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Fünfter Akt
"Man nehme dieses
Schauspiel für nichts anders als eine dramatische Geschichte, die die
Vorteile der dramatischen Methode, die Seele gleichsam bei ihren
geheimsten Operationen zu ertappen, benutzt, ohne sich übrigens in die
Schranken eines Theaterstücks einzuzäunen, oder nach dem so
zweifelhaften Gewinn bei theatralischer Verkörperung zu geizen. Man wird
mir einräumen, daß es eine widersinnige Zumutung ist, binnen drei
Stunden drei außerordentliche Menschen zu erschöpfen, deren Tätigkeit
von vielleicht tausend Räderchen abhänget, so wie es in der Natur der
Dinge unmöglich kann gegründet sein, daß sich drei außerordentliche
Menschen auch dem durchdringendsten Geisterkenner innerhalb
vierundzwanzig Stunden entblößen. Hier war Fülle ineinandergedrungener
Realitäten vorhanden, die ich unmöglich in die allzu engen Palisaden des
Aristoteles und Batteux einkeilen konnte.
Nun ist es aber nicht sowohl die Masse meines Schauspiels als vielmehr
sein Inhalt, der es von der Bühne verbannet. Die Ökonomie desselben
machte es notwendig, daß mancher Charakter auftreten mußte, der das
feinere Gefühl der Tugend beleidigt und die Zärtlichkeit unserer Sitten
empört. Jeder Menschenmaler ist in diese Notwendigkeit gesetzt, wenn er
anders eine Kopie der wirklichen Welt und keine idealische
Affektationen, keine Kompendienmenschen will geliefert haben. Es ist
einmal so die Mode in der Welt, daß die Guten durch die Bösen schattiert
werden und die Tugend im Kontrast mit dem Laster das lebendigste Kolorit
erhält. Wer sich den Zweck vorgezeichnet hat, das Laster zu stürzen und
Religion, Moral und bürgerliche Gesetze an ihren Feinden zu rächen, ein
solcher muß das Laster in seiner nackten Abscheulichkeit enthüllen und
in seiner kolossalischen Größe vor das Auge der Menschheit stellen - er
selbst muß augenblicklich seine nächtlichen Labyrinthe durchwandern, -
er muß sich in Empfindungen hineinzuzwingen wissen, unter deren
Widernatürlichkeit sich seine Seele sträubt.
Das Laster wird hier mitsamt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet.
Es löst in Franzen all die verworrenen Schauer des Gewissens in
ohnmächtige Abstraktionen auf, skelettisiert die richtende Empfindung
und scherzt die ernsthafte Stimme der Religion hinweg. Wer es einmal so
weit gebracht hat (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden), seinen
Verstand auf Unkosten seines Herzens zu verfeinern, dem ist das
Heiligste nicht heilig mehr - dem ist die Menschheit, die Gottheit
nichts - Beide Welten sind nichts in seinen Augen. Ich habe versucht,
von einem Mißmenschen dieser Art ein treffendes lebendiges Konterfei
hinzuwerfen, die vollständige Mechanik seines Lastersystems
auseinanderzugliedern - und ihre Kraft an der Wahrheit zu prüfen. Man
unterrichte sich demnach im Verfolg dieser Geschichte, wie weit ihrs
gelungen hat - Ich denke, ich habe die Natur getroffen.
Nächst an diesem stehet ein anderer, der vielleicht nicht wenige meiner
Leser in Verlegenheit setzen möchte. Ein Geist, den das äußerste Laster
nur reizet um der Größe willen, die ihm anhänget, um der Kraft willen,
die es erheischet, um der Gefahren willen, die es begleiten. Ein
merkwürdiger, wichtiger Mensch, ausgestattet mit aller Kraft, nach der
Richtung, die diese bekömmt, notwendig entweder ein Brutus oder ein
Catilina zu werden. Unglückliche Konjunkturen entscheiden für das
zweite, und erst am Ende einer ungeheuren Verirrung gelangt er zu dem
ersten. Falsche Begriffe von Tätigkeit und Einfluß, Fülle von Kraft, die
alle Gesetze übersprudelt, mußten sich natürlicherweise an bürgerlichen
Verhältnissen zerschlagen, und zu diesen enthusiastischen Träumen von
Größe und Wirksamkeit durfte sich nur eine Bitterkeit gegen die
unidealische Welt gesellen, so war der seltsame Don Quixote fertig, den
wir im Räuber Moor verabscheuen und lieben, bewundern und bedauern. Ich
werde es hoffentlich nicht erst anmerken dörfen, daß ich dieses Gemälde
so wenig nur allein Räubern vorhalte, als die Satire des Spaniers nur
allein Ritter geißelt.
Auch ist itzo der große Geschmack, seinen Witz auf Kosten der Religion
spielen zu lassen, daß man beinahe für kein Genie mehr passiert, wenn
man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten Wahrheiten sich
herumtummeln läßt. Die edle Einfalt der Schrift muß sich in alltäglichen
Assembleen von den sogenannten witzigen Köpfen mißhandeln und ins
Lächerliche verzerren lassen; denn was ist so heilig und ernsthaft, das,
wenn man es falsch verdreht, nicht belacht werden kann? - Ich kann
hoffen, daß ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache
verschafft habe, wenn ich diese mutwillige Schriftverächter in der
Person meiner schändlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere.
Aber noch mehr. Diese unmoralische Charaktere, von denen vorhin
gesprochen wurde, mußten von gewissen Seiten glänzen, ja oft von seiten
des Geistes gewinnen, was sie von seiten des Herzens verlieren. Hierin
habe ich nur die Natur gleichsam wörtlich abgeschrieben. Jedem, auch dem
Lasterhaftesten, ist gewissermaßen der Stempel des göttlichen Ebenbilds
aufgedrückt, und vielleicht hat der große Bösewicht keinen so weiten Weg
zum großen Rechtschaffenen als der kleine; denn die Moralität hält
gleichen Gang mit den Kräften, und je weiter die Fähigkeit, desto weiter
und ungeheurer ihre Verirrung, desto imputabler ihre Verfälschung.
Klopstocks Adramelech weckt in uns eine Empfindung, worin Bewunderung in
Abscheu schmilzt. Miltons Satan folgen wir mit schauderndem Erstaunen
durch das unwegsame Chaos. Die Medea der alten Dramatiker bleibt bei all
ihren Greueln noch ein großes, staunenswürdiges Weib, und Shakespeares
Richard hat so gewiß am Leser einen Bewunderer, als er auch ihn hassen
würde, wenn er ihm vor der Sonne stünde. Wenn es mir darum zu tun ist,
ganze Menschen hinzustellen, so muß ich auch ihre Vollkommenheiten
mitnehmen, die auch dem Bösesten nie ganz fehlen. Wenn ich vor dem Tiger
gewarnt haben will, so darf ich seine schöne, blendende Fleckenhaut
nicht übergehen, damit man nicht den Tiger beim Tiger vermisse. Auch ist
ein Mensch, der ganz Bosheit ist, schlechterdings kein Gegenstand der
Kunst und äußert eine zurückstoßende Kraft, statt daß er die
Aufmerksamkeit der Leser fesseln sollte. Man würde umblättern, wenn er
redet. Eine edle Seele erträgt so wenig anhaltende moralische
Dissonanzen, als das Ohr das Gekritzel eines Messers auf Glas.
Aber eben darum will ich selbst mißraten haben, dieses mein Schauspiel
auf der Bühne zu wagen. Es gehört beiderseits, beim Dichter und seinem
Leser, schon ein gewisser Gehalt von Geisteskraft dazu; bei jenem, daß
er das Laster nicht ziere, bei diesem, daß er sich nicht von einer
schönen Seite bestechen lasse, auch den häßlichen Grund zu schätzen.
Meinerseits entscheide ein Dritter - aber von meinen Lesern bin ich es
nicht ganz versichert. Der Pöbel, worunter ich keineswegs die
Gassenkehrer allein will verstanden wissen, der Pöbel wurzelt (unter uns
gesagt) weit um und gibt zum Unglück - den Ton an. Zu kurzsichtig, mein
Ganzes auszureichen, zu kleingeistisch, mein Großes zu begreifen, zu
boshaft, mein Gutes wissen zu wollen, wird er, fürcht ich, fast meine
Absicht vereiteln, wird vielleicht eine Apologie des Lasters, das ich
stürze, darin zu finden meinen und seine eigene Einfalt den armen
Dichter entgelten lassen, dem man gemeiniglich alles, nur nicht
Gerechtigkeit widerfahren läßt.
Es ist das ewige Dacapo mit Abdera und Demokrit, und unsre gute
Hippokrate müßten ganze Plantagen Nieswurz erschöpfen, wenn sie dem
Unwesen durch ein heilsames Dekokt abhelfen wollten. Noch so viele
Freunde der Wahrheit mögen zusammenstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzel
und Schaubühne Schule zu halten, der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu sein,
und wenn Sonne und Mond sich wandeln und Himmel und Erde veralten wie
ein Kleid. Vielleicht hätt ich, den Schwachherzigen zu frommen, der
Natur minder getreu sein sollen; aber wenn jener Käfer, den wir alle
kennen, auch den Mist aus den Perlen stört, wenn man Exempel hat, daß
Feuer verbrannt und Wasser ersäuft habe, soll darum Perle - Feuer - und
Wasser konfisziert werden?
Ich darf meiner Schrift zufolge ihrer merkwürdigen Katastrophe mit Recht
einen Platz unter den moralischen Büchern versprechen; das Laster nimmt
den Ausgang, der seiner würdig ist. Der Verirrte tritt wieder in das
Geleise der Gesetze. Die Tugend geht siegend davon. Wer nur so billig
gegen mich handelt, mich ganz zu lesen, mich verstehen zu wollen, von
dem kann ich erwarten, daß er - nicht den Dichter bewundere, aber den
rechtschaffenen Mann in mir hochschätze.
Geschrieben in der Ostermesse. 1781.
Der Herausgeber.
Die Räuber
Ein Schauspiel
Hippocrates
Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat,
que ferrum non sanat, ignis sanat
PERSONEN
Maximilian, regierender
Graf von Moor.
Karl und
Franz, seine Söhne
Amalia von Edelreich
Spiegelberg,
Schweizer,
Grimm,
Razmann,
Schufterle,
Roller,
Kosinsky und
Schwarz, Libertiner,
nachher Banditen
Hermann, Bastard von
einem Edelmann
Daniel, Hausknecht des
Grafen von Moor
Pastor Moser
Ein Pater
Räuberbande
Nebenpersonen
Der Ort der
Geschichte ist Teutschland,
Die Zeit ohngefähr 2 Jahre.*
[* in der 2. Aufl. ergänz um: "Die Zeit der Geschichte um Mitte
des 18. Jh."]
Erster
Akt
Erste Szene
á
Franken.
Saal im Moorischen Schloss.
Franz.
Der alte Moor.
FRANZ. Aber ist Euch auch
wohl, Vater? Ihr seht so blass.
DER ALTE MOOR. Ganz wohl,
mein Sohn, - was hattest du mir zu sagen?
FRANZ. Die Post ist
angekommen - ein
Brief von unserm Korrespondenten
in Leipzig -
DER ALTE MOOR (begierig).
Nachrichten von meinem Sohne Karl?
FRANZ. Hm! Hm! - So ist es.
Aber ich fürchte - ich weiß nicht - ob ich - Eurer Gesundheit? - Ist Euch
wirklich ganz wohl, mein Vater?
DER ALTE MOOR. Wie dem
Fisch im Wasser! Von meinem Sohne schreibt er? - Wie kommst du zu dieser
Besorgnis? Du hast mich zweimal gefragt.
FRANZ. Wenn Ihr krank seid
- nur die leiseste Ahnung habt, es zu werden, so lasst mich - ich will zu
gelegenerer Zeit zu Euch reden. (Halb zu sich.) Diese Zeitung ist
nicht für einen zerbrechlichen Körper.
DER ALTE MOOR. Gott! Gott!
was werd' ich hören?
FRANZ. Lasst mich vorerst
auf die Seite gehn und eine Träne des Mitleids vergießen um meinen
verlornen Bruder - ich sollte schweigen auf ewig - denn er ist Euer Sohn;
ich sollte seine
Schande verhüllen auf ewig - denn er ist mein Bruder. -
Aber Euch
gehorchen, ist meine erste, traurige Pflicht - darum vergebt mir.
DER ALTE MOOR. O Karl!
Karl! wüsstest du, wie deine Aufführung das Vaterherz foltert! wie eine
einzige frohe Nachricht von dir meinem Leben zehen Jahre zusetzen würde -
mich zum Jüngling machen würde - da mich nun jede, ach! - einen Schritt
näher ans Grab rückt!
FRANZ. Ist es das, alter
Mann, so lebt wohl - wir alle würden noch heute die Haare ausraufen über
Eurem Sarge.
DER ALTE MOOR. Bleib! - Es
ist noch um den kleinen kurzen Schritt zu tun - lass ihm seinen Willen! (Indem
er sich niedersetzt.)
Die Sünden seiner Väter werden heimgesucht im dritten und vierten Glied
- lass ihn's vollenden.
FRANZ (nimmt den Brief
aus der Tasche). Ihr kennt unsern Korrespondenten! Seht! Den Finger
meiner rechten Hand wollt ich drum geben, dürft' ich sagen, er ist ein
Lügner, ein schwarzer, giftiger Lügner - - Fasst Euch!
Ihr vergebt mir, wenn ich Euch den Brief nicht selbst lesen lasse -
Noch dürft Ihr nicht alles hören.
DER ALTE MOOR. Alles, alles
- mein Sohn, du ersparst mir die Krücke.
FRANZ (liest).
»Leipzig, vom 1. Mai. - Verbände mich nicht eine unverbrüchliche Zusage,
dir auch nicht das geringste zu verhehlen, was ich von den Schicksalen
deines Bruders auffangen kann, liebster Freund, nimmermehr würde meine
unschuldige Feder an dir zur Tyrannin geworden sein. Ich kann aus hundert
Briefen von dir abnehmen, wie Nachrichten dieser Art dein brüderliches
Herz durchbohren müssen; mir ist's, als säh' ich dich schon um den
Nichtswürdigen, den
Abscheulichen« - - (Der alte Moor verbirgt sein Gesicht.) Seht,
Vater! ich lese Euch nur das Glimpflichste - »den Abscheulichen in tausend
Tränen ergossen« - ach, sie flossen - stürzten stromweis von dieser
mitleidigen Wange - »mir ist's, als säh' ich schon deinen alten, frommen
Vater totenbleich« - Jesus Maria! Ihr seid's, eh' ihr noch das mindeste
wisset?
DER ALTE MOOR. Weiter!
Weiter!
FRANZ. - »Totenbleich in
seinen Stuhl zurücktaumeln und dem Tage fluchen, an dem ihm zum ersten Mal
Vater entgegengestammelt ward. Man hat mir nicht alles entdecken
mögen, und von dem Wenigen, das ich weiß, erfährst du nur weniges.
Dein Bruder scheint nun das Maß seiner Schande erfüllt zu haben; ich
wenigstens kenne nichts über dem, was er wirklich erreicht hat, wenn nicht
sein Genie das meinige hierin übersteigt. Gestern um Mitternacht hatte er
den großen Entschluss, nach
vierzigtausend Dukaten Schulden« - ein hübsches Taschengeld, Vater! -
»nachdem er zuvor die
Tochter eines
reichen Bankiers allhier entjungfert und ihren Galan, einen braven
Jungen von Stand, im Duell auf
den Tod verwundet, mit sieben andern, die er mit in sein Luderleben
gezogen, dem Arm der Justiz zu entlaufen.« - Vater! Um Gotteswillen!
Vater, wie wird Euch?
DER ALTE MOOR. Es ist
genug. Lass ab, mein Sohn!
FRANZ. Ich schone Eurer -
»Man hat ihm Steckbriefe
nachgeschickt, die Beleidigten schreien laut um Genugtuung,
ein Preis
ist auf seinen Kopf gesetzt - der Name Moor« - Nein! Meine armen Lippen
sollen nimmermehr einen Vater ermorden! (Zerreißt den Brief.)
Glaubt es nicht, Vater! Glaubt ihm keine Silbe!
DER ALTE MOOR (weint
bitterlich). Mein Name! Mein ehrlicher Name!
FRANZ (fällt ihm um den
Hals.) Schändlicher, dreimal schändlicher Karl! Ahndete mirs nicht,
da er, noch ein Knabe,
den Mädels so nachschlenderte,
mit
Gassenjungen und elendem Gesindel auf Wiesen und Wegen sich
herumhetzte, den Anblick der Kirche, wie ein Missetäter das Gefängnis,
floh und die Pfennige, die er Euch abquälte,
dem ersten dem besten Bettler
in den Hut warf, während dass wir
daheim mit frommen Gebeten und heiligen Predigtbüchern uns erbauten? -
Ahndete mirs nicht, da er die
Abenteuer des Julius
Cäsar und Alexander Magnus und anderer stockfinsterer Heiden lieber
las, als die Geschichte des bußfertigen Tobias? -
Hundertmal hab ichs Euch
geweissagt, denn meine Liebe zu ihm war immer in den Schranken der
kindlichen Pflicht - der Junge wird uns alle noch in Elend und Schande
stürzen! - O, dass er Moors Namen nicht trüge!
dass mein Herz
nicht so warm für ihn schlüge! Die gottlose Liebe, die ich nicht
vertilgen kann, wird mich noch einmal vor Gottes Richterstuhl anklagen.
DER ALTE MOOR. Oh - meine
Aussichten! Meine goldenen Träume!
FRANZ. Das weiß ich wohl.
Das ist es ja, was ich eben sagte. Der
feurige Geist, der in dem
Buben lodert, sagtet Ihr immer, der
ihn für jeden Reiz von Größe und Schönheit so empfindlich macht, -
diese Offenheit, die seine Seele auf dem Auge
spiegelt, diese Weichheit des Gefühls, die ihn
bei jedem Leiden in
weinende Sympathie dahinschmelzt, dieser männliche
Mut, der ihn auf den Wipfel hundertjähriger Eichen treibet und über
Gräben und Palisaden und reißende Flüsse jagt, dieser
kindische Ehrgeiz, dieser
unüberwindliche Starrsinn und alle
diese schöne, glänzende Tugenden, die im
Vatersöhnchen keimten, werden ihn dereinst zu einem warmen Freund
eines Freundes, zu einem trefflichen
Bürger, zu einem Helden,
zu einem großen, großen Manne
machen. - Seht Ihr's nun, Vater! - der feurige Geist hat sich entwickelt,
ausgebreitet, herrliche Früchte hat er getragen.
Seht diese Offenheit, wie
hübsch sie sich zur Frechheit herumgedreht hat!
seht diese Weichheit, wie zärtlich sie
für Koketten girret,
wie so empfindsam für die Reize einer Phryne!
Seht dieses feurige Genie, wie es
das Öl
seines Lebens in sechs Jährchen so rein weggebrannt hat, dass er bei
lebendigem Leibe umgeht, und da kommen die Leute und sind so unverschämt
und sagen: c'est l'amour qui a fait ça! Ah! seht doch diesen
kühnen,
unternehmenden Kopf, wie er Plane schmiedet und ausführt, vor denen die
Heldentaten eines
Cartouches und Howards verschwinden! - Und wenn erst diese prächtigen
Keime zur vollen Reife erwachsen - was lässt sich auch von einem so zarten
Alter Vollkommenes erwarten? - Vielleicht, Vater, erlebt Ihr noch die
Freude, ihn an der Fronte eines Heeres zu erblicken, das in der heiligen
Stille der Wälder residieret und
dem müden Wanderer seine Reise um die Hälfte der Bürde erleichtert -
vielleicht könnt Ihr noch, eh Ihr zu Grabe geht, eine Wallfahrt nach
seinem Monumente tun, das er sich zwischen Himmel und Erden errichtet -
vielleicht, o Vater, Vater, Vater -
seht Euch nach einem andern
Namen um, sonst deuten Krämer und Gassenjungen mit Fingern auf Euch,
die Euren Herrn Sohn auf dem Leipziger Marktplatz im Porträt gesehen
haben.
DER ALTE MOOR. Und auch du,
mein Franz, auch du? O meine Kinder! wie sie nach meinem Herzen zielen!
FRANZ.
Ihr seht, ich kann auch witzig sein, aber mein Witz ist Skorpionstich.
- Und dann der trockne Alltagsmensch,
der kalte, hölzerne Franz, und wie
die Titelchen alle heißen mögen, die Euch der Kontrast zwischen ihm und
mir mocht' eingegeben haben, wenn er
Euch auf dem Schloße saß, oder in die Backen zwickte - der wird einmal
zwischen seinen Grenzsteinen sterben und modern und vergessen
werden, wenn der Ruhm dieses Universalkopfs von einem Pole zum andern
fliegt - Ha! mit gefaltnen Händen dankt dir, o Himmel! der kalte,
trockne, hölzerne Franz - dass er nicht ist, wie dieser!
DER ALTE MOOR. Vergib mir,
mein Kind; zürne nicht auf einen Vater, der sich in seinen Planen betrogen
findet. Der Gott, der mir durch Karln Tränen zusendet, wird sie durch
dich, mein Franz, aus meinen Augen wischen.
FRANZ. Ja, Vater, aus Euren
Augen soll er sie wischen. Euer Franz wird sein Leben dran setzen, das
Eurige zu verlängern. Euer Leben ist das Orakel, das ich vor Allem zu Rate
ziehe über dem, was ich tun will; der Spiegel, durch den ich alles
betrachte -
keine Pflicht ist mir so heilig, die ich nicht zu brechen bereit bin,
wenns um Euer kostbares Leben zu tun ist. - Ihr glaubt mir das?
DER ALTE MOOR. Du hast noch
große Pflichten auf dir, mein Sohn - Gott segne dich für das, was du mir
warst und sein wirst!
