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Die Götterwelt der Griechen)
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Die griechische Fabel
legt der
Göttin der Schönheit1 einen
Gürtel2 bei, der die Kraft besitzt, dem, der ihn trägt,
Anmut zu
verleihen und Liebe zu erwerben. Eben diese Gottheit wird von den
Huldgöttinnen oder den Grazien3
begleitet.
Die Griechen
unterschieden also die Anmut und die Grazien noch von der Schönheit, da
sie solche durch Attribute ausdrückten, die von der Schönheitsgöttin zu
trennen waren. Alle Anmut ist schön, denn der
Gürtel des Liebreizes ist
ein Eigentum der
Göttin von Gnidus4; aber nicht alles Schöne ist
Anmut, denn auch ohne diesen Gürtel bleibt Venus, was sie ist.
Nach eben dieser
Allegorie ist es die Schönheitsgöttin allein, die den Gürtel des
Reizes trägt und verleiht.
Juno5, die herrliche Königin des Himmels, muss
jenen Gürtel erst von der Venus entlehnen, wenn sie den
Jupiter6 auf dem
Ida7 bezaubern will. [...]
Die
Schönheitsgöttin kann
aber doch ihren Gürtel entäußern und seine Kraft auf das Minderschöne
übertragen. Anmut ist also kein ausschließendes
Prärogativ8 des Schönen,
sondern kann auch, obgleich immer nur aus der Hand des Schönen, auf das
Minderschöne, ja selbst auf das
Nichtschöne übergehen.
Die nämlichen
Griechen empfahlen demjenigen, dem bei allen übrigen Geistesvorzügen die
Anmut, das Gefällige fehlte, den Grazien zu opfern. [...]
Was ist aber nun die Anmut,
wenn sie sich mit dem Schönen zwar am liebsten, aber doch nicht
ausschließend verbindet? wenn sie zwar von dem Schönen herstammt, aber
die Wirkungen desselben auch an dem Nichtschönen offenbart? wenn die
Schönheit zwar ohne sie bestehen, aber durch sie allein Neigung
einflößen kann?
[...]
Entkleidet man die Vorstellung der Griechen von ihrer allegorischen
Hülle, so scheint sie keinen andern als folgenden Sinn einzuschließen.
Anmut ist eine bewegliche
Schönheit; eine Schönheit nämlich, die
an ihrem Subjekte
zufällig entstehen und ebenso aufhören kann. Dadurch unterscheidet
sie sich von der fixen
Schönheit, die mit dem Subjekte selbst notwendig gegeben ist.
Ihren
Gürtel kann Venus abnehmen und der Juno augenblicklich überlassen; ihre
Schönheit würde sie nur mit ihrer Person weggeben können. Ohne ihren
Gürtel ist sie nicht mehr die reizende Venus, ohne Schönheit ist sie
nicht Venus mehr.
Dieser Gürtel, als das
Symbol der beweglichen
Schönheit, hat aber das ganz Besondere, dass er der Person, die
damit geschmückt wird, die
objektive Eigenschaft
der Anmut verleiht; und unterscheidet sich dadurch von jedem andern
Schmuck, der nicht die Person selbst, sondern bloß den Eindruck
derselben subjektiv, in der Vorstellung eines andern, verändert. Es ist
der ausdrückliche
Sinn des griechischen Mythos, dass sich die Anmut in eine Eigenschaft
der Person verwandle und dass die Trägerin des Gürtels liebenswürdig
sei, nicht bloß so scheine. [...]
Wenn nun der
Gürtel
des Reizes eine objektive Eigenschaft ausdrückt, die sich von ihrem
Subjekte absondern lässt, ohne deswegen etwas an der Natur desselben zu
verändern, so kann er nichts anders als Schönheit der Bewegung
bezeichnen; denn Bewegung ist die
einzige Veränderung, die mit einem
Gegenstand vorgehen kann, ohne seine Identität aufzuheben.
Schönheit der Bewegung ist ein
Begriff, der beiden Forderungen Genüge leistet, die in dem angeführten
Mythos enthalten sind. Sie ist erstlich objektiv und kommt dem
Gegenstande selbst zu, nicht bloß der Art, wie wir ihn aufnehmen. Sie
ist zweitens etwas Zufälliges an demselben, und der Gegenstand bleibt
übrig, auch wenn wir diese Eigenschaft von ihm wegdenken.
Der Gürtel des Reizes
verliert auch bei dem Minderschönen und selbst bei dem Nichtschönen
seine magische Kraft nicht; das heißt, auch das Minderschöne, auch das
Nichtschöne kann sich schön bewegen
Die Anmut, sagt der Mythos, ist
etwas Zufälliges an ihrem Subjekt; daher können nur zufällige Bewegungen
diese Eigenschaft haben.
An einem Ideal der Schönheit müssen alle notwendigen Bewegungen schön
sein, weil sie, als notwendig, zu seiner Natur gehören; [...]
Ist aber jede Schönheit
der zufälligen Bewegungen Anmut?
Dass der griechische
Mythos Anmut und Grazien nur auf die Menschheit einschränke, wird kaum
einer Erinnerung bedürfen; er geht sogar noch weiter und schließt selbst
die Schönheit der Gestalt in die Grenzen der Menschengattung ein, unter
welcher der Grieche bekanntlich auch seine Götter begreift. Ist aber die
Anmut nur ein
Vorrecht der Menschenbildung, so kann keine derjenigen Bewegungen
darauf Anspruch machen, die der Mensch auch mit
dem, was bloß Natur ist, gemein hat. Könnten also die Locken an
einem schönen Haupte sich mit Anmut bewegen, so wäre kein Grund mehr
vorhanden, warum nicht auch die Äste eines Baumes, die Wellen eines
Stroms, die Saaten eines Kornfelds, die Gliedmaßen der Tiere sich mit
Anmut bewegen sollten. .[...]
Willkürlichen Bewegungen allein kann also Anmut zukommen, aber auch
unter diesen nur denjenigen, die ein Ausdruck moralischer Empfindungen
sind.
Bewegungen, welche keine andere Quelle als die Sinnlichkeit haben,
gehören bei aller Willkürlichkeit doch nur der Natur an, die für sich
allein sich nie bis zur Anmut erhebet.
Könnte sich die Begierde mit Anmut, der Instinkt mit Grazie äußern, so
würden Anmut und Grazie nicht mehr fähig und würdig sein, der Menschheit
zu einem Ausdruck zu dienen.
Und doch ist es die
Menschheit allein, in die der Grieche alle Schönheit und Vollkommenheit
einschließt.
Nie darf sich ihm die Sinnlichkeit ohne Seele zeigen, und seinem humanen
Gefühle ist es gleich unmöglich, die rohe Tierheit und die Intelligenz
zu vereinzeln. Wie er jeder Idee sogleich einen Leib anbildet und
auch das Geistigste zu verkörpern strebt, so
fordert er von jeder Handlung des Instinkts an dem Menschen zugleich
einen Ausdruck seiner sittlichen Bestimmung. Dem Griechen ist die
Natur nie bloß Natur, darum darf er auch nicht erröten, sie zu ehren;
ihm ist die Vernunft
niemals bloß Vernunft, darum darf er auch nicht zittern, unter ihren
Maßstab zu treten.
Natur und Sittlichkeit, Materie und Geist, Erde und Himmel fließen
wunderbar schön in seinen Dichtungen zusammen. .[...]
Dieser zärtliche Sinn der
Griechen nun, der das Materielle immer nur unter der Begleitung des
Geistigen duldet, weiß von
keiner willkürlichen Bewegung am Menschen, die nur der Sinnlichkeit
allein angehörte, ohne zugleich ein Ausdruck des moralisch empfindenden
Geistes zu sein. Daher ist ihm auch die
Anmut nichts anders als ein solcher schöner Ausdruck der Seele in den
willkürlichen Bewegungen.
Wo also Anmut stattfindet, da ist die Seele das bewegende Prinzip, und
in ihr ist der Grund von der Schönheit der Bewegung enthalten. Und
so löst sich denn jene mythische Vorstellung in folgenden Gedanken auf:
»Anmut
ist eine Schönheit, die nicht von der Natur gegeben, sondern von dem
Subjekte selbst hervorgebracht wird.«
Ich habe mich bis jetzt
darauf eingeschränkt, den Begriff der Anmut aus der griechischen Fabel
zu entwickeln, und, wie ich hoffe, ohne ihr Gewalt anzutun. Jetzt sei
mir erlaubt zu versuchen, was sich auf dem Weg der philosophischen
Untersuchung darüber ausmachen läßt, und ob es auch hier, wie in soviel
andern Fällen, wahr ist, daß sich die philosophierende Vernunft weniger
Entdeckungen rühmen kann, die der Sinn nicht schon dunkel geahndet und
die Poesie nicht geoffenbart hätte..[...]
Es sei mir erlaubt, diese
von der bloßen Natur, nach dem Gesetz der Notwendigkeit gebildete
Schönheit, zum Unterschied von der, welche sich nach
Freiheitsbedingungen richtet, die
Schönheit des Baues (architektonische
Schönheit) zu benennen. Mit diesem Namen will ich also denjenigen
Teil der menschlichen Schönheit bezeichnet haben, der nicht bloß durch
Naturkräfte ausgeführt worden (was von jeder Erscheinung gilt), sondern
der auch nur allein durch Naturkräfte bestimmt ist.
Ein glückliches
Verhältnis der Glieder, fließende Umrisse, ein lieblicher Teint, eine
zarte Haut, ein feiner und freier Wuchs, eine wohlklingende Stimme usf.
sind
Vorzüge, die man bloß der Natur und dem Glück zu verdanken hat; der
Natur, welche die Anlage dazu hergab und selbst entwickelte; dem Glück –
welches das Bildungsgeschäft der Natur vor jeder Einwirkung feindlicher
Kräfte beschützte.
Diese Venus steigt schon ganz vollendet aus dem Schaume des Meers empor:
vollendet, denn sie ist ein beschlossenes, streng abgewogenes Werk
der Notwendigkeit, und als solches keiner Varietät, keiner Erweiterung
fähig. Da sie nämlich nichts anders ist als ein schöner Vortrag der
Zwecke, welche die Natur mit dem Menschen beabsichtet, und daher jede
ihrer Eigenschaften durch den Begriff, der ihr zum Grund liegt,
vollkommen entschieden ist, so kann sie – der Anlage nach – als ganz
gegeben beurteilt werden, obgleich diese erst unter Zeitbedingungen zur
Entwicklung kommt.
Die
architektonische Schönheit der menschlichen Bildung muss von der
technischen
Vollkommenheit derselben wohl unterschieden werden. Unter der
letztern hat man das System der Zwecke
selbst zu verstehen, so wie sie sich untereinander zu einem
obersten Endzweck vereinigen; unter der
erstern hingegen bloß eine
Eigenschaft der Darstellung dieser Zwecke, so wie sie sich dem
anschauenden Vermögen in der Erscheinung offenbaren.
Wenn man also von der Schönheit spricht, so wird weder der materielle
Wert dieser Zwecke, noch die formale Kunstmäßigkeit ihrer Verbindung
dabei in Betrachtung gezogen. Das
anschauende Vermögen hält sich
einzig nur an die Art des Erscheinens, ohne auf die logische
Beschaffenheit seines Objekts die geringste Rücksicht zu nehmen. Ob
also gleich die architektonische Schönheit des menschlichen Baues durch
den Begriff, der demselben zum Grund liegt, und durch die Zwecke bedingt
ist, welche die Natur mit ihm beabsichtet, so
isoliert doch das ästhetische Urteil sie völlig von diesen Zwecken,
und nichts,
als was der Erscheinung unmittelbar und eigentümlich angehört, wird in
die Vorstellung der Schönheit aufgenommen.
Man kann daher auch nicht sagen, das die Würde der Menschheit die
Schönheit des menschlichen Baues erhöhe. In unser Urteil über die
letztere kann die Vorstellung der erstern zwar einfließen, aber alsdann
hört es zugleich auf, ein rein ästhetisches Urteil zu sein. Die
Technik der menschlichen
Gestalt ist allerdings ein Ausdruck seiner Bestimmung, und als ein
solcher darf und soll sie uns mit Achtung erfüllen.
Aber diese Technik wird nicht dem Sinn, sondern dem Verstande
vorgestellt; sie kann nur gedacht werden, nicht erscheinen.
Die architektonische Schönheit hingegen kann nie ein Ausdruck seiner
Bestimmung sein, da sie sich an ein ganz andres Vermögen wendet, als
dasjenige ist, welches über jene Bestimmung zu entscheiden hat.[...]
Die
Würde seiner sittlichen
Bestimmung kann also der Mensch nicht in Anschlag bringen, seinen
Vorzug als Intelligenz kann er
nicht geltend machen, wenn er den Preis der Schönheit behaupten will;
hier ist er nichts als ein Ding im Raume, nichts als Erscheinung unter
Erscheinungen. Auf seinen Rang in der Ideenwelt wird in der Sinnenwelt
nicht geachtet, und wenn er in dieser die erste Stelle behaupten soll,
so kann er sie nur dem, was in ihm Natur ist, zu verdanken haben.
