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Aspekte der Gedichtanalyse: Schiller, Das Lied von der Glocke

Totgesagte leben länger

Anmerkungen zur Interpretation des Gedichts

 
FAChbereich Deutsch
Glossar Literatur Autorinnen und Autoren Friedrich Schiller Biographie
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Totgesagte leben länger

Totgesagte leben länger, heißt es redensartlich, wenn wider Erwarten ein Mensch oder eine Sache, die eigentlich längst abgehakt scheint, für gescheitert erklärt wird und totgesagt ist, dennoch oder plötzlich wieder aktuell und interessant wird und seine eigene Erfolgsgeschichte schreibt.

Nicht anders, so scheint es, verhält es sich mit Schillers Lied von der Glocke, das schon zur Zeit seines Erscheinens von vielen für sein Pathos, sein Moralisieren und den darin ausgedrückten Biedersinn über das Verhältnis von Männern und Frauen und das Leben in einer bürgerlichen Gesellschaft so gelobt wurde, dass es über mehr als zwei Jahrhunderte hinweg zu unterschiedlichen politischen Zwecken instrumentalisiert werden konnte.

Was die einen aber lobten, war anderen von Anfang an ein Dorn im Auge. Schillers "geradezu primitive Geschlechterphilosophie" (Hofmann 2005a, S.289) im Lied von der Glocke wie auch in "Würde der Frauen (1795)", die ein Idealbild "bornierten Biedersinnes" (ebd.) entwerfen, sollte so eigentlich nur noch als Negativfolie oder als Beispiel für ein heute gänzlich überkommenes, geschichtlich klar verortbares Männer- und Frauenbild herhalten.

Weil es dazu noch namhaften Literaturkritikern wegen verschiedener Gründe als schlecht gemacht und "literarisch verunglückt" (Berghahn 1996, S.281) vorkam, hätten sie es gerne auf die Schutthalde gekippt, um das Gedicht, das der Aufrechterhaltung patriarchalischer Strukturen ebenso dienen musste, wie nationalistischen Interessen im 19. Jahrhundert und der völkischen Ideologie des Nationalsozialismus, endgültig aus dem »kulturellen Gedächtnis (Aleida Assmann und Jan Assmann) der Deutschen zu tilgen.

Man hat versucht, es quasi totzuschweigen, indem man es, wie in der 1966 von »Hans Magnus Enzensberger (geb. 1929) verantworteten Zusammenstellung lyrischer Werke des Dichters einfach aussortierte, und in der Literaturwissenschaft fand es über lange Zeit keinen namhaften Vertreter, der sich mit dem Lied ernsthaft auseinandersetzte. Aber wie gesagt: Totgesagte leben länger.

Im Internet suchen seine Nutzerinnen und Nutzer in Deutschland, aber auch weltweit, nach dem Lied von der Glocke und finden bis heute wäre also der Frage nachzugehen, wie heutige Rezipientinnen und Rezipienten in den unterschiedlichen Kulturen in der Welt Gebrauch von dem "berühmt-berüchtigten" Lied machen und welchen Nutzen ziehen sie daraus ziehen.

Sie tun es jedenfalls, so lässt sich vermuten, ohne die von ihnen, von wem auch immer, verordnete Einstellung "eine rein ästhetische Betrachtungsweise einzunehmen" (Bourdieu 1987/2014, S.80). Stattdessen machen sie auch in Form ▪ pragmatischer Applikation davon Gebrauch und demonstrieren damit unmissverständlich, dass sie sich der "Zuschreibung einer Gebrauchsweise" (ebd., S.83) durch Vormünder jedweder Provenienz entziehen, die sie mit ihrem distinktiven "Ästhetizismus" ohnehin nur als eine "Art Konstrastfolie, eine(n) negativen Bezugpunkt" (ebd., S.107) sehen möchten und ihre populäre oder "volkstümliche" Rezeption als trivial und im Grund inkompetent abwerten.

"Vieles im Schillerschen Werk (ist) für uns lächerlich und unerträglich", schrieb der Literaturkritiker »Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) im Jahr 1966, als er sich mit der von »Hans Magnus Enzensberger (geb. 1929) im Insel-Verlag zusammengestellten Auswahl lyrischer Werke Friedrich Schillers auseinandersetzte, und fügte hinzu, "dass es sich leicht verspotten und schwer ersetzen lässt." (Reich-Ranicki, Kein Lied mehr von der Glocke, 1966)

Ihm blieb unverständlich, dass mit dem "Lied von der Glocke" und der Ballade "Die Bürgschaft" z. B. zwei lyrische Werke Schillers, "aus denen das deutsche Bürgertum seine Lebensmaximen anderthalb Jahrhunderte zu beziehen gewohnt war", in der von Enzensberger verantworteten Auswahl keinen Platz gefunden hatten.