FRANZ.
Nun sagt mir einmal - wenn Ihr diesen Sohn nicht den Euren nennen müsstet,
Ihr wärt ein glücklicher Mann?
DER ALTE MOOR. Stille! o
stille! da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und rief:
Bin ich nicht ein glücklicher Mann?
FRANZ. Das sagtet ihr. Nun,
habt Ihrs gefunden? Ihr beneidet den schlechtesten Eurer Bauren, dass er
nicht Vater ist zu diesem - Ihr habt Kummer, so lang Ihr diesen Sohn habt.
Dieser Kummer wird wachsen mit Karln. Dieser Kummer wird Euer Leben
untergraben.
DER ALTE MOOR. Oh! er hat
mich zu einem achtzigjährigen Manne gemacht.
FRANZ. Nun also -
wenn Ihr dieses Sohnes
Euch entäußertet?
DER ALTE MOOR (auffahrend).
Franz! Franz! was sagst du?
FRANZ.
Ist es nicht diese
Liebe zu ihm, die Euch all den Gram macht? Ohne diese Liebe ist er für
Euch nicht da. Ohne diese strafbare, diese verdammliche Liebe ist er Euch
gestorben - ist er Euch nie geboren.
Nicht Fleisch und Blut, das Herz
macht uns zu Vätern und Söhnen. Liebt Ihr ihn nicht mehr, so ist diese
Abart auch Euer Sohn nicht mehr, und wär er aus Eurem Fleische
geschnitten. Er ist Euer Augapfel gewesen bisher; nun aber, ärgert dich
dein Auge, sagt die Schrift, so reiß es aus. Es ist besser, einäugig gen
Himmel, als mit zwei Augen in die Hölle. Es ist besser, kinderlos gen
Himmel, als wenn Beide, Vater und Sohn, in die Hölle fahren. So spricht
die Gottheit.
DER ALTE MOOR.
Du willst,
ich soll meinen Sohn verfluchen?
FRANZ. Nicht doch! nicht
doch! - Euren Sohn sollt Ihr nicht verfluchen. Was heißt Ihr Euren Sohn? -
dem Ihr das Leben gegeben habt, wenn er sich auch alle ersinnliche Mühe
gibt, das Eurige zu verkürzen?
DER ALTE MOOR. Oh, das ist
allzuwahr! das ist ein Gericht über mich. Der Herr hat's ihm geheißen.
FRANZ. Seht Ihr's, wie
kindlich Euer Busenkind an Euch handelt. Durch Eure väterliche Teilnehmung
erwürgt er Euch, mordet Euch durch Eure Liebe, hat Euer Vaterherz selbst
bestochen, Euch den Garaus zu machen. Seid Ihr einmal nicht mehr, so ist
er Herr Eurer Güter, König seiner Triebe. Der Damm ist weg; und der Strom
seiner Lüste kann jetzt freier dahin brausen. Denkt Euch einmal an seine
Stelle! Wie oft muss er den Vater unter die Erde wünschen - wie oft den
Bruder - die ihm im Lauf seiner Exzesse so unbarmherzig im Weg stehen?
Ist
das aber Liebe gegen Liebe? ist das kindliche Dankbarkeit gegen väterliche
Milde, wenn er dem geilen Kitzel eines Augenblicks zehn Jahre Eures Lebens
aufopfert? wenn er den Ruhm seiner Väter, der sich schon sieben
Jahrhunderte unbefleckt erhalten hat, in einer wollüstigen Minute aufs
Spiel setzt? Heißt Ihr das Euren Sohn? Antwortet! heißt Ihr das einen
Sohn?
DER ALTE MOOR.
Ein
unzärtliches Kind!
ach! aber mein Kind doch! mein Kind doch!
FRANZ. Ein allerliebstes,
köstliches Kind, dessen ewiges Studium ist, keinen Vater zu haben - O dass
Ihr's begreifen lerntet! dass Euch die Schuppen fielen vom Auge! Aber Eure
Nachsicht muss ihn in seinen Liederlichkeiten befestigen, Euer Vorschub
ihnen Rechtmäßigkeit geben. Ihr werdet freilich den freilich von seinem
Haupte laden;
auf Euch, Vater, auf Euch wird der Fluch der Verdammnis
fallen.
DER ALTE MOOR. Gerecht!
sehr gerecht! - Mein, mein ist alle Schuld!
FRANZ. Wie viele Tausende,
die voll sich gesoffen haben vom Becher der Wollust, sind durch Leiden
gebessert worden! Und ist nicht der körperliche Schmerz, der jedes Übermaß
begleitet, ein Fingerzeig des göttlichen Willens? Sollte ihn der Mensch
durch seine grausame Zärtlichkeit verkehren? Soll der Vater das ihm
anvertraute Pfand auf ewig zu Grunde richten? - Bedenkt, Vater, wenn Ihr
ihn seinem Elend auf einige Zeit preisgeben werdet, wird er nicht entweder
umkehren müssen und sich bessern? oder er wird auch in der großen Schule
des Elends ein Schurke bleiben, und dann - wehe dem Vater, der die
Rathschlüsse einer höheren Weisheit durch Verzärtlung zernichtet! - Nun,
Vater?
DER ALTE MOOR. Ich will ihm
schreiben, dass ich meine Hand von ihm wende.
FRANZ. Da taut Ihr recht
und klug daran.
DER ALTE MOOR. dass er
nimmer vor meine Augen komme.
FRANZ. Das wird eine
heilsame Wirkung tun.
DER ALTE MOOR (zärtlich).
Bis er anders worden!
FRANZ. Schon recht! schon
recht - Aber, wenn er nun kommt mit der Larve des Heuchlers, Euer Mitleid
erweint, Eure Vergebung sich erschmeichelt und morgen hingeht und Eurer
Schwachheit spottet im Arm seiner Huren? - Nein, Vater! Er wird freiwillig
wiederkehren, wenn ihn sein Gewissen rein gesprochen hat.
DER ALTE MOOR. So will ich
ihm das auf der Stelle schreiben.
FRANZ. Halt! noch ein Wort,
Vater! Eure Entrüstung, fürchte ich, möchte Euch zu harte Worte in die
Feder werfen, die ihm das Herz zerspalten würden - und dann - glaubt Ihr
nicht, dass er das schon für Verzeihung nehmen werde, wenn Ihr ihn noch
eines eigenhändigen Schreibens wert haltet? Darum wirds besser sein, Ihr
überlasst das Schreiben mir.
DER ALTE MOOR. Tu das, mein
Sohn. - Ach, es hätte mir doch das Herz gebrochen! Schreib ihm - -
FRANZ (schnell).
Dabei bleibts also?
DER ALTE MOOR. Schreib ihm,
dass ich tausend blutige Tränen, tausend schlaflose Nächte -
aber bring
meinen Sohn nicht zur Verzweiflung!
FRANZ. Wollt Ihr Euch nicht
zu Bette legen, Vater? Es griff Euch hart an.
DER ALTE MOOR. Schreib ihm,
dass die väterliche Brust - Ich sage dir, bring meinen Sohn nicht zur
Verzweiflung! (Geht traurig ab.)
FRANZ (mit Lachen ihm
nachsehend). Tröste dich, Alter! du wirst ihn nimmer an diese Brust
drücken; der Weg dazu ist ihm verrammelt, wie der Himmel der Hölle - Er
war aus deinen Armen gerissen, ehe du wusstest, dass du es wollen könntest
- Da müsst ich ein erbärmlicher Stümper sein, wenn ichs nicht einmal so
weit gebracht hätte, einen Sohn vom Herzen des Vaters loszulösen, und wenn
er mit ehernen Banden daran geklammert wäre - Ich hab einen magischen
Kreis von Flüchen um dich gezogen, den er nicht überspringen soll - Glück
zu, Franz! weg ist das Schoßkind - der Wald ist heller. Ich muss diese
Papiere vollends aufheben, wie leicht könnte Jemand meine Handschrift
kennen? (Er liest die zerrissenen Briefstücke zusammen.) Und
Gram wird
auch den Alten bald fortschaffen, - und ihr muss ich diesen Karl aus dem
Herzen reißen, wenn auch ihr halbes Leben dran hängen bleiben sollte. Ich
habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein, und bei meiner Ehre,
ich will sie geltend machen. - Warum bin ich nicht der Erste aus
Mutterleib gekrochen? warum nicht der Einzige? Warum musste sie mir diese
Bürde von Hässlichkeit aufladen? gerade mir? Nicht anders, als ob sie bei
meiner Geburt einen Rest gesetzt hätte. Warum gerade mir die
Lappländersnase? gerade mir dieses
Mohrenmaul? diese Hottentottenaugen?
Wirklich, ich glaube, sie hat von allen Menschensorten das Scheußliche auf
einen Haufen geworfen und mich daraus gebacken. Mord und Tod! Wer hat ihr
die Vollmacht gegeben, jenem dieses zu verleihen und mir vorzuenthalten?
Könnte ihr Jemand darum hofieren, eh er entstund? oder sie beleidigen, eh
er selbst wurde? Warum ging sie so parteilich zu Werke? Nein! nein! ich
Tu' ihr Unrecht. Gab sie uns doch Erfindungsgeist mit, setzte uns nackt
und armselig ans Ufer dieses großen Ozeans Welt - Schwimme, wer schwimmen
kann, und wer zu plump ist, geh unter! Sie gab mir nichts mit; wozu ich
mich machen will, das ist nun meine Sache. Jeder hat gleiches Recht zum
Größten und Kleinsten; Anspruch wird an Anspruch, Trieb an Trieb und Kraft
an Kraft zernichtet.
Das Recht wohnet beim Überwältiger, und die Schranken
unserer Kraft sind unsere Gesetze. Wohl gibt es
gewisse gemeinschaftliche Pacta, die man geschlossen hat, die Pulse des Weltzirkels zu treiben.
Ehrlicher Name! - wahrhaftig eine reichhaltige Münze, mit der sich
meisterlich schachern lässt, wer's versteht, sie gut auszugeben. Gewissen
- o ja, freilich! ein tüchtiger Lumpenmann, Sperlinge von Kirschbäumen
wegzuschrecken! - auch das ein gut geschriebener Wechselbrief, mit dem
auch der Bankerottierer zur Not noch hinauslangt. In der Tat sehr
lobenswürdige Anstalten, die Narren im Respekt und den Pöbel unter dem
Pantoffel zu halten, damit die Gescheiten es desto bequemer haben. Ohne
Anstand, recht schnakische Anstalten! Kommen mir vor wie die Hecken, die
meine Bauern gar schlau um ihre Felder herumführen, dass ja kein Hase
drüber setzt, ja beileibe kein Hase! - Aber der gnädige Herr gibt seinem
Rappen den Sporn und galoppiert weich über der weiland Ernte. Armer Hase!
Es ist doch eine jämmerliche Rolle, der Hase sein zu müssen auf dieser
Welt - Aber der gnädige Herr braucht Hasen! Also frisch drüber hinweg! Wer
nichts fürchtet, ist nicht weniger mächtig, als Der, den alles fürchtet.
Es ist jetzt Mode, Schnallen an den Beinkleidern zu tragen, womit man sie
nach Belieben weiter und enger schnürt. Wir wollen uns ein Gewissen nach
der neuesten Façon anmessen lassen, um es hübsch weiter aufzuschnallen,
wie wir zulegen. Was können wir dafür? Geht zum Schneider! Ich habe Langes
und Breites von einer so genannten Blutliebe schwatzen gehört, das einem
ordentlichen Hausmann den Kopf heiß machen könnte - Das ist dein Bruder! -
das ist verdolmetscht: er ist aus eben dem Ofen geschossen worden, aus dem
du geschossen bist - also sei er dir heilig! - Merkt doch einmal diese
verzwickte Konsequenz, diesen possierlichen Schluss von der Nachbarschaft
der Leiber auf die Harmonie der Geister, von eben derselben Heimat zu eben
derselben Empfindung, von einerlei Kost zu einerlei Neigung. Aber weiter -
es ist dein Vater! er hat dir das Leben gegeben, du bist sein Fleisch,
sein Blut - also sei er dir heilig! Wiederum eine schlaue Konsequenz! Ich
möchte doch fragen, warum hat er mich gemacht? doch wohl nicht gar aus
Liebe zu mir, der erst ein Ich werden sollte? Hat er mich gekannt, ehe er
mich machte? Oder hat er mich gedacht, wie er mich machte? Oder hat er
mich gewünscht, da er mich machte? Wusste er, was ich werden würde? Das
wollt ich ihm nicht raten, sonst möcht' ich ihn dafür strafen, dass er
mich doch gemacht hat! Kann ichs ihm Dank wissen, dass ich ein Mann
wurde? So wenig, als ich ihn verklagen könnte, wenn er ein Weib aus mir
gemacht hätte. Kann ich eine Liebe erkennen, die sich nicht auf Achtung
gegen mein Selbst gründet? Konnte Achtung gegen mein Selbst vorhanden
sein, das erst dadurch entstehen sollte, davon es die Voraussetzung sein
muss? Wo steckt denn nun das Heilige? Etwa im Actus selber, durch den ich
entstund? - Als wenn dieser etwas mehr wäre, als
viehischer Prozess zur
Stillung viehischer Begierden? Oder steckt es vielleicht im Resultat
dieses Actus, das doch nichts ist, als eiserne Notwendigkeit, die man so
gern wegwünschte, wenns nicht auf Unkosten von Fleisch und Blut geschehen
müsste? Soll ich ihm etwa darum gute Worte geben, dass er mich liebt? Das
ist eine Eitelkeit von ihm, die Schoßsünde aller Künstler, die sich in
ihrem Werk kokettieren, wär es auch noch so hässlich. - Sehet also, das
ist die ganze Hexerei, die ihr in einen heiligen Nebel verschleiert, unsre
Furchtsamkeit zu missbrauchen. Soll auch ich mich dadurch gängeln lassen,
wie einen Knaben? Frisch also! mutig ans Werk! - Ich will alles um mich
her ausrotten, was mich einschränkt, dass ich nicht Herr bin. Herr muss
ich sein, dass ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswürdigkeit
gebricht. (Ab.)
Zweite
Szene á
Schenke
an den Grenzen von Sachsen.
Karl Moor
in ein Buch vertieft. Spiegelberg trinkend am Tisch.
KARL VON MOOR (legt das
Buch weg). Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Saeculum, wenn ich
in meinem Plutarch lesen von großen Menschen.
SPIEGELBERG (stellt ihm
ein Glas hin und trinkt). Den Josephus musst du lesen.
MOOR. Der lohe Lichtfunke
Prometheus' ist ausgebrannt, dafür nimmt man jetzt die Flamme von
Bärlappenmehl - Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet. Da krabbeln
sie nun, wie die Ratten auf der Keule des Herkules, und studieren sich das
Mark aus dem Schädel, was das für ein Ding sei, das er in seinen Hoden
geführt hat. Ein französischer Abbé doziert, Alexander sei ein Hasenfuß
gewesen; ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein
Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase und liest ein Kollegium über die
Kraft. Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben,
kritteln über die Taktik des Hannibals -
feuchtohrige Buben fischen
Phrases aus der Schlacht bei Cannä und greinen über die Siege des Scipio,
weil sie sie exponieren müssen.
SPIEGELBERG. Das ist ja
recht alexandrinisch geflennt.
MOOR.
Schöner Preis für
euren Schweiß in der Feldschlacht, dass ihr jetzt in Gymnasien lebet und
eure Unsterblichkeit in einem Bücherriemen mühsam fortgeschleppt wird.
Kostbarer Ersatz eures verprassten Blutes, von einem Nürnberger Krämer um
Lebkuchen gewickelt - oder, wenns glücklich geht, von einem französischen
Tragödienschreiber auf Stelzen geschraubt und mit Drahtfäden gezogen zu
werden. Hahaha!
SPIEGELBERG (trinkt).
Lies den Josephus, ich bitte dich drum.
MOOR. Pfui! pfui über das
schlappe Kastraten-Jahrhundert,
zu nichts nütze, als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen und die Helden
des Altertums mit Commentationen zu schinden und zu verhunzen mit
Trauerspielen. Die Kraft seiner Lenden ist versiegen gegangen, und nun
muss Bierhefe den Menschen fortpflanzen helfen.
SPIEGELBERG. Tee, Bruder,
Tee!
MOOR. Da verrammeln sie
sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Conventionen, haben das Herz
nicht, ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen -
belecken den Schuhputzer, dass er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln
den armen Schelm, den sie nicht fürchten. Vergöttern sich um ein
Mittagessen, und möchten einander vergiften um ein Unterbett, das ihnen
beim Aufstreich überboten wird. - Verdammen den Sadducäer, der nicht
fleißig genug in die Kirche kommt, und berechnen ihren Judenzins am Altare
- fallen auf die Knie, damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können, -
wenden kein Aug' von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke
frisiert ist. - Fallen in Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und
klatschen in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankrott von der Börse geht -
- So warm ich ihnen die Hand drückte - »nur noch einen Tag« - Umsonst! -
Ins Loch mit dem Hund! - Bitten! Schwüre! Tränen! (Auf den Boden
stampfend.) Hölle und Teufel!
SPIEGELBERG. Und um so ein
paar tausend lausige Dukaten -
MOOR. Nein, ich mag nicht
daran denken! Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen
Willen schnüren in Gesetzt. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben,
was Adlerflug geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann
gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus. Sie
verpalissadieren sich ins Bauchfell eines Tyrannen, hofieren der Laune
seines Magens und lassen sich klemmen von seinen Winden. - Ah! dass der
Geist Hermanns noch in der Asche glimmte! - Stelle mich vor ein Heer Kerls
wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und
Sparta Nonnenklöster sein sollen. (Er wirft den Degen auf den Tisch und
steht auf.)
SPIEGELBERG (aufspringend).
Bravo! Bravissimo! Du bringst mich eben recht auf das Chapitre. Ich will
dir was ins Ohr sagen, MOOR, das schon lang mit mir umgeht, und du bist
der Mann dazu - sauf, Bruder, sauf! - wie wärs, wenn wir Juden würden und
das Königreich wieder aufs Tapet brächten!
MOOR (lacht aus vollem
Halse). Ah! Nun merk ich - nun merk ich - du willst die Vorhaut aus
der Mode bringen, weil der Barbier die deinige schon hat?
SPIEGELBERG. dass dich,
Bärenhäuter! Ich bin freilich wunderbarerweis schon voraus beschnitten.
Aber, sag, ist das nicht ein schlauer und herzhafter Plan? Wir lassen ein
Manifest ausgehen in alle vier Enden der Welt und zitieren nach Palästina,
was kein Schweinefleisch isst. Da beweis ich nun durch triftige
Dokumente, Herodes, der Vierfürst, sei mein Großahnherr gewesen, und so
ferner. Das wird ein Victoria abgeben, Kerl, wenn sie wieder ins Trockene
kommen und Jerusalem wieder aufbauen dürfen. Jetzt frisch mit den Türken
aus Asien, weil's Eisen noch warm ist, und Zedern gehauen aus dem Libanon,
und Schiffe gebaut, und geschachert mit alten Borten und Schnallen das
ganze Volk. Mittlerweile -
MOOR (nimmt ihn lächelnd
bei der Hand). Kamerad! mit den Narrenstreichen ist's nun am Ende.
SPIEGELBERG (stutzig).
Pfui, du wirst doch nicht gar den verlorenen Sohn spielen wollen? Ein
Kerl, wie du, der mit dem Degen mehr auf die Gesichter gekritzelt hat, als
drei Substituten in einem Schaltjahr ins Befehlbuch schreiben! Soll ich
dir von der großen Hundsleiche vorerzählen? Ha! ich muss nur dein eigenes
Bild wieder vor dich rufen, das wird Feuer in deine Adern blasen, wenn
dich sonst nichts mehr begeistert. Weißt du noch, wie die Herren vom
Kollegio deiner Dogge das Bein hatten abschießen lassen, und du zur
Revanche ließest ein Fasten ausschreiben in der ganzen Stadt? Man
schmollte über dein Rescript. Aber du, nicht faul, lässest alles Fleisch
aufkaufen in ganz L.., dass in acht Stund kein Knoch mehr zu nagen ist in
der ganzen Rundung, und die Fische anfangen im Preise zu steigen.
Magistrat und Bürgerschaft düsselten Rache. Wir Bursche frisch heraus zu
siebzehnhundert, und du an der Spitze, und Metzger und Schneider und
Krämer hinterher, und Wirth und Barbierer und alle Zünfte, und fluchen,
Sturm zu laufen wider die Stadt, wenn man den Burschen ein Haar krümmen
wollte. Da ging's aus, wies Schießen zu Hornberg, und mussten abziehen
mit langer Nase. Du lässest Doctores kommen, ein ganzes Konzilium, und
botst drei Dukaten, wer dem Hund ein Rezept schreiben würde. Wir sorgten
die Herren werden zu viel Ehr im Leib haben und Nein sagen, und hattens
schon verabredet, sie zu forcieren. Aber das war unnötig, die Herren
schlugen sich um die drei Dukaten, und kams im Abstreich herab auf drei
Batzen; in einer Stund sind zwölf Rezepte geschrieben, dass das Tier auch
bald drauf verreckte.
MOOR. Schändliche Kerls!
SPIEGELBERG. Der
Leichenpomp wird veranstaltet in aller Pracht, Carmina gabs die schwere
Meng' um den Hund, und zogen wir aus des Nachts gegen Tausend, eine
Laterne in der einen Hand, unsre Raufdegen in der andern, und so fort
durch die Stadt mit Glockenspiel und Geklimper, bis der Hund beigesetzt
war. Drauf gabs ein Fressen, das währt bis an den lichten Morgen, da
bedanktest du dich bei den Herren für das herzliche Beileid und ließest
das Fleisch verkaufen ums halbe Geld. Mort de ma vie! da hatte wir dir
Respekt, wie eine Garnison in einer eroberten Festung -
MOOR. Und du schämst dich
nicht, damit groß zu prahlen? Hast nicht einmal so viel Scham, dich dieser
Streiche zu schämen?