Aber eben diese seine
Natur ist, wie wir wissen,
durch die Idee seiner Menschheit bestimmt worden, und so ist es denn
mittelbar auch
seine architektonische Schönheit. Wenn er sich also vor allen
Sinnenwesen um ihn her durch höhere Schönheit unterscheidet, so ist er
dafür unstreitig seiner menschlichen Bestimmung verpflichtet, welche den
Grund enthält, warum er sich von den übrigen Sinnenwesen überhaupt nur
unterscheidet. Aber nicht darum ist die
menschliche Bildung schön, weil sie ein Ausdruck dieser höheren
Bestimmung ist, denn wäre dieses, so würde die nämliche Bildung
aufhören, schön zu sein, sobald sie eine niedrigere Bestimmung
ausdrückte, so würde auch das Gegenteil dieser Bildung schön sein,
sobald man nur annehmen könnte, dass es jene höhere Bestimmung
ausdrückte. Gesetzt aber, man könnte bei einer schönen Menschengestalt
ganz und gar vergessen, was sie ausdrückt, man könnte ihr, ohne sie in
der Erscheinung zu verändern, den
rohen Instinkt eines
Tigers unterschieben, so würde das Urteil der Augen vollkommen
dasselbe bleiben, und der
Sinn
würde den Tiger für das schönste Werk des Schöpfers erklären.
Die Bestimmung des Menschen, als einer Intelligenz, hat also an der
Schönheit seines Baues nur insofern einen Anteil, als ihre Darstellung,
d.i. ihr Ausdruck in der Erscheinung, zugleich mit den Bedingungen
zusammentrifft, unter welchen das Schöne sich in der Sinnenwelt erzeugt.
Die
Schönheit selbst nämlich muss jederzeit ein freier Natureffekt bleiben,
und die
Vernunftidee, welche die Technik des menschlichen Baues bestimmte, kann
ihm nie Schönheit erteilen, sondern bloß gestatten.
Man könnte mir zwar
einwenden, dass überhaupt alles, was in der Erscheinung sich darstellt,
durch Naturkräfte ausgeführt werde und dass dieses also kein
ausschließendes Merkmal des Schönen sein könne. Es ist wahr, alle
technische Bildungen sind hervorgebracht durch Natur, aber durch Natur
sind sie nicht technisch; wenigstens werden sie nicht so beurteilt.
Technisch sind sie nur durch den Verstand, und ihre technische
Vollkommenheit hat also schon Existenz im Verstande, ehe sie in die
Sinnenwelt hinübertritt und zur Erscheinung wird.
Schönheit hingegen hat das ganz Eigentümliche, daß sie in der Sinnenwelt
nicht bloß dargestellt wird, sondern auch in derselben zuerst
entspringt; daß die Natur sie nicht bloß ausdrückt, sondern auch
erschafft. Sie ist durchaus
nur eine Eigenschaft des
Sinnlichen, und auch der Künstler, der sie beabsichtet, kann sie nur
insoweit erreichen, als er den Schein unterhält, dass die Natur sie
gebildet habe.
Die Technik des
menschlichen Baues zu beurteilen, muss man die Vorstellung der Zwecke,
denen sie gemäß ist, zu Hülfe nehmen; dies hat man gar nicht nötig, um
die Schönheit dieses Baues zu beurteilen. Der Sinn allein ist hier ein
völlig kompetenter Richter, und dies könnte er nicht sein, wenn nicht
die Sinnenwelt (die sein einziges Objekt ist) alle Bedingungen der
Schönheit enthielte und also zu Erzeugung derselben vollkommen
hinreichend wäre. Mittelbar freilich ist die Schönheit des Menschen in
dem Begriff seiner Menschheit gegründet, weil seine ganze sinnliche
Natur in diesem Begriffe gegründet ist; aber
der
Sinn, weiß man, hält sich nur an das Unmittelbare, und für ihn ist
es also gerade soviel, als wenn sie ein ganz unabhängiger Natureffekt
wäre.
Nach dem Bisherigen
sollte es nun scheinen, als wenn die
Schönheit für die Vernunft durchaus kein Interesse haben könnte, da sie
bloß in der Sinnenwelt entspringt und sich auch nur an das sinnliche
Erkenntnisvermögen wendet. Denn nachdem wir von dem Begriff
derselben als fremdartig abgesondert haben, was die Vorstellung der
Vollkommenheit in unser Urteil über die Schönheit zu mischen kaum
unterlassen kann, so scheint dieser nichts mehr übrig zu bleiben,
wodurch sie der Gegenstand eines vernünftigen Wohlgefallens sein könnte.
Nichtsdestoweniger ist es ebenso ausgemacht, dass das Schöne der Vernunft
gefällt, als es entschieden ist, dass es auf keiner solchen Eigenschaft
des Objektes beruht, die nur durch Vernunft zu entdecken wäre.
Um diesen anscheinenden
Widerspruch aufzulösen, muss man sich erinnern, dass es
zweierlei Arten gibt, wodurch Erscheinungen Objekte der Vernunft werden
und Ideen ausdrücken können.
Es ist nicht immer nötig, dass die Vernunft diese Ideen aus den
Erscheinungen herauszieht, sie kann sie auch in dieselben hineinlegen.
In beiden Fällen wird die Erscheinung einem Vernunftbegriff adäquat
sein, nur mit dem Unterschied: dass in
dem ersten Fall die Vernunft ihn schon objektiv darin findet und ihn
gleichsam von dem Gegenstand nur empfängt, weil der Begriff gesetzt
werden muss,
um die Beschaffenheit und oft selbst um die Möglichkeit des Objekts zu
erklären; daß sie hingegen
in dem zweiten Fall das, was unabhängig von ihrem Begriff in der
Erscheinung gegeben ist, selbsttätig zu einem Ausdruck desselben macht
und also etwas bloß Sinnliches übersinnlich behandelt.
Dort ist also die Idee mit dem Gegenstande objektiv notwendig, hier
hingegen höchstens subjektiv notwendig verknüpft. Ich brauche nicht
zu sagen, dass ich jenes von der Vollkommenheit, dieses von der
Schönheit verstehe.
Da es also in dem zweiten
Fall in
Ansehung des sinnlichen Objektes ganz und gar zufällig ist,
ob es eine Vernunft gibt, die mit der Vorstellung desselben eine ihrer
Ideen verbindet, folglich die
objektive Beschaffenheit des Gegenstandes von dieser Idee als völlig
unabhängig muss betrachtet werden, so tut man ganz recht, das
Schöne objektiv auf lauter Naturbedingungen einzuschränken und es für
einen bloßen Effekt der Sinnenwelt zu erklären. Weil aber doch – auf
der andern Seite – die
Vernunft von diesem Effekt der bloßen Sinnenwelt einen transzendenten
Gebrauch macht und ihm dadurch, dass sie ihm eine höhere Bedeutung
leiht, gleichsam ihren
Stempel aufdrückt,
so hat man ebenfalls recht, das Schöne subjektiv in die intelligible
Welt zu versetzen. Die Schönheit ist daher als die
Bürgerin zweier Welten anzusehen, deren einer sie durch Geburt, der
andern durch Adoption angehört; sie empfängt ihre Existenz in der
sinnlichen Natur und erlangt
in der Vernunftwelt das
Bürgerrecht. Hieraus erklärt sich auch, wie es zugeht, dass der
Geschmack, als ein
Beurteilungsvermögen des Schönen, zwischen Geist und Sinnlichkeit in die
Mitte tritt und diese beiden einander verschmähenden Naturen zu einer
glücklichen Eintracht verbindet –
wie er dem Materiellen die Achtung der Vernunft, wie er dem Rationalen
die Zuneigung der Sinne erwirbt – wie er Anschauungen zu Ideen adelt und
selbst die Sinnenwelt gewissermaßen in ein Reich der Freiheit
verwandelt.
Wiewohl es aber – in
Ansehung des Gegenstandes selbst – zufällig ist, ob die Vernunft mit der
Vorstellung desselben eine ihrer Ideen verbindet, so ist es doch – für
das vorstellende Subjekt –
notwendig, mit einer solchen Vorstellung eine solche Idee zu verknüpfen.
Diese Idee und das ihr korrespondierende sinnliche Merkmal an dem
Objekte müssen miteinander in einem solchen Verhältnis stehen, dass die
Vernunft durch ihre eignen unveränderlichen Gesetze zu dieser Handlung
genötigt wird.
In der Vernunft selbst muss also der Grund liegen, warum sie
ausschließend nur mit einer gewissen Erscheinungsart der Dinge eine
bestimmte Idee verknüpft, und
in dem Objekte muss wieder der Grund
liegen, warum es ausschließend nur diese Idee und keine andre
hervorruft.
Was für eine Idee das nun sei, die die Vernunft in das
Schöne hineinträgt, und durch welche objektive Eigenschaft der schöne
Gegenstand fähig sei, dieser Idee zum Symbol zu dienen – dies ist
eine viel zu wichtige Frage, um hier bloß im Vorübergehen beantwortet zu
werden, und deren Erörterung ich also auf eine Analytik des Schönen
verspare.
Die architektonische Schönheit des Menschen ist also, auf die Art, wie
ich eben erwähnte, der sinnliche Ausdruck eines Vernunftbegriffs;
aber sie ist es in keinem andern Sinne und mit keinem größern Rechte als
überhaupt jede schöne Bildung der Natur.
Dem Grade nach übertrifft sie zwar alle andre Schönheiten, aber
der Art
nach steht sie in der nämlichen Reihe mit denselben, da auch sie von
ihrem Subjekte nichts, als was sinnlich ist, offenbart und erst in der
Vorstellung eine übersinnliche Bedeutung empfängt. .[...]
Der Mensch aber ist
zugleich eine Person, ein Wesen also, welches selbst Ursache, und zwar
absolut letzte Ursache seiner Zustände sein, welches sich nach Gründen,
die es aus sich selbst nimmt, verändern kann. Die Art seines Erscheinens
ist abhängig von der
Art seines Empfindens und Wollens, also von
Zuständen, die er selbst in seiner Freiheit und nicht die Natur nach
ihrer Notwendigkeit bestimmt.
Wäre der Mensch bloß ein
Sinnenwesen, so würde die Natur zugleich die Gesetze geben und die
Fälle
der Anwendung bestimmen; jetzt teilt sie das Regiment mit der Freiheit,
und obgleich ihre Gesetze Bestand haben, so ist es nunmehr doch der
Geist, der über die Fälle entscheidet.
Das Gebiet des Geistes erstreckt sich so weit, als die Natur lebendig
ist, und endigt nicht eher, als wo das organische Leben sich in die
formlose Masse verliert und die animalischen Kräfte aufhören. Es ist
bekannt, dass alle bewegenden Kräfte im Menschen untereinander
zusammenhängen, und so lässt sich einsehen, wie der Geist – auch nur als
Prinzip der willkürlichen Bewegung betrachtet – seine Wirkungen durch
das ganze System derselben fortpflanzen kann. Nicht bloß die Werkzeuge
des Willens, auch diejenigen, über welche der Wille nicht unmittelbar zu
gebieten hat, erfahren wenigstens mittelbar seinen Einfluss. Der Geist
bestimmt sie nicht bloß absichtlich, wenn er handelt, sondern auch
unabsichtlich, wenn er empfindet.
Die Natur für sich allein
kann, wie aus dem obigen klar ist, nur für die Schönheit derjenigen
Erscheinungen sorgen, die sie selbst, uneingeschränkt, nach dem Gesetz
der Notwendigkeit zu bestimmen hat. Aber mit der Willkür tritt der
Zufall in ihre Schöpfung ein, und obgleich die Veränderungen, welche sie
unter dem Regiment der Freiheit erleidet, nach keinen andern als ihren
eignen Gesetzen erfolgen, so erfolgen sie doch nicht mehr aus diesen
Gesetzen. Da es jetzt auf den Geist ankommt, welchen Gebrauch er von
seinen Werkzeugen machen will, so kann die Natur über denjenigen Teil
der Schönheit, welcher von diesem Gebrauche abhängt, nichts mehr zu
gebieten und also auch nichts mehr zu verantworten haben.
Und so würde denn der Mensch in Gefahr schweben, gerade da, wo er sich
durch den Gebrauch seiner Freiheit zu den reinen Intelligenzen erhebt,
als Erscheinung zu sinken und in dem Urteile des Geschmacks zu
verlieren, was er vor dem Richterstuhl der Vernunft gewinnt. .[...]
Indem also die Person
oder das freie Prinzipium im Menschen es auf sich nimmt, das Spiel der
Erscheinungen zu bestimmen, und durch seine Dazwischenkunft der Natur
die Macht entzieht, die Schönheit ihres Werks zu beschützen, so tritt es
selbst an die Stelle der Natur und übernimmt (wenn mir dieser Ausdruck
erlaubt ist) mit den Rechten derselben einen Teil ihrer Verpflichtungen.