Schillers Lied von der Glocke, das bis heute zu den bekanntesten Gedichten der deutschen Lyrik gehört, hat von Anfang an polarisiert, was ein kurzer Blick in die  wechselvolle Rezeptionsgeschichte "dieses berühmt-berüchtigten Gedichts" (Hofmann 2005a, S.287) belegt.

Das Lied von der Glocke war ein zuallererst ein Publikumserfolg und ist bis heute auf seine Art und Weise ein Longseller, der seinesgleichen sucht. Wie »Caroline von Wolzogen, geb. Lengefeld, (1763-1847), der zeitlebens mit Schiller freundlich verbundenen Schwägerin, formulierte, wurde das Lied schon sehr schnell "ein Lieblingsgedicht der Deutschen". "Jeder findet rührende Lebenstöne darin", so fährt sie fort, "und das allgemeine Schicksal der Menschen geht innig ans Herz." (Caroline von Wolzogen, Schillers Leben, S.275) Dieses "Erfolgsrezept des Gedichts [...], die jedem im Gedicht das Seine finden lässt" (Berghahn 1996, S.278) bestimmt von Anfang an die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des Gedichtes.

Und sein Erfolg, so scheint es, machte das Ganze erst recht verdächtig und wenn nicht ihren Autor, dann doch das zeitgenössische wie auch spätere Publikum, das seine Balladen alle miteinander ständig so nutze, wie es gerade opportun war, und schon in der Schule herauf- und herunternudelte, bis nichts, aber auch gar nichts mehr an die idealistischen Grundlagen von Schillers "Ideenballaden" (Hofmann 2003, S.144) erinnerte, mit der er seine abstrakten Konzepte illustrieren wollte.

 "Schiller als Projektionsfläche für zeitgenössische Bestrebungen" (Hofmann 2005b, S.561) zieht sich durch seine ganze Wirkungsgeschichte und die daraus resultierende dekontextualisierte Vereinnahmung für unterschiedliche Interessen ist schon bald seinen Kritikern aufgestoßen. Was sie monierten war, dass aus Schillers Balladen "die Illusion einer Versöhnung von Idee und Wirklichkeit herausgelesen werden konnte" (Hofman 2003, S.145). Lässt man dies indessen hinter sich und bezieht Schillers Theorie Ueber naive und sentimentalische Dichtung mit ein, trete die Diskrepanz zwischen diesen Sphären deutlich hervor. Daraus folgt nach Ansicht Hofmanns, dass Schillers "Balladen (...) heute nicht mehr als Veranschaulichungen eines sich verwirklichenden Ideals gelesen, (werden können), sondern (...) als möglicherweise unfreiwillige Darstellung einer unüberbrückbaren Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit verstanden werden (müssen)." (ebd.)

Das diese moderne Sicht nicht der zeitgenössischen und der über Jahrhunderte hinweg üblichen Sicht entspricht, ändert nichts daran, dass sich, insbesondere unter literaturdidaktischem Aspekt, daraus ganz neue Perspektiven auf das Lied von der Glocke ergeben können.

Mag sein, dass die volkstümliche Rezeption des Lieds von der Glocke, das es mit vierzig Einträgen in die Zitatensammlung Geflügelte Worte (online verfügbar bei archive.org) von »Georg Büchmann (1822-1884) dem "Stammbuch deutscher Bildungsphilister" (Berghahn 1996, S.275) brachte, durch die vielen Sentenzen und das Pathos, welche das Gedicht durchziehen, nicht wirklich so intendiert war, der "Volkserzieher Schiller" (ebd., S.273) hat sie von dieser volkstümlich-populären Gebrauchsweise seines Gedichts  distanziert. Wieso auch, wenn diese wie auch seine anderen ▪ Balladen ihm "mehr Ruhm eingebracht haben als seine bedeutenden Schöpfungen" (Reich-Ranicki, Kein Lied mehr von der Glocke, 1966). Und nicht zu vergessen: Schiller musste von seiner literarischen Arbeit leben.

Der literarische Markt, der ohnehin noch klein war, und die Leseinteressen einfacher Leserinnen und Leser verlangten nach billigen Lesestoffen, forderten vor allem Bekanntes, das sie in ihren Auffassungen über Gott und die Welt bestätigten und bevorzugten, wenn ihnen das möglichst knapp und prägnant, ohne Scheu vor irgendwelchen Klischees im Medium der Literatur anschaulich vor Augen geführt wurde. (vgl. Schenda 1970/77, S.471)

 

 

 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 12.10.2020

   
 

 
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