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Aspekte der Gedichtanalyse: Schiller, Das Lied von der Glocke

Strophenweise Inhaltsübersicht und Interpretationshinweise

 
FAChbereich Deutsch
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Die Arbeits- und Reflexionsstrophen im Überblick

Glocken-, Meister- oder Arbeitsstrophen

Betrachtungs- oder Reflexionsstrophen

1. Strophe
Die vorbereite Form und der Aufruf der Gesellen

2. Strophe
Der Sinn der Arbeit

3. Strophe
Die Zubereitung der Grundstoffe für den Glockenguss ("Glockenspeise")

4. Strophe
Die Grundidee: Glocke begleitet über Generationen hinweg alle Wechselfälle menschlichen Lebens

5. Strophe
Die Verflüssigung und Sorge für die Reinheit des Metalls

6. Strophe
Von der Taufglocke bis zur ersten Liebe (Geburt, Kindheit und Jugend)

7. Strophe
Prüfung des Metallgemischs

8. Strophe
Hochzeit und Familienleben in traditioneller bürgerlicher Rollenverteilung

9. Strophe
Der Guss der Glocke

10. Strophe
Das Feuer und andere Elementargewalten mächtiger als der Mensch mit seinen Werken

11. Strophe
Füllung der Glockenform und banges Warten

12. Strophe
Die Glocke verkündet den Tod der Ehefrau und Mutter

13. Strophe
Abkühlen der Glocke

14. Strophe
Friedlicher Feierabend in einer gottgegebenen gesellschaftlichen Ordnung

15. Strophe
Die Glockenform wird zerschlagen

16. Strophe
Die Zerschlagung der gesellschaftlichen Ordnung durch Aufruhr

17. Strophe
Das Werk ist gelungen: Die Glocke ist fertig

18. Strophe
Taufe der Glocke

19. Strophe
Emporziehen der Glocke

Inhaltsübersicht mit Interpretationshinweisen

Die nachfolgende Inhaltsübersicht orientiert sich an der auf teachSamdargebotene Textfassung, die im Satzspiegel und bei der Stropheneinteilung  »Friedrich Schiller »Musen-Almanach für das Jahr 1800 (S. 251–272) folgt (auch als »wikisource verfügbar).

Dabei werden auch Interpretationshinweise gegeben, die sich u. a. auf die Rekonstruierung der Vergleichspunkte von der sinnlich-konkreten Ebene der Glockenstrophen zu der allgemein-menschlichen Ebene der Reflexionsstrophen stützt, die Michael Hoffman (2005a, S.288f.) vorgelegt hat. (◄►)

1. Strophe
Die vorbereite Form und der Aufruf der Gesellen

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
[...]
Soll das Werk den Meister loben!
Doch der Segen kommt von oben.

8 Verse
(Vers 1 bis Vers 8)

Einleitung ► Einführung in die Thematik menschlichen Lebens allgemein ►

Inhalt

In der ersten Strophe werden die Vorarbeiten, die zum Glockenguss nötig sind, beschrieben. Sie muss an diesem Tag gegossen werden, weshalb die Gesellen zusammengerufen werden, vor denen nur eine schweißtreibende Arbeit liegt, wenn der Guss gelingen soll, auch wenn Erfolg oder Misserfolg dabei letzten Endes in Gottes Hand liegt.
Die Form aus Lehm befindet sich in der »Dammgrube ("Fest gemauert in der Erden") und soll, so das Verfahren, nun mit dem zu geschmolzenem Metall im sogenannten gefüllt werden. Der weitere Prozess erfolgt im sog. Mantelabhebeverfahren, bei dem  sowohl das Modell als auch die Form zerstört werden (= Verfahren mit »verlorener Form).