Indem die ihm untergeordnete Sinnlichkeit in sein Schicksal verwickelt
und von seinen Zuständen abhängen lässt, macht er sich gewissermaßen
selbst zur Erscheinung und bekennt sich als einen Untertan des Gesetzes,
welches an alle Erscheinungen ergehet. Um seiner selbst willen macht er
sich verbindlich, die von ihm abhängende Natur auch noch in seinem
Dienste Natur bleiben zu lassen und sie ihrer frühern Pflicht nie
entgegen zu behandeln. Ich nenne die Schönheit eine Pflicht der
Erscheinungen, weil das ihr entsprechende Bedürfnis im Subjekte in der
Vernunft selbst gegründet und daher allgemein und notwendig ist. Ich
nenne sie eine frühere Pflicht, weil der Sinn schon geurteilt hat, ehe
der Verstand sein Geschäft beginnt.
Die Freiheit
regiert also jetzt die Schönheit.
Die Natur gab die Schönheit des Baues, die Seele gibt die Schönheit des
Spiels. Und nun wissen wir auch,
was wir
unter Anmut und Grazie zu verstehen haben.
Anmut ist die Schönheit der Gestalt unter dem Einfluss der Freiheit; die
Schönheit derjenigen Erscheinungen, die die Person bestimmt.
Die architektonische Schönheit macht dem Urheber der Natur, Anmut und
Grazie machen ihrem Besitzer Ehre.
Jene
ist ein Talent, diese ein
persönliches Verdienst.
Anmut kann nur der Bewegung zukommen, denn eine Veränderung im Gemüt
kann sich nur als Bewegung in da Sinnenwelt offenbaren. Dies hindert
aber nicht, dass nicht auch feste und ruhende Züge Anmut zeigen könnten.
Diese festen Züge waren ursprünglich nichts als Bewegungen, die endlich
bei oftmaliger Erneuerung habituell wurden und bleibende Spuren
eindrückten.
Aber nicht alle Bewegungen am Menschen sind der Grazie fähig.
Grazie ist immer nur die Schönheit der durch Freiheit bewegten Gestalt,
und Bewegungen, die bloß der Natur angehören, können nie diesen Namen
verdienen. Es ist zwar an dem, dass ein lebhafter Geist sich zuletzt
beinahe aller Bewegungen seines Körpers bemächtigt, aber wenn die Kette
sehr lang wird, wodurch sich ein schöner Zug an moralische Empfindungen
anschließt, so wird er eine Eigenschaft des Baues und lässt sich kaum
mehr zur Grazie zählen. Endlich bildet sich der Geist sogar seinen
Körper, und der Bau selbst muss dem Spiele folgen, so dass sich die
Anmut zuletzt nicht selten in architektonische Schönheit verwandelt.
So wie ein feindseliger,
mit sich uneiniger Geist selbst die erhabenste Schönheit des Baues
zugrund richtet, dass man unter den unwürdigen Händen der Freiheit das
herrliche Meisterstück der Natur zuletzt nicht mehr erkennen kann, so
sieht man auch zuweilen das heitre und in sich harmonische Gemüt der
durch Hindernisse gefesselten Technik zu Hülfe kommen, die Natur in
Freiheit setzen und die noch eingewickelte, gedrückte Gestalt mit
göttlicher Glorie auseinanderbreiten. Die plastische Natur des Menschen
hat unendlich viele Hülfsmittel in sich selbst, ihr Versäumnis
hereinzubringen und ihre Fehler zu verbessern, sobald nur der sittliche
Geist sie in ihrem Bildungswerk unterstützen oder auch manchmal nur
nicht beunruhigen will..[...]
Da auch die verfesteten
Bewegungen (in Züge übergegangene Gebärden) von der Anmut nicht
ausgeschlossen sind, so könnte es das Ansehen haben, als ob überhaupt
auch die Schönheit der anscheinenden oder nachgeahmten Bewegungen (die flammichten oder geschlängelten Linien) gleichfalls mit dazugerechnet
werden müßte, wie Mendelssohn auch wirklich behauptet.4 Aber dadurch
würde der Begriff der Anmut zu dem Begriff der Schönheit überhaupt
erweitert; denn alle Schönheit ist zuletzt bloß eine Eigenschaft der
wahren oder anscheinenden (objektiven oder subjektiven) Bewegung, wie
ich in einer Zergliederung des Schönen zu beweisen hoffe. Anmut aber
können nur solche Bewegungen zeigen, die zugleich einer Empfindung
entsprechen.
Die Person – man weiß, was ich damit andeuten will – schreibt dem Körper
die Bewegungen entweder durch ihren Willen vor, wenn sie eine
vorgestellte Wirkung in der Sinnenwelt realisieren will, und in
diesem Fall heißen die Bewegungen
willkürlich oder abgezweckt; oder solche
erfolgen, ohne den Willen der Person, nach einem Gesetz der
Notwendigkeit – aber auf Veranlassung einer Empfindung; diese nenne
ich sympathetische Bewegungen.
Ob die letztern
gleich
unwillkürlich und in einer Empfindung gegründet sind, so darf man
sie doch mit denjenigen
nicht verwechseln, welche das sinnliche Gefühlsvermögen und der
Naturtrieb bestimmt; denn der
Naturtrieb ist kein freies
Prinzip, und was er verrichtet, das ist
keine Handlung der Person.
Unter den sympathetischen Bewegungen, von denen hier die Rede ist, will
ich also nur diejenigen verstanden haben, welche der moralischen
Empfindung oder der moralischen Gesinnung zur Begleitung dienen.
Die Frage entsteht nun,
welche von diesen beiden Arten der in der Person gegründeten Bewegungen
ist der Anmut fähig?
Was man beim
Philosophieren notwendig voneinander trennen muß, ist darum nicht immer
auch in der Wirklichkeit getrennt. So findet man
abgezweckte Bewegungen selten ohne sympathetische, weil der Wille als
die Ursache von jenen sich nach moralischen Empfindungen bestimmt,
aus welchen diese entspringen.
Indem eine Person spricht, sehen wir zugleich ihre Blicke, ihre
Gesichtszüge, ihre Hände, ja oft den ganzen Körper mitsprechen, und der
mimische Teil der Unterhaltung wird nicht selten für den beredtsten
geachtet. Aber auch selbst
eine abgezweckte Bewegung kann zugleich als eine sympathetische
anzusehen sein, und dies geschieht alsdann, wenn sich etwas
Unwillkürliches in das Willkürliche derselben mit einmischt.
Die
Art und Weise nämlich, wie eine willkürliche Bewegung vollzogen wird,
ist durch ihren Zweck nicht so genau bestimmt, dass es nicht mehrere
Arten geben sollte, nach denen sie kann verrichtet werden. Dasjenige
nun, was durch den Willen oder den Zweck dabei unbestimmt gelassen ist,
kann durch den Empfindungszustand der Person sympathetisch bestimmt
werden und also zu einem Ausdruck desselben dienen. Indem ich meinen
Arm ausstrecke, um einen Gegenstand in Empfang zu nehmen, so führe ich
einen Zweck aus und die Bewegung, die ich mache, wird durch die Absicht,
die ich damit erreichen will, vorgeschrieben. Aber welchen Weg ich
meinen Arm zu dem Gegenstand nehmen und wie weit ich meinen übrigen
Körper will nachfolgen lassen – wie geschwind oder langsam und mit wie
viel oder wenig Kraftaufwand ich die Bewegung verrichten will, in diese
genaue Berechnung lasse ich mich in dem Augenblick nicht ein, und der
Natur in mir wird also hier etwas anheimgestellt. Auf irgendeine Art und
Weise muss aber doch dieses durch den bloßen Zweck nicht Bestimmte
entschieden werden, und hier also kann
meine Art zu empfinden den Ausschlag geben und durch den Ton, den sie
angibt, die Art und Weise der Bewegung bestimmen. Der Anteil nun,
den der Empfindungszustand der Person an einer willkürlichen Bewegung
hat, ist das Unwillkürliche an derselben, und er ist auch das, worin man
die Grazie zu suchen hat.
Eine
willkürliche Bewegung, wenn sie sich
nicht zugleich mit einer sympathetischen verbindet oder, was ebensoviel
sagt, nicht mit etwas Unwillkürlichem, das in dem moralischen
Empfindungszustand der Person seinen Grund hat, vermischet, kann niemals
Grazie zeigen, wozu immer ein Zustand im Gemüt als Ursache erfordert
wird. Die willkürliche Bewegung erfolgt auf eine Handlung des Gemüts,
welche also vergangen ist, wenn die Bewegung geschieht.
Die sympathetische Bewegung hingegen begleitet die Handlung des Gemüts
und den Empfindungszustand desselben, durch den es zu dieser
Handlung vermocht wird, und muss daher mit beiden als gleichlaufend
betrachtet werden.
Es erhellt schon daraus, dass die erste, die nicht von der Gesinnung der
Person unmittelbar ausfließt, auch keine Darstellung derselben sein
kann. Denn zwischen die Gesinnung und die Bewegung selbst tritt der
Entschluss, der, für sich betrachtet, etwas
ganz Gleichgültiges ist; die Bewegung ist Wirkung des Entschlusses und
des Zweckes, nicht aber der Person und der Gesinnung.
Die willkürliche Bewegung
ist mit der ihr vorangehenden Gesinnung zufällig, die begleitende
hingegen notwendig damit verbunden. Jene verhält sich zum Gemüt, wie das
konventionelle Sprachzeichen zu dem Gedanken, den es ausdrückt; die
sympathetische oder begleitende hingegen wie der leidenschaftliche Laut
zu der Leidenschaft. Jene ist daher nicht ihrer Natur, sondern bloß
ihrem Gebrauch nach Darstellung des Geistes. .[...]
Nun mag zwar ein Mensch
durch Kunst und Studium es zuletzt wirklich dahin bringen, dass er auch
die begleitenden Bewegungen seinem Willen unterwirft und
gleich einem
geschickten Taschenspieler, welche Gestalt er will, auf den
mimischen Spiegel seiner Seele fallen lassen kann.
Aber
an einem solchen Menschen ist dann auch alles Lüge, und alle Natur
wird von der Kunst verschlungen.
Grazie hingegen muss jederzeit Natur, d.i. unwillkürlich sein
(wenigstens so scheinen), und das Subjekt selbst darf nie so
aussehen, als wenn es um seine Anmut wüsste.
Daraus ersieht man auch
beiläufig, was man von der
nachgeahmten oder gelernten Anmut (die ich die
theatralische und die
Tanzmeistergrazie nennen möchte) zu halten habe. Sie ist ein
würdiges Gegenstück zu derjenigen Schönheit, die am Putztisch aus Karmin
und Bleiweiß, falschen Locken, fausses gorges und Walfischrippen
hervorgeht, und verhält sich ohngefähr ebenso zu der wahren Anmut,
wie die Toiletten-Schönheit sich zu der architektonischen verhält.
Auf einen ungeübten Sinn können beide völlig denselben Effekt machen wie
das Original, das sie nachahmen, und ist die Kunst groß, so kann sie
auch zuweilen den Kenner betrügen. Aber aus irgendeinem Zuge blickt
endlich doch der Zwang und die Absicht hervor, und dann ist
Gleichgültigkeit, wo nicht gar Verachtung und Ekel die unvermeidliche
Folge.
Sobald wir merken, dass die architektonische Schönheit gemacht ist,
so sehen wir gerade so viel von der Menschheit (als Erscheinung)
verschwunden, als aus einem fremden Naturgebiet zu derselben geschlagen
worden ist – und wie sollten wir, die wir nicht einmal Wegwerfung eines
zufälligen Vorzugs verzeihen, mit Vergnügen, ja auch nur mit
Gleichgültigkeit einen Tausch betrachten, wobei ein Teil der Menschheit
für gemeine Natur ist hingegeben worden? Wie sollten wir, wenn wir auch
die Wirkung verzeihen könnten, den Betrug nicht verachten? –
Sobald wir merken, dass die Anmut erkünstelt ist, so schließt sich
plötzlich unser Herz, und zurücke flieht die ihr entgegenwallende Seele.
Aus Geist sehen wir plötzlich Materie geworden, und ein Wolkenbild aus
einer himmlischen Juno.
Ob aber gleich die Anmut etwas Unwillkürliches sein oder scheinen muss,
so suchen wir sie doch nur bei Bewegungen, die mehr oder weniger von dem
Willen abhängen. Man
legt
zwar auch einer gewissen Gebärdensprache Grazie bei und
spricht von einem anmutigen Lächeln und einem reizenden Erröten,
welches doch beides
sympathetische Bewegungen sind, worüber nicht der Wille, sondern die
Empfindung entscheidet. Allein nicht zu rechnen, dass jenes doch in
unserer Gewalt ist und dass noch gezweifelt werden kann, ob dieses auch
eigentlich zur Anmut gehöre, so sind doch bei weitem die mehrern Fälle,
in welchen sich die
Grazie offenbart, aus dem Gebiet der willkürlichen Bewegungen.