SPIEGELBERG. Geh, geh!
Du
bist nicht mehr Moor. Weißt du noch, wie tausendmal du, die Flasche in der
Hand, den alten Filzen hast aufgezogen und gesagt: er soll nur drauf los
schaben und scharren, du wollest dir dafür die Gurgel absaufen? - Weißt du
noch? he? weißt du noch? O du heilloser, erbärmlicher Prahlhans! das war
noch männlich gesprochen und edelmännisch, aber -
MOOR. Verflucht seist du,
dass du mich dran erinnerst! verflucht ich, dass ich es sagte! Aber es war
nur im Dampfe des Weins, und mein Herz hörte nicht, was meine Zunge
prahlte.
SPIEGELBERG (schüttelt
den Kopf). Nein! nein! nein! das kann nicht sein. Unmöglich, Bruder,
das kann dein Ernst nicht sein. Sag, Brüderchen, ist es nicht die Noch,
die dich so stimmt? Komm, las dir ein Stückchen aus meinen Bubenjahren
erzählen. Da hatt' ich neben meinem Haus einen Graben, der, wie wenig,
seine acht Schuh breit war, wo wir Buben uns in die Wette bemühten,
hinüber zu springen. Aber das war umsonst. Pflumpf! lagst du, und ward ein
Gezisch und Gelächter über dir, und wurdest mit Schneeballen geschmissen
über und über. Neben meinem Haus lag eines Jägers Hund an einer Kette,
eine so bissige Bestie, die dir die Mädels wie der Blitz am Rockzipfel
hatte, wenn sie sichs versahn und zu nah dran vorbeistrichen. Das war nun
mein Seelengaudium, den Hund überall zu necken, wo ich nur konnte, und
wollt halb krepieren vor Lachen, wenn mich dann das Luder so giftig
anstierte und so gern auf mich losgerannt wär, wenns nur gekonnt hätte. -
Was geschieht? Ein andermal mach ichs ihm auch wieder so und werf ihn
mit einem Stein so derb an die Ripp, dass er vor Wutz von der Kette reißt
und auf mich dar, und ich, wie alle Donnerwetter, reißaus und davon -
Tausend Schwerenot! da ist dir just der vermaledeite Graben dazwischen.
Was zu tun? Der Hund ist mir hart an den Fersen und wütig, also kurz
resolviert - ein Anlauf genommen - drüben bin ich. Dem Sprung hatt' ich
Leib und Leben zu danken; die Bestie hätte mich zu Schanden gerissen.
MOOR. Aber wozu jetzt das?
SPIEGELBERG. Dazu - dass du
sehen sollst, wie die Kräfte wachsen in der Noch. Darum las ich mirs auch
nicht bange sein, wenns aufs Äußerste kommt. Der Mut wächst mit der
Gefahr; die Kraft erhebt sich im Drang. Das Schicksal muss einen großen
Mann aus mir haben wollen, weil's mir so quer durch den Weg streicht.
MOOR (ärgerlich).
Ich wüsste nicht, wozu wir den Mut noch haben sollten, und noch nicht
gehabt hätten.
SPIEGELBERG. So? - Und du
willst also deine Gaben in dir verwittern lassen? dein Pfund vergraben?
Meinst du, deine Stänkereien in Leipzig machen die Grenzen des
menschlichen Witzes aus? Da las uns erst in die große Welt kommen. Paris
und London! - wo man Ohrfeigen einhandelt, wenn man Einen mit dem Namen
eines ehrlichen Mannes grüßt. Da ist es auch ein Seelenjubilo, wenn man
das Handwerk ins Große praktiziert. - Du wirst gaffen! du wirst Augen
machen! Wart, und wie man Handschriften nachmacht, Würfel verdreht,
Schlösser aufbricht und den Koffern das Eingeweid' ausschüttet - das
sollst du noch von Spiegelberg lernen! Die Canaille soll man an den
nächsten besten Galgen aufknüpfen, die bei geraden Fingern verhungern
will.
MOOR (zerstreut).
Wie? Du hast es wohl gar noch weiter gebracht?
SPIEGELBERG. Ich glaube
gar, du setzest ein Misstrauen in mich. Wart, las mich erst warm werden!
du sollst Wunder sehen; dein Gehirnchen soll sich im Schädel umdrehen,
wenn mein kreißender Witz in die Wochen kommt. - (Steht auf, hitzig.)
Wie es sich aufhellt in mir! Große Gedanken dämmern auf in meiner Seele.
Riesenplane gären in meinem schöpferischen Schädel. Verfluchte Schlafsucht
(sich vorn Kopf schlagend), die bisher meine Kräfte in Ketten
schlug, meine Aussichten sperrte und spannte! Ich erwache, fühle, wer ich
bin - wer ich werden muss!
MOOR. Du bist ein Narr. Der
Wein bramarbasiert aus deinem Gehirne.
SPIEGELBERG (hitziger).
Spiegelberg , wird es heißen, kannst du hexen, Spiegelberg ? Es ist
Schade, dass du kein General worden bist, Spiegelberg , wird der König
sagen, du hättest die Östreicher durch ein Knopfloch gejagt. Ja, hör' ich
die Dokters jammern, es ist unverantwortlich, dass der Mann nicht die
Medizin studiert hat, er hätte ein neues Kropfpulver erfunden. Ach! und
dass er das Camerale nicht zum Fach genommen hat, werden die Sullys in
ihren Kabinetten seufzen, er hätte aus Steinen Louisdore hervorgezaubert.
Und Spiegelberg wird es heißen in Osten und Westen, und in den Kot mit
euch, ihr Memmen, ihr Kröten, indes Spiegelberg mit ausgespreiteten
Flügeln zum Tempel des Nachruhms emporfliegt.
MOOR. Glück auf den Weg!
Steig du auf Schandsäulen zum Gipfel des Ruhms. Im Schatten meiner
väterlichen Haine, in den Armen meiner Amalia lockt mich ein edler
Vergnügen. Schon die vorige Woche hab ich meinem Vater um Vergebung
geschrieben, hab ihm nicht den kleinsten Umstand verschwiegen, und wo
Aufrichtigkeit ist, ist auch Mitleid und Hilfe. las uns Abschied nehmen,
Moritz. Wir sehen uns heut und nie mehr. Die Post ist angelangt. Die
Verzeihung meines Vaters ist schon innerhalb dieser Stadtmauern.
(Schweizer.. Grimm.
Roller. Schufterle. Razmann treten auf.)
ROLLER. Wisst ihr auch,
dass man uns auskundschaftet?
GRIMM. dass wir keinen
Augenblick sicher sind, aufgehoben zu werden?
MOOR. Mich wundert's nicht.
Es gehe, wie es will! Saht ihr den Schwarz nicht? sagt er euch von keinem
Brief, den er an mich hätte?
ROLLER. Schon lang sucht er
dich, ich vermute so etwas.
MOOR. Wo ist er? wo, wo? (Will
eilig fort.)
ROLLER. Bleib! wir haben
ihn hierher beschieden. Du zitterst? -
MOOR. Ich zittere nicht.
Warum sollt' ich auch zittern? Kameraden! dieser Brief - Freut euch mit
mir! Ich bin der Glücklichste unter der Sonne, warum sollt' ich zittern? (Schwarz
tritt auf.)
MOOR (fliegt ihm
entgegen). Bruder! Bruder! den Brief! den Brief!
SCHWARZ (gibt ihm den
Brief, den er hastig aufbricht). Was ist dir? wirst du nicht wie die
Wand?
MOOR. Meines Bruders Hand!
SCHWARZ. Was treibt denn
der Spiegelberg?
GRIMM. Der Kerl ist
unsinnig. Er macht Gestus wie beim Sankt-Veits-Tanz.
SCHUFTERLE. Sein Verstand
geht im Ring herum. Ich glaub', er macht Verse.
RAZMANN. Spiegelberg! He,
Spiegelberg! - Die Bestie hört nicht.
GRIMM (schüttelt ihn).
Kerl! träumst du, oder -?
SPIEGELBERG (der sich
die ganze Zeit über mit den Pantomimen eines Projektmachers im Stubeneck
abgearbeitet hat, springt wild auf) La bourse ou la vie! (und packt
Schweizern an der Gurgel, der ihn gelassen an die Wand wirft. - Moor lässt
den Brief fallen und rennt hinaus. Alle fahren auf.)
ROLLER (ihm nach).
Moor! wo'naus, Moor? Was beginnst du?
GRIMM. Was hat er? was hat
er? Er ist bleich wie die Leiche.
SCHWEIZER. Das müssen
schöne Neuigkeiten sein! las doch sehen!
ROLLER (nimmt den Brief
von der Erde und liest). »Unglücklicher Bruder!« der Anfang klingt
lustig. »Nur kürzlich muss ich dir melden, dass deine Hoffnung vereitelt
ist. - du sollst hingehen, lässt dir der Vater sagen, wohin dich deine
Schandtaten führen. Auch, sagt, er, werdest du dir keine Hoffnung machen,
jemals Gnade zu seinen Füßen zu erwimmern, wenn du nicht gewärtig sein
wollest, im untersten Gewölb seiner Türme mit Wasser und Brod so lang
traktiert zu werden, bis deine Haare wachsen wie Adlersfedern, und deine
Nägel wie Vogelklauen werden. Das sind seine eigenen Worte. Er befiehlt
mir, den Brief zu schließen. Leb wohl auf ewig! Ich bedaure dich - Franz
von Moor.«
SCHWEIZER. Ein zuckersüßes
Brüderchen! In der Trat! - Franz heißt
die Canaille?
SPIEGELBERG (sachte
herbeischleichend). Von Wasser und Brod ist die Rede? Ein schönes
Leben! Da hab ich anders für euch gesorgt! Sagt ichs nicht, ich müsst
am Ende für euch alle denken?
SCHWEIZER. Was sagt der
Schafskopf? der Esel will für uns alle denken?
SPIEGELBERG. Hasen,
Krüppel, lahme Hunde seid ihr Alle, wenn ihr das Herz nicht habt, etwas
Großes zu wagen!
ROLLER. Nun, das wären wir
freilich, du hast recht! - aber wird es uns auch aus dieser vermaledeiten
Lage reißen, was du wagen wirst? wird es? -
SPIEGELBERG (mit einem
stolzen Gelächter). Armer Tropf! aus dieser Lage reißen? hahaha! - aus
dieser Lage reißen? - und auf mehr raffiniert dein Fingerhut voll Gehirn
nicht? und damit trabt deine Mähre zum Stalle?
Spiegelberg müsste ein
Hundsfott sein, wenn er mit dem nur anfangen wollte. Zu Helden, sag ich
dir, zu Freiherrn, zu Fürsten, zu Göttern wirds euch machen!
RAZMANN. Das ist viel auf
einen Hieb, wahrlich! Aber es wird wohl eine halsbrechende Arbeit sein!
den Kopf wirds wenigstens kosten.
SPIEGELBERG. Es will nichts
als Mut, denn was den Witz betrifft, den nehm ich gern über mich. Mut sag ich, Schweizer! Mut, Roller, Grimm, Razmann, Schufterle! Mut! -
SCHWEIZER. Mut? Wenns nur
das ist - Mut hab ich genug, um barfuss mitten durch die Hölle zu gehn.
SCHUFTERLE.
Mut genug,
mich unterm lichten Galgen mit dem leibhaftigen Teufel um einen armen
Sünder zu balgen.
SPIEGELBERG. So gefällt
mirs! Wenn ihr Mut habt, tret' Einer auf und sag: er habe noch etwas zu
verlieren, und nicht alles zu gewinnen! -
SCHWARZ. Wahrhaftig, da
gäb's Manches zu verlieren, wenn ich Das verlieren wollte, was ich noch zu
gewinnen habe!
RAZMANN. Ja, zum Teufel!
und Manches zu gewinnen, wenn ich Das gewinnen wollte, was ich nicht
verlieren kann.
SCHUFTERLE. Wenn ich das
verlieren müsste, was ich auf Borgs auf dem Leibe trage,
so hätt' ich
allenfalls morgen nichts mehr zu verlieren.
SPIEGELBERG. Also denn! (Er
stellt sich mitten unter sie mit beschwörendem Ton.) Wenn noch ein
Tropfen deutschen Heldenbluts in euren Adern rinnt - kommt! Wir wollen uns
in den böhmischen Wäldern niederlassen, dort eine Räuberbande
zusammenziehen und - Was gafft ihr mich an? - ist euer bisschen Mut schon
verdampft?
ROLLER. Du bist wohl nicht
der erste Gauner, der über den hohen Galgen weggesehen hat - und doch -
Was hätten wir sonst noch für eine Wahl übrig?
SPIEGELBERG. Wahl? Was?
Nichts habt ihr zu wählen! Wollt ihr im Schuldturm stecken und
zusammenschnurren, bis man zum jüngsten Tag posaunt? wollt ihr euch mit
der Schaufel und Haue um einen Bissen trocken Brod abquälen? wollt ihr an
der Leute Fenster mit einem Bänkelsängerlied ein mageres Almosen
erpressen? oder wollt ihr zum Kalbsfell schwören - und da ist erst noch
die Frage, ob man euren Gesichtern traut - und dort unter der
milzsüchtigen Laune eines gebieterischen Korporals das Fegfeuer zum Voraus
abverdienen? oder bei klingendem Spiel nach dem Takt der Trommel spazieren
gehn? oder im Gallioten-Paradies das ganze Eisen-Magazin Vulkans hinterher
schleifen? Seht, das habt ihr zu wählen, da ist alles beisammen, was ihr
wählen könnt!
ROLLER. So unrecht hat der
Spiegelberg eben nicht. Ich hab auch meine Plane schon zusammen gemacht,
aber sie treffen endlich auf eins. Wie wärs, dacht' ich, wenn ihr euch
hinsetztet und ein Taschenbuch, oder einen Almanach, oder so was Ähnlichs
zusammensudeltet und um den lieben Groschen rezensiertet, wies wirklich
Mode ist?
SCHUFTERLE. Zum Henker! ihr
ratet nah zu meinen Projekten. Ich dachte bei mir selbst, wenn du ein
Pietist würdest und wöchentlich deine Erbauungsstunden hieltest?
GRIMM. Getroffen! und wenn
das nicht geht, ein Atheist! Wir könnten die vier Evangelisten auf's Maul
schlagen, ließen unser Buch durch den Schinder verbrennen, und so ging's
reißen ab.
RAZMANN. Oder zögen wir
wider die Franzosen zu Felde - ich kenne einen Doktor, der sich ein Haus
aus purem Quecksilber gebauet hat, wie das Epigramm auf der Haustüre
lautet.
SCHWEIZER (steht auf und
gibt Spiegelberg die Hand.) Moritz, du bist ein großer Mann! - oder es
hat ein blindes Schwein eine Eichel gefunden.
SCHWARZ. Vortreffliche
Plane! honette Gewerbe! Wie doch die großen Geister sympathisieren! Jetzt
fehlte nur noch, dass wir Weiber und Kupplerinnen würden, oder gar unsere
Jungferschaft zu Markte trieben.
SPIEGELBERG. Possen!
Possen! Und was hindert's, dass ihr nicht das Meiste in Einer Person sein
könnt? Mein Plan wird euch immer am höchsten poussieren, und da habt ihr
noch Ruhm und Unsterblichkeit! Seht, arme Schlucker! auch so weit muss man
hinausdenken! auch auf den Nachruhm, das süße Gefühl von Unvergesslichkeit
-
ROLLER. Und obenan in der
Liste der ehrlichen Leute! Du bist ein Meisterredner, Spiegelberg, wenns
drauf ankommt, aus einem ehrlichen Mann einen Hallunken zu machen - Aber
sag doch einer, wo der Moor bleibt?
SPIEGELBERG. Ehrlich, sagst
du? Meinst du, du seist nachher weniger ehrlich, als du jetzt bist? Was
heißt du ehrlich? Reichen Filzen ein Drittheil ihrer Sorgen vom Hals
schaffen, die ihnen nur den goldnen Schlaf verscheuchen, das stockende
Geld in Umlauf bringen, das Gleichgewicht der Güter wieder herstellen, mit
einem Wort, das goldne Alter wieder zurückrufen, dem lieben Gott von
manchem lästigen Kostgänger helfen, ihm Krieg, Pestilenz, teure Zeit und
Dokters ersparen - siehst du, das heiß' ich ehrlich sein, das heiß' ich
ein würdiges Werkzeug in der Hand der Vorsehung abgeben, - und so bei
jedem Braten, den man isst, den schmeichelhaften Gedanken zu haben: den
haben dir deine Finten, dein Löwenmut, deine Nachtwachen erworben - von
Groß und Klein respektiert zu werden -
ROLLER. Und endlich gar bei
lebendigem Leibe gen Himmel fahren und trotz Sturm und Wind, trotz dem
gefräßigen Magen der alten Urahne Zeit unter Sonn' und Mond und allen
Fixsternen schweben, wo selbst die unvernünftigen Vögel des Himmels, von
edler Begierde herbeigelockt, ihr himmlisches Concert musizieren, und die
Engel mit Schwänzen ihr hochheiliges Synedrium halten? nicht wahr? - und
wenn Monarchen und Potentaten von Motten und Würmern verzehrt werden, die
Ehre haben zu dürfen, von Jupiters königlichem Vogel Visiten anzunehmen? -
Moritz, Moritz, Moritz! nimm dich in Acht! nimm dich in Acht vor dem
dreibeinigten Tiere!
SPIEGELBERG. Und das
schreckt dich, Hasenherz? Ist doch schon manches Universalgenie, das die
Welt hätte reformieren können, auf dem Schindanger verfault, und spricht
man nicht von so Einem Jahrhunderte, Jahrtausende lang, da mancher König
und Kurfürst in der Geschichte überhüpft würde, wenn sein
Geschichtsschreiber die Lücke in der Sukzessionsleiter nicht scheute und
sein Buch dadurch nicht um ein paar Oktavseiten gewönne, die ihm der
Verleger mit barem Gelde bezahlt - Und wenn dich der Wanderer so hin und
her fliegen sieht im Winde - der muss auch kein Wasser im Hirn gehabt
haben, brummt er in den Bart und seufzt über die elenden Zeiten.
SCHWEIZER (klopft ihn
auf die Achsel). Meisterlich, Spiegelberg! meisterlich! Was, zum
Teufel, steht ihr da und zaudert?
SCHWARZ. Und las es auch
Prostitution heißen - was folgt weiter? Kann man nicht auf den Fall immer
ein Pülverchen mit sich führen, das Einen so im Stillen über den Acheron
fördert, wo kein Hahn darnach kräht! Nein, Bruder Moritz! dein Vorschlag
ist gut. So lautet auch mein Katechismus.
SCHUFTERLE. Blitz! Und der
meine nicht minder. Spiegelberg, du hast mich geworben.
RAZMANN. Du hast, wie ein
anderer Orpheus, die heulende Bestie, mein Gewissen, in den Schlaf
gesungen. Nimm mich ganz, wie ich da bin!
GRIMM. Sic omnes
consentiunt ego non dissentio. Wohlgemerkt, ohne Komma. Es ist ein
Aufstreich in meinem Kopf: Pietisten - Quacksalber - Rezensenten und
Jauner! Wer am meisten bietet, der hat mich. Nimm diese Hand, Moritz!
ROLLER. Und auch du,
Schweizer? (Gibt Spiegelberg die rechte Hand.) Also verpfänd' ich
meine Seele dem Teufel.
SPIEGELBERG. Und deinen
Namen den Sternen! Was liegt daran, wohin auch die Seele fährt? Wenn
Scharen vorausgesprengter Kuriere unsere Niederfahrt melden, dass sich die
Satane festtäglich herausputzen, sich den tausendjährigen Ruß aus den
Wimpern stäuben, und Myriaden gehörnter Köpfe aus der rauchenden Mündung
ihrer Schwefel-Kamine hervorwachsen, unsern Einzug zu sehen? Kameraden! (aufgesprungen)
frisch auf, Kameraden! was in der Welt wiegt diesen Rausch des Entzückens
auf? Kommt, Kameraden!
ROLLER. Sachte nur! sachte!
Wohin? Das Tier muss auch seinen Kopf haben, Kinder!
SPIEGELBERG (giftig).
Was predigt der Zauderer? Stand nicht der Kopf schon, eh noch ein Glied
sich regte? Folgt, Kameraden!
ROLLER. Gemach, sag ich.
Auch die Freiheit muss ihren Herrn haben. Ohne Oberhaupt ging Rom und
Sparta zu Grunde.
SPIEGELBERG (geschmeidig).
Ja - haltet - Roller sagt recht. Und das muss ein erleuchteter Kopf sein.
Versteht ihr? Ein feiner, politischer Kopf muss das sein. Ja, wenn ich
mirs denke, was ihr vor einer Stunde waret, was ihr jetzt seid, - durch
Einen glücklichen Gedanken seid - Ja, freilich, freilich müsst ihr einen
Chef haben - Und wer diesen Gedanken entsponnen, sagt, muss das nicht ein
erleuchteter politischer Kopf sein?
ROLLER. Wenn sichs hoffen
ließe - träumen ließe - Aber ich fürchte, er wird es nicht tun.
SPIEGELBERG. Warum nicht?
Sags keck heraus, Freund! - So schwer es ist, das kämpfende Schiff gegen
die Winde zu lenken, so schwer sie auch drückt, die Last der Kronen -
sags unverzagt, Roller! - vielleicht wird er's doch tun.
ROLLER. Und leck ist das
Ganze, wenn er's nicht taut. Ohne den Moor sind wir Leib ohne Seele.
SPIEGELBERG (unwillig
von ihm weg). Stockfisch!