"Soll eine Glocke gegossen werden, so wird eine tiefe Grube gegraben, die Dammgrube genannt, in der man die Form aufrichtet. Sie besteht aus dem Kerne oder der innern, und dem Mantel oder der äußeren Form, zwischen welchen ein hoher Raum gelassen ist, in den das Metall fließen muss, um zur Glocke zu werden." (Leinburg 1845, S.7)

2. Strophe
Der Sinn der Arbeit

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
[...]
Dass er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand

12 Verse
(Vers 9 bis Vers 20)

◄► Einführung in die Thematik menschlichen Lebens allgemein

Inhalt

Wer ein "Werk" (eine Glocke herstellt oder als Dichter "Das Lied von der Glocke" schafft), soll sich seinem Werk gegenüber reflektiert verhalten, soll es optimistisch angehen, mit dem Herzen und seinem Verstand bei der Sache sein. Der Jambus als Versfuß mit seiner alternierenden Abfolge einer unbetonten und einer betonten Silbe (xx', bzw. v-) und einer Senkung am Versanfang nach folgendem Schema: xx'xx'xx'xx' (Notation auch: v-v-v-v-;  ˇ / ) wirkt trotz des  Schwungvoll-Lebendigen, das der Jambengang vermittelt, insgesamt ruhig ausgewogen.

3. Strophe
Die Zubereitung der Grundstoffe für den Glockenguss ("Glockenspeise")

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
Doch recht trocken laßt es seyn,
[...]
Dass die zähe Glockenspeise
Fließe nach der rechten Weise

8 Verse
(Vers 21 bis Vers 28)

Exponierung der der Grundidee des Gedichts ►

Inhalt

Trockenes Fichtenholz soll den Schmelzofen so erhitzen ("Schwalch“ oder Schwalg =  die Öffnung des Schmelzofens, durch welche die Flamme über das Metall streicht), dass die Legierung aus Kupfer und Zinn hergestellt werden kann, die über gute Fließeigenschaften verfügt.

"Um diesen zweiten Befehl an die Gesellen versehen zu können, muss man wissen, dass neben der Grube, in welcher die Form steht, sich der Gießofen befindet, welcher die Gestalt eines Backofens hat und das zu schmelzende Metall enthält. Hinter diesem Ofen ist der sogenannte Schornstein, in welchem das Feuer brennt. Man verschließt die Öffnung dieses Schornsteins, so dass die Flamme, welche keinen Ausgang nach außen hat, durch ein Loch, welches der Schwalch heißt, in den Ofen hineinschlagen muss. [...] So schmilzt in dem Ofen die Glockenspeise, welche hier nur aus Kupfer und Zinn besteht. Weil nun das Zinn in kurzer Zeit flüssig wird, so wirft man es erst in den Ofen, wenn das Kupfer bereits geschmolzen ist. – Damit diese Glockenspeise nun 'in der rechten Weise fließe', ist es nötig, das recht Verhältnis in der Mischung der Metalle zu treffen. " (Leinburg 1845, S.9f.)

4. Strophe
Die Grundidee: Glocke begleitet über Generationen hinweg alle Wechselfälle menschlichen Lebens

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Was in des Dammes tiefer Grube
Die Hand mit Feuers Hilfe baut,
[...]
Das schlägt an die metallne Krone,
Die es erbaulich weiterklingt

12 Verse
(Vers 29 bis Vers 40)

◄►Exponierung der der Grundidee des Gedichts: Alle wichtigen Ereignisse des menschlichen Lebens werden von einem Läuten begleitet.

Inhalt

Die Glocke, die in der Tiefe der Dammgrube gegossen sein wird, wird, wenn sie in der Glockenstube aufgehängt sein wird, auch in ferner Zukunft noch das Lob des Meisters verkünden. Sie wird viele Generationen überdauern und dabei alle wichtigen Ereignisse menschlichen Lebens mit ihrem Läuten begleiten.

5. Strophe
Die Verflüssigung und Sorge für die Reinheit des Metalls

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Weiße Blasen seh’ ich springen,
Wohl! die Massen sind im Fluß.
[...]
Dass vom reinlichen Metalle
Rein und voll die Stimme schalle

8 Verse
(Vers 41 bis Vers 48)

Reinheit der Glocke soll der Reinheit der menschlichen Jugend und der ersten Liebe entsprechen. ►

Inhalt

Fängt die sogenannte "Glockenspeise" (drei Teile »Kupfer, ein Teil »Zinn) an sich zu verflüssigen, kommt "Aschensalz" (= »Pottasche) dazu. Auf der Oberfläche entsteht dann ein weißlicher Schaum, der noch unreine Beimischungen enthält, die abgesondert werden müssen.