Man fordert Anmut von der Rede und vom Gesang, von dem willkürlichen
Spiele der Augen und des Mundes, von den Bewegungen der Hände und der
Arme bei jedem freien Gebrauch derselben, von dem Gange, von der Haltung
des Körpers und der Stellung, von dem ganzen Bezeugen eines Menschen,
insofern es in seiner Gewalt ist. Von denjenigen Bewegungen am
Menschen, die der Naturtrieb oder ein herrgewordener Affekt auf seine
eigene Hand ausführet und die also auch ihrem Ursprung nach sinnlich
sind, verlangen wir etwas ganz anders als Anmut, wie sich nachher
entdecken wird. Dergleichen Bewegungen gehören der Natur und nicht der
Person an, aus der doch allein alle Grazie quellen muss.
Wenn also die
Anmut eine Eigenschaft ist, die wir von willkürlichen Bewegungen fordern,
und wenn auf der andern Seite
von der Anmut selbst doch alles Willkürliche verbannt sein muss, so
werden wir sie in demjenigen, was bei absichtlichen Bewegungen
unabsichtlich,
zugleich aber
einer moralischen Ursache im Gemüt entsprechend ist, aufzusuchen
haben.
Dadurch wird übrigens
bloß die Gattung von Bewegungen bezeichnet, unter welcher man die Grazie
zu suchen hat; aber eine Bewegung kann alle diese Eigenschaften haben,
ohne deswegen anmutig zu sein. Sie ist dadurch bloß sprechend (mimisch).
Sprechend (im weitesten Sinne) nenne ich jede Erscheinung am Körper, die
einen Gemütszustand begleitet und ausdrückt. In dieser Bedeutung
sind also alle sympathetische Bewegungen sprechend, selbst diejenigen,
welche bloßen Affektionen der Sinnlichkeit zur Begleitung dienen.
Auch tierische Bildungen sprechen, indem ihr Äußeres das Innere
offenbart. Hier aber spricht bloß die Natur, nie die Freiheit.
.[...] die Eigentümlichkeit seines gegenwärtigen Zustandes bloß Beispiel
einer Ausführung des Naturzwecks unter bestimmten Naturbedingungen.
Sprechend im engern Sinn ist nur die menschliche Bildung, und diese
auch nur in denjenigen ihrer Erscheinungen, die seinen moralischen
Empfindungszustand begleiten und demselben zum Ausdruck dienen.[...]
Bei dem Tiere und der Pflanze gibt die Natur nicht bloß die Bestimmung
an, sondern führt sie auch allein aus. Dem Menschen aber gibt sie bloß
die Bestimmung und überlässt ihm selbst die Erfüllung derselben. Dies
allein macht ihn zum Menschen.
Der Mensch allein hat als
Person unter allen bekannten Wesen das Vorrecht, in den Ring der
Notwendigkeit, der für bloße Naturwesen unzerreißbar ist, durch seinen
Willen zu greifen und eine ganz frische Reihe von Erscheinungen in sich
selbst anzufangen.
Der Akt, durch den er dieses wirkt, heißt vorzugsweise eine Handlung,
und diejenigen seiner Verrichtungen, die aus einer solchen Handlung
herfließen, ausschließungsweise seine Taten. Er kann
also, dass er eine Person ist, bloß durch seine Taten beweisen..[...]
Da die Natur dem Menschen
zwar die Bestimmung gibt, aber die Erfüllung derselben in seinen Willen
stellt, so kann das gegenwärtige Verhältnis seines Zustandes zu seiner
Bestimmung nicht Werk der Natur, sondern muss sein eigenes Werk sein.
[...]
Bei der Gestalt des
Menschen begnügen wir uns also nicht damit, dass sie uns bloß den
allgemeinen Begriff der Menschheit, oder was etwa die Natur zu Erfüllung
desselben an diesem Individuum wirkte, vor Augen stelle, denn das würde
er mit jeder technischen Bildung gemein haben. Wir erwarten noch von
seiner Gestalt, dass sie uns zugleich offenbare, inwieweit er in seiner
Freiheit dem Naturzweck entgegenkam, d.i. dass sie Charakter zeige. In
dem erstern Fall sieht man wohl, dass die Natur es mit ihm auf einen
Menschen anlegte, aber nur aus dem zweiten ergibt sich, ob er es
wirklich geworden ist.
Die Bildung eines Menschen ist also nur insoweit seine Bildung, als sie
mimisch ist; aber auch soweit sie mimisch ist, ist sie sein. Denn,
wenngleich der
größere Teil dieser mimischen Züge, ja wenngleich alle bloßer Ausdruck
der Sinnlichkeit wären und ihm also schon als bloßem Tiere zukommen
könnten, so war er
bestimmt und fähig, die Sinnlichkeit durch seine Freiheit einzuschränken.
Die Gegenwart solcher Züge beweist also den Nichtgebrauch jener
Fähigkeit und die Nichterfüllung jener Bestimmung; ist also ebenso
gewiss moralisch sprechend, als die Unterlassung einer Handlung, welche
die Pflicht gebietet, eine Handlung ist.
Von den sprechenden Zügen, die immer ein Ausdruck der Seele sind,
muss man die stummen Züge unterscheiden, die
bloß die plastische Natur, insofern sie von jedem Einfluss der Seele
unabhängig wirkt, in die menschliche Bildung zeichnet.
Ich nenne diese Züge stumm, weil sie als unverständliche Chiffern der
Natur von dem Charakter schweigen. Sie
zeigen bloß die Eigentümlichkeit der Natur im Vortrag der Gattung und
reichen oft für sich allein schon hin, das Individuum zu unterscheiden,
aber von der Person können sie nie etwas offenbaren. Für den
Physiognomen sind diese
stummen Züge keineswegs bedeutungsleer, weil der Physiognome nicht bloß
wissen will, was der Mensch selbst aus sich gemacht, sondern auch, was
die Natur für und gegen ihn getan hat.
Es ist nicht so leicht, die Grenzen anzugeben, wo die stummen Züge
aufhören und die sprechenden beginnen. Die gleichförmig wirkende
Bildungskraft und der gesetzlose Affekt streiten unaufhörlich um ihr
Gebiet; und was die Natur mit unermüdeter stiller Tätigkeit erbaute,
wird oft wieder umgerissen von der Freiheit, die gleich einem
anschwellenden Strome über ihre Ufer tritt.
Ein reger Geist verschafft sich auf alle körperlichen Bewegungen
Einfluss und kommt zuletzt mittelbar dahin, auch selbst die festen
Formen der Natur, die dem Willen unerreichbar sind, durch die Macht des
sympathetischen Spiels zu verändern.
An
einem solchen Menschen wird endlich alles Charakterzug, wie wir an
manchen Köpfen finden, die ein langes Leben, außerordentliche Schicksale
und ein tätiger Geist völlig durchgearbeitet haben. Der plastischen
Natur gehört an solchen Formen nur das Generische, die ganze
Individualität der Ausführung aber der Person an; daher sagt man sehr
richtig, dass an einer solchen Gestalt alles Seele sei.
Dagegen zeigen uns jene
zugestutzten Zöglinge der Regel (die
zwar die Sinnlichkeit zur Ruhe bringen, aber die Menschheit nicht wecken
kann) in ihrer flachen und ausdruckslosen Bildung überall nichts als den
Finger der Natur.
Die geschäftlose Seele ist ein bescheidener Gast in ihrem Körper und ein
friedlicher, stiller Nachbar, der sich selbst überlassenen
Bildungskraft.
Kein anstrengender Gedanke, keine Leidenschaft greift in den ruhigen
Takt des physischen Lebens; nie wird der Bau durch das Spiel in Gefahr
gesetzt, nie die Vegetation durch die Freiheit beunruhigt. Da die
tiefe Ruhe des Geistes keine beträchtliche Konsumtion der Kräfte
verursacht, so wird die Ausgabe nie die Einnahme übersteigen, vielmehr
die tierische Ökonomie immer Überschuss haben. .[...]
Eine sprechende Bildung wird also von dem Menschen gefordert, sobald
man sich seiner sittlichen Bestimmung bewusst wird; aber es muss
zugleich eine Bildung sein, die zu seinem Vorteile spricht, d.i. die
eine seiner Bestimmung gemäße Empfindungsart, eine moralische
Festigkeit, ausdrückt. Diese Anforderung macht die Vernunft an die
Menschenbildung.
Der Mensch ist aber als Erscheinung zugleich Gegenstand des Sinnes.
Wo das moralische Gefühl Befriedigung findet, da will das ästhetische
nicht verkürzt sein, und die Übereinstimmung mit einer Idee darf in
der Erscheinung kein Opfer kosten. So streng also auch immer die
Vernunft einen Ausdruck der Sittlichkeit fordert, so unnachlasslich
fordert das Auge Schönheit.
Da diese beiden Forderungen an dasselbe Objekt, obgleich von
verschiedenen Instanzen der Beurteilung, ergehen, so muss auch durch
eine und dieselbe Ursache für beider Befriedigung gesorgt sein.
Diejenige Gemütsverfassung des Menschen, wodurch er am fähigsten wird,
seine Bestimmung als moralische Person zu erfüllen, muss einen solchen
Ausdruck gestatten, der ihm auch, als bloßer Erscheinung, am
vorteilhaftesten ist. Mit andern Worten:
seine sittliche Fertigkeit muss sich durch Grazie offenbaren.
Hier ist es nun, wo die
große Schwierigkeit eintritt. Schon aus dem Begriff moralisch
sprechender Bewegungen ergibt sich, dass sie eine moralische Ursache
haben müssen, die über die Sinnenwelt hinausliegt; ebenso ergibt sich
aus dem Begriffe der Schönheit, dass sie keine andre als sinnliche
Ursache habe und ein völlig freier Natureffekt sein oder doch so
erscheinen müsse. Wenn aber der letzte Grund moralisch sprechender
Bewegungen notwendig außerhalb, der letzte Grund der Schönheit ebenso
notwendig innerhalb der Sinnenwelt liegt, so scheint
die Grazie, welche beides verbinden soll, einen offenbaren Widerspruch
zu enthalten.
Um ihn zu heben, wird man
also annehmen müssen, »daß die moralische Ursache im Gemüte, die der
Grazie zum Grunde liegt, in der von ihr abhängenden Sinnlichkeit gerade
denjenigen Zustand notwendig hervorbringe, der die Naturbedingungen des
Schönen in sich enthält«.
Das Schöne setzt nämlich, wie sich von allem Sinnlichen versteht,
gewisse Bedingungen und, insofern es das Schöne ist, auch bloß sinnliche
Bedingungen voraus. Dass nun der Geist (nach einem Gesetz, das wir
nicht ergründen können) durch den Zustand, worin er sich selbst
befindet, der ihn begleitenden Natur den ihrigen vorschreibt, und dass
der Zustand moralischer Fertigkeit in ihm gerade derjenige ist, durch
den die sinnlichen Bedingungen des Schönen in Erfüllung gebracht werden,
dadurch macht er das Schöne möglich, und das allein ist seine Handlung.
Dass aber wirklich Schönheit daraus wird, das ist Folge jener sinnlichen
Bedingungen, also freie Naturwirkung. Weil aber die Natur bei
willkürlichen Bewegungen, wo sie als Mittel behandelt wird, um einen
Zweck auszuführen, nicht wirklich frei heißen kann, und weil sie bei den
unwillkürlichen Bewegungen, die das Moralische ausdrücken, wiederum
nicht frei heißen kann, so ist die Freiheit, mit der sie sich in ihrer
Abhängigkeit von dem Willen dessen ungeachtet äußert, eine Zulassung von
seiten des Geistes. Man
kann also sagen, dass die Grazie eine Gunst sei, die das Sittliche dem
Sinnlichen erzeigt, so wie die architektonische Schönheit als die Einwilligung der Natur zu ihrer technischen Form kann betrachtet werden.
Man erlaube mir, dies
durch eine bildliche Vorstellung zu erläutern. Wenn ein
monarchischer Staat auf eine solche Art verwaltet wird, dass,
obgleich alles nach eines Einzigen Willen geht, der einzelne Bürger sich
doch überreden kann, dass er nach seinem eigenen Sinne lebe und bloß
seiner Neigung gehorche, so nennt man dies eine liberale Regierung. Man
würde aber große Bedenken tragen, ihr diesen Namen zu geben, wenn
entweder der Regent seinen Willen gegen die Neigung des Bürgers oder der
Bürger seine Neigung gegen den Willen des Regenten behauptete; denn in
dem ersten Fall wäre die Regierung nicht liberal, in dem zweiten wäre
sie gar nicht Regierung.
Es ist nicht schwer, die
Anwendung davon auf die menschliche Bildung unter dem Regiment des
Geistes zu machen. Wenn sich der Geist in der von ihm abhängenden
sinnlichen Natur auf eine solche Art äußert, dass sie seinen Willen aufs
treueste ausrichtet und seine Empfindungen auf das sprechendste
ausdrückt, ohne doch gegen die Anforderungen zu verstoßen, welche der
Sinn an sie, als an Erscheinungen, macht, so wird
dasjenige entstehen, was man Anmut nennt. Man würde aber gleich weit
entfernt sein,
es Anmut zu nennen, wenn entweder der Geist sich in der Sinnlichkeit
durch Zwang offenbarte oder wenn dem freien Effekt der Sinnlichkeit der
Ausdruck des Geistes fehlte. Denn in dem ersten Fall wäre keine
Schönheit vorhanden, in dem zweiten wäre es keine Schönheit des Spiels.
Es ist also immer nur
der übersinnliche Grund im Gemüte, der die Grazie sprechend, und immer
nur ein bloß sinnlicher Grund in der Natur, der sie schön macht. Es
lässt sich ebenso wenig sagen, dass der Geist die Schönheit erzeuge, als
man im angeführten Fall von dem Herrscher sagen kann, dass er Freiheit
hervorbringe; denn Freiheit kann man einem zwar lassen, aber nicht
geben.
So wie aber doch der
Grund, warum ein Volk unter dem Zwang eines fremden Willens sich frei
fühlt, größtenteils in der Gesinnung des Herrschers liegt und eine
entgegengesetzte Denkart des letztern jener Freiheit nicht sehr günstig
sein würde, ebenso müssen wir auch die Schönheit der freien Bewegungen
in der sittlichen Beschaffenheit des sie diktierenden Geistes aufsuchen.
Und nun entsteht die Frage: was dies wohl für eine persönliche
Beschaffenheit sein mag, die den sinnlichen Werkzeugen des Willens die
größere Freiheit verstattet, und was für moralische Empfindungen sich am
besten mit der Schönheit im Ausdruck vertragen?
So viel leuchtet ein,
dass sich weder der Wille bei der absichtlichen, noch der Affekt bei der
sympathetischen Bewegung gegen die von ihm abhängende Natur als eine
Gewalt verhalten dürfe, wenn sie ihm mit Schönheit gehorchen soll. Schon
das allgemeine Gefühl der Menschen macht die
Leichtigkeit zum
Hauptcharakter der Grazie, und was angestrengt wird, kann niemals
Leichtigkeit zeigen. Ebenso leuchtet ein, dass auf der andern Seite die
Natur sich gegen den Geist nicht als Gewalt verhalten dürfe, wenn ein
schöner moralischer Ausdruck statthaben soll; denn wo die bloße Natur
herrscht, da muss die Menschheit verschwinden.
Es lassen sich in allem
dreierlei Verhältnisse denken, in welchen der Mensch zu sich selbst, d.i.
sein sinnlicher Teil zu seinem vernünftigen, stehen kann. Unter diesen
haben wir dasjenige aufzusuchen, welches ihn in der Erscheinung am
besten kleidet und dessen Darstellung Schönheit ist.
Der
Mensch unterdrückt entweder die Forderungen seiner sinnlichen Natur, um
sich den höhern Forderungen seiner vernünftigen gemäß zu verhalten;
oder er kehrt es um und ordnet den vernünftigen Teil seines Wesens dem
sinnlichen unter und folgt also bloß dem Stoße, womit ihn die
Naturnotwendigkeit gleich den andern Erscheinungen forttreibt; oder die
Triebe des letztern setzen sich mit den Gesetzen des erstern in
Harmonie, und der Mensch ist einig mit sich selbst.
Wenn sich der Mensch
seiner reinen Selbständigkeit bewußt wird, so stößt er alles von sich,
was sinnlich ist, und nur durch diese Absonderung von dem Stoffe gelangt
er zum Gefühl seiner rationalen Freiheit. Dazu aber wird, weil die
Sinnlichkeit hartnäckig und kraftvoll widersteht, von seiner Seite eine
merkliche Gewalt und große Anstrengung erfordert, ohne welche es ihm
unmöglich wäre, die Begierde von sich zu halten und den nachdrücklich
sprechenden Instinkt zum Schweigen zu bringen. Der so gestimmte Geist
lässt die von ihm abhängende Natur, sowohl da, wo sie im Dienst seines
Willens handelt, als da, wo sie seinem Willen vorgreifen will, erfahren,
dass er ihr Herr ist. Unter seiner strengen Zucht wird also die
Sinnlichkeit unterdrückt erscheinen, und der innere Widerstand wird sich
von außen durch Zwang verraten. Eine solche Verfassung des Gemüts kann
also der Schönheit nicht günstig sein, welche die Natur nicht anders als
in ihrer Freiheit hervorbringt, und es wird daher auch nicht Grazie sein
können, wodurch die mit dem Stoffe kämpfende moralische Freiheit sich
kenntlich macht.
Wenn hingegen der Mensch, unterjocht vom Bedürfnis, den Naturtrieb
ungebunden über sich herrschen lässt, so verschwindet mit seiner
innern Selbständigkeit auch jede Spur derselben in seiner Gestalt.
Nur die Tierheit redet aus dem schwimmenden, ersterbenden Auge, aus dem
lüstern geöffneten Munde, aus der erstickten, bebenden Stimme, aus dem
kurzen, geschwinden Atem, aus dem Zittern der Glieder, aus dem ganzen
erschlaffenden Bau. .[...]
In der Kantischen
Moralphilosophie ist die Idee der Pflicht mit einer Härte
vorgetragen, die alle Grazien davon zurückschreckt und einen schwachen
Verstand leicht versuchen könnte, auf dem Wege einer finstern und
mönchischen Asketik die moralische Vollkommenheit zu suchen. Wie sehr
sich auch der große Weltweise gegen diese Missdeutung zu verwahren
suchte, die seinem heitern und freien Geist unter allen gerade die
empörendste sein muss, so hat er, deucht mir, doch selbst durch die
strenge und grelle Entgegensetzung beider auf den Willen des Menschen
wirkenden Prinzipien einen starken (obgleich bei seiner Absicht
vielleicht kaum zu vermeidenden) Anlass dazu gegeben. .[...]
Eine
schöne Seele nennt man es,
wenn sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Menschen endlich
bis zu dem Grad versichert hat, daß es dem Affekt die Leitung des
Willens ohne Scheu überlassen darf und nie Gefahr läuft, mit den
Entscheidungen desselben im Widerspruch zu stehen.
Daher sind bei einer schönen Seele die einzelnen Handlungen eigentlich
nicht sittlich, sondern der ganze Charakter ist es. Man kann ihr
auch keine einzige darunter zum Verdienst anrechnen, weil eine
Befriedigung des Triebes nie verdienstlich heißen kann.
Die schöne Seele hat kein andres Verdienst, als dass sie ist.
Mit einer Leichtigkeit, als wenn bloß der Instinkt aus ihr handelte, übt
sie der Menschheit peinlichste Pflichten aus, und das heldenmütigste
Opfer, das sie dem Naturtriebe abgewinnt, fällt wie eine freiwillige
Wirkung eben dieses Triebes in die Augen.
Daher weiß sie selbst auch niemals um die Schönheit ihres Handelns, und
es fällt ihr nicht mehr ein, dass man anders handeln und empfinden
könnte; dagegen ein
schulgerechter Zögling
der Sittenregel, so wie das Wort des Meisters ihn fordert, jeden
Augenblick bereit sein wird, vom Verhältnis seiner Handlungen zum Gesetz
die strengste Rechnung abzulegen. Das Leben des letztern wird einer
Zeichnung gleichen, worin man die Regel durch harte Striche angedeutet
sieht und an der allenfalls ein Lehrling die Prinzipien der Kunst lernen
könnte.
Aber in einem schönen Leben sind, wie in einem Tizianischen Gemälde,
alle jene schneidenden Grenzlinien verschwunden, und doch tritt die
ganze Gestalt nur desto wahrer, lebendiger, harmonischer hervor.
In einer schönen Seele ist es also, wo Sinnlichkeit und Vernunft,
Pflicht und Neigung harmonieren, und Grazie ist ihr Ausdruck in der
Erscheinung.
Nur im Dienst einer schönen Seele kann die Natur zugleich Freiheit
besitzen und ihre Form bewahren, da sie erstere unter der Herrschaft
eines strengen Gemüts, letztere unter der Anarchie der Sinnlichkeit
einbüßt.
Eine schöne Seele gießt auch über eine Bildung, der es an
architektonischer Schönheit mangelt, eine unwiderstehliche Grazie aus,
und oft sieht man sie selbst über Gebrechen der Natur triumphieren.
Alle Bewegungen, die von ihr ausgehen, werden leicht, sanft und den noch
belebt sein. Heiter und frei wird das Auge strahlen, und Empfindung wird
in demselben glänzen. Von der Sanftmut des Herzens wird der Mund eine
Grazie erhalten, die keine Verstellung erkünsteln kann. Keine Spannung
wird in den Mienen, kein Zwang in den willkürlichen Bewegungen zu
bemerken sein, denn die Seele weiß von keinem. Musik wird die Stimme
sein und mit dem reinen Strom ihrer Modulationen das Herz bewegen.
Die architektonische Schönheit kann Wohlgefallen, kann Bewunderung, kann
Erstaunen erregen, aber nur die Anmut wird hinreißen.
Die Schönheit hat Anbeter, Liebhaber hat nur die Grazie; denn wir
huldigen dem Schöpfer und lieben den Menschen.
Man wird, im ganzen
genommen, die
Anmut mehr bei dem weiblichen Geschlecht (die Schönheit vielleicht mehr
bei dem männlichen) finden, wovon die Ursache nicht weit zu suchen
ist.
Zur Anmut muss sowohl der körperliche Bau als der Charakter beitragen;
jener durch seine Biegsamkeit, Eindrücke anzunehmen und ins Spiel
gesetzt zu werden, dieser durch die sittliche Harmonie der Gefühle. In
beidem war die Natur dem Weibe günstiger als dem Manne.
Der zärtere weibliche Bau empfängt jeden Eindruck schneller und lässt
ihn schneller wieder verschwinden. Feste Konstitutionen kommen nur
durch einen Sturm in Bewegung, und wenn starke Muskeln angezogen werden,
so können sie die Leichtigkeit nicht zeigen, die zur Grazie erfordert
wird.
Was in einem weiblichen Gesicht noch schöne Empfindsamkeit ist, würde in
einem männlichen schon Leiden ausdrücken.
Die zarte Fiber des Weibes neigt sich wie dünnes Schilfrohr unter dem
leisesten Hauch des Affekts. In leichten und lieblichen Wellen gleitet
die Seele über das sprechende Angesicht, das sich bald wieder zu einem
ruhigen Spiegel ebnet.
Auch der
Beitrag, den die Seele zu der Grazie geben muss, kann bei dem Weibe
leichter als bei dem Manne erfüllt werden.
Selten wird sich der weibliche Charakter zu der höchsten Idee sittlicher
Reinheit erheben und es selten weiter als zu affektionierten Handlungen
bringen.
Er wird der Sinnlichkeit oft mit heroischer Stärke, aber nur durch die
Sinnlichkeit widerstehen.
Weil nun die Sittlichkeit des Weibes gewöhnlich auf seiten der Neigung
ist, so wird es sich in der Erscheinung ebenso ausnehmen, als wenn die
Neigung auf seiten der Sittlichkeit wäre.
Anmut wird also der Ausdruck der weiblichen Tugend sein, der sehr oft
der männlichen fehlen dürfte.
Würde
So wie die Anmut der Ausdruck einer schönen Seele ist, so ist Würde der
Ausdruck einer erhabenen Gesinnung.
Es ist dem Menschen zwar
aufgegeben, eine innige Übereinstimmung zwischen seinen beiden Naturen
zu stiften, immer ein harmonierendes Ganze zu sein und mit seiner
vollstimmigen ganzen Menschheit zu handeln. Aber diese
Charakterschönheit, die reifste Frucht seiner Humanität, ist
bloß eine Idee, welcher gemäß zu werden er
mit anhaltender Wachsamkeit streben, aber
die er
bei aller Anstrengung nie ganz erreichen kann.
Der Grund, warum er es
nicht kann, ist die unveränderliche Einrichtung seiner Natur; es sind
die physischen Bedingungen seines Daseins selbst, die ihn daran
verhindern.
Um nämlich seine Existenz
in der Sinnenwelt, die von Naturbedingungen abhängt, sicherzustellen,
musste der Mensch, da er als ein Wesen, das sich nach Willkür verändern
kann, für seine Erhaltung selbst zu sorgen hat, zu Handlungen vermocht
werden, wodurch jene physischen Bedingungen seines Daseins erfüllt und,
wenn sie aufgehoben sind, wiederhergestellt werden können. Obgleich aber
die Natur diese Sorge, die sie in ihren vegetabilischen Erzeugungen ganz
allein über sich nimmt, ihm selbst übergeben musste, so durfte doch die
Befriedigung eines so dringenden Bedürfnisses, wo es sein und seines
Geschlechts ganzes Dasein gilt, seiner ungewissen Einsicht nicht
anvertraut werden. Sie zog also diese Angelegenheit, die dem Inhalte
nach in ihr Gebiet gehört, auch der Form nach in dasselbe, indem sie in
die Bestimmungen der Willkür Notwendigkeit legte. So entstand der
Naturtrieb, der nichts anders ist als eine Naturnotwendigkeit durch das
Medium der Empfindung.
Der Naturtrieb bestürmt
das Empfindungsvermögen durch die gedoppelte Macht von Schmerz und
Vergnügen; durch Schmerz, wo er Befriedigung fordert, durch Vergnügen,
wo er sie findet.
Da einer
Naturnotwendigkeit nichts abzudingen ist, so muss auch der Mensch,
seiner Freiheit ungeachtet, empfinden, was die Natur ihn empfinden
lassen will, und je nachdem die Empfindung Schmerz oder Lust ist, so
muss bei ihm ebenso unabänderlich Verabscheuung oder Begierde erfolgen.
In diesem Punkte steht er dem Tiere vollkommen gleich, und der
starkmütigste Stoiker fühlt den Hunger ebenso empfindlich und
verabscheut ihn ebenso lebhaft als der Wurm zu seinen Füßen. [...]
Der Wille des Menschen
ist ein erhabener Begriff, auch dann, wenn man auf seinen moralischen
Gebrauch nicht achtet. Schon der bloße Wille erhebt den Menschen über
die Tierheit; der moralische erhebt ihn zur Gottheit. Er muss aber jene
zuvor verlassen haben, eh er sich dieser nähern kann; daher ist es kein
geringer Schritt zur moralischen Freiheit des Willens, durch Brechung
der Naturnotwendigkeit in sich, auch in gleichgültigen Dingen, den
bloßen Willen zu üben.[...]
In Affekten also, »wo die
Natur (der Trieb) zuerst handelt und den Willen entweder ganz zu umgehen
oder ihn gewaltsam auf ihre Seite zu ziehen strebt, kann sich die
Sittlichkeit des Charakters nicht anders als durch Widerstand offenbaren
und, dass der Trieb die Freiheit des Willens nicht einschränke, nur
durch Einschränkung des Triebes verhindern«.
Übereinstimmung mit dem Vernunftgesetz ist also im Affekte nicht anders
möglich als durch einen Widerspruch mit den Forderungen der Natur.
Und da die Natur ihre Forderungen aus sittlichen Gründen nie
zurücknimmt, folglich auf ihrer Seite alles sich gleichbleibt, wie auch
der Wille sich in Ansehung ihrer verhalten mag, so ist hier keine
Zusammenstimmung zwischen Neigung und Pflicht, zwischen Vernunft und
Sinnlichkeit möglich, so kann der Mensch hier nicht mit seiner ganzen
harmonierenden Natur, sondern ausschließungsweise nur mit seiner
vernünftigen handeln.
Er handelt also in diesen Fällen auch nicht moralisch schön, weil an der
Schönheit der Handlung auch die Neigung notwendig teilnehmen muss,
die hier vielmehr widerstreitet.
Er handelt aber moralisch groß,
weil alles das, und das allein groß ist, was von einer Überlegenheit des
höhern Vermögens über das sinnliche Zeugnis gibt.
Die schöne Seele muss sich also im Affekt in eine erhabene verwandeln,
und das ist der untrügliche Probierstein, wodurch man sie von dem guten
Herzen oder der Temperamentstugend unterscheiden kann. Ist bei einem
Menschen die Neigung nur darum auf seiten der Gerechtigkeit, weil die
Gerechtigkeit sich glücklicherweise auf seiten der Neigung befindet, so
wird der Naturtrieb im Affekt eine vollkommene Zwangsgewalt über den
Willen ausüben, und wo ein Opfer nötig ist, so wird es die Sittlichkeit
und nicht die Sinnlichkeit bringen. War es hingegen die Vernunft selbst,
die, wie bei einem schönen Charakter der Fall ist, die Neigungen in
Pflicht nahm und der Sinnlichkeit das Steuer nur anvertraute, so wird
sie es in demselben Moment zurücknehmen, als der Trieb seine Vollmacht
missbrauchen will. Die Temperamentstugend sinkt also im Affekt zum
bloßen Naturprodukt herab; die schöne Seele geht ins Heroische über und
erhebt sich zur reinen Intelligenz.
Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit,
und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung.
Streng genommen ist die moralische Kraft im Menschen keiner Darstellung
fähig, da das Übersinnliche nie versinnlicht werden kann.
Aber mittelbar kann sie durch sinnliche Zeichen dem Verstande
vorgestellt werden, wie bei der Würde der menschlichen Bildung wirklich
der Fall ist.
Der aufgeregte Naturtrieb
wird ebenso, wie das Herz in seinen moralischen Rührungen, von
Bewegungen im Körper begleitet, die teils dem Willen zuvoreilen, teils,
als bloß sympathetische, seiner Herrschaft gar nicht unterworfen sind.
Denn da weder Empfindung noch Begierde und Verabscheuung in der Willkür
des Menschen liegen, so kann er denjenigen Bewegungen, welche damit
unmittelbar zusammenhängen, nicht zu gebieten haben. Aber der Trieb
bleibt nicht bei der bloßen Begierde stehen; vorschnell und dringend
strebt er, sein Objekt zu verwirklichen, und wird, wenn ihm von dem
selbständigen Geiste nicht nachdrücklich widerstanden wird, selbst
solche Handlungen antizipieren, worüber der Wille allein zu sagen haben
soll. Denn der Erhaltungstrieb ringt ohne Unterlass nach der
gesetzgebenden Gewalt im Gebiete des Willens, und sein Bestreben ist,
ebenso ungebunden über den Menschen wie über das Tier zu schalten.
Man findet also
Bewegungen von zweierlei Art und Ursprung in jedem Affekte, den der
Erhaltungstrieb in dem Menschen
entzündet; erstlich solche, welche unmittelbar von der Empfindung
ausgehen und daher ganz unwillkürlich sind; zweitens solche, welche der
Art nach willkürlich sein sollten und könnten, die aber der blinde
Naturtrieb der Freiheit abgewinnt. Die ersten beziehen sich auf den
Affekt selbst und sind daher notwendig mit demselben verbunden; die
zweiten entsprechen mehr der Ursache und dem Gegenstande des Affekts,
daher sie auch zufällig und veränderlich sind und nicht für untrügliche
Zeichen desselben gelten können. Weil aber beide, sobald das Objekt
bestimmt ist, dem Naturtriebe gleich notwendig sind, so gehören auch
beide dazu, um den Ausdruck des Affekts zu einem vollständigen und
übereinstimmenden Ganzen zu machen.
Wenn nun der Wille
Selbständigkeit genug besitzt, dem vorgreifenden Naturtriebe Schranken
zu setzen und gegen die ungestüme Macht desselben seine Gerechtsame zu
behaupten, so bleiben zwar alle jene Erscheinungen in Kraft, die der
aufgeregte Naturtrieb in seinem eigenen Gebiet bewirkte, aber alle
diejenigen werden fehlen, die er in einer fremden Gerichtsbarkeit
eigenmächtig hatte an sich reißen wollen. Die Erscheinungen stimmen also
nicht mehr überein, aber eben in ihrem Widerspruch liegt der Ausdruck
der moralischen Kraft.
Gesetzt, wir erblicken an
einem Menschen Zeichen des qualvollesten Affekts aus der Klasse jener
ersten ganz unwillkürlichen Bewegungen. Aber indem seine Adern
auflaufen, seine Muskel krampfhaft angespannt werden, seine Stimme
erstickt, seine Brust emporgetrieben, sein Unterleib einwärts gepresst
ist, sind seine willkürlichen Bewegungen sanft, seine Gesichtszüge frei,
und es ist heiter um Aug und Stirne. Wäre der Mensch bloß ein
Sinnenwesen, so würden alle seine Züge, da sie dieselbe
gemeinschaftliche Quelle hätten, miteinander übereinstimmend sein und
also in dem gegenwärtigen Fall alle ohne Unterschied Leiden ausdrücken
müssen. Da aber Züge der Ruhe unter die Züge des Schmerzens gemischt
sind, einerlei Ursache aber nicht entgegengesetzte Wirkungen haben kann,
so beweist dieser Widerspruch der Züge das Dasein und den Einfluss einer
Kraft, die von dem Leiden unabhängig und den Eindrücken überlegen ist,
unter denen wir das Sinnliche erliegen sehen. Und auf diese Art nun wird
die Ruhe im Leiden, als worin die Würde eigentlich besteht, obgleich nur
mittelbar durch einen Vernunftschluss, Darstellung der Intelligenz im
Menschen und Ausdruck seiner moralischen Freiheit.
Aber nicht bloß beim Leiden im engern Sinn, wo dieses Wort nur
schmerzhafte Rührungen bedeutet, sondern überhaupt bei jedem starken
Interesse des Begehrungsvermögens muss der Geist seine Freiheit
beweisen, also Würde der Ausdruck sein. Der angenehme Affekt
erfordert sie nicht weniger als der peinliche, weil die Natur in beiden
Fällen gern den Meister spielen möchte und von dem Willen gezügelt
werden soll.
Die Würde bezieht sich auf die Form und nicht auf den Inhalt des
Affekts, daher es geschehen kann, dass oft dem Inhalt nach
lobenswürdige Affekte, wenn der Mensch sich ihnen blindlings überlässt,
aus Mangel der Würde ins Gemeine und Niedrige fallen; dass hingegen
nicht selten verwerfliche Affekte sich sogar dem Erhabenen nähern,
sobald sie nur in ihrer Form Herrschaft des Geistes über seine
Empfindungen zeigen.
Bei der Würde also führt sich der Geist in dem Körper als Herrscher auf,
denn hier hat er seine Selbständigkeit gegen den gebieterischen Trieb zu
behaupten, der ohne ihn zu Handlungen schreitet und sich seinem Joch
gern entziehen möchte.
Bei der Anmut hingegen regiert er mit Liberalität, weil er es hier ist,
der die Natur in Handlung setzt und keinen Widerstand zu besiegen
findet. Nachsicht verdient aber nur der Gehorsam, und Strenge kann
nur die Widersetzung rechtfertigen.
Anmut liegt also in der Freiheit der willkürlichen Bewegungen; Würde in
der Beherrschung der unwillkürlichen. Die
Anmut lässt der Natur da, wo sie die Befehle des Geistes ausrichtet,
einen Schein von Freiwilligkeit; die Würde hingegen unterwirft sie da,
wo sie herrschen will, dem Geist. Überall, wo der Trieb anfängt zu
handeln und sich herausnimmt,
in das Amt des Willens zu greifen, da darf der Wille keine Indulgenz,
sondern muss durch den nachdrücklichsten Widerstand seine
Selbständigkeit (Autonomie) beweisen. Wo hingegen der Wille anfängt und
die Sinnlichkeit ihm folgt, da darf er keine Strenge, sondern muss
Indulgenz beweisen. Dies ist mit wenigen Worten das Gesetz für das
Verhältnis beider Naturen im Menschen, so wie es in der Erscheinung sich
darstellet.
Würde wird daher mehr im Leiden (παϑος), Anmut mehr im Betragen (ηϑος)
gefordert und gezeigt; denn nur im Leiden kann sich die Freiheit des
Gemüts, und nur im Handeln die Freiheit des Körpers offenbaren.
Da die
Würde ein Ausdruck des Widerstandes ist, den der selbständige Geist dem
Naturtriebe leistet, dieser also als eine Gewalt muss angesehen
werden, welche Widerstand nötig macht, so ist sie da, wo keine solche
Gewalt zu bekämpfen ist, lächerlich, und wo keine mehr zu bekämpfen sein
sollte, verächtlich.
Man lacht über den Komödianten (wes Standes und Würden er auch sei), der
auch bei gleichgültigen Verrichtungen eine gewisse Dignität affektiert.
Man verachtet die kleine Seele, die sich für die Ausübung einer gemeinen
Pflicht, die oft nur Unterlassung einer Niederträchtigkeit ist, mit
Würde bezahlt macht.
Überhaupt ist es nicht eigentlich Würde, sondern Anmut, was man von der
Tugend fordert.
Die Würde gibt sich bei der Tugend von selbst, die schon ihrem Inhalt
nach Herrschaft des Menschen über seine Triebe voraussetzt. Weit
eher wird sich
bei Ausübung sittlicher Pflichten die Sinnlichkeit in einem Zustand des
Zwangs und der Unterdrückung befinden, da besonders, wo sie ein
schmerzhaftes Opfer bringt.
Da aber das Ideal vollkommener Menschheit keinen Widerstreit, sondern
Zusammenstimmung zwischen dem Sittlichen und Sinnlichen fordert, so
verträgt es sich nicht wohl mit der Würde, die, als
ein Ausdruck jenes Widerstreits zwischen beiden, entweder die besondern
Schranken des Subjekts oder die allgemeinen der Menschheit sichtbar
macht.
Ist das erste, und liegt
es bloß an dem Unvermögen des Subjekts, dass bei einer Handlung Neigung
und Pflicht nicht zusammenstimmen, so wird diese Handlung jederzeit so
viel an sittlicher Schätzung verlieren, als sich Kampf in ihre Ausübung,
also Würde in ihren Vortrag mischt. Denn unser moralisches Urteil bringt
jedes Individuum unter den Maßstab der Gattung, und dem Menschen werden
keine andre als die Schranken der Menschheit vergeben.
Ist aber das zweite, und kann eine Handlung der Pflicht mit den
Forderungen der Natur nicht in Harmonie gebracht werden, ohne den
Begriff der menschlichen Natur aufzuheben, so ist der Widerstand der
Neigung notwendig, und es ist bloß der Anblick des Kampfes, der uns von
der Möglichkeit des Sieges überführen kann. Wir erwarten hier also
einen Ausdruck des Widerstreits in der Erscheinung und werden uns nie
überreden lassen, da an eine Tugend zu glauben, wo wir nicht einmal
Menschheit sehen.