MOOR (tritt herein in
wilder Bewegung und läuft heftig im Zimmer auf und nieder, mit sich
selber.) Menschen - Menschen!
falsche, heuchlerische Krokodilbrut!
Ihre Augen sind Wasser! ihre Herzen sind Erz! Küsse auf den Lippen!
Schwerter im Busen! Löwen und Leoparden füttern ihre Jungen, Raben tischen
ihren Kleinen auf dem Aas, und Er, Er - Bosheit hab ich dulden gelernt,
kann dazu lächeln, wenn mein erboster Feind mir mein eigen Herzblut
zutrinkt - aber wenn Blutliebe zur Verräterin, wenn Vaterliebe zur Megäre
wird: und so fange Feuer, männliche Gelassenheit! verwilde zum Tiger,
sanftmütiges Lamm! und jede Faser recke sich auf zu Grimm und Verderben!
ROLLER. Höre, Moor! Was
denkst du davon? Ein Räuberleben ist doch auch besser, als bei Wasser und
Brod im untersten Gewölbe der Türme?
MOOR. Warum ist dieser
Geist nicht in einen Tiger gefahren, der sein wütendes Gebiss in
Menschenfleisch haut? Ist das Vatertreue? Ist das Liebe für Liebe? Ich
möchte ein Bär sein und die Bären des Nordlands wider dies mörderische
Geschlecht anhetzen - Reue und keine Gnade! Oh ich möchte den Ocean
vergiften, dass sie den Tod aus allen Quellen saufen! Vertrauen,
unüberwindliche Zuversicht, und kein Erbarmen!
ROLLER. So höre doch, Moor,
was ich dir sage!
MOOR. Es ist unglaublich,
es ist ein Traum, eine Täuschung - So eine rührende Bitte, so eine
lebendige Schilderung des Elends und der zerfließenden Reue - die wilde
Bestie wär in Mitleid zerschmolzen! Steine hätten Tränen vergossen, und
doch - man würde es für ein boshaftes Pasquill aufs Menschengeschlecht
halten, wenn ichs aussagen wollte - und doch, doch - oh dass und durch
die ganze Natur das Horn des Aufruhrs blasen könnte, Luft, Erde und Meer
wider das Hyänengezücht ins Treffen zu führen!
GRIMM. Höre doch, höre! vor
Rasen hörst du ja nicht.
MOOR. Weg, weg von mir! Ist
dein Name nicht Mensch! Hat dich das Weib nicht geboren? - Aus meinen
Augen, du mit dem Menschengesicht! - Ich habe ihn so unaussprechlich
geliebt! so liebte kein Sohn; ich hätte tausend Leben für ihn - (Schäumend
auf die Erde stampfend.) Ha! - wer mir jetzt ein Schwert in die Hand
gäb', dieser Otterbrut eine brennende Wunde zu versetzen! wer mir sagte,
wo ich das Herz ihres Lebens erzielen, zermalmen, zernichten! - Er sei
mein Freund, mein Engel, mein Gott - ich will ihn anbeten!
ROLLER. Eben diese Freunde
wollen ja wir sein, las dich doch weisen!
SCHWARZ. Komm mit uns in
die böhmischen Wälder! Wir wollen eine Räuberbande sammeln, und du - (Moor
stiert ihn an.)
SCHWEIZER. Du sollst unser
Hauptmann sein! Du musst unser Hauptmann sein!
SPIEGELBERG (wirft sich
wild in einen Sessel). Sklaven und Memmen!
MOOR. Wer blies dir das
Wort ein? Höre, Kerl! (indem er Schwarzen hart ergreift) das hast
du nicht aus deiner Menschenseele hervorgeholt! Wer blies dir das Wort
ein? Ja, bei dem tausendarmigen Tod! das wollen wir! das müssen wir! der
Gedanke verdient Vergötterung - Räuber und Mörder! - So wahr meine Seele
lebt, ich bin euer Hauptmann!
ALLE (mit lärmendem
Geschrei). Es lebe der Hauptmann!
SPIEGELBERG (aufspringend,
vor sich). Bis ich ihm hinhelfe!
MOOR. Siehe, da fällt's wie
der Star von meinen Augen, was für ein Thor ich war, dass ich ins Käfig
zurück wollte! - Mein Geist dürstet nach Taten, mein Atem nach Freiheit. -
Mörder, Räuber! - mit diesem Wort war das Gesetz unter meine Füße gerollt
- Menschen haben Menschheit vor mir verborgen, da ich an Menschheit
appellierte, weg denn von mir, Sympathie und menschliche Schonung! - Ich
habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll
mich vergessen lehren, dass mir jemals etwas teuer war! - Kommt, kommt! -
Oh ich will mir eine fürchterliche Zerstreuung machen - es bleibt dabei,
ich bin euer Hauptmann! und Glück zu dem Meister unter euch, der am
wildesten sengt, am grässlichsten mordet, denn ich sage euch, er soll
königlich belohnt werden - Tretet her um mich ein Jeder, und schwöret mir
Treue und Gehorsam zu bis in den Tod! - Schwört mir das bei dieser
männlichen Rechte!
ALLE (geben ihm die Hand).
Wir schwören dir Treu und Gehorsam bis in den Tod!
MOOR. Nun, und bei dieser
männlichen Rechte schwör' ich euch hier, treu und standhaft euer Hauptmann
zu bleiben bis in den Tod! Den soll dieser Arm gleich zur Leiche machen,
der jemals zagt oder zweifelt, oder zurücktritt! Ein Gleiches widerfahre
mir von Jedem unter euch, wenn ich meinen Schwur verletze! Seid ihr's
zufrieden? (Spiegelberg läuft wütend auf und nieder.)
ALLE (mit aufgeworfenen
Hüten). Wir sind's zufrieden.
MOOR. Nun denn, so lasst
uns gehn! Fürchtet euch nicht vor Tod und Gefahr, denn über uns waltet ein
unbeugsames Fatum! Jeden ereilet endlich sein Tag, es sei auf dem weichen
Kissen von Flaum, oder im rauhen Gewühl des Gefechts, oder auf offenem
Galgen und Rad! Eins davon ist unser Schicksal! (Sie gehen ab.)
SPIEGELBERG (ihnen
nachsehend, nach einer Pause). Dein Register hat ein Loch. Du hast das
Gift weggelassen. (Ab.)
Dritte Szene
á
Im
Moorischen Schloss. Amaliens Zimmer. Franz. Amalia.
FRANZ. Du siehst weg,
Amalia? Verdien' ich weniger als der, den der Vater verflucht hat?
AMALIA. Weg! - Ha des
liebevollen, barmherzigen Vaters, der seinen Sohn Wölfen und Ungeheuern
preisgibt! Daheim labt er sich mit süßem köstlichem Wein und pflegt seiner
morschen Glieder in Kissen von Eider, während sein großer, herrlicher Sohn
darbt - Schämt euch, ihr Unmenschen! schämt euch, ihr Drachenseelen, ihr
Schande der Menschheit! - seinen einzigen Sohn!
FRANZ. Ich dächte, er hätt'
ihrer zween.
AMALIA. Ja, er verdient
solche Söhne zu haben, wie du bist. Auf seinem Todbett wird er umsonst die
welken Hände ausstrecken nach seinem Karl und schaudernd zurückfahren,
wenn er die eiskalte Hand seines Franzens Fasst - Oh es ist süß, es ist
köstlich süß, von deinem Vater verflucht zu werden! Sprich, Franz, liebe
brüderliche Seele, was muss man tun, wenn man von ihm verflucht sein will?
FRANZ. Du schwärmst, meine
Liebe, du bist zu bedauern.
AMALIA. O ich bitte dich -
bedauerst du deinen Bruder? - Nein, Unmensch, du hassest ihn! Du hassest
mich doch auch?
FRANZ. Ich liebe dich, wie
mich selbst, Amalia!
AMALIA. Wenn du mich
liebst, kannst du mir wohl eine Bitte abschlagen?
FRANZ. Keine, keine, wenn
sie nicht mehr ist, als mein Leben.
AMALIA. O, wenn das ist!
Eine Bitte, die du so leicht, so gern erfüllen wirst - (stolz)
Hasse mich! Ich müsste feuerrot werden vor Scham, wenn ich an Karln denke
und mir eben einfiel', dass du mich nicht hassest. Du versprichst mirs
doch? - Jetzt geh und las mich, ich bin so gern allein!
FRANZ. Allerliebste
Träumerin! wie sehr bewundere ich dein sanftes, liebevolles Herz. (Ihr auf
die Brust klopfend.) Hier, hier herrschte Karl wie ein Gott in seinem
Tempel, Karl stand vor dir im Wachen, Karl regierte in deinen Träumen, die
ganze Schöpfung schien dir nur in den Einzigen zu zerfließen, den Einzigen
wiederzustrahlen, den Einzigen dir entgegen zu tönen.
AMALIA (bewegt). Ja
wahrhaftig, ich gesteh' es. Euch Barbaren zum Trutz will ichs vor aller
Welt gestehen - ich lieb' ihn.
FRANZ. Unmenschlich,
grausam! Diese Liebe so zu belohnen! Die zu vergessen -
AMALIA (auffahrend).
Was, mich vergessen?
FRANZ. Hattest du ihm nicht
einen Ring an den Finger gesteckt? einen Diamantring, zum Unterpfand
deiner Treu! - Freilich nun, wie kann auch ein Jüngling den Reizen einer
Metze Widerstand tun? Wer wirds ihm auch verdenken, da ihm sonst nichts
mehr übrig war wegzugeben - und bezahlte sie ihn nicht mit Wucher dafür
mit ihren Liebkosungen ihren Umarmungen?
AMALIA (aufgebracht).
Meinen Ring einer Metze?
FRANZ. Pfui, pfui! das ist
schändlich. Wohl aber, wenns nur das wäre! - Ein Ring, so kostbar er auch
ist, ist im Grunde bei jedem Juden wieder zu haben - Vielleicht mag ihm
die Arbeit daran nicht gefallen haben, vielleicht hat er einen schönern
dafür eingehandelt.
AMALIA (heftig).
Aber meinen Ring - ich sage meinen Ring?
FRANZ. Keinen andern,
Amalia - Ha! solch ein Kleinod, und an meinem Finger - und von Amalia! -
Von hier sollt' ihn der Tod nicht gerissen haben - Nicht wahr, Amalia?
nicht die Kostbarkeit des Diamants, nicht die Kunst des Gepräges - die
Liebe macht seinen Werth aus - Liebstes Kind, du weinst? Wehe über den,
der diese köstlichen Tropfen aus so himmlischen Augen presst - ach, und
wenn du erst alles wüsstest, ihn selbst sähest, ihn unter der Gestalt
sähest? -
AMALIA. Ungeheuer! wie,
unter welcher Gestalt?
FRANZ. Stille, stille, gute
Seele, frage mich nicht aus! (Wie vor sich, aber laut.) Wenn es doch
wenigstens nur einen Schleier hätte, das garstige Laster, sich dem Auge
der Welt zu entstehlen! Aber da blickts schrecklich durch den gelben,
bleifarbenen Augenring; da verrät sichs im totenblassen, eingefallenen
Gesicht und dreht die Knochen hässlich hervor - da stammelt's in der
halben, verstümmelten Stimme - da predigt's fürchterlich laut vom
zitternden hinschwankenden Gerippe - da durchwühlt es der Knochen
innerstes Mark und bricht die mannhafte Stärke der Jugend - da, da spritzt
es den eitrichten fressenden Schaum aus Stirn und Wangen und Mund und der
ganzen Fläche des Leibes zum scheußlichen Aussatz hervor und nistet
abscheulich in den Gruben der viehischen Schande - pfui, pfui! mir ekelt.
Nasen, Augen, Ohren schütteln sich - Du hast jenen Elenden gesehen,
Amalia, der in unserm Siechenhause seinen Geist auskeuchte, die Scham
schien ihr scheues Auge vor ihm zuzublinzeln - du ruftest Wehe über ihn
aus. Ruf dieses Bild noch einmal ganz in deine Seele zurück, und Karl
steht vor dir! - Seine Küsse sind Pest, seine Lippen vergiften die deinen!
AMALIA (schlägt ihn).
Schamloser Lästerer!
FRANZ. Graut dir vor diesem
Karl? Ekelt dir schon von dem matten Gemälde? Geh, gaff ihn selbst an,
deinen schönen, englischen, göttlichen Karl! Geh, sauge seinen
balsamischen Atem ein und las dich von den Ambrosiadüften begraben, die
aus seinem Rachen dampfen. Der bloße Hauch seines Mundes wird dich in
jenen schwarzen, todähnlichen Schwindel hauchen, der den Geruch eines
berstenden Aases und den Anblick eines leichenvollen Walplatzes begleitet.
AMALIA (wendet ihr
Gesicht ab).
FRANZ. Welches Aufwallen
der Liebe! Welche Wollust in der Umarmung - aber ist es nicht ungerecht,
einen Menschen um seiner siechen Außenseite willen zu verdammen? Auch im
elendesten Äsopischen Krüppel kann eine große, liebenswürdige Seele, wie
ein Rubin aus dem Schlamme, glänzen. (Boshaft lächelnd.) Auch aus
blattrichten Lippen kann ja die Liebe - Freilich, wenn das Laster auch die
Festen des Charakters erschüttert, wenn mit der Keuschheit auch die Tugend
davon fliegt, wie der Duft aus der welken Rose verdampft - wenn mit dem
Körper auch der Geist zum Krüppel verdirbt -
AMALIA (froh
aufspringend). Ha! Karl! nun erkenn ich dich wieder! Du bist noch
ganz! ganz! Alles war Lüge! - Weißt du nicht, Bösewicht, dass Karl
unmöglich das werden kann? (Franz steht einige Zeit tiefsinnig, dann
dreht er sich plötzlich, um zu gehen.) Wohin so eilig? stehst du vor
deiner eigenen Schande?
FRANZ (mit verhülltem
Gesicht). Lass mich! lass mich! - meinen Tränen den Lauf lassen -
tyrannischer Vater! den besten deiner Söhne so hinzugeben dem Elend - der
ringsumgebenden Schande - las mich, Amalia! ich will ihm zu Füßen fallen,
auf den Knien will ich ihn beschwören, den ausgesprochenen Fluch auf mich,
auf mich zu laden - mich zu enterben - mich - mein Blut - mein Leben -
Alles -
AMALIA (fällt ihm um den
Hals). Bruder meines Karls, bester, liebster Franz!
FRANZ. O Amalia! wie lieb'
ich dich um dieser unerschütterten Treue gegen meinen Bruder - Verzeih,
dass ich es wagte, deine Liebe auf diese harte Probe zu setzen! - Wie
schön hast du meine Wünsche gerechtfertigt! - Mit diesen Tränen, diesen
Seufzern, diesem himmlischen Unwillen - auch für mich, für mich - unsere
Seelen stimmten so zusammen.
AMALIA. O nein, das Taten
sie nie!
FRANZ. Ach, sie stimmten so
harmonisch zu, ich meinte immer, wir müssten Zwillinge sein! und wär der
leidige Unterschied von außen nicht, wobei leider freilich Karl verlieren
muss, wir würden zehnmal verwechselt. Du bist, sagt ich oft zu mir
selbst, ja, du bist der ganze Karl, sein Echo, sein Ebenbild!
AMALIA (schüttelt den
Kopf). Nein, nein, bei jenem keuschen Lichte des Himmels! kein
Äderchen von ihm, kein Fünkchen von seinem Gefühle -
FRANZ. So ganz gleich in
unsern Neigungen - die Rose war seine liebste Blume - welche Blume war mir
über die Rose? Er liebte die Musik unaussprechlich, und ihr seid Zeugen,
ihr Sterne! ihr habt mich so oft in der Totenstille der Nacht beim
Klaviere belauscht, wenn alles um mich begraben lag in Schatten und
Schlummer - und wie kannst du noch zweifeln, Amalia, wenn unsere Liebe in
einer Vollkommenheit zusammentraf, und wenn die Liebe die nämliche ist,
wie könnten ihre Kinder entarten?
AMALIA (sieht ihn
verwundert an).
FRANZ. Es war ein stiller,
heiterer Abend, der letzte, eh' er nach Leipzig abreiste, da er mich mit
sich in jene Laube nahm, wo ihr so oft zusammen saßet in Träumen der Liebe
- stumm blieben wir lang - zuletzt ergriff er meine Hand und sprach leise
mit Tränen: ich verlasse Amalia, ich weiß nicht - mir ahnets, als hieß
es auf ewig - verlas sie nicht, Bruder! - sei ihr Freund - ihr Karl - wenn
Karl - nimmer - wiederkehrt - (er stürzt vor ihr nieder und küsst ihr
die Hand mit Heftigkeit.) Nimmer, nimmer, nimmer wird er wiederkehren,
und ich habs ihm zugesagt mit einem heiligen Eide!
AMALIA (zurückspringend).
Verräter, wie ich dich ertappe! In eben dieser Laube beschwur er mich,
keiner andern Liebe - wenn er sterben sollte - Siehst du, wie gottlos, wie
abscheulich du - Geh aus meinen Augen!
FRANZ. Du kennst mich
nicht, Amalia, du kennst mich gar nicht!
AMALIA. O ich kenne dich,
von jetzt an kenn ich dich - und du wolltest ihm gleich sein? Vor dir
sollt' er um mich geweint haben? vor dir? Ehe hätt' er meinen Namen auf
den Pranger geschrieben! Geh den Augenblick!
FRANZ. Du beleidigst mich!
AMALIA. Geh, sag ich. Du
hast mir eine kostbare Stunde gestohlen, sie werde dir an deinem Leben
abgezogen.
FRANZ. Du hassest mich.
AMALIA. Ich verachte dich,
geh!
FRANZ (mit den Füßen
stampfend). Wart! so sollst du vor mir zittern! Mich einem Bettler
aufopfern? (Zornig ab.)
AMALIA. Geh, Lotterbube -
Jetzt bin ich wieder bei Karln - Bettler, sagt er? so hat die Welt sich
umgedreht, Bettler sind Könige, und Könige sind Bettler! - Ich möchte die
Lumpen, die er anhat, nicht mit dem Purpur der Gesalbten vertauschen - Der
Blick, mit dem er bettelt, das muss ein großer, ein königlicher Blick sein
- ein Blick, der die Herrlichkeit, den Pomp, die Triumphe der Großen und
Reichen zernichtet! In den Staub mit dir, du prangendes Geschmeide! (Sie
reißt sich die Perlen vom Hals.) Seid verdammt, Gold und Silber und
Juwelen zu tragen, ihr Großen und Reichen! Seid verdammt, an üppigen
Mahlen zu zechen! Verdammt, euren Gliedern wohl zu tun auf weichen
Polstern der Wollust! Karl! Karl! so bin ich dein wert - (Ab.)
Erste Szene
FRANZ VON MOOR (nachdenkend
in
seinem Zimmer). Es dauert mir zu lange - der Doktor will, er sei im Umkehren
- das Leben eines Alten ist eine Ewigkeit! - Und nun wär freie, ebene Bahn bis
auf diesen ärgerlichen zähen Klumpen Fleisch, der mir, gleich dem unterirdischen
Zauberhund in den Geistermärchen, den Weg zu meinen Schätzen verrammelt.
Müssen denn aber meine Entwürfe sich unter das eiserne Joch des Mechanismus
beugen? - Soll sich mein hochfliegender Geist an den Schneckengang der
Materie ketten lassen? - Ein Licht ausgeblasen, das ohnehin nur mit den
letzten Öltropfen noch wuchert - mehr ists nicht - Und doch möcht' ich das nicht
gern selbst getan haben, um der Leute willen. Ich möchte ihn nicht gern getötet,
aber abgelebt. Ich möcht' es machen wie der gescheite Arzt, nur umgekehrt. -
Nicht der Natur durch einen Querstreich den Weg verrannt, sondern sie in ihrem
eigenen Gange befördert. Und wir vermögen doch wirklich die Bedingungen des
Lebens zu verlängern, warum sollten wir sie nicht auch verkürzen können?
Philosophen und Mediziner lehren mich, wie treffend die Stimmungen des Geists
mit den Bewegungen der Maschine zusammenlauten. Gichtrische Empfindungen werden
jederzeit von einer Dissonanz der mechanischen Schwingungen begleitet -
Leidenschaften misshandeln die Lebenskraft - der überladene Geist drückt
sein Gehäuse zu Boden - Wie denn nun? - Wer es verstünde, dem Tod diesen
ungebahnten Weg in das Schloss des Lebens zu ebenen? - den Körper vom Geist aus
zu verderben - ha! ein Originalwerk! - wer das zustand brächte? - Ein Werk ohne
Gleichen! - Sinne nach, Moor! - Das wär eine Kunst, dies verdiente, dich zum
Erfinder zu haben. Hat man doch die Giftmischerei beinahe in den Rang einer
ordentlichen Wissenschaft erhoben und die Natur durch Experimente gezwungen ihre
Schranken anzugeben, dass man nunmehr des Herzens Schläge jahrlang vorausrechnet
und zu dem Pulse spricht: bis hieher und nicht weiter!1
- Wer sollte nicht auch hier seine Flügel versuchen?
Und wie ich nun werde zu Werk gehen müssen, diese süße, friedliche Eintracht der
Seele mit ihrem Leibe zu stören? Welche Gattung von Empfindnissen ich werde
wählen müssen? Welche wohl den Flor des Lebens am grimmigsten anfeinden? Zorn?
- dieser heißhungrige Wolf frisst sich zu schnell satt - Sorge? - dieser
Wurm nagt mir zu langsam - Gram? - diese Natter schleicht mir zu träge -
Furcht? - die Hoffnung lässt sich nicht umgreifen - was? sind das all die
Henker des Menschen? - Ist das Arsenal des Todes so bald erschöpft? - (Tiefsinnend.)