"Sobald nämlich das Metall durchgängig im Flusse ist, zeigt es einen weißen Schaum, und nun wird eine bestimmte Quantität Aschensalz (Potasche) – es wird bekanntlich durch das Auslagen der Pflanzenasche gewonnen – hinzugeworfen, denn 'Das befördert schnell den Guss.' Auch muss die Mischung während des Schmelzens wenigstens zweimal abgeschäumt werden". (Leinburg 1845, S.12)

6. Strophe
Von der Taufglocke bis zur ersten Liebe (Geburt, Kindheit und Jugend)

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Denn mit der Freude Feierklange
Begrüßt sie das geliebte Kind
[...]
O! dass sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!

31 Verse
(Vers 49 bis Vers 79)

◄► Darstellung der menschlichen Jugend und der ersten Liebe, die  genau der Reinheit des Metalls einer Glocke entsprechen soll

Inhalt

Feierlich begrüßt die Glocke das Kind zur Taufe, dessen Schicksal zwar grundsätzlich ungewiss ist, das aber von der Mutter die ersten Lebensjahre wohlbehütet (Mutterliebe) wird. Später aber gehen Mädchen und Jungen zunächst einmal getrennte Wege, da der junge Mann hinaus in die Welt zieht. Dabei verändert er sich und reift zu einem Mann heran, der bei seiner Rückkehr ins Vaterhaus wie ein Fremder erscheint. Doch dann verliebt er sich in das herangewachsene Mädchen, lässt seine wilden Jahre hinter sich, zeigt Gefühle, die von ihm Besitz ergreifen und erlebt die vergängliche "schöne Zeit der jungen Liebe".

7. Strophe
Prüfung des Metallgemischs

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Wie sich schon die Pfeifen bräunen!
Dieses Stäbchen tauch’ ich ein,
[...]
Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen

8 Verse
(Vers 80 bis Vers 87)

Reflexion über die Geschlechterrollen ►

Inhalt

Am Ofen befinden sich die "Wind-Pfeifen", Zuglöcher, die sich öffnen und verschließen lassen. Diese Pfeifen "bräunen sich" nach langer Erhitzung der Glockenspeise, was als Zeichen dafür gilt, dass die Glocke nun gegossen werden kann. Zur Überprüfung des Zustandes des Glockenspeise wird, ein Stäbchen in das flüssige Metall getaucht. Ist es bei der Probe wie mit einer Glasur überzogen, hat sich das "Spröde" (= Kupfer) mit dem Weichen (= Zinn) vereinigt.

"Denn aus zwei Zeichen entnimmt er [der Meister. d. Verf.], dass die Mischung 'zum Gusse zeitig sei,' was gewöhnlich der Fall ist, wenn die Metalle zwölf Stunden im Ofen gelegen haben. Er sieht, dass sie sechs am Schornstein sich befindenden Zuglöcher oder Windpfeifen, die man öffnen und verschließen kann, gelb werden – er sie sieht, 'wie sich die Pfeifen bräunen' " (Leinburg 1845, S.17)

8. Strophe
Hochzeit und Familienleben in traditioneller bürgerlicher Rollenverteilung

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
[...]
Ist kein ewger Bund zu flechten,
Und das Unglück schreitet schnell

58 Verse
(Vers 88 bis Vers 146)

◄►Reflexion über die Geschlechterrollen, "die sich mit den Klischees der Spießbürger in fataler Weise treffen" (Hoffman 2005a, S.288)

Inhalt

Die Glocke lädt mit ihrem Läuten zur Hochzeitsfeier, zu der die Partnerwahl gut bedacht sein soll, um danach keine Enttäuschungen zu erleben. Mit der Hochzeit beginnt ein neuer Lebensabschnitt, das Leben in der Familie, das den "Lebensmai" der ungebundenen Jugend beendet. Dass sich dabei im Laufe der Zeit die Leidenschaft verflüchtigt, gehört dazu, doch die Liebe muss bleiben. In der Familie sind die Rollen verteilt: Der Mann muss "hinaus ins feindliche Leben", wo er mit Kraft, Energie und Geschick den Wohlstand seiner Familie sichert und mehrt. Dabei drehen sich seine Gedanken um den Erfolg und den materiellen Wohlstand, den er erreicht hat, was ihn aber trotz des Gefühls der Sicherheit, das dies alles verspricht, schnell durch schicksalhafte Wendungen im Leben dahin sein kann. Die Frau als "züchtige Hausfrau" wirkt hingegen im Haus als Mutter, kümmert sich unermüdlich um die Kinder und den Haushalt und trägt auf diese Weise zum Wohlbefinden der Familie bei.

9. Strophe
Der Guss der Glocke

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Wohl! Nun kann der Guß beginnen,
Schön gezacket ist der Bruch.
[...]
Rauchend in des Henkels Bogen
Schießt's mit feuerbraunen Wogen

8 Verse
(Vers 147 bis Vers 154

Die Nutzung der Macht des Feuers beim Glockenguss ist möglich, aber auch risikoreich und gefährlich wie jeder Versuch des Menschen, sich die Natur dienstbar zu machen. ►

Inhalt

Nach einem kleinen Gebet wird eine Probe genommen. Nach ihrem Abkühlen wird sie durchgebrochen um an der Größe der Zacken, die die Bruchstelle zeigt, feststellen zu können, dass der Schmelzprozess zu Ende ist. Um das Metall in die Form zu lassen, wird nun der Zapfen (nach innen) ausgestoßen. Daraufhin schießt das flüssige Metall aus dem Zapfenloch bogenförmig in die Glockenform heraus, die jetzt unter Beweis stellen muss, ob sie hält.

"Hat also der Bruch weder zu große, noch zu kleine Zacken, ist er 'schön gezackt', so kann der 'Guss beginnen.' – Das Zapfenloch wird geöffnet und das Metall schießt in eine Rinne, aus welcher es durch die Henkelbogen in die Glockenform geleitet wird, Weil die 'feuerbraunen Wogen' des Metalls durch ihr Übertreten ins Haus, in welchem die Glocke gegossen war, anzünden können, fleht der Meister: 'Gott bewahr' das Haus!'" (Leinburg 1845, S.24)

10. Strophe
Das Feuer und andere Elementargewalten mächtiger als der Mensch mit seinen Werken

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Wohlthätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
[...]
Er zählt die Häupter seiner Lieben,
Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt

72 Verse
(Vers 155 bis Vers 226)

◄►Die Nutzung der Macht des Feuers beim Glockenguss ist möglich, aber auch risikoreich und gefährlich wie jeder Versuch des Menschen, sich die Natur dienstbar zu machen.

Inhalt

Während das Feuer beim Glockengießen vom Menschen gebändigt und für sein Schaffen genutzt werden kann, besitzt das Feuer wie Blitz und Sturm und andere Naturgewalten aber auch eine elementare Zerstörungskraft, die wenn sie wüten, alle menschlichen Werke vernichten können, bis am Ende nur noch Ruinen übrig sind. Der Mensch kann darauf keinen Einfluss nehmen, sondern bleibt Beobachter und muss, wie ein Familienvater, der vor den Ruinen seines abgebrannten Hauses steht, froh sein, wenn er das eigene Leben und das der Mitglieder seiner Familie hat retten können.

11. Strophe
Füllung der Glockenform und banges Warten

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
In die Erd’ ist’s aufgenommen,
Glücklich ist die Form gefüllt,
[...]
Ach! vielleicht indem wir hoffen,
Hat uns Unheil schon getroffen

8 Verse
(Vers 227 bis Vers 234)

Zum Gelingen des Werkes bedarf es mehr als das Geschick des Meisters beim Glockenguss. Menschliches Werk kann nur mit göttlicher Hilfe in einer von Gott gestifteten Ordnung gelingen. ►

Inhalt

Die Form ist gefüllt. Jetzt gilt bangend darauf zu warten, ob das Werk gelungen ist. Glück und Unglück liegen nahe beieinander.

12. Strophe
Die Glocke verkündet den Tod der Ehefrau und Mutter

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Dem dunkeln Schoß der heil’gen Erde
Vertrauen wir der Hände Tat
[...]
An verwaister Stätte schalten
Wird die Fremde, liebeleer

31 Verse
(Vers 235 bis Vers 265)

◄► Zum Gelingen des Werkes bedarf es mehr als das Geschick des Meisters beim Glockenguss. Menschliches Werk kann nur mit göttlicher Hilfe in einer von Gott gestifteten Ordnung gelingen.

Inhalt

So wie der Meister den Guss der Erde anvertraut, so vertraut der Bauer die Saat der Erde an, in der auch die Toten bestattet, damit sie im Jenseits auferstehen können. Wehklagen über den Tod der Frau und Mutter, die Mann und Kinder verwaist hinterlässt. Die drei wechselnden Vokale o, e und a in den Versen "Von dem Dome / Schwer und bang / Tönt die Glocke / Grabgesang" ahmen die verschiedenen Klänge der Glocken nach und sollen eine Stimmung von Ernst und Trauer hervorrufen. 
In Goethes »Epilog zu Schillers Glocke wird das Motiv der Totenglocke wieder aufgenommen und auf Schillers eigenen Tod angewandt.

13. Strophe
Abkühlen der Glocke

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Bis die Glocke sich verkühlet
Laßt die strenge Arbeit ruhn,
[...]
Hört der Pursch die Vesper schlagen,
Meister muss sich immer plagen

8 Verse
(Vers 266 bis Vers 273

 

Inhalt

Nach der schweren Arbeit gibt es, während das Metall auskühlt, eine Pause für die Arbeiter. Während diese die Erholung genießen dürfen, geht dem Meister schon durch den Kopf, wie die Arbeit danach weitergehen wird.

14. Strophe
Friedlicher Feierabend in einer gottgegebenen gesellschaftlichen Ordnung

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Munter fördert seine Schritte
Fern im wilden Forst der Wandrer
[...]
Von der Dörfer, von der Städte
Wildem Brande schrecklich strahlt!

64 Verse
(Vers 274
bis  Vers 338)

Gefährdungen der menschlichen Existenz führen "zu einer unbedingten und kompromisslosen Unterwerfung unter die Obrigkeit" (Hoffman 2005a, S.288)

Inhalt

Am Abend beenden die Menschen ihr Tagwerk, ein Wanderer sucht im Wald seine Hütte auf,  Schaf- und Rinderherden werden in ihre Ställe zurückgetrieben und auf einem Wagen, der schwer mit Korngaben beladen ist, wird die Ernte eingefahren. Während sich die (jüngeren) Mägde und Knechte (= Schnitter) beim Erntetanz vergnügen, wird es ansonsten beim Einbruch der Dunkelheit auf den Straßen stiller, weil sich die Menschen in ihre Häuser zurückziehen. Dann wird auch das Stadttor geschlossen. Vor der Nacht und denen, die in der Dunkelheit Böses im Schilde führen könnten, brauchen die Bürger aber keine Angst haben, denn auch nachts wacht "das Auge des Gesetzes" (= Nachtwächter) über sie und ihren Schlaf.
Lobpreis der gottgegebenen gesellschaftlichen Ordnung, die den Menschen durch ein Sittengesetz vor seiner eigenen wilden Natur bewahrt. Dabei sorgt die gottgewollte Liebe zum  eigenen Vaterland für den sozialen Zusammenhalt der Menschen.
In einer Gesellschaft mit bürgerlicher Freiheit wirken alle, die dem bürgerlichen Arbeitsethos folgen ("Arbeit ist des Bürgers Zierde", zum Wohl der Gesellschaft als Ganzes zusammen.
Bleibt nur  zu hoffen, dass der Krieg, der von außen kommt, die friedliche und auf das Wohlergehen des Einzelnen und des Ganzen ausgerichtete gesellschaftliche Gemeinschaft der Bürger niemals zerstören wird.