Wo also die sittliche Pflicht eine Handlung gebietet, die das Sinnliche
notwendig leiden macht, da ist Ernst und kein Spiel, da würde uns die
Leichtigkeit in der Ausübung viel mehr empören als befriedigen; da
kann also nicht
Anmut, sondern Würde der Ausdruck sein. Überhaupt gilt hier das
Gesetz, dass der Mensch alles mit Anmut tun müsse, was er innerhalb
seiner Menschheit verrichten kann, und alles mit Würde, welches zu
verrichten er über seine Menschheit hinausgehen muss.
So wie wir Anmut von der Tugend fordern, so fordern wir Würde von der
Neigung.
Der Neigung ist die Anmut so natürlich, als der Tugend die Würde, da sie
schon ihrem Inhalt nach sinnlich, der Naturfreiheit günstig und aller
Anspannung feind ist.
Auch dem rohen Menschen fehlt es nicht an einem gewissen Grade von
Anmut, wenn ihn die Liebe oder ein ähnlicher Affekt beseelt, und
wo findet man mehr
Anmut als bei Kindern, die doch ganz unter sinnlicher Leitung
stehen? Weit mehr Gefahr ist da, dass die Neigung den Zustand des
Leidens endlich zum herrschenden mache, die Selbsttätigkeit des Geistes
ersticke und eine allgemeine Erschlaffung herbeiführe. Um sich also bei
einem edeln Gefühl in Achtung zu setzen, die ihr nur allein ein
sittlicher Ursprung verschaffen kann, muss die Neigung sich jederzeit
mit Würde verbinden. Daher fordert der Liebende Würde von dem Gegenstand
seiner Leidenschaft. Würde allein ist ihm Bürge, daß nicht das Bedürfnis
zu ihm nötigte, sondern dass die Freiheit ihn wählte – dass man ihn
nicht als Sache begehrt, sondern als Person hochschätzt.
Man fordert Anmut von dem, der verpflichtet, und Würde von dem, der
verpflichtet wird. Der erste soll, um sich eines kränkenden Vorteils
über den andern zu begeben, die Handlung seines uninteressierten
Entschlusses durch den Anteil, den er die Neigung daran nehmen lässt, zu
einer affektionierten Handlung heruntersetzen und sich dadurch den
Schein des gewinnenden Teiles geben. Der andre soll, um durch die
Abhängigkeit, in die er tritt, die Menschheit (deren heiliges Palladium
Freiheit ist) nicht in seiner Person zu entehren, das bloße Zufahren des
Triebes zu einer Handlung seines Willens erheben und auf diese Art,
indem er eine Gunst empfängt, eine erzeigen.
Man muss einen Fehler mit Anmut rügen und mit Würde bekennen. Kehrt
man es um, so wird es das Ansehen haben, als ob der eine Teil seinen
Vorteil zu sehr, der andre seinen Nachteil zu wenig empfände.
Will der Starke geliebt sein, so mag er seine Überlegenheit durch Grazie
mildern. Will der Schwache geachtet sein, so mag er seiner Ohnmacht
durch Würde aufhelfen. Man ist sonst der Meinung, dass auf den Thron
Würde gehöre, und bekanntlich lieben die, welche darauf sitzen, in ihren
Räten, Beichtvätern und Parlamenten – die Anmut. Aber was in einem
politischen Reiche gut und löblich sein mag, ist es nicht immer in einem
Reiche des Geschmacks. In dieses Reich tritt auch der König – sobald er
von seinem Throne herabsteigt (denn Throne haben ihre Privilegien), und
auch der kriechende Höfling begibt sich unter seine heilige Freiheit,
sobald er sich zum Menschen aufrichtet. Alsdann aber möchte ersterm zu
raten sein, mit dem Überfluss des andern seinen Mangel zu ersetzen und
ihm so viel an Würde abzugeben, als er selbst an Grazie nötig hat.
Da Würde und Anmut ihre verschiedenen Gebiete haben, worin sie sich
äußern, so schließen sie einander in derselben Person, ja in demselben
Zustand einer Person nicht aus;
vielmehr ist es nur die Anmut, von der die Würde ihre Beglaubigung, und
nur die Würde, von der die Anmut ihren Wert empfängt.
Würde allein beweist zwar überall, wo wir sie antreffen, eine gewisse
Einschränkung der Begierden und Neigungen. Ob es aber
nicht vielmehr Stumpfheit des Empfindungsvermögens (Härte) sei, was wir
für Beherrschung halten, und ob es wirklich moralische
Selbsttätigkeit und nicht vielmehr Übergewicht eines andern Affektes,
also absichtliche Anspannung sei, was den Ausbruch des gegenwärtigen im
Zaume hält, das
kann
nur die damit verbundene Anmut außer Zweifel setzen.
Die Anmut nämlich zeugt von einem ruhigen, in sich harmonischen Gemüt
und von einem empfindenden Herzen.
Ebenso beweist auch die
Anmut schon für sich allein eine Empfänglichkeit des Gefühlvermögens und
eine Übereinstimmung der Empfindungen. Dass es aber nicht
Schlaffheit des Geistes sei, was
dem Sinn so viel Freiheit lässt und das Herz jedem Eindruck öffnet, und
dass es das Sittliche sei, was die Empfindungen in diese Übereinstimmung
brachte, das kann uns wiederum
nur die damit
verbundne Würde verbürgen.
In der Würde nämlich legitimiert sich das Subjekt als eine selbständige
Kraft; und indem der Wille die Lizenz der unwillkürlichen Bewegungen
bändigt, gibt er zu erkennen, dass er die Freiheit der willkürlichen
bloß zulässt.
Sind Anmut und Würde, jene noch durch architektonische Schönheit, diese
durch Kraft unterstützt, in derselben Person vereinigt, so ist der
Ausdruck der Menschheit in ihr vollendet, und sie steht da,
gerechtfertigt in der Geisterwelt und freigesprochen in der Erscheinung.
Beide Gesetzgebungen berühren einander hier so nahe, dass ihre Grenzen
zusammenfließen. Mit gemildertem Glanze steigt in dem Lächeln des
Mundes, in dem sanftbelebten Blick, in der heitern Stirne die
Vernunftfreiheit auf, und mit erhabenem Abschied geht die
Naturnotwendigkeit in der edeln Majestät des Angesichts unter. Nach
diesem Ideal menschlicher Schönheit sind die Antiken gebildet, und man
erkennt es in der göttlichen Gestalt einer Niobe, im belvederischen
Apoll, in dem borghesischen geflügelten Genius und in der Muse des
Barberinischen Palastes.
Wo sich Grazie und Würde vereinigen, da werden wir abwechselnd angezogen
und zurückgestoßen; angezogen als Geister, zurückgestoßen als sinnliche
Naturen.
In der Würde nämlich wird uns ein Beispiel der Unterordnung des
Sinnlichen unter das Sittliche vorgehalten, welchem nachzuahmen für uns
Gesetz, zugleich aber für unser physisches Vermögen übersteigend ist.
Der Widerstreit zwischen dem Bedürfnis der Natur und der Forderung des
Gesetzes, deren Gültigkeit wir doch eingestehen, spannt die Sinnlichkeit
an und erweckt das Gefühl, welches Achtung genannt wird und von der
Würde unzertrennlich ist.
In der Anmut hingegen, wie in der Schönheit überhaupt, sieht die
Vernunft ihre Forderung in der Sinnlichkeit erfüllt, und überraschend
tritt ihr eine ihrer Ideen in der Erscheinung entgegen. Diese unerwartete
Zusammenstimmung des Zufälligen der Natur mit dem Notwendigen der
Vernunft erweckt ein Gefühl frohen Beifalls (Wohlgefallen), welches
auflösend für den Sinn, für den Geist aber belebend und beschäftigend
ist, und eine Anziehung des sinnlichen Objekts muss erfolgen.
Diese Anziehung nennen wir Wohlwollen – Liebe; ein Gefühl, das von Anmut
und Schönheit unzertrennlich ist.
Bei dem Reiz (nicht dem Liebreiz, sondern dem Wollustreiz, stimulus)
wird dem Sinn ein sinnlicher Stoff vorgehalten, der ihm Entledigung von
einem Bedürfnis, d.i. Lust verspricht. Der Sinn ist also bestrebt, sich
mit dem Sinnlichen zu vereinbaren, und Begierde entsteht; ein Gefühl,
das anspannend für den Sinn, für den Geist hingegen erschlaffend ist.
Von der
Achtung kann man sagen, sie beugt sich vor ihrem Gegenstande; von
der Liebe, sie neigt sich zu dem ihrigen; von der Begierde, sie stürzt
auf den ihrigen. Bei
der Achtung ist das Objekt die Vernunft und das Subjekt die sinnliche
Natur. Bei der Liebe ist das Objekt sinnlich, und das Subjekt die
moralische Natur.
Bei der
Begierde sind Objekt und Subjekt sinnlich.
Die Liebe allein ist also eine freie Empfindung, denn ihre reine Quelle
strömt hervor aus dem Sitz der Freiheit, aus unsrer göttlichen Natur.
Es ist hier nicht das Kleine und Niedrige, was sich mit dem Großen und
Hohen misst, nicht der Sinn, der an dem Vernunftgesetz schwindelnd
hinaufsieht;
es ist das absolut Große selbst, was in der Anmut und Schönheit sich
nachgeahmt und in der Sittlichkeit sich befriedigt findet,
es ist der Gesetzgeber selbst, der Gott in uns, der mit seinem eigenen
Bilde in der Sinnenwelt spielt. Daher ist das Gemüt aufgelöst in der
Liebe, da es angespannt ist in der Achtung;denn hier ist nichts, das
ihm Schranken setzte, da das absolut Große nichts über sich hat und die
Sinnlichkeit, von der hier allein die Einschränkung kommen könnte, in
der Anmut und Schönheit mit den Ideen des Geistes zusammen stimmt.
Liebe ist ein Herabsteigen, da die Achtung ein Hinaufklimmen ist.
Daher kann der Schlimme nichts lieben, ob er gleich vieles achten muß;
daher kann der Gute wenig achten, was er nicht zugleich mit Liebe
umfinge.
Der reine Geist kann nur lieben, nicht achten; der Sinn kann nur achten,
aber nicht lieben.
Wenn der
schuldbewusse Mensch in ewiger Furcht schwebt, dem Gesetzgeber in
ihm selbst, in der Sinnenwelt zu begegnen, und in allem, was groß und
schön und trefflich ist, seinen Feind erblickt, so
kennt die schöne Seele kein süßeres Glück, als das Heilige in sich außer
sich nachgeahmt oder verwirklicht zu sehen und in der Sinnenwelt ihren
unsterblichen Freund zu umarmen.
Liebe ist zugleich das Großmütigste und das Selbstsüchtigste in der
Natur; das erste: denn sie empfängt von ihrem Gegenstande nichts,
sondern gibt ihm alles,
da der
reine Geist nur geben, nicht empfangen kann; das zweite:
denn es ist immer nur ihr eigenes Selbst, was sie in ihrem Gegenstande
sucht und schätzet.
Aber eben darum, weil
der Liebende von dem Geliebten nur empfängt, was er ihm selber gab,
so begegnet es ihm öfters, dass er ihm gibt, was er nicht von ihm
empfing. Der äußre Sinn glaubt zu sehen, was nur der innere anschaut,
der feurige Wunsch wird zum Glauben, und der eigne Überfluss des
Liebenden verbirgt die Armut des Geliebten.
Daher ist die Liebe so leicht der Täuschung ausgesetzt, was der Achtung
und Begierde selten begegnet. Solange der innre Sinn den äußern
exaltiert, solange dauert auch die selige Bezauberung der platonischen
Liebe, der zur Wonne der Unsterblichen nur die Dauer fehlt.
Sobald aber der innere Sinn dem äußern seine Anschauungen nicht mehr
unterschiebt, so tritt der äußere wieder in seine Rechte und fordert,
was ihm zukommt, Stoff. Das Feuer, welches die himmlische Venus
entzündete, wird von der irdischen benutzt, und
der Naturtrieb rächt seine lange Vernachlässigung nicht selten durch
eine desto unumschränktere Herrschaft. Da der Sinn nie getäuscht
wird, so macht er diesen Vorteil mit grobem Übermut gegen seinen edleren
Nebenbuhler geltend und ist kühn genug, zu behaupten, dass er gehalten
habe, was die Begeisterung schuldig blieb.
Die
Würde hindert, dass die Liebe nicht zur Begierde wird.
Die
Anmut verhütet, dass die Achtung nicht Furcht wird.
Wahre Schönheit, wahre Anmut soll niemals Begierde erregen.
Wo diese sich einmischt, da muss es entweder dem Gegenstand an Würde
oder dem Betrachter an Sittlichkeit der Empfindungen mangeln.