Wie? - Nun? - Was? Nein! - Ha! (Auffahrend.) Schreck! - Was kann
der Schreck nicht? - Was kann Vernunft, Religion wider dieses Giganten eiskalte
Umarmung? - Und doch? - Wenn er auch diesem Sturm stünde? - Wenn er? - O so
komme du mir zu Hilfe Jammer, und du Reue, höllische Eumenide,
grabende Schlange, die ihren Fraß wiederkäut und ihren eigenen Kot wieder
frisst; ewige Zerstörerinnen und ewige Schöpferinnen eures Giftes! und du,
heulende Selbstverklagung, die du dein eigen Haus verwüstest und deine
eigene Mutter verwundest - Und kommt auch ihr mir zu Hilfe wohltätige Grazien
selbst, sanftlächelnde Vergangenheit, und du mit dem überquellenden
Füllhorn blühende Zukunft, haltet ihm in euren Spiegeln die Freuden des
Himmels vor, wenn euer fliehender Fuß seinen geizigen Armen entgleitet - So
fall' ich Streich auf Streich, Sturm auf Sturm, dieses zerbrechliche Leben an,
bis den Furientrupp zuletzt schließt - die Verzweiflung! Triumph!
Triumph! - Der Plan ist fertig - schwer und kunstvoll wie keiner - zuverlässig -
sicher - denn (spöttisch) des Zergliederers Messer findet ja keine Spuren
von Wunde oder korrosivischem Gift.
(Entschlossen.) Wohlan denn! (Hermann tritt auf.) Ha! Deus
ex machina! Hermann!
HERMANN. Zu Euren Diensten,
gnädiger Junker!
FRANZ (gibt ihm die Hand). Die du
keinem Undankbaren erweisest.
HERMANN. Ich hab Proben davon.
FRANZ. Du sollst mehr haben mit
nächstem - mit nächstem, Hermann! - Ich habe dir etwas zu sagen, Hermann.
HERMANN. Ich höre mit tausend
Ohren.
FRANZ. Ich kenne dich, du bist
ein entschlossner Kerl - Soldatenherz - Haar auf der Zunge! - Mein Vater hat
dich sehr beleidigt, Hermann!
HERMANN. Der Teufel hole mich,
wenn ich's vergesse!
FRANZ. Das ist der Ton eines
Mannes! Rache geziemt einer männlichen Brust. Du gefällst mir, Hermann. Nimm
diesen Beutel, Hermann. Er sollte schwerer sein, wenn ich erst Herr wäre.
HERMANN. Das ist ja mein ewiger
Wunsch, gnädiger Junker; ich dank' Euch.
FRANZ. Wirklich, Hermann?
wünschest du wirklich, ich wäre Herr? - aber mein Vater hat das Mark eines
Löwen, und ich bin der jüngere Sohn.
HERMANN. Ich wollt', Ihr wär't
der ältere Sohn, und Euer Vater hätte das Mark eines schwindsüchtigen Mädchens.
FRANZ. Ha! wie dich der ältere
Sohn dann belohnen wollte! wie er dich aus diesem unedlen Staub, der sich so
wenig mit deinem Geist und Adel verträgt, ans Licht emporheben wollte! - Dann
solltest du, ganz wie du da bist, mit Gold überzogen werden und mit vier Pferden
durch die Straßen dahinrasseln, wahrhaftig! das solltest du! - Aber ich
vergesse, wovon ich dir sagen wollte - hast du das Fräulein von Edelreich schon
vergessen, Hermann?
HERMANN. Wetter Element! was
erinnert Ihr mich an das?
FRANZ. Mein Bruder hat sie dir
weggefischt.
HERMANN. Er soll dafür büßen!
FRANZ. Sie gab dir einen Korb.
Ich glaube gar, er warf dich die Treppen hinunter.
HERMANN. Ich will ihn dafür in
die Hölle stoßen.
FRANZ. Er sagte: man raune sich
einander ins Ohr, du seist zwischen dem Rindfleisch und Meerrettich gemacht
worden, und dein Vater habe dich nie ansehen können, ohne an die Brust zu
schlagen und zu seufzen: Gott sei mir Sünder gnädig!
HERMANN (wild). Blitz,
Donner und Hagel, seid still!
FRANZ. Er riet dir, deinen
Adelbrief im Aufstreich zu verkaufen und deine Strümpfe damit flicken zu lassen.
HERMANN. Alle Teufel! ich will
ihm die Augen mit den Nägeln auskratzen.
FRANZ. Was? du wirst böse? was
kannst du böse auf ihn sein? was kannst du ihm Böses tun? was kann so eine Ratze
gegen einen Löwen? Dein Zorn versüßt ihm seinen Triumph nur. Du kannst nichts
tun, als deine Zähne zusammenschlagen und deine Wut an trocknem Brote auslassen.
HERMANN (stampft auf den Boden).
Ich will ihn zu Staub zerreiben.
FRANZ (klopft ihm auf die
Achsel). Pfui, Hermann! du bist ein Kavalier. Du musst den Schimpf nicht auf
dir sitzen lassen. Du musst das Fräulein nicht fahren lassen, nein, das musst du
um alle Welt nicht tun, Hermann! Hagel und Wetter! ich würde das Äußerste
versuchen, wenn ich an deiner Stelle wäre.
HERMANN. Ich ruhe nicht, bis ich
ihn und ihn unterm Boden hab.
FRANZ. Nicht so stürmisch,
Hermann! Komm näher - du sollst Amalia haben.
HERMANN. Das muss ich, trutz dem
Teufel! das muss ich!
FRANZ. Du sollst sie haben, sag
ich dir, und das von meiner Hand. Komm näher, sag ich - du weißt vielleicht
nicht, dass Karl so gut als enterbt ist?
HERMANN (näher kommend).
Unbegreiflich! das erste Wort, das ich höre.
FRANZ. Sei ruhig und höre weiter!
du sollst ein andermal mehr davon hören - ja ich sage dir, seit elf Monaten so
gut als verbannt. Aber schon bereut der Alte den voreiligen Schritt, den er
doch, (lachend) will ich hoffen, nicht selbst getan hat. Auch liegt ihm
die Edelreich täglich hart an mit ihren Vorwürfen und Klagen. Über kurz oder
lang wird er ihn in allen vier Enden der Welt aufsuchen lassen, und gute Nacht,
Hermann! wenn er ihn findet. Du kannst ihm ganz demütig die Kutsche halten, wenn
er mit ihr in die Kirche zur Trauung fährt.
HERMANN. Ich will ihn am Kruzifix
erwürgen.
FRANZ. Der Vater wird ihm bald
die Herrschaft abtreten und in Ruhe auf seinen Schlössern leben. Jetzt hat der
stolze Strudelkopf den Zügel in Händen, jetzt lacht er seiner Hasser und Neider
- und ich, der ich dich zu einem wichtigen großen Mann machen wollte, ich
selbst, Hermann, werde tiefgebückt vor seiner Türschwelle -
HERMANN (in Hitze). Nein,
so wahr ich Hermann heiße, das sollt Ihr nicht! wenn noch ein Fünkchen Verstand
in diesem Gehirne glostet, das sollt Ihr nicht!
FRANZ. Wirst du das hindern? Auch
dich, mein lieber Hermann, wird er seine Geißel fühlen lassen, wird dir ins
Angesicht speien, wenn du ihm auf der Straße begegnest, und wehe dir dann, wenn
du die Achsel zuckst oder das Maul krümmst - siehe, so stehts mit deiner
Anwerbung ums Fräulein, mit deinen Aussichten, mit deinen Entwürfen.
HERMANN. Sagt mir, was soll ich
tun?
FRANZ. Höre denn, Hermann, dass
du siehst, wie ich mir dein Schicksal zu Herzen nehme als ein redlicher Freund -
geh - kleide dich um - mach dich ganz unkenntlich, lass dich beim Alten melden,
gib vor, du kämest geraden Wegs aus Böhmen, hättest mit meinem Bruder dem
Treffen bei Prag beigewohnt - hättest ihn auf der Walstatt den Geist aufgeben
sehen -
HERMANN. Wird man mir glauben?
FRANZ. Hoho! dafür lass mich
sorgen! Nimm dieses Paket. Hier findest du deine Kommission ausführlich. Und
Dokumente dazu, die den Zweifel selbst glaubig machen sollen - Mach jetzt nur,
dass du fortkommst, und ungesehen! Spring durch die Hintertüre in den Hof, von
da über die Gartenmauer - die Katastrophe dieser Tragikomödie überlass mir!
HERMANN. Und die wird sein: Vivat
der neue Herr, Franciskus von Moor!
FRANZ (streichelt ihm die
Backen). Wie schlau du bist? - denn siehst du, auf diese Art erreichen wir
alle Zwecke zumal und bald. Amalia gibt ihre Hoffnung auf ihn auf. Der Alte
misst sich den Tod seines Sohnes bei, und - er kränkelt - ein schwankendes
Gebäude braucht des Erdbebens nicht, um übern Haufen zu fallen - er wird die
Nachricht nicht überleben - dann bin ich sein einziger Sohn - Amalia hat ihre
Stützen verloren und ist ein Spiel meines Willens - da kannst du leicht denken -
kurz, alles geht nach Wunsch - aber du musst dein Wort nicht zurücknehmen.
HERMANN. Was sagt ihr? (Frohlockend.)
Eh soll die Kugel in ihren Lauf zurückkehren und in dem Eingeweid ihres Schützen
wüten - rechnet auf mich! Lasst nur mich machen - Adieu!
FRANZ (ihm nachrufend).
Die Ernte ist dein, lieber Hermann! - Wenn der Ochse den Kornwagen in die
Scheune gezogen hat, so muss er mit Heu vorlieb nehmen. Dir eine Stallmagd, und
keine Amalia! (Geht ab.)
1Eine
Frau in Paris soll es durch ordentlich angestellte Versuche mit Giftpulver so
weit gebracht haben, dass sie den entfernten Todestag mit ziemlicher
Zuverlässigkeit voraus bestimmen konnte. Pfui über unsere Ärzte, die diese Frau
im Prognostizieren beschämt!
Zweite Szene
á
Des alten Moors
Schlafzimmer.
Der alte Moor
schlafend in seinem Lehnsessel. Amalia.
AMALIA (sachte
herbeischleichend). Leise, leise! er schlummert. (Sie stellt sich vor den
Schlafenden.) Wie schön, wie ehrwürdig! - ehrwürdig, wie man die Heiligen
malt - nein, ich kann dir nicht zürnen! Weißlockigtes Haupt, dir kann ich nicht
zürnen!
Schlummre sanft, wache froh auf, ich allein will hingehn und leiden.
DER ALTE MOOR (träumend).
Mein Sohn! mein Sohn! mein Sohn!
AMALIA (ergreift seine Hand).
Horch, horch! sein Sohn ist in seinen Träumen.
DER ALTE MOOR. Bist du da? bist
du wirklich? ach! wie siehst du so elend! Sieh mich nicht an mit diesem
kummervollen Blick! ich bin elend genug.
AMALIA (weckt ihn schnell).
Seht auf, lieber Greis! Ihr träumtet nur. Fasst Euch!
DER ALTE MOOR (halb wach).
Er war nicht da? drückt' ich nicht seine Hände? Garstiger Franz! willst du ihn
auch meinen Träumen entreißen?
AMALIA. Merkst du's, Amalia?
DER ALTE MOOR (ermuntert sich).
Wo ist er? wo? wo bin ich? Du da, Amalia?
AMALIA. Wie ist Euch? Ihr
schlieft einen erquickenden Schlummer.
DER ALTE MOOR. Mir träumte von
meinem Sohn. Warum hab ich nicht fortgeträumt? Vielleicht hätte ich Verzeihung
erhalten aus seinem Munde.
AMALIA. Engel grollen nicht - er
verzeiht Euch. (Fasst seine Hand mit Wehmut.) Vater meines Karls! ich
verzeih Euch.
DER ALTE MOOR. Nein, meine
Tochter! diese Totenfarbe deines Angesichts verdammt den Vater. Armes Mädchen!
Ich brachte dich um die Freuden deiner Jugend - o fluche mir nicht!
AMALIA (küsst seine Hand mit
Zärtlichkeit). Euch?
DER ALTE MOOR. Kennst du dieses
Bild, meine Tochter?
AMALIA. Karls! -
DER ALTE MOOR. So sah er, als er
ins sechzehnte Jahr ging. Jetzt ist er anders - Oh, es wütet in meinem Innern -
diese Milde ist Unwillen, dieses Lächeln Verzweiflung - Nicht wahr, Amalia? Es
war an seinem Geburtstage in der Jasminlaube, als du ihn maltest? - Oh meine
Tochter! Eure Liebe machte mich so glücklich.
AMALIA (immer das Aug auf das
Bild geheftet). Nein! nein! er ists n. Bei Gott! Das ist Karl nicht - Hier,
hier (auf Herz und Stirne zeigend). So ganz, so anders. Die träge Farbe
reicht nicht, den himmlischen Geist nachzuspiegeln, der in seinem feurigen Auge
herrschte. Weg damit! dies ist so menschlich! Ich war eine Stümperin.
DER ALTE MOOR. Dieser huldreiche,
erwärmende Blick - wär er vor meinem Bette gestanden, ich hätte gelebt mitten im
Tode! Nie, nie wär ich gestorben!
AMALIA. Nie, nie wärt Ihr
gestorben! Es wär' ein Sprung gewesen, wie man von einem Gedanken auf einen
andern und schönern hüpft - dieser Blick hätt Euch übers Grab hinüber
geleuchtet. Dieser Blick hätt Euch über die Sterne getragen.
DER ALTE MOOR. Es ist schwer, es
ist traurig! Ich sterbe, und mein Sohn Karl ist nicht hier - ich werde zu Grabe
getragen, und er weint nicht an meinem Grabe - Wie süß ists, eingewiegt zu
werden in den Schlaf des Todes von dem Gebet eines Sohnes - das ist
Wiegengesang.
AMALIA (schwärmend). Ja
süß, himmlisch süß ists, eingewiegt zu werden in den Schlaf des Todes von dem
Gesang des Geliebten - vielleicht träumt man auch im Grabe noch fort - ein
langer, ewiger, unendlicher Traum von Karln, bis man die Glocke der Auferstehung
läutet - (aufspringend, entzückt) und von jetzt an in seinen Armen auf
ewig. (Pause. Sie geht ans Klavier und spielt.)
Willst dich, Hektor, ewig
mir entreißen,
Wo des Äaciden mordend
Eisen
Dem Patroklus schrecklich
Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen
Kleinen lehren
Speere werfen und die
Götter ehren,
Wenn hinunter dich der
Xanthus schlingt?
DER ALTE MOOR. Ein schönes Lied,
meine Tochter. Das musst du mir vorspielen, eh ich sterbe.
AMALIA. Es ist der Abschied
Andromachas und Hektors - Karl und ich habens oft zusammen zu der Laute
gesungen. (Spielt fort.)
Teures Weib, geh, hol'
die Todeslanze,
lass mich fort zum wilden
Kriegestanze!
Meine Schultern tragen
Ilium.
Über Astyanax unsre
Götter!
Hektor fällt, ein
Vaterlands Erretter,
Und wir sehn uns wider in
Elysium.
(Daniel.)
DANIEL. Es wartet draußen ein
Mann auf Euch. Er bittet, vorgelassen zu werden, er hab Euch eine wichtige
Zeitung.
DER ALTE MOOR. Mir ist auf der
Welt nur etwas wichtig, du weißts, Amalia - ists ein Unglücklicher, der meiner
Hilfe bedarf? Er soll nicht mit Seufzen von hinnen gehn.
AMALIA. Ists ein Bettler, er soll
eilig herauf kommen. (Daniel ab.)
DER ALTE MOOR. Amalia! Amalia!
schone meiner!
AMALIA (spielt fort)
Nimmer lausch' ich deiner
Waffen Schalle,
Einsam liegt dein Eisen
in der Halle,
Priams großer Heldenstamm
verdirbt!
Du wirst hingehn, wo kein
Tag mehr scheinet,
Der Cocytus durch die
Wüsten weinet,
Deine Liebe in dem Lethe
stirbt.
All mein Sehnen, all mein
Denken
Soll der schwarze
Lethefluss ertränken,
Aber meine Liebe nicht!
Horch! der Wilde rast
schon an den Mauern -
Gürte mir das Schwert um,
lass das Trauern!
Hektors Liebe stirbt im
Lethe nicht.
(Franz. Hermann
verkappt. Daniel.)
FRANZ. Hier ist der Mann.
Schreckliche Botschaften, sagt er, warten auf Euch. Könnt Ihr sie hören?
DER ALTE MOOR. Ich kenne nur
eine. Tritt her, mein Freund, und schone mein nicht! Reicht ihm einen Becher
Wein!
HERMANN (mit veränderter
Stimme). Gnädiger Herr! Lasst es einen armen Mann nicht entgelten, wenn er
wider Willen Euer Herz durchbohrt. Ich bin ein Fremdling in diesem Lande, aber
Euch kenn ich sehr gut, Ihr seid der Vater Karls von Moor.
DER ALTE MOOR. Woher weißt du
das?
HERMANN. Ich kannte Euren Sohn -
AMALIA (auffahrend). Er
lebt? lebt? Du kennst ihn? wo ist er? wo, wo? (Will hinwegrennen.)
DER ALTE MOOR. Du weißt von
meinem Sohn?
HERMANN. Er studierte in Leipzig.
Von da zog er, ich weiß nicht wie weit, herum. Er durchschwärmte Deutschland in
die Runde und, wie er mir sagte, mit unbedecktem Haupt, barfuss, und erbettelte
sein Brot vor den Türen. Fünf Monate drauf brach der leidige Krieg zwischen
Preußen und Östreich wieder aus, und da er auf der Welt nichts mehr zu hoffen
hatte, zog ihn der Hall von Friedrichs siegreicher Trommel nach Böhmen. Erlaubt
mir, sagte er zum großen Schwerin, dass ich den Tod sterbe auf dem Bette der
Helden, ich hab keinen Vater mehr! -
DER ALTE MOOR. Sieh mich nicht
an, Amalia!
HERMANN. Man gab ihm eine Fahne.
Er flog den preußischen Siegesflug mit. Wir kamen zusammen unter ein Zelt zu
liegen. Er sprach viel von seinem alten Vater und von bessern, vergangenen Tagen
- und von vereitelten Hoffnungen - uns standen die Tränen in den Augen.
DER ALTE MOOR (verhüllt sein
Haupt in das Kissen). Stille, o stille!
HERMANN. Acht Tage drauf war das
heiße Treffen bei Prag - ich darf Euch sagen, Euer Sohn hat sich gehalten wie
ein wackerer Kriegsmann. Er tat Wunder vor den Augen der Armee. Fünf Regimenter
mussten neben ihm wechseln, er stand. Feuerkugeln fielen rechts und links, Euer
Sohn stand. Eine Kugel zerschmetterte ihm die rechte Hand, Euer Sohn nahm die
Fahne in die linke, und stand -
AMALIA (in Entzückung).
Hektor, Hektor! Hört Ihr's? er stand -
HERMANN. Ich traf ihn am Abend
der Schlacht niedergesunken unter Kugelgepfeife, mit der Linken hielt er das
stürzende Blut, die Rechte hatte er in die Erde gegraben. Bruder! rief er mir
entgegen, es lief ein Gemurmel durch die Glieder, der General sei vor einer
Stunde gefallen - er ist gefallen, sagt ich, und du? - Nun, wer ein braver
Soldat ist, rief er und ließ die linke Hand los, der folge seinem General wie
ich! Bald darauf hauchte er seine große Seele dem Helden zu.
FRANZ (wild auf Hermann
losgehend). Dass der Tod deine verfluchte Zunge versiegle! Bist du hieher
kommen, unserem Vater den Todesstoß zu geben? - Vater! Amalia! Vater!
HERMANN. Es war der letzte Wille
meines sterbenden Kameraden. Nimm dies Schwert, röchelte er, du wirsts meinem
alten Vater überliefern; das Blut seines Sohnes klebt daran; er ist gerochen, er
mag sich weiden. Sag ihm, sein Fluch hätte mich gejagt in Kampf und Tod, ich sei
gefallen in Verzweiflung! Sein letzter Seufzer war Amalia.
AMALIA (wie aus einem
Todesschlummer aufgejagt). Sein letzter Seufzer Amalia.
DER ALTE MOOR (grässlich
schreiend, sich die Haare ausraufend). Mein Fluch ihn gejagt in den Tod!
gefallen in Verzweiflung!
FRANZ (umherirrend im Zimmer).
Oh! was habt Ihr gemacht, Vater? Mein Karl, mein Bruder!
HERMANN. Hier ist das Schwert,
und hier ist auch ein Portrait, das er zu gleicher Zeit aus dem Busen zog! Es
gleicht diesem Fräulein auf ein Haar. Dies soll meinem Bruder Franz, sagte er, -
ich weiß nicht, was er damit sagen wollte.
FRANZ (wie erstaunt). Mir?
Amalias Portrait? Mir, Karl, Amalia? Mir?
AMALIA (heftig auf Hermann
losgehend). Feiler bestochener Betrüger! (Fasst ihn hart an.)
HERMANN. Das bin ich nicht,
gnädiges Fräulein. Sehet selbst, obs nicht Euer Bild ist - Ihr mögts ihm wohl
selbst gegeben haben.
FRANZ. Bei Gott! Amalia, das
deine! Es ist wahrlich das deine!
AMALIA (gibt ihm das Bild
zurück). Mein, mein! O Himmel und Erde!
DER ALTE MOOR (schreiend, sein
Gesicht zerfleischend). Wehe, wehe! mein Fluch ihn gejagt in den Tod!
gefallen in Verzweiflung!
FRANZ. Und er gedachte meiner in
der letzten schweren Stunde des Scheidens, meiner! Englische Seele - da schon
das schwarze Panier des Todes über ihm rauschte - meiner! -
DER ALTE MOOR (lallend).
Mein Fluch ihn gejagt in den Tod, gefallen mein Sohn in Verzweiflung! -
HERMANN. Den Jammer steh' ich
nicht aus. Lebt wohl, alter Herr! (Leise zu Franz.) Warum habt Ihr auch
das gemacht, Junker? (Geht schnell ab.)
AMALIA (aufspringend, ihm nach).
Bleib, bleib! Was waren seine letzten Worte?
HERMANN (zurückrufend).
Sein letzter Seufzer war Amalia. (Ab.)
AMALIA. Sein letzter Seufzer war
Amalia! - Nein, du bist kein Betrüger! So ist es wahr - wahr - er ist tot! -
tot! - (hin und her taumelnd, bis sie umsinkt) tot - Karl ist tot -
FRANZ. Was seh' ich? Was steht da
auf dem Schwert? geschrieben mit Blut - Amalia!
AMALIA. Von ihm?
FRANZ. Seh' ich recht oder träum'
ich? Siehe da mit blutiger Schrift: Franz, verlass meine Amalia nicht.
Sieh doch! sieh doch! - und auf der andern Seite: Amalia, deinen Eid zerbrach
der allgewaltige Tod. - Siehst du nun, siehst du nun? er schriebs mit
erstarrender Hand, schriebs mit dem warmen Blut seines Herzens, schriebs an der
Ewigkeit feierlichem Rande! Sein fliehender Geist verzog, Franz und Amalia noch
zusammen zu knüpfen.
AMALIA. Heiliger Gott! es ist
seine Hand. - Er hat mich nie geliebt! (Schnell ab.)
FRANZ (auf den Boden stampfend).
Verzweifelt! meine ganze Kunst erliegt an dem Starrkopf.
DER ALTE MOOR. Wehe, wehe!
verlass mich nicht, meine Tochter! - Franz, Franz! gib mir meinen Sohn wieder!
FRANZ. Wer wars, der ihm den
Fluch gab? Wer wars, der seinen Sohn jagte in Kampf und Tod und Verzweiflung? -
Oh! er war ein Engel, ein Kleinod des Himmels. Fluch über seine Henker! Fluch,
Fluch über Euch selber! -
DER ALTE MOOR (schlägt mit
geballter Faust wider Brust und Stirn). Er war ein Engel, war Kleinod des
Himmels! Fluch, Fluch, Verderben, Fluch über mich selber! Ich bin der Vater, der
seinen großen Sohn erschlug. Mich liebt' er bis in den Tod! mich zu rächen,
rannte er in Kampf und Tod! Ungeheuer, Ungeheuer! (wütet wider sich selber.)
FRANZ. Er ist dahin, was helfen
späte Klagen? (Höhnisch lachend.) Es ist leichter morden, als lebendig
machen. Ihr werdet ihn nimmer aus seinem Grabe zurückholen.
DER ALTE MOOR. Nimmer, nimmer,
nimmer aus dem Grabe zurückholen. Hin, verloren auf ewig! Und du hast mir den
Fluch aus dem Herzen geschwätzt, du - du - Meinen Sohn mir wieder!
FRANZ. Reizt meinen Grimm nicht.
Ich verlass Euch im Tode! -
DER ALTE MOOR. Scheusal!
Scheusal! schaff mir meinen Sohn wieder! (Fährt aus dem Sessel, will Franzen
an der Gurgel fassen, der ihn zurückschleudert.)
FRANZ. Kraftlose Knochen! ihr
wagt es - Sterbt! Verzweifelt! (Ab.)
DER ALTE MOOR. Tausend Flüche
donnern dir nach! Du hast mir meinen Sohn aus den Armen gestohlen. (Voll
Verzweiflung hin und her geworfen im Sessel.) Wehe, wehe! Verzweifeln, aber
nicht sterben! - Sie fliehen, verlassen mich im Tode - meine guten Engel fliehen
von mir, weichen alle die Heiligen vom eisgrauen Mörder. - Wehe! Wehe! Will mir
keiner das Haupt halten, will keiner die ringende Seele entbinden? Keine Söhne!
keine Töchter! keine Freunde! - Menschen nur - will keiner, allein - verlassen -
Wehe! Wehe! - Verzweifeln, aber nicht sterben!
(Amalia mit verweinten Augen)
DER ALTE MOOR. Amalia! Bote des
Himmels! Kommst du, meine Seele zu lösen?
AMALIA (mit sanfterem Ton).
Ihr habt einen herrlichen Sohn verloren.
DER ALTE MOOR. Ermordet,
willst du sagen. Mit diesem Zeugnis belastet, tret ich vor den Richterstuhl
Gottes.
AMALIA. Nicht also, jammervoller
Greis! der himmlische Vater rückt' ihn zu sich. Wir wären zu glücklich gewesen
auf dieser Welt. - Droben, droben über den Sonnen - Wir sehn ihn wieder.
DER ALTE MOOR. Wiedersehen,
wiedersehen! Oh, es wird mir durch die Seele schneiden ein Schwert - Wenn ich
ein Heiliger ihn unter den Heiligen finde - mitten im Himmel werden durch mich
schauern Schauer der Hölle! im Anschauen des Unendlichen mich zermalmen die
Erinnerung: ich hab meinen Sohn ermordet!
AMALIA. Oh, er wird Euch die
Schmerzerinnerung aus der Seele lächeln! Seid doch heiter, lieber Vater! ich
bins so ganz. Hat er nicht schon den himmlischen Hörern den Namen Amalia
vorgesungen auf der seraphischen Harfe, und die himmlischen Hörer lispelten ihm
leise nach? Sein letzter Seufzer war ja Amalia! Wird nicht sein erster Jubel,
Amalia! sein?
DER ALTE MOOR. Himmlischer Trost
quillt von deinen Lippen! Er wird mir lächeln, sagst du? Vergeben? Du musst bei
mir bleiben, Geliebte meines Karls, wenn ich sterbe.
AMALIA. Sterben ist Flug in seine
Arme. Wohl Euch! Ihr seid zu beneiden. Warum sind diese Gebeine nicht mürb?
warum diese Haare nicht grau? Wehe über die Kräfte der Jugend! Willkommen, du
markloses Alter, näher gelegen dem Himmel und meinem Karl!
(Franz tritt auf.)
DER ALTE MOOR. Tritt her, mein
Sohn! Vergib mir, wenn ich vorhin zu hart gegen dich war! Ich vergebe dir alles.
Ich möchte so gern im Frieden den Geist aufgeben.
FRANZ. Habt Ihr genug um Euren
Sohn geweint? So viel ich sehe, habt Ihr nur einen.
DER ALTE MOOR. Jakob hatte der
Söhne zwölf, aber um seinen Joseph hat er blutige Tränen geweint.
FRANZ. Hum!
DER ALTE MOOR. Geh, nimm die
Bibel, meine Tochter, und lies mir die Geschichte Jakobs und Josephs! Sie hat
mich immer so gerührt, und damals bin ich noch nicht Jakob gewesen.
AMALIA. Welches soll ich Euch
lesen? (Nimmt die Bibel und blättert.)
DER ALTE MOOR. Lies mir den
Jammer des Verlassenen, als er ihn nimmer unter seinen Kindern fand - und
vergebens sein harrte im Kreis seiner elfe - und sein Klagelied, als er vernahm,
sein Joseph sei ihm genommen auf ewig -
AMALIA (liest). »Da nahmen
sie Josephs Rock, und schlachteten einen Ziegenbock, und tauchten den Rock in
das Blut, und schickten den bunten Rock hin, und ließen ihn ihrem Vater bringen,
und sagen: diesen haben wir funden, siehe, obs deines Sohnes Rock sei, oder
nicht?« (Franz geht plötzlich hinweg.) »Er kannte ihn aber und sprach: Es
ist meines Sohnes Rock, ein böses Tier hat ihn gefressen, ein reißend Tier hat
Joseph zerrissen! -«
DER ALTE MOOR (fällt auf
Kissen zurück). Ein reißend Tier hat Joseph zerrissen!
AMALIA (liest weiter).
»Und Jakob zerriss seine Kleider, und legte einen Sack um seine Lenden, und trug
Leide um seinen Sohn lange Zeit, und alle seine Söhne und Töchter traten auf,
dass sie ihn trösteten; aber er wollte sich nicht trösten lassen und sprach: Ich
werde mit Leid hinunterfahren -«
DER ALTE MOOR. Hör' auf, hör'
auf! Mir wird sehr übel.
AMALIA (hinzuspringend, lässt
das Buch fallen). Hilf Himmel! Was ist das?
DER ALTE MOOR. Das ist der Tod! -
Schwarz - schwimmt - vor meinen - Augen - ich bitt dich - ruf dem Pastor - dass
er mir - das Abendmahl reiche - Wo ist - mein Sohn Franz?
AMALIA. Er ist geflohen! Gott
erbarme sich unser!
DER ALTE MOOR. Geflohen -
geflohen von des Sterbenden Bette? - Und das all - all - von zwei Kindern voll
Hoffnung - du hast sie - gegeben - hast sie - genommen - - dein Name sei - -
AMALIA (mit einem plötzlichen
Schrei). Tot! Alles tot! (Ab in Verzweiflung.)
(Franz hüpft frohlockend
herein.)
FRANZ. Tot, schreien
sie, tot! Jetzt bin ich Herr. Im ganzen Schlosses zetert es:
tot. - Wie aber, schläft er vielleicht nur? - freilich, ach freilich!
das ist nun freilich ein Schlaf, wo es ewig niemals »Guten Morgen« heißt -
Schlaf und Tod sind nur Zwillinge. Wir wollen einmal die Namen wechseln!
Wackerer, willkommener Schlaf! Wir wollen dich Tod heißen! (Er drückt ihm die
Augen zu.) Wer wird nun kommen und es wagen, mich vor Gericht zu fordern?
oder mir ins Angesicht zu sagen: du bist ein Schurke! Weg denn mit dieser
lästigen Larve von Sanftmut und Tugend! Nun sollt ihr den nackten Franz sehen
und euch entsetzen! Mein Vater überzuckerte seine Forderungen, schuf sein Gebiet
zu einem Familienzirkel um, saß liebreich lächelnd am Tor und grüßte sie Brüder
und Kinder. - Meine Augbraunen sollen über euch herhangen wie Gewitterwolken,
mein herrischer Name schweben wie ein drohender Komet über diesen Gebirgen,
meine Stirne soll euer Wetterglas sein! Er streichelte und koste den Nacken, der
gegen ihn störrig zurückschlug. Streicheln und kosen ist meine Sache nicht. Ich
will euch die zackigten Sporen ins Fleisch hauen und die scharfe Geißel
versuchen. - In meinem Gebiet solls so weit kommen, dass Kartoffeln und Dünnbier
ein Traktament für Festtage werden, und wehe dem, der mir mit vollen, feurigen
Backen unter die Augen tritt! Blässe der Armut und sklavischen Furcht sind meine
Leibfarbe; in diese Liverei will ich euch kleiden! (Er geht ab.)
Dritte Szene
á
Die böhmischen
Wälder.
Spiegelberg.
Razmann. Räuberhaufen.
RAZMANN. Bist da? bists wirklich?
So lass dich doch zu Brei zusammendrücken,
lieber Herzensbruder Moritz!
Willkommen in den böhmischen Wäldern! Bist ja groß worden und stark.
Stern-Kreuz-Bataillon!
Bringst ja Rekruten mit einen ganzen Trieb, du
trefflicher Werber!
SPIEGELBERG. Gelt, Bruder? gelt?
Und das ganze Kerl dazu! - Du glaubst nicht, Gottes sichtbarer Segen ist bei
mir:
war dir ein armer hungriger Tropf, hatte nichts als diesen Stab, da ich
über den Jordan ging, und
jetzt sind unserer achtundsiebenzig, meistens
ruinierte Krämer, rejicierte Magister und Schreiber aus den schwäbischen
Provinzen; das ist dir ein Korps Kerles, Bruder, deliziöse Bursche, sag ich dir,
wo als einer dem andern die Knöpfe von den Hosen stiehlt und mit geladener
Flinte neben ihm sicher ist - und haben vollauf und stehen dir in einem Renommee
vierzig Meilen weit, das nicht zu begreifen ist.
Da ist dir keine Zeitung, wo du
nicht ein Artikelchen von dem Schlaukopf Spiegelberg wirst getroffen haben; ich
halte sie mir auch pur deswegen - vom Kopf bis zun Füßen haben sie mich dir
hingestellt, du meinst, du sähst mich; sogar meine Rockknöpfe haben sie nicht
vergessen. Aber wir führen sie erbärmlich am Narrenseil herum. Ich geh letzthin
in die Druckerei, geb vor,
ich hätte den berüchtigten Spiegelberg gesehen, und
diktier einem Skrizler, der dort saß, das
leibhafte Bild von einem dortigen
Wurmdoktor in die Feder; das Ding kommt um, der
Kerl wird eingezogen, parforce
inquiriert, und in der Angst und in der Dummheit gesteht er dir, hol mich der
Teufel! gesteht dir, er sei der Spiegelberg - Donner und Wetter!
Ich war
eben auf dem Sprung, mich beim Magistrat anzugeben, dass die Canaille mir meinen
Namen so verhunzen soll - wie ich sage, drei Monat drauf hangt er. Ich musste
nachher eine derbe Prise Tobak in die Nase reiben,
als ich am Galgen
vorbeispazierte und den Pseudo-Spiegelberg in seiner Glorie da paradieren sah -
und unterdessen dass Spiegelberg hangt, schleicht sich Spiegelberg ganz sachte
aus den Schlingen und deutet der superklugen Gerechtigkeit hinterrücks
Eselsohren, dass 's zum Erbarmen ist.
RAZMANN (lacht).
Du bist
eben noch immer der alte.
SPIEGELBERG. Das bin ich, wie du
siehst, an Leib und Seel. Narr!
einen Spaß muss ich dir doch erzählen, den ich
neulich im Cäcilien-Kloster angerichtet habe. Ich treffe das Kloster auf meiner
Wanderschaft so gegen die Dämmerung, und da ich eben den Tag noch keine Patrone
verschossen hatte - du weißt, ich hasse das diem perdidi auf den Tod - so
musste
die Nacht noch durch einen Streich verherrlicht werden, und sollts dem Teufel um
ein Ohr gelten! Wir halten uns ruhig bis in die späte Nacht. Es wird mausstill.
Die Lichter gehen aus. Wir denken, die Nonnen könnten jetzt in den Federn sein.
Nun nehm ich meinen Kameraden Grimm mit mir, heiß die andern warten vorm Tor,
bis sie mein Pfeifchen hören würden, - versichere mich des Klosterwächters, nehm
ihm die Schlüssel ab, schleich mich hinein, wo die Mägde schliefen,
praktizier
ihnen die Kleider weg, und heraus mit dem Pack zum Tor. Wir gehen weiter von
Zelle zu Zelle,
nehmen einer Schwester nach der andern die Kleider, endlich auch
der Äbtissin - Jetzt pfeif ich, und meine Kerls draußen fangen an zu stürmen und
zu hasselieren, als käm der Jüngste Tag, und
hinein mit bestialischem Gepolter
in die Zellen der Schwestern - Hahaha! - da hättest du die Hatz sehen sollen,
wie die armen Tierchen in der Finstere nach ihren Röcken tappten und sich
jämmerlich gebärdeten, wie sie zum Teufel waren, und wir indes wie alle
Donnerwetter zugesetzt, und wie sie sich vor Schreck und Bestürzung in Bettlaken
wickelten, oder unter dem Ofen zusammenkrochen wie Katzen, andere in der Angst
ihres Herzens die Stube so besprengten, dass du hättest das Schwimmen drin
lernen können, und das erbärmliche Gezeter und Lamento, und
endlich gar die alte
Schnurre, die Äbtissin, angezogen wie Eva vor dem Fall - du weißt, Bruder, dass
mir
auf diesem weiten Erdenrund kein Geschöpf so zuwider ist, als eine Spinne
und ein altes Weib, und nun denk dir einmal die
schwarzbraune, runzligte,
zottigte Vettel vor mir herumtanzen und mich bei ihrer jungfräulichen
Sittsamkeit beschwören - alle Teufel! ich hatte schon den Ellbogen angesetzt,
ihr die übrig gebliebenen wenigen Edlen vollends in den Mastdarm zu
stoßen - kurz resolviert! entweder heraus mit dem Silbergeschirr, mit dem
Klosterschatz und allen den blanken Tälerchen, oder - meine Kerls verstanden
mich schon - ich sage dir,
ich hab aus dem Kloster mehr denn tausend Taler Werts
geschleift, und den Spaß obendrein, und
meine Kerls haben ihnen ein Andenken
hinterlassen, sie werden ihre neun Monate dran zu schleppen haben.
RAZMANN (auf den Boden
stampfend). Dass mich der Donner da weg hatte!
SPIEGELBERG. Siehst du? Sag du
mehr, als ob das kein Luderleben ist? und
dabei bleibt man frisch und stark, und
das Korpus ist noch beisammen und schwillt dir stündlich wie ein Prälatsbauch -
ich weiß nicht, ich muss was Magnetisches an mir haben, das dir alles
Lumpengesindel auf Gottes Erdboden anzieht wie Stahl und Eisen.
RAZMANN. Schöner Magnet du! Aber
so möcht ich Henkers doch wissen, was für Hexereien du brauchst
-
SPIEGELBERG. Hexereien?
Braucht
keine Hexereien - Kopf musst du haben! Ein gewisses
praktisches Judicium, das
man freilich nicht in der Gerste frisst - denn siehst du, ich pfleg immer zu
sagen:
einen honetten Mann kann man aus jedem Weidenstotzen formen, aber zu
einem Spitzbuben wills Grütz - auch gehört dazu ein eigenes Nationalgenie, ein
gewisses, dass ich so sage, Spitzbubenklima, und da rat ich dir, reis du ins
Graubünder Land, das ist das Athen der heutigen Gauner.
RAZMANN. Bruder!
man hat mir
überhaupt das ganze Italien gerühmt.
SPIEGELBERG. Ja, ja! man muss
niemand sein Recht vorenthalten,
Italien weist auch seine Männer auf, und wenn
Deutschland so fortmacht, wie es bereits auf dem Weg ist, und die Bibel vollends
hinausvotiert, wie es die glänzendsten Aspekten hat, so kann mit der Zeit auch
noch aus Deutschland was Gutes kommen - überhaupt aber, muss ich dir sagen,
macht das Klima nicht sonderlich viel, das Genie kommt überall fort, und das
Übrige, Bruder -
ein Holzapfel, weißt du wohl, wird im Paradiesgärtlein selber
ewig keine Ananas - aber dass ich dir weiter sage - wo bin ich stehen geblieben?
RAZMANN. Bei den Kunstgriffen!
SPIEGELBERG. Ja recht,
bei den
Kunstgriffen. So ist dein erstes, wenn du in die Stadt kommst, du ziehst bei den
Bettelvögten, Stadtpatrollanten und Zuchtknechten Kundschaft ein, wer so am
fleißigsten bei ihnen einspreche, die Ehre gebe, und
diese Kunden suchst du auf - ferner nistest du dich in die Kaffeehäuser, Bordelle, Wirtshäuser ein,
spähst,
sondierst, wer am meisten über die wohlfeile Zeit, die fünf pro Cent, über die
einreißende Pest der Polizeiverbesserungen schreit, wer am meisten über die
Regierung schimpft, oder wider die Physiognomik eifert und dergleichen. Bruder!
das ist die rechte Höhe! die Ehrlichkeit wackelt wie ein hohler Zahn, du darfst
nur den Pelikan ansetzen - oder besser und kürzer: du gehst und wirfst einen
vollen Beutel auf die offene Straße, versteckst dich irgendwo und merkst dir
wohl, wer ihn aufhebt - eine Weile drauf jagst du hinterher, suchst, schreist
und fragst nur so im Vorbeigehen: haben der Herr nicht etwa einen
Geldbeutel
gefunden? Sagt er ja, - nun so hats der Teufel gesehen: leugnet ers aber: der
Herr verzeihen - ich wüsste mich nicht zu entsinnen, - ich bedaure
(aufspringend) Bruder! Triumph, Bruder! Lösch deine Laterne aus, schlauer
Diogenes! - du hast deinen Mann gefunden.
RAZMANN.
Du bist ein ausgelernter
Praktikus.
SPIEGELBERG. Mein Gott! als ob
ich noch jemals dran gezweifelt hätte - Nun du deinen Mann in dem Hamen hast,
musst dus auch fein schlau angreifen, dass du ihn hebst! -
Siehst du, mein
Sohn! das hab ich so gemacht: -
Sobald ich einmal die Fährte hatte, hängt ich
mich meinem Kandidaten an wie eine Klette, saufte Brüderschaft mit ihm, und
notabene! zechfrei musst du ihn halten! da geht freilich ein Schönes drauf, aber
das achtest du nicht - - du gehst weiter, du führst ihn in Spielkompanien und
bei liederlichen Menschern ein, verwickelst ihn in Schlägereien und schelmische
Streiche, bis er an Saft und Kraft und Geld und Gewissen und gutem Namen
bankrott wird; denn incidenter muss ich dir sagen,
du richtest nichts aus, wenn
du nicht Leib und Seele verderbst - Glaube mir, Bruder! das hab ich
aus meiner
starken Praxi wohl fünfzigmal abstrahiert, wenn der ehrliche Mann einmal aus dem
Nest gejagt ist, so ist der Teufel Meister - der Schritt ist dann so leicht -
o
so leicht, als der Sprung von einer Hure zu einer Betschwester. - Horch doch!
was für ein Knall war das?
RAZMANN. Es war gedonnert, nur
fortgemacht!
SPIEGELBERG.
Noch ein kürzerer,
besserer Weg ist der, du plünderst deinem Mann Haus und Hof ab, bis ihm kein
Hemd mehr am Leibe hebt, alsdann kommt er dir von selber - lern mich die Pfiffe
nicht, Bruder -
frag einmal das Kupfergesicht dort - Schwere Not! den hab ich
schön ins Garn gekriegt - ich hielt ihm vierzig Dukaten hin, die sollt er
haben, wenn er mir seines Herrn Schlüssel in Wachs drücken wollte - denk
einmal! die dumme Bestie tuts, bringt mir, hol mich der Teufel! die Schlüssel
und will jetzt das Geld haben - Monsieur, sagt ich, weiß Er auch, dass ich jetzt
diese Schlüssel gerades Wegs zum Polizeilieutnant trage und Ihm ein Logis am
lichten Galgen miete? - Tausendsakerment! da hättest du den Kerl sehen sollen
die Augen aufreißen und anfangen zu zappeln wie ein nasser Pudel - - »Um's
Himmels willen, hab der Herr doch Einsicht! ich will - will -« Was will Er? will
Er jetzt gleich den Zopf hinaufschlagen und mit mir zum Teufel gehn? - »O von
Herzen gern, mit Freuden« - Hahaha! guter Schlucker,
mit Speck fängt man Mäuse -
Lach' ihn doch aus, Razmann! hahaha!
RAZMANN. Ja, ja, ich muss
gestehen.
Ich will mir diese Lektion mit goldenen Ziffern auf meine Hirntafel
schreiben.
Der Satan mag seine Leute kennen, dass er dich zu seinem Mäkler
gemacht hat.
SPIEGELBERG. Gelt, Bruder? und
ich denke, wenn ich ihm zehn stelle, lässt er mich frei ausgehen - gibt ja jeder
Verleger seinem Sammler das zehnte Exemplar gratis, warum soll der Teufel so
jüdisch zu Werk gehn? Razmann! ich rieche Pulver -
RAZMANN. Sapperment! ich riechs
auch schon lang. - Gib acht, es wird in der Näh was gesetzt haben! - Ja, ja, wie
ich dir sage, Moritz, du wirst dem Hauptmann mit deinen Rekruten willkommen sein
- er hat auch schon brave Kerl angelockt.
SPIEGELBERG. Aber die meinen! die
meinen! - Pah -
RAZMANN. Nun ja! sie mögen
hübsche Fingerchen haben - aber ich sage dir,
der Ruf unsers Hauptmanns hat auch
schon ehrliche Kerl in Versuchung geführt.
SPIEGELBERG. Ich will nicht
hoffen.
RAZMANN. Sans Spaß! und
sie
schämen sich nicht, unter ihm zu dienen.
Er mordet nicht um des Raubes willen,
wie wir - nach dem Geld schien er nicht mehr zu fragen, sobald ers vollauf
haben konnte, und
selbst sein Drittteil an der Beute, das ihn von Rechtswegen
trifft, verschenkt er an Waisenkinder, oder
lässt damit arme Jungen von Hoffnung
studieren. Aber soll er dir
einen Landjunker schröpfen, der seine Bauern wie das
Vieh abschindet, oder einen Schurken mit goldnen Borten unter den Hammer
kriegen, der die Gesetze falschmünzt und das Auge der Gerechtigkeit übersilbert,
oder sonst ein Herrchen von dem Gelichter - Kerl! da ist er dir in seinem
Element und haust teufelmäßig, als wenn jede Faser an ihm eine Furie wäre.
SPIEGELBERG. Hum! Hum!
RAZMANN. Neulich erfuhren wir im
Wirtshaus, dass ein reicher Graf von Regensburg durchkommen würde, der einen
Prozess von einer Million durch die Pfiffe seines Advokaten durchgesetzt
hätte;
er saß eben am Tisch und brettelte. - Wie viel sind unserer? frug er mich, indem
er hastig aufstand; ich sah ihn die Unterlippe zwischen die Zähne klemmen,
welches er nur tut, wenn er am grimmigsten ist - Nicht mehr als fünf! sagt ich -
Es ist genug! sagt er, warf der Wirtin das Geld auf den Tisch, ließ den Wein,
den er sich hatte reichen lassen, unberührt stehen - wir machten uns auf den
Weg. Die ganze Zeit über sprach er kein Wort, lief abseitwärts und allein, nur
dass er uns von Zeit zu Zeit fragte, ob wir noch nichts gewahr worden wären, und
uns befahl, das Ohr an die Erde zu legen.
Endlich so kommt der Graf hergefahren,
der Wagen schwer bepackt, der Advokat saß bei ihm drin, voraus ein Reiter,
nebenher ritten zwei Knechte - da hättest du den Mann sehen sollen, wie er, zwei
Terzerolen in der Hand, vor uns her auf den Wagen zusprang! und die Stimme,. mit
der er rief: Halt! - Der Kutscher, der nicht Halt machen wollte, musste vom Bock
herabtanzen; der Graf schoss aus dem Wagen in den Wind, die Reiter flohen
- Dein
Geld, Canaille! rief er donnernd -
er lag wie ein Stier unter dem Beil - und
bist du der Schelm, der die Gerechtigkeit zur feilen Hure macht?
Der Advokat
zitterte, dass ihm die Zähne klapperten, - der
Dolch stak in seinem Bauch wie
ein Pfahl im Weinberg - Ich habe das Meine getan! rief er und wandte sich stolz
von uns weg; das Plündern ist eure Sache. Und somit verschwand er im Wald -
SPIEGELBERG. Hum! hum! Bruder,
was ich dir vorhin erzählt habe, bleibt unter uns, er brauchts nicht zu wissen.
Verstehst du?
RAZMANN. Recht, recht, ich
versteh.
SPIEGELBERG.
Du kennst ihn ja! Er
hat so seine Grillen. Du verstehst mich.
RAZMANN. Ich versteh, ich
versteh.
(Schwarz in vollem Lauf.)
RAZMANN. Wer da? was gibt's da?
Passagiers im Walde?
SCHWARZ. Hurtig, hurtig! wo sind
die Andern? - Tausendsakerment! Ihr steht da und plaudert! Wisst ihr denn nicht
- Wisst ihr denn gar nicht? - und Roller -
RAZMANN. Was denn? was denn?
SCHWARZ. Roller ist gehangen,
noch vier andere mit.
RAZMANN. Roller? Schwere Not!
seit wann - woher weißt dus?
SCHWARZ.
Schon über drei Wochen
sitzt er, und wir erfahren nichts, schon drei Rechtstage sind über ihn gehalten
worden, und wir hören nichts; man hat ihn auf der Tortur examiniert, wo der
Hauptmann sei? -
der wackere Bursche hat nichts bekannt; gestern ist ihm der
Prozess gemacht worden, diesen Morgen ist der dem Teufel extra Post zugefahren.
RAZMANN. Vermaledeit! weiß es der
Hauptmann?
SCHWARZ. Erst gestern erfährt
ers. Er schäumt wie ein Eber. Du weißt,
er hat immer am meisten gehalten auf
Roller, und nun die Tortur erst - Strick und Leiter sind schon an den Turm
gebracht worden, es half nichts;
er selbst hat sich schon in Kapuzinerskutte zu
ihm geschlichen und die Person mit ihm wechseln wollen;
Roller schlugs
hartnäckig ab; jetzt hat er einen Eid geschworen, dass es uns eiskalt über die
Leber lief,
er wolle ihm eine Todesfackel anzünden, wie sie noch keinem König
geleuchtet hat, die ihnen den Buckel braun und blau brennen soll.
Mir ist bang
für die Stadt.
Er hat schon lang eine Pike auf sie, weil sie so schändlich
bigott ist, und du weißt, wenn er sagt: ich wills tun! so ists so viel, als
wenns unser einer getan hat.
RAZMANN. Das ist wahr! ich kenne
den Hauptmann. Wenn er dem Teufel sein Wort drauf gegeben hätte, in die Hölle zu
fahren, er würde nie beten, wenn er mit einem halben Vaterunser selig werden
könnte! - Aber ach, der arme Roller! der arme Roller! -
SPIEGELBERG.
Memento mori! Aber
das regt mich nicht an. (Trillert ein Liedchen.)
Geh ich vorbei am Rabensteine,
So blinz ich nur das rechte Auge
zu
Und denk, du hängst mir wohl
alleine
Wer ist ein Narr, ich oder du?
RAZMANN (aufspringend). Horch!
ein Schuss. (Schießen und Lärmen.)
SPIEGELBERG. Noch einer!
RAZMANN. Wieder einer! der
Hauptmann! (Hinter der Szene gesungen.)
Die Nürnberger henken keinen,
Sie hätten ihn denn vor.
(Da capo.)
SCHWEIZER.
Roller (hinter der
Szene). Holla ho! Holla ho!
RAZMANN. Roller! Roller! Holen
mich zehn Teufel!
SCHWEIZER. ROLLER (hinter der
Szene). Razmann! Schwarz! Spiegelberg! Razmann!
RAZMANN. Roller! Schweizer!
Blitz, Donner, Hagel und Wetter! (Fliegen ihm entgegen.)
(Räuber Moor zu Pferd.
Schweizer. Roller. Grimm. Schufterle. Räubertrupp mit Kot und Staub bedeckt
treten auf.)
RÄUBER MOOR (vom Pferd
springend). Freiheit! Freiheit! - - Du bist im Trocknen, Roller! - Führ meinen
Rappen ab, Schweizer, und wasch ihn mit Wein. (Wirft sich auf die Erde.) Das
hat gegolten!
RAZMANN (zu Roller). Nun, bei der
Feueresse des Plutos! bist du vom Rad auferstanden?
SCHWARZ. Bist du sein Geist? oder
bin ich ein Narr? oder bist dus wirklich?
ROLLER (in Atem). Ich bins.
Leibhaftig. Ganz. Wo glaubst du, dass ich herkomme?
SCHWARZ. Da frag die Hexe! Der
Stab war schon über dich gebrochen.
ROLLER. Das war er freilich, und
noch mehr. Ich komme recta vom Galgen her. lass mich nur erst zu Atem kommen.
Der Schweizer wird dir erzählen. Gebt mir ein Glas Branntenwein! - du auch
wieder da, Moritz? Ich dachte, dich wo anders wiederzusehen - Gebt mir doch
ein Glas Branntenwein! meine Knochen fallen auseinander - o mein Hauptmann! wo
ist mein Hauptmann?
SCHWARZ. Gleich, gleich! - so sag
doch, so schwätz doch! wie bist du davon gekommen? wie haben wir dich wieder?
Der Kopf geht mir um. Vom Galgen her, sagst du?
ROLLER (stürzt eine Flasche Branntenwein hinunter). Ah! das schmeckt, das brennt ein! - Grades Wegs vom
Galgen her, Sag ich. Ihr steht da und gafft und könnts nicht träumen - ich war
auch nur drei Schritte von der Sackermentsleiter, auf der ich in den Schoß
Abrahams steigen sollte - so nah, so nah - war dir schon mit Haut und Haar auf
die Anatomie verhandelt! hättest mein Leben um'n Prise Schnupftabak haben
können. Dem Hauptmann dank ich Luft, Freiheit und Leben.
SCHWEIZER.
Es war ein Spaß, der
sich hören lässt. Wir hatten den Tag vorher durch unsre Spionen Wind gekriegt,
der Roller liege tüchtig im Salz, und wenn der Himmel nicht bei Zeit noch
einfallen wollte, so werde er morgen am Tag - das war heut - den Weg alles
Fleisches gehen müssen - Auf! sagt der Hauptmann, was wiegt ein Freund nicht? -
Wir retten ihn, oder retten ihn nicht, so wollen wir ihm wenigstens doch eine
Todesfackel anzünden, wie sie noch keinem König geleuchtet hat, die ihnen den
Buckel braun und blau brennen soll. Die
ganze Bande wird aufgeboten. Wir
schicken einen Expressen an ihn, ders ihm in einem Zettelchen beibrachte, das
er ihm in die Suppe warf.
ROLLER. Ich verzweifelte an dem
Erfolg.
SCHWEIZER.
Wir passten die Zeit
ab, bis die Passagen leer waren. Die ganze Stadt zog dem Spektakel nach, Reiter
und Fußgänger durcheinander und Wagen, der Lärm und der Galgenpsalm johlten weit.
Jetzt, sagt der Hauptmann, brennt an, brennt an!
Die Kerl flogen wie Pfeile,
steckten die Stadt an dreiunddreißig Ecken zumal in Brand,
werfen feurige Lunten
in die Nähe des Pulverturms, in Kirchen und Scheunen - Mordbleu! es war keine
Viertelstunde vergangen, der Nordostwind, der auch seinen Zahn auf die Stadt
haben muss, kam uns trefflich zu statten und half die Flamme bis hinauf in die
obersten Giebel jagen. Wir indes Gasse auf Gasse nieder, wie Furien - Feuerjo!
Feuerjo! durch die ganze Stadt - Geheul - Geschrei - Gepolter - fangen an die
Brandglocken zu brummen,
knallt der Pulverturm in die Luft, als wär die Erde
mitten entzwei geborsten, und der Himmel zerplatzt, und die Hölle zehntausend
Klafter tief versunken.
ROLLER. Und
jetzt sah mein
Gefolge zurück - da lag die Stadt wie Gomorrha und Sodom, der ganze Horizont war
Feuer, Schwefel und Rauch, vierzig Gebirge brüllten den infernalischen Schwank
in die Rund herum nach, ein panischer Schreck schmeißt alle zu Boden - jetzt
nutz ich den Zeitpunkt, und risch, wie der Wind! -
ich war losgebunden, so nah wars dabei - da meine Begleiter versteinert wie Loths Weib zurückschaun.
Reißaus! zerrissen die Haufen! davon! Sechzig Schritte weg werf' ich die Kleider
ab, stürze mich in den Fluss, schwimm unterm Wasser fort, bis ich glaubte,
ihnen aus dem Gesichte zu sein. Mein Hauptmann schon parat mit Pferden und
Kleidern - so bin ich entkommen.
Moor! Moor! möchtest du bald auch in den
Pfeffer geraten, dass ich dir Gleiches mit Gleichem vergelten kann!
RAZMANN. Ein bestialischer
Wunsch, für den man dich hängen sollte - aber es war
ein Streich zum Zerplatzen.
ROLLER. Es war Hilfe in der Not;
ihr könnts nicht schätzen.
Ihr hättet sollen - den Strick um den Hals - mit
lebendigem Leibe zu Grabe marschieren, wie ich, und die sackermentalischen
Anstalten und Schinderszeremonien, und mit jedem Schritt, den der scheue Fuß
vorwärts wankte, näher und fürchterlich näher die verfluchte Maschine, wo ich
einlogiert werden sollte, im Glanz der schrecklichen Morgensonne steigend, und
die lauernden Schindersknechte und die grässliche Musik - noch raunt sie in
meinen Ohren - und das Gekrächze hungriger Raben, die an meinem halbfaulen
Antezessor zu Dreißigen hingen, und das alles, alles - und obendrein noch der
Vorschmack der Seligkeit, die mir blühte! - Bruder, Bruder! und auf einmal die
Losung zur Freiheit -
Es war ein Knall, als ob dem Himmelsfass ein Reif
gesprungen wäre - Hört, Canaillen! ich sag euch, wenn man aus dem glühenden Ofen
ins Eiswasser springt, kann man den Abfall nicht so stark fühlen, als ich, da
ich am andern Ufer war.
SPIEGELBERG (lacht).
Armer
Schlucker! Nun ists ja verschwitzt. (Trinkt ihm zu.) Zur glücklichen
Wiedergeburt!
ROLLER (wirft sein Glas weg).
Nein, bei allen Schätzen des Mammons!
ich möchte das nicht zum zweiten Mal
erleben. Sterben ist etwas mehr als Harlekinssprung, und Todesangst ist ärger
als Sterben.
SPIEGELBERG. Und der
hüpfende
Pulverturm - merkst dus jetzt, Razmann? - drum stank auch die Luft so nach
Schwefel stundenweit, als würde die ganze Garderobe des Molochs unter dem
Firmament ausgelüftet -
Es war ein Meisterstreich, Hauptmann! ich beneide dich
drum.
SCHWEIZER.
Macht sich die Stadt
eine Freude daraus, meinen Kameraden wie ein verhetztes Schwein abtun zu sehen,
was, zum Henker! sollten wir uns ein Gewissen daraus machen, unserem Kameraden
zu lieb die Stadt draufgehen zu lassen? Und nebenher hatten
unsere Kerls noch
das gefundene Fressen, über den alten Kaiser zu plündern. - Sagt einmal,
was
habt ihr weggekapert?
EINER VON DER BANDE. Ich hab mich
während des Durcheinanders in die Stephanskirche geschlichen und die Borten vom
Altartuch abgetrennt; der liebe Gott da, sagt ich, ist ein reicher Mann und kann
ja Goldfäden aus einem Batzenstrick machen.
SCHWEIZER. Du hast wohl getan -
was soll auch der Plunder in einer Kirche? Sie tragens dem Schöpfer zu, der
über den Trödelkram lachet, und seine Geschöpfe dürfen verhungern. -
Und du, Spangeler - wo hast du dein Netz ausgeworfen?
EIN ZWEITER. Ich und
Bügel haben
einen Kaufladen geplündert und bringen Zeug für unser fünfzig mit.
EIN DRITTER.
Zwei goldene
Sackuhren habe ich weggebixt, und ein Dutzend silberne Löffel dazu.
SCHWEIZER. Gut, gut. Und wir
haben ihnen eins angerichtet,
dran sie vierzehn Tage werden zu löschen haben.
Wenn sie dem Feuer wehren wollen, so müssen sie die Stadt durch Wasser ruinieren
- Weißt du nicht, Schufterle, wie viel es Tote gesetzt hat?
SCHUFTERLE. Drei und achtzig,
sagt man. Der Turm allein hat ihrer sechzig zu Staub zerschmettert.
RÄUBER MOOR (sehr ernst).
Roller, du bist teuer bezahlt.
SCHUFTERLE. Pah! pah! was heißt
aber das? - ja, wenns Männer gewesen wären - aber da warens
Wickelkinder, die
ihre Laken vergolden, eingeschnurrte Mütterchen, die ihnen die Mücken wehrten,
ausgedörrte Ofenhocker, die keine Türe mehr finden konnten - Patienten, die nach
dem Doktor winselten, der in seinem gravitätischen Trab der Hatz nachgezogen war
- Was leichte Beine hatte, war ausgeflogen, der Komödie nach, und
nur der
Bodensatz der Stadt blieb zurück, die Häuser zu hüten.
MOOR.
Oh der armen Gewürme!
Kranke, sagst du, Greise und Kinder? -
SCHUFTERLE.
Ja zum Teufel! und
Kindbetterinnen dazu, und hochschwangere Weiber, die befürchteten, unterm
lichten Galgen zu abortieren; junge Frauen, die besorgten, sich an den Schindersstückchen zu versehen und ihrem Kind im Mutterleib den Galgen auf den
Buckel zu brennen - Arme Poeten, die keinen Schuh anzuziehen hatten, weil sie
ihr einziges Paar in die Mache gegeben, und was das Hundsgesindel mehr ist;
es
lohnt sich der Mühe nicht, dass man davon redt. Wie ich von ungefähr so
an einer
Baracke vorbei gehe, hör ich drinnen ein Gezeter, ich guck hinein, und wie ichs beim Lichte besehe, was wars?
Ein Kind wars, noch frisch und gesund, das
lag auf dem Boden unterm Tisch, und der Tisch wollte eben angehen -
Armes
Tierchen, sagt ich, du verfrierst ja hier, und warfs in die Flamme -
MOOR. Wirklich, Schufterle? - Und
diese Flamme brenne in deinem Busen, bis die Ewigkeit grau wird! - Fort.
Ungeheuer! lass dich nimmer unter meiner Bande sehen! - Murrt ihr? Überlegt ihr?
- Wer überlegt, wenn ich befehle? - Fort mit ihm, sag ich -
Es sind noch mehr
unter euch, die meinem Grimm reif sind.
Ich kenne dich, Spiegelberg. Aber ich
will nächstens unter euch treten und
fürchterlich Musterung halten. (Sie
gehen zitternd ab.)
(Moor allein,
heftig auf und ab gehend.)
Höre sie nicht, Rächer im Himmel! -
Was kann ich
dafür? was kannst du dafür, wenn deine Pestilenz, deine Teuerung, deine Wasserfluten den Gerechten mit dem Bösewicht auffressen?
Wer kann der Flamme
befehlen, dass sie nicht auch durch die gesegneten Saaten wüte, wenn sie das
Genist der Hornissel zerstören soll? -
O pfui über den Kindermord! den
Weibermord! - den Krankenmord! Wie beugt mich diese Tat!
Sie hat meine schönsten
Werke vergiftet - Da steht der Knabe, schamrot und ausgehöhnt vor dem Auge des
Himmels,
der sich anmaßte, mit Jupiters Keule zu spielen, und Pygmäen
niederwarf, da er Titanen zerschmettern sollte - Geh! geh!
du bist der Mann
nicht, das Rachschwert der obern Tribunale zu regieren, du erlagst bei dem
ersten Griff -
Hier entsag ich dem frechen Plan, gehe, mich in irgend eine Kluft
der Erde zu verkriechen, wo der Tag vor meiner Schande zurücktritt. (Er will
fliehen.)
RÄUBER (eilig.) Sieh dich vor, Hauptmann! Es spukt!
Ganze Haufen
böhmischer Reiter schwadronieren um Holz herum - der höllische Blaustrumpf muss
ihnen verträtscht haben -
NEUE RÄUBER. Hauptmann, Hauptmann!
Sie haben uns die
Spur abgelauert - rings ziehen ihre etliche tausend einen Kordon um den mittlern
Wald.
NEUE RÄUBER. Weh, weh, weh!
Wir sind gefangen, gerädert, wir sind
gevierteilt! Viele tausend Husaren, Dragoner und Jäger sprengen um die Anhöhe und
halten die Luftlöcher besetzt. (Moor geht ab.)
(Schweizer. Grimm. Roller.
Schwarz. Schufterle. Spiegelberg. Razmann. Räubertrupp.)
SCHWEIZER. Haben wir sie aus den
Federn geschüttelt? Freu dich doch, Roller! Das hab ich mir lange gewünscht,
mich mit so Kommissbrotrittern herumzuhauen - Wo ist der Hauptmann? Ist die
ganze Bande beisammen? Wir haben doch Pulver genug?
RAZMANN. Pulver die schwere Meng.
Aber unser sind achtzig in allem, und so immer kaum einer gegen ihrer Zwanzig.
SCHWEIZER. Desto besser! und lass
es fünfzig gegen meinen großen Nagel sein - Haben sie so lang gewartet, bis wir
ihnen die Streu unterm Arsch angezündet haben - Brüder, Brüder! so hats keine
Not. Sie setzen ihr Leben an zehn Kreuzer,
fechten wir nicht für Hals und
Freiheit? - Wir wollen über sie her wie die Sündflut und auf ihre Köpfe
herabfeuern wie Wetterleuchten - Wo, zum Teufel! ist dann der Hauptmann?
SPIEGELBERG. Er verlässt uns in
dieser Not. Können wir denn nicht mehr entwischen?
SCHWEIZER. Entwischen?
SPIEGELBERG. Oh!
warum bin ich
nicht geblieben in Jerusalem!
SCHWEIZER. So wollt' ich doch,
dass du im Kloak ersticktest, Dreckseele du!
Bei nackten Nonnen hast du ein
großes Maul, aber wenn du zwei Fäuste siehst, - Memme, zeige dich jetzt, oder
man soll dich in eine Sauhaut nähen und durch Hunde verhetzen lassen.
RAZMANN. Der Hauptmann, der
Hauptmann!
(Moor langsam vor sich.)
MOOR.
Ich habe sie vollends ganz
einschließen lassen, jetzt müssen sie fechten wie Verzweifelte. (Laut.) Kinder!
Nun gilts!
Wir sind verloren, oder wir müssen fechten wie angeschossene Eber.
SCHWEIZER. Ha!
ich will ihnen mit
meinen Fangern den Bauch schlitzen, dass ihnen die Kutteln schuhlang
herausplatzen! -
Führ uns an, Hauptmann! Wir folgen dir in den Rachen des
Todes.
MOOR. Ladet alle Gewehre! Es
fehlt doch an Pulver nicht?
SCHWEIZER (springt auf). Pulver
genug, die Erde gegen den Mond zu sprengen!
RAZMANN. Jeder hat fünf Paar
Pistolen geladen, Jeder noch drei Kugelbüchsen dazu.
MOOR. Gut, gut! Und nun muss ein
Teil auf die Bäume klettern, oder sich ins Dickicht verstecken und Feuer auf sie
geben im Hinterhalt -
SCHWEIZER. Da gehörst du hin,
Spiegelberg!
MOOR. Wir andern, wie Furien,
fallen ihnen in die Flanken.
SCHWEIZER. Darunter bin ich, ich!
MOOR. Zugleich muss jeder
sein
Pfeifchen hören lassen, im Wald herumjagen, dass unsere Anzahl schrecklicher
werde; auch müssen alle Hunde los und in ihre Glieder gehetzt werden, dass sie
sich trennen, zerstreuen und euch in den Schuss rennen.
Wir drei, Roller,
Schweizer und ich, fechten im Gedränge.
SCHWEIZER. Meisterlich,
vortrefflich! - Wir wollen sie zusammenwettern, dass sie nicht wissen, wo sie
die Ohrfeigen herkriegen. Ich habe wohl ehe eine Kirsche vom Maul weggeschossen.
lass sie nur anlaufen. (Schufterle zupft Schweizern, dieser nimmt den Hauptmann
beiseite und spricht leise mit ihm.)
MOOR. Schweig!
SCHWEIZER. Ich bitte dich -
MOOR. Weg!
Er dank es seiner
Schande, sie hat ihn gerettet. Er soll nicht sterben, wenn ich und mein
Schweizer sterben und mein Roller.
lass ihn die Kleider ausziehen, so will ich
sagen, er sei ein Reisender, und ich habe ihn bestohlen - Sei ruhig, Schweizer!
Ich schwöre darauf, er wird doch noch gehangen werden.
(Pater tritt auf.)
PATER (vor sich, stutzt).
Ist das
das Drachennest? - Mit eurer Erlaubnis, meine Herren! Ich bin ein Diener der
Kirche, und draußen stehen Siebenzehnhundert, die jedes Haar auf meinen Schläfen
bewachen.
SCHWEIZER. Bravo! bravo! Das war
wohlgesprochen, sich den Magen warm zu halten.
MOOR. Schweig, Kamerad! - Sagen
Sie kurz, Herr Pater! Was haben Sie hier zu tun?
PATER.
Mich sendet die hohe
Obrigkeit, die über Leben und Tod spricht -
Ihr Diebe - ihr Mordbrenner, - ihr
Schelmen - giftige Otterbrut, die im Finstern schleicht und im Verborgenen
sticht - Aussatz der Menschheit - Höllenbrut, - köstliches Mahl für Raben und
Ungeziefer - Kolonie für Galgen und Rad -
SCHWEIZER. Hund! hör auf zu
schimpfen, oder - (Er drückt ihm den Kolben vors Gesicht.)
MOOR. Pfui doch, Schweizer! du
verdirbst ihm ja das Konzept -
er hat seine Predigt so brav auswendig gelernt
-
Nur weiter, mein Herr! - »für Galgen und Rad?«
PATER. Und doch, feiner
Hauptmann!
Herzog der Beutelschneider! Gaunerkönig! Großmogul aller Schelmen
unter der Sonne! -
Ganz ähnlich jenem ersten abscheulichen Rädelsführer, der
tausend Legionen schuldloser Engel in rebellisches Feuer fachte und mit sich
hinab in den tiefen Pfuhl der Verdammung zog - das Zetergeschrei verlassener
Mütter heult deinen Fersen nach, Blut saufst du wie Wasser, Menschen wägen auf
deinem mörderischen Dolch keine Luftblase auf. -
MOOR. Sehr wahr, sehr wahr! Nur
weiter!
PATER. Was? sehr wahr, sehr wahr?
Ist das auch eine Antwort?
MOOR. Wie, mein Herr? drauf haben
Sie sich wohl nicht gefasst gemacht? Weiter, nur weiter! Was wollten Sie weiter
sagen?
PATER (im Eifer).
Entsetzlicher
Mensch! hebe dich weg von mir! Picht nicht das
Blut des ermordeten Reichsgrafen
an deinen verfluchten Fingern? Hast du nicht
das Heiligtum des Herrn mit
diebischen Händen durchbrochen und mit einem Schelmengriff die geweihten Gefäße
des Nachtmahls entwandt? Wie? hast du nicht
Feuerbrände in unsere
gottesfürchtige Stadt geworfen? und den
Pulverturm über die Häupter guter
Christen herabgestürzt? (mit zusammengeschlagenen Händen.) Gräuliche, gräuliche
Frevel, die bis zum Himmel hinaufstinken, das jüngste Gericht waffnen, dass es
reißend daherbricht!
Reif zur Vergeltung, zeitig zur letzten Posaune!
MOOR. Meisterlich geraten bis
hieher! aber zur Sache!
Was lässt mir der hochlöbliche Magistrat durch Sie kund
machen?
PATER. Was du nie wert bist, zu
empfangen - Schau um dich, Mordbrenner! was nur dein Auge absehen kann, bist du
eingeschlossen von unsern Reitern - hier ist kein Raum zum Entrinnen mehr - so
gewiss Kirschen auf diesen Eichen wachsen, und diese Tannen Pfirsiche tragen, so
gewiss werdet ihr unversehrt diesen Eichen und diesen Tannen den Rücken kehren.
MOOR. Hörst dus wohl, Schweizer?
- Aber nur weiter!
PATER. Höre denn, wie gütig, wie
langmütig das Gericht mit dir Böswicht verfährt:
wirst du jetzt gleich zum Kreuz
kriechen und um Gnade und Schonung flehen, siehe, so wird dir die Strenge selbst
Erbarmen, die Gerechtigkeit eine liebende Mutter sein - sie
drückt das Auge bei
der Hälfte deiner Verbrechen zu und lässt es - denk doch! - und
lässt es bei
dem Rade bewenden.
SCHWEIZER. Hast dus gehört,
Hauptmann? Soll ich hingehn und
diesem abgerichteten Schäferhund die Gurgel
zusammenschnüren, dass ihm der rote Saft aus allen Schweißlöchern sprudelt? -
ROLLER. Hauptmann! - Sturm,
Wetter und Hölle! - Hauptmann! - wie er die Unterlippe zwischen die Zähne
klemmt! Soll ich diesen Kerl das Oberst zu unterst unters Firmament wie einen
Kegel aufsetzen?
SCHWEIZER. Mir! mir! lass mich
knien, vor dir niederfallen!
Mir lass die Wollust, ihn zu Brei zusammenzureiben!
(Pater schreit.)
MOOR. Weg von ihm! Wag es
Keiner, ihn anzurühren! - (Zum Pater, indem er seinen Degen zieht.) Sehen Sie,
Herr Pater! hier stehn Neunundsiebenzig, deren Hauptmann ich bin, und weiß
keiner auf Wink und Kommando zu fliegen oder nach Kanonenmusik zu tanzen, und
draußen stehen Siebenzehnhundert, unter Musketen ergraut - aber hören Sie nun!
so redet Moor, der Mordbrenner Hauptmann: Wahr ists, ich habe den Reichsgrafen
erschlagen, die Dominikuskirche angezündet und geplündert,
hab Feuerbrände in
eure bigotte Stadt geworfen und
den Pulverturm über die Häupter guter Christen
herabgestürzt - aber das ist noch nicht alles. Ich habe noch mehr getan. (Er
streckt seine rechte Hand aus.) Bemerken Sie die
vier kostbaren Ringe, die ich
an jedem Finger trage? - Gehen Sie hin und richten Sie Punkt für Punkt den
Herren des Gerichts über Leben und Tod aus, was Sie sehen und hören werden -
diesen Rubin zog ich einem Minister vom Finger, den ich auf der Jagd zu den
Füßen seines Fürsten niederwarf. Er hatte sich
aus dem Pöbelstaub zu seinem
ersten Günstling emporgeschmeichelt, der Fall seines Nachbars war seiner Hoheit
Schemel - Tränen der Waisen huben ihn auf. Diesen Demant zog ich einem
Finanzrat
ab, der Ehrenstellen und Ämter an die Meistbietenden verkaufte und nicht
trauernden Patrioten von seiner Türe stieß. - Diesen
Achat trag ich
einem
Pfaffen Ihres Gelichters zur Ehre, den ich mit eigener Hand erwürgte, als er auf
offener Kanzel geweint hatte, dass die Inquisition so in Zerfall käme - ich
könnte Ihnen noch mehr Geschichten von meinen Ringen erzählen, wenn mich nicht
schon die paar Worte gereuten, die ich mit Ihnen verschwendet habe -
PATER.
O Pharao! Pharao!
MOOR. Hört ihrs wohl? Habt ihr
den Seufzer bemerkt? Steht er nicht da, als wollte er Feuer vom Himmel auf die
Rotte Korah herunter beten, richtet mit einem Achselzucken, verdammt mit einem
christlichen Ach! - Kann der Mensch denn so blind sein?
Er, der die hundert
Augen des Argus hat, Flecken an seinem Bruder zu spähen, kann er so gar blind
gegen sich selbst sein? -
Da donnern sie Sanftmut und Duldung aus ihren Wolken,
und bringen dem Gott der Liebe Menschenopfer, wie einem feuerarmigen Moloch -
predigen Liebe des Nächsten, und fluchen den achtzigjährigen Blinden von ihren
Türen hinweg -
stürmen wider den Geiz, und haben Peru um goldner Spangen willen
entvölkert und die Heiden wie Zugvieh vor ihre Wagen gespannt. - Sie zerbrechen
sich die Köpfe, wie es doch möglich gewesen wäre, dass die Natur hätte können
einen Ischariot schaffen, und nicht der Schlimmste unter ihnen würden den
dreieinigen Gott um zehn Silberlinge verraten. -
O über euch Pharisäer, euch
Falschmünzer der Wahrheit, euch Affen der Gottheit! Ihr scheut euch nicht, vor
Kreuz und Altären zu knien, zerfleischt eure Rücken mit Riemen und foltert euer
Fleisch mit Fasten; ihr wähnt mit diesen
erbärmlichen Gaukeleien
demjenigen
einen blauen Dunst vorzumachen, den ihr Toren doch den Allwissenden nennt,
nicht anders, als wie man der Großen am bittersten spottet, wenn man ihnen
schmeichelt, dass sie die Schmeichler hassen; ihr pocht auf Ehrlichkeit und
exemplarischen Wandel, und der Gott, der euer Herz durchschaut, würde wider den
Schöpfer ergrimmen,
wenn er nicht eben
der wäre, der das Ungeheuer am Nilus
erschaffen hat. - Schafft ihn aus meinen Augen!
PATER. Dass ein Bösewicht noch so
stolz sein kann!
MOOR. Nicht genug - Jetzt will er
stolz reden. Geh hin und sage dem hochlöblichen Gericht, das über Leben und Tod
würfelt - Ich bin kein Dieb, der sich mit Schlaf und Mitternacht verschwört und
auf der Leiter groß und herrisch tut -
Was ich getan habe, werd ich ohne
Zweifel einmal im Schuldbuch des Himmels lesen;
aber mit seinen erbärmlichen
Verwesern will ich kein Wort mehr verlieren.
Sag ihnen, mein Handwerk ist Wiedervergeltung - Rache ist mein Gewerbe. (Er kehrt ihm den Rücken zu.)
PATER. Du willst also nicht
Schonung und Gnade? - Gut, mit dir bin ich fertig. (Wendet sich zu der Bande.)
So höret denn ihr, was die Gerechtigkeit euch durch mich zu wissen tut! -
Werdet
ihr jetzt gleich diesen verurteilten Missetäter gebunden überliefern, seht, so
soll euch die Strafe eurer Gräuel bis auf das letzte Andenken erlassen sein -
die heilige Kirche wird euch verlorne Schafe mit erneuerter Liebe in ihren
Mutterschoß aufnehmen,
und jedem unter euch soll der Weg zu einem Ehrenamt offen stehn. (Mit triumphierendem Lächeln.) Nun, nun?
Wie schmeckt das, Majestät? -
Frisch also! Bindet ihn, und seid frei!
MOOR. Hört ihrs auch? Hört ihr?
Was stutzt ihr? Was steht ihr verlegen da?
Sie bietet euch Freiheit, und ihr
seid wirklich schon ihre Gefangenen. - Sie schenkt euch das Leben, und das ist
keine Prahlerei, denn ihr seid wahrhaftig gerichtet - Sie verheißt euch Ehren
und Ämter, und was kann euer Los anders sein, wenn ihr auch obsiegt, als
Schmach und Fluch und Verfolgung. -
Sie kündigt euch Versöhnung vom Himmel an,
und ihr seid wirklich verdammt. Es ist kein Haar an keinem unter euch, das nicht
in die Hölle fährt. Überlegt ihr noch? Wankt ihr noch? Ist es so schwer,
zwischen Himmel und Hölle zu wählen? Helfen Sie doch, Herr Pater!
PATER (vor sich). Ist der Kerl
unsinnig? - (Laut.) Sorgt ihr etwa, dass dies eine Falle sei, euch lebendig zu
fangen? - Lest selbst, hier ist der Generalpardon unterschrieben. (Er gibt
Schweizern ein Papier.) Könnt ihr noch zweifeln?
MOOR. Seht doch, seht doch!
Was
könnt ihr mehr verlangen? - Unterschrieben mit eigener Hand - es ist Gnade über
alle Grenzen - oder fürchtet ihr wohl, sie werden ihr Wort brechen, weil ihr
einmal gehört habt, dass man Verrätern nicht Wort hält? - O seid außer Furcht!
Schon die Politik könnte sie zwingen, Wort zu halten, wenn sie es auch dem Satan
gegeben hätten. Wer würde ihnen in Zukunft noch Glauben beimessen? Wie würden
sie je einen zweiten Gebrauch davon machen können? - Ich wollte drauf schwören,
sie meinens aufrichtig. Sie wissen, dass ich es bin, der euch empört und
erbittert hat;
euch halten sie für unschuldig. Eure Verbrechen legen sie für
Jugendfehler, für Übereilungen aus.
Mich allein wollen sie haben, ich allein
verdiene zu büßen. Ist es nicht so, Herr Pater?
PATER. Wie heißt der Teufel, der
aus ihm spricht? - Ja freilich, freilich ist es so -
der Kerl macht mich
wirbeln.
MOOR. Wie, noch keine Antwort?
denkt ihr wohl gar mit den Waffen noch durchzureißen? Schaut doch um euch,
schaut doch um euch! das werdet ihr doch nicht denken, das wäre jetzt kindische
Zuversicht. - Oder schmeichelt ihr euch wohl gar, als Helden zu fallen, weil ihr
saht, dass ich mich aufs Getümmel freute? - Oh glaubt das nicht!
Ihr seid nicht
Moor. -
Ihr seid heillose Diebe! elende Werkzeuge meiner größeren Plane, wie der
Strick verächtlich in der Hand des Henkers! -
Diebe können nicht fallen, wie
Helden fallen. Das Leben ist den Dieben Gewinn, dann kommt was Schreckliches
nach - Diebe haben das Recht, vor dem Tode zu zittern. - Höret, wie ihre Hörner
tönen! Sehet, wie drohend ihre Säbel daher blinken! Wie? noch unschlüssig? seid
ihr toll? seid ihr wahnwitzig? - Es ist unverzeihlich!
Ich dank euch mein Leben
nicht, ich schäme mich eures Opfers!
PATER (äußerst erstaunt). Ich
werde unsinnig, ich laufe davon! Hat man je von so was gehört?
MOOR. Oder fürchtet ihr wohl, ich
werde mich selbst erstechen und durch einen
Selbstmord den Vertrag zernichten,
der nur an dem Lebendigen haftet? Nein, Kinder, das ist eine unnütze Furcht.
Hier werf ich meinen Dolch weg, und meine Pistolen, und dies
Fläschchen mit
Gift, das mir noch wohlkommen sollte - ich bin so elend, dass ich auch die
Herrschaft über mein Leben verloren habe - Was, noch unschlüssig? Oder glaubt
ihr vielleicht, ich werde mich zur Wehr setzen, wenn ihr mich binden wollt?
Seht!
hier bind ich meine rechte Hand an diesen Eichenast, ich bin ganz
wehrlos, ein Kind kann mich umwerfen -
Wer ist der erste, der seinen Hauptmann
in der Not verlässt?
ROLLER
(in wilder Bewegung). Und
wenn die Hölle uns neunfach umzingelte! (Schwenkt seinen Degen.)
Wer kein Hund
ist, rette den Hauptmann!
SCHWEIZER (zerreißt den Pardon
und wirft die Stücke dem Pater ins Gesicht). In unsern Kugeln Pardon! Fort,
Canaille,
Sag dem Senat, der dich gesandt hat, du träfst unter Moors Bande
keinen einzigen Verräter an. - Rettet, rettet den Hauptmann!
ALLE (lärmen). Rettet, rettet,
rettet den Hauptmann!
MOOR (sich losreißend, freudig).
Jetzt sind wir frei - Kameraden!
Ich fühle eine Armee in meiner Faust -
Tod oder
Freiheit! Wenigstens sollen sie
keinen lebendig haben! (Man bläst zum Angriff.
Lärm und Getümmel. Sie gehen ab mit gezogenem Degen.)
Erste Szene
á
AMALIA (im Garten, spielt auf der
Laute)
Schön wie Engel, voll
Walhallas Wonne,
Schön vor allen
Jünglingen war er,
Himmlisch mild sein
Blick, wie Maiensonne,
Rückgestrahlt vom blauen
Spiegelmeer.
Sein Umarmen - wütendes
Entzücken! -
Mächtig, feurig klopfte
Herz an Herz,
Mund und Ohr gefesselt -
Nacht vor unsern Blicken -
Und der Geist gewirbelt
himmelwärts.
Seine Küsse -
paradiesisch Fühlen! -
Wie zwo Flammen sich
ergreifen, wie
Harfentöne ineinander
spielen
Zu der himmelvollen
Harmonie,
Stürzten, flogen, rasten
Geist und Geist zusammen,
Lippen, Wangen brannten,
zitterten, -
Seele rann in Seele - Erd
und Himmel schwammen
Wie zerronnen um die
Liebenden.
Er ist hin - Vergebens,
ach! vergebens
Stöhnet ihm der bange
Seufzer nach.
Er ist hin - und alle
Lust des Lebens
Wimmert hin in ein
verlornes Ach! -
(Franz tritt auf.)
FRANZ. Schon wieder hier,
eigensinnige Schwärmerin? Du hast dich vom frohen Mahle hinweggestohlen und den
Gästen die Freude verdorben.
AMALIA. Schade für diese
unschuldigen Freuden! das Totenlied muss noch in deinen Ohren murmeln, das
deinem Vater zu Grabe hallte -
FRANZ. Willst du denn ewig
klagen? Lass die Toten schlafen und mache die Lebendigen glücklich! Ich komme -
AMALIA. Und wann gehst du wieder?
FRANZ. O weh! Kein so finsteres
stolzes Gesicht! du betrübst mich, Amalia. Ich komme, dir zu sagen -
AMALIA. Ich muss wohl hören,
Franz von Moor ist ja gnädiger Herr worden.
FRANZ. Ja recht, das war's,
worüber ich dich vernehmen wollte - Maximilian ist schlafen gegangen in der
Väter Gruft. