit wieder einpendelt.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 29.09.2013
 

                  
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