15. Strophe
Die Glockenform wird zerschlagen

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hat’s erfüllt,
[...]
Wenn die Glock soll auferstehen,
Muss die Form in Stücke gehen

8 Verse
(Vers 339 bis Vers 346)

Die Lehmform, die ihren Zweck erfüllt hat, wird zerschlagen. ►

Inhalt

Nachdem die gegossene Glocke abgekühlt und ausgehärtet ist, muss der aus Lehm gebrannte   Glockenform mit einem Hammer zerschlagen werden, so dass das die gelungene Glocke zum ersten Mal in Augenschein genommen  werden kann (Anspielung auf die christliche Lehre von der Auferstehung von Jesus.

16. Strophe
Die Zerschlagung der gesellschaftlichen Ordnung durch Aufruhr

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
[...]
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt und Länder ein

36 Verse
(Vers 347 bis Vers 386)

Nur unter Leitung des Meisters kann das Werk gelingen. Gibt es sie nicht, misslingt das Werk, so wie menschliche Existenz und der Fortbestand der gottgewollten und friedlichen gesellschaftlichen Ordnung durch ein blind und revolutionär seine Befreiung suchendes Volk  gefährdet ist.

Inhalt

Nur ein weiser Meister kann die Form zerbrechen, der weiß, wann die Zeit dafür reif ist. Tritt das glühende Erz aber ohne sein Zutun aus, dann bringt es das gleiche höllische Verderben, das Völker ereilt, die sich selbst selbst befreien.
Greift das Volk in den Städten nach der Macht und zerreißt eigenmächtig seine Ketten, dann ruft die einst als Friedenssymbol geweihte Glocke heulend zum Aufruhr, in dem die Gewalt eskaliert und alles andere überbordet. (= ▪ Anspielung auf die Jakobinerherrschaft während der ▪ Französischen Revolution 1789-1799).

Unter der vorgeschützten Losung von Freiheit und Gleichheit politisiert sich das gesellschaftliche Leben, wenn das Volk zum Aufruhr übergeht. Überall dominieren dabei aber marodierende Massen ("Würgebanden") und Frauen, die sich widernatürlich wie Hyänen aufführen. So werden die Grundfesten der bürgerlichen Gesellschaft zerstört, wenn ihre sozialen Grundlagen missachtet werden, statt Recht und Moral alle Lastern freien Lauf haben und wenn das Volk seinen wahnhaften Vorstellungen und den "Ewigblinden" folgt.

17. Strophe
Das Werk ist gelungen: Die Glocke ist fertig

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Freude hat mir Gott gegeben!
Sehet! wie ein goldner Stern
[...]
Auch des Wappens nette Schilder
Loben den erfahrnen Bilder

8 Verse
(Vers 387 bis Vers 394)

 

Inhalt

Freude kommt auf, als die Glocke jetzt mit ihrer glänzenden Oberfläche und den Wappen an ihrer Außenfläche sichtbar werden, die vom Können und der Kunstfertigkeit des Meisters zeugen.

18. Strophe
Taufe der Glocke

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Herein! herein!
Gesellen alle, schließt den Reihen,
[...]
So lehre sie, dass nichts bestehet,
Dass alles Irdische verhallt

28 Verse
(Vers 395 Vers 422)

 

Inhalt

Der Meister ruft seine Gesellen und die Gemeinde herbei, um die Glocke mit dem Namen Concordia (= Eintracht) zu taufen. Im Glockenturm, "hoch über dem Erdenleben" soll die Glocke künftig nur bei ernsten und ewigwährenden Anlässen läuten, die Stunde schlagen und die Wechselfälle menschlichen Daseins begleiten und damit stets auch Zeugnis von der Vergänglichkeit allen irdischen Daseins ablegen.

19. Strophe
Emporziehen der Glocke

Anfangs-/Endverse

Anzahl der Verse Strophe / Inhalt / Vergleichspunkt
Jetzo mit der Kraft des Stranges
Wiegt die Glock mir aus der Gruft,
[...]
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute

8 Verse
(Vers 423 bis Vers 430)

 

Inhalt

Auf Anweisung des Meisters wird die Glocke von den Gesellen an einem Seil in den Glockenturm hinaufgezogen und damit ihrer Bestimmung zugeführt. Wenn sie dort das erste Mal schlägt, soll sie als Friedensglocke läuten.

 

 Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 12.10.2020

 
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