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[...] Eine
schöne Seele nennt man es,
wenn sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Menschen endlich
bis zu dem Grad versichert hat, dass es dem Affekt die Leitung des
Willens ohne Scheu überlassen darf und nie Gefahr läuft, mit den
Entscheidungen desselben im Widerspruch zu stehen.
Daher sind bei einer schönen Seele die einzelnen Handlungen eigentlich
nicht sittlich, sondern der ganze Charakter ist es. Man kann ihr
auch keine einzige darunter zum Verdienst anrechnen, weil eine
Befriedigung des Triebes nie verdienstlich heißen kann.
Die schöne Seele hat kein andres Verdienst, als dass sie ist.
Mit einer Leichtigkeit, als wenn bloß der Instinkt aus ihr handelte, übt
sie der Menschheit peinlichste Pflichten aus, und das heldenmütigste
Opfer, das sie dem Naturtriebe abgewinnt, fällt wie eine freiwillige
Wirkung eben dieses Triebes in die Augen.
Daher weiß sie selbst auch niemals um die Schönheit ihres Handelns, und
es fällt ihr nicht mehr ein, dass man anders handeln und empfinden
könnte; dagegen ein
schulgerechter Zögling
der Sittenregel, so wie das Wort des Meisters ihn fordert, jeden
Augenblick bereit sein wird, vom Verhältnis seiner Handlungen zum Gesetz
die strengste Rechnung abzulegen. Das Leben des letztern wird einer
Zeichnung gleichen, worin man die Regel durch harte Striche angedeutet
sieht und an der allenfalls ein Lehrling die Prinzipien der Kunst lernen
könnte.
Aber in einem schönen Leben sind, wie in einem Tizianischen Gemälde,
alle jene schneidenden Grenzlinien verschwunden, und doch tritt die
ganze Gestalt nur desto wahrer, lebendiger, harmonischer hervor.
In einer schönen Seele ist es also, wo Sinnlichkeit und Vernunft,
Pflicht und Neigung harmonieren, und Grazie ist ihr Ausdruck in der
Erscheinung.
Nur im Dienst einer schönen Seele kann die Natur zugleich Freiheit
besitzen und ihre Form bewahren, da sie erstere unter der Herrschaft
eines strengen Gemüts, letztere unter der Anarchie der Sinnlichkeit
einbüßt.
Eine schöne Seele gießt auch über eine Bildung, der es an
architektonischer Schönheit mangelt, eine
unwiderstehliche Grazie aus,
und oft sieht man sie selbst über Gebrechen der Natur triumphieren.
Alle Bewegungen, die von ihr ausgehen, werden leicht, sanft und dennoch
belebt sein.
Heiter und frei wird das Auge strahlen, und Empfindung wird
in demselben glänzen.
Von der Sanftmut des Herzens wird der Mund eine
Grazie erhalten, die keine Verstellung erkünsteln kann.
Keine Spannung
wird in den Mienen,
kein Zwang in den willkürlichen Bewegungen zu
bemerken sein, denn die Seele weiß von keinem.
Musik wird die Stimme
sein und mit dem reinen Strom ihrer Modulationen das Herz bewegen.
Die architektonische Schönheit kann Wohlgefallen, kann Bewunderung, kann
Erstaunen erregen, aber nur die Anmut wird hinreißen.
Die Schönheit hat Anbeter, Liebhaber hat nur die Grazie;
denn wir huldigen dem Schöpfer und lieben den Menschen.
Man wird, im ganzen
genommen, die
Anmut mehr bei dem weiblichen Geschlecht (die Schönheit
vielleicht mehr bei dem männlichen) finden, wovon die Ursache nicht
weit zu suchen ist.
Zur Anmut muss sowohl der körperliche Bau als der Charakter beitragen;
jener durch seine Biegsamkeit, Eindrücke anzunehmen und ins Spiel
gesetzt zu werden, dieser durch die sittliche Harmonie der Gefühle. In
beidem war die Natur dem Weibe günstiger als dem Manne.
Der zärtere weibliche Bau empfängt jeden Eindruck schneller und lässt
ihn schneller wieder verschwinden. Feste Konstitutionen kommen nur
durch einen Sturm in Bewegung, und wenn starke Muskeln angezogen werden,
so können sie die Leichtigkeit nicht zeigen, die zur Grazie erfordert
wird.
Was in einem weiblichen Gesicht noch schöne Empfindsamkeit ist, würde in
einem männlichen schon Leiden ausdrücken.
Die zarte Fiber des Weibes neigt sich wie dünnes Schilfrohr unter dem
leisesten Hauch des Affekts. In leichten und lieblichen Wellen gleitet
die Seele über das sprechende Angesicht, das sich bald wieder zu einem
ruhigen Spiegel ebnet.
Auch der
Beitrag, den die Seele zu der Grazie geben muss, kann bei dem Weibe
leichter als bei dem Manne erfüllt werden.
Selten wird sich der weibliche Charakter zu der höchsten Idee sittlicher
Reinheit erheben und es selten weiter als zu affektionierten Handlungen
bringen.
Er wird der Sinnlichkeit oft mit heroischer Stärke, aber nur durch die
Sinnlichkeit widerstehen.
Weil nun die Sittlichkeit des Weibes gewöhnlich auf seiten der Neigung
ist, so wird es sich in der Erscheinung ebenso ausnehmen, als wenn die
Neigung auf seiten der Sittlichkeit wäre.
Anmut wird also der Ausdruck der weiblichen Tugend sein, der sehr oft
der männlichen fehlen dürfte. [...]
So wie die Anmut der Ausdruck einer schönen Seele ist, so ist Würde der
Ausdruck einer erhabenen Gesinnung.
Die schöne Seele muss sich also
im Affekt in eine erhabene
verwandeln, und das ist der untrügliche Probierstein,
wodurch man sie
von dem guten Herzen oder der Temperamentstugend unterscheiden
kann. Ist bei einem Menschen die Neigung nur darum auf seiten der
Gerechtigkeit, weil die Gerechtigkeit sich glücklicherweise auf seiten
der Neigung befindet, so wird der Naturtrieb im Affekt eine vollkommene
Zwangsgewalt über den Willen ausüben, und wo ein Opfer nötig ist, so
wird es die Sittlichkeit und nicht die Sinnlichkeit bringen. War es
hingegen die Vernunft selbst, die, wie bei einem schönen Charakter der
Fall ist, die Neigungen in Pflicht nahm und der Sinnlichkeit das
Steuer nur anvertraute, so wird sie es in demselben Moment
zurücknehmen, als der Trieb seine Vollmacht missbrauchen will.
Die
Temperamentstugend sinkt also im Affekt zum bloßen Naturprodukt herab;
die schöne Seele geht ins Heroische über und erhebt sich zur reinen
Intelligenz .[...]
Wenn der
schuldbewusse Mensch in ewiger Furcht schwebt, dem Gesetzgeber in
ihm selbst, in der Sinnenwelt zu begegnen, und in allem, was groß und
schön und trefflich ist, seinen Feind erblickt, so
kennt die schöne Seele kein süßeres Glück, als das Heilige in sich außer
sich nachgeahmt oder verwirklicht zu sehen und in der Sinnenwelt ihren
unsterblichen Freund zu umarmen.
Liebe ist zugleich das Großmütigste und das Selbstsüchtigste in der
Natur; das erste: denn sie empfängt von ihrem Gegenstande nichts,
sondern gibt ihm alles,
da der
reine Geist nur geben, nicht empfangen kann; das zweite:
denn es ist immer nur ihr eigenes Selbst, was sie in ihrem Gegenstande
sucht und schätzet.
(Quelle: Friedrich
Schiller: Sämtliche Werke, Band 5, München: Hanser 31962, S.
433-489.
Entstanden 1793, Erstdruck in: Neue Thalia (Leipzig), 2. Jg., 1793, Heft
2.,
http://www.zeno.org/nid/20005609801)
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
23.03.2026