Wahre Größe soll
niemals Furcht erregen. Wo diese eintritt, da kann man gewiss sein,
dass es entweder dem Gegenstand an Geschmack und an Grazie oder dem
Betrachter an einem günstigen Zeugnis seines Gewissens fehlt.
Reiz, Anmut und Grazie werden zwar gewöhnlich als gleichbedeutend
gebraucht; sie sind es aber nicht, oder sollten es doch nicht sein, da
der Begriff, den sie ausdrücken, mehrerer Bestimmungen fähig ist, die
eine verschiedene Bezeichnung verdienen.
Es gibt
eine belebende und eine beruhigende Grazie.
Die erste grenzt an den Sinnenreiz, und das Wohlgefallen an derselben
kann,
wenn es nicht durch Würde zurückgehalten wird, leicht in Verlangen
ausarten. Diese kann Reiz genannt werden. Ein abgespannter Mensch
kann sich nicht durch innre Kraft in Bewegung setzen, sondern muss Stoff
von außen empfangen und durch leichte Übungen der Phantasie und schnelle
Übergänge vom Empfinden zum Handeln seine verlorene Schnellkraft
wiederherzustellen suchen. Dieses erlangt er im Umgang mit einer
reizenden Person, die das stagnierende Meer seiner Einbildungskraft
durch Gespräch und Anblick in Schwung bringt.
Die
beruhigende Grazie
grenzt näher an die Würde, da sie sich durch Mäßigung unruhiger
Bewegungen äußert. Zu ihr wendet sich der angespannte Mensch, und
der wilde Sturm des Gemüts löst sich auf an ihrem friedeatmenden Busen.
Diese kann Anmut genannt werden.
Mit dem Reize verbindet sich gern der lachende Scherz und der Stachel
des Spotts; mit der Anmut das Mitleid und die Liebe. Der entnervte
Soliman schmachtet zuletzt in den Ketten einer Roxelane, wenn sich der
brausende Geist eines Othello an der sanften Brust einer Desdemona zur
Ruhe wiegt.
Auch die
Würde hat ihre
verschiedenen Abstufungen und wird da, wo sie sich der Anmut und
Schönheit nähert, zum Edeln, und wo sie an das Furchtbare grenzt, zur
Hoheit.
Der
höchste Grad der
Anmut ist das Bezaubernde; der
höchste Grad der Würde
die Majestät.
Bei dem Bezaubernden verlieren wir uns gleichsam selbst und fließen
hinüber in den Gegenstand. Der höchste Genuss der Freiheit grenzt an
den völligen Verlust derselben, und die
Trunkenheit des Geistes an den Taumel der Sinnenlust. Die Majestät
hingegen hält uns ein Gesetz vor, das uns nötigt, in uns selbst zu
schauen. Wir schlagen die Augen vor dem gegenwärtigen Gott zu Boden,
vergessen alles außer uns und empfinden nichts als die schwere Bürde
unsers eigenen Daseins.
Majestät hat nur das Heilige.
Kann ein Mensch uns dieses repräsentieren, so hat er Majestät; und wenn
auch unsre Knie nicht nachfolgen, so wird doch unser Geist vor ihm
niederfallen. Aber er richtet sich schnell wieder auf, sobald nur die
kleinste Spur menschlicher Schuld an dem Gegenstand seiner Anbetung
sichtbar wird; denn nichts, was nur vergleichungsweise groß ist, darf
unsern Mut darniederschlagen.
Die bloße Macht, sei sie auch noch so furchtbar und grenzenlos, kann nie
Majestät verleihen. Macht imponiert nur dem Sinnenwesen, die
Majestät muss dem Geist seine Freiheit nehmen. Ein Mensch, der mir das
Todesurteil schreiben kann, hat darum noch keine Majestät für mich,
sobald ich selbst nur bin, was ich sein soll. Sein Vorteil über mich ist
aus, sobald ich will. Wer mir aber in seiner Person den reinen Willen
darstellt, vor dem werde ich mich, wenns möglich ist, auch noch in
künftigen Welten beugen.
Anmut und Würde stehen in einem zu hohen Wert, um die Eitelkeit und
Torheit nicht zur Nachahmung zu reizen. Aber
es gibt dazu nur einen Weg, nämlich Nachahmung der Gesinnungen, deren
Ausdruck sie sind. Alles andre ist Nachäffung und wird sich als solche
durch Übertreibung bald kenntlich machen.
So wie aus der Affektation des Erhabenen Schwulst, aus der Affektation
des Edeln das Kostbare entsteht, so wird aus der
affektierten Anmut Ziererei und
aus der affektierten Würde steife Feierlichkeit und Gravität.
Die echte Anmut gibt bloß nach und kommt entgegen, die falsche hingegen
zerfließt. Die wahre Anmut schont bloß die Werkzeuge der
willkürlichen Bewegung und will der Freiheit der Natur nicht
unnötigerweise zu nahe treten; die falsche Anmut hat gar nicht das Herz,
die Werkzeuge des Willens gehörig zu gebrauchen, und um ja nicht ins
Harte und Schwerfällige zu fallen, opfert sie lieber etwas von dem Zweck
der Bewegung auf oder sucht ihn durch Umschweife zu erreichen. Wenn der
unbehülfliche Tänzer bei einer Menuett so viel Kraft aufwendet, als ob
er ein Mühlrad zu ziehen hätte, und mit Händen und Füßen so scharfe
Ecken schneidet, als wenn es hier um eine geometrische Genauigkeit zu
tun wäre, so wird der affektierte Tänzer so schwach auftreten, als ob er
den Fußboden fürchtete, und mit Händen und Füßen nichts als
Schlangenlinien beschreiben, wenn er auch darüber nicht von der Stelle
kommen sollte.
Das andre Geschlecht, welches vorzugsweise im Besitze der wahren Anmut
ist, macht sich auch der falschen am meisten schuldig; aber nirgends
beleidigt diese mehr, als wo sie der Begierde zum Angel dienet.
Aus dem Lächeln der wahren Grazie wird dann die widrigste Grimasse, das
schöne Spiel der Augen, so bezaubernd, wenn wahre Empfindung daraus
spricht, wird zur Verdrehung, die schmelzend modulierende Stimme, so
unwiderstehlich in einem wahren Munde, wird zu einem studierten
tremulierenden Klang, und die ganze Musik weiblicher Reizungen zu einer
betrüglichen Toilettenkunst.
Wenn man
auf Theatern und Ballsälen
Gelegenheit hat, die affektierte Anmut zu beobachten, so kann man oft in
den Kabinetten der Minister und in den Studierzimmern der Gelehrten (auf
hohen Schulen besonders) die
falsche Würde studieren. Wenn die wahre Würde zufrieden ist, den
Affekt an seiner Herrschaft zu hindern, und dem Naturtriebe bloß da, wo
er den Meister spielen will, in den unwillkürlichen Bewegungen,
Schranken setzt, so
regiert die falsche Würde auch die willkürlichen mit einem eisernen
Szepter, unterdrückt die moralischen Bewegungen, die der wahren Würde
heilig sind, so gut als die sinnlichen, und löscht das ganze mimische
Spiel der Seele in den Gesichtszügen aus.
Sie ist nicht bloß streng gegen die widerstrebende, sondern hart gegen
die unterwürfige Natur und sucht ihre lächerliche Größe in Unterjochung
und, wo dies nicht angehen will, in Verbergung derselben. Nicht
anders, als wenn sie allem, was Natur heißt, einen unversöhnlichen Hass
gelobt hätte, steckt sie den Leib in lange faltigte Gewänder, die den
ganzen Gliederbau des Menschen verbergen, beschränkt den Gebrauch der
Glieder durch einen lästigen Apparat unnützer Zierat und
schneidet sogar die Haare ab, um das Geschenk der Natur durch ein
Machwerk der Kunst zu ersetzen. Wenn die wahre Würde, die sich nie
der Natur, nur der rohen Natur schämt, auch da, wo sie an sich hält,
noch stets frei und offen bleibt, wenn in den Augen Empfindung strahlt
und der heitre stille Geist auf der beredten Stirne ruht, so legt die
Gravität die ihrige in Falten, wird verschlossen
und mysteriös und bewacht sorgfältig wie ein Komödiant ihre Züge.
Alle ihre Gesichtsmuskeln sind angespannt, aller wahre natürliche
Ausdruck verschwindet, und der ganze Mensch ist wie ein versiegelter
Brief.
Aber die falsche Würde hat nicht immer unrecht, das mimische Spiel
ihrer Züge in scharfer Zucht zu halten, weil es vielleicht mehr aussagen
könnte, als man laut machen will; eine Vorsicht, welche die wahre Würde
freilich nicht nötig hat. Diese wird die Natur nur beherrschen, nie
verbergen; bei der falschen hingegen herrscht die Natur nur desto
gewalttätiger innen, indem sie außen bezwungen ist."
(Quelle: Friedrich
Schiller: Sämtliche Werke, Band 5, München: Hanser 31962, S.
433-489.
Entstanden 1793, Erstdruck in: Neue Thalia (Leipzig), 2. Jg., 1793, Heft
2.,
http://www.zeno.org/nid/20005609801)
Worterklärungen und
-erläuterungen
1
Göttin der Schönheit: in der
»griech. Mythologie »Aphrodite,
in der »röm. Mythologie
»Venus;
die Göttin ist »Göttin
der Liebe, des erotischen Verlangens und der Schönheit (•
Die Götterwelt der Griechen)
2
Gürtel:
»Venusgürtel bzw. Zaubergürtel der »Venus
bzw. »Aphrodite,
in dem all ihr Liebeszauber eingeschlossen und wirksam ist, ein
Zaubergürtel der Liebe, der sie durch Liebreiz bezaubernd und damit
unwiderstehlich macht.
3
Huldgöttinnen oder den Grazien:
»Die
drei Grazien bzw. Chariten: in der
»griech. Mythologie
"Untergöttinnen" und Dienende der zwölf »olympischen
Hauptgötter, die mit »Aphrodite,
aber auch dem Götterboten »Hermes
(u. a. Schutzgott des Verkehrs, der Reisenden, der Kaufleute und der
Hirten, Gott der Diebe, ...) und
»Apollon,
in der »griech,
und
»röm. Mythologie
der Gott des Lichts, des Frühlings, der sittlichen Reinheit und Mäßigung
sowie der Weissagung und der Künste,
in Verbindung stehen; in der »röm. Mythologie
entsprechen sie den drei Grazien (lateinisch gratiae). Sie sind
Töchter des »Zeus und
der »
Eurynome und heißen »Euphrosyne
("die Frohsinnige"), »Thalia
("die Blühende“) und
Aglaia ("die Strahlende"). Sie brachten den Menschen und den Göttern
Anmut, Schönheit und Festesfreude (vgl.
Wikipedia)
4
Göttin von Gnidus: »Aphrodite
von Knidos: Statue des attischen Bildhauers
Praxiteles;
entstanden vermutlich zwischen 350 und 340 v. Chr.; für ihre
außerordentliche Schönheit berühmt, zumal sie von allen Seiten als
Idealbild weiblicher Schönheit bewundert werden konnte
(Rundansichtigkeit), sowie dafür, die erste lebensgroße Darstellung des
nackten weiblichen Körpers in klassischer Zeit zu sein; dargestellt war
die Göttin »Aphrodite,
wie sie sich auf das rituelle Bad zur Wiederherstellung ihrer
Jungfräulichkeit vorbereitet; in ihrer linken Hand hält sie ihr Gewand,
während sie mit der Rechten die Scham verbirgt; begründet den Typus der
Venus pudica (schamhafte »Venus,
da sie mit der Rechten ihre Scham, in späteren Versionen zuweilen auch
die Brüste, bedeckt) in der antiken Kunst. Sie wurde in einem Tempel in
»Knidos aufgestellt;
5 Juno: »Juno:
altitalische, insbesondere römische Göttin und Ehefrau des Göttervaters
»Jupiter,
die mit der griechischen Göttin »Hera
n der
»griech. Mythologie
gleichgesetzt wurde. Juno galt als Göttin der Geburt, der Ehe und
Fürsorge. Sie ist eine Tochter von »Kronos
und »Rhea,
Schwester und zugleich Gattin von »Zeus.
Der Monatsname Juni wurde vom Namen der Göttin abgeleitet.
6 Jupiter: »Jupiter:
n der »röm. Mythologie
oberste Gottheit; entspricht dem Göttervater »Zeus
in der
»griech. Mythologie
7 Ida: »Idagebirge
(Psiloritis-Massiv): eines der drei über 2000 Meter hohen
Gebirgsmassive der
griechischen Mittelmeerinsel
Kreta;
der Berg war der »Hera
bzw. »Juno
heilig, weil sie hier »Zeus
verführte, um ihn von den Kampfhandlungen im »Trojanischen
Krieg abzulenken; in der
»griech. Mythologie versteckte die Berggöttin Ida den jungen »Zeus,
den seine Mutter »Rhea
vor seinem Vater »Kronos,
der alle seine Kinder verschlingen wollte, in einer geheimen Höhle im
kretischen Ida-Gebirge.
8
Prärogativ: (lat. praerogativa), Vorrecht

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
16.03.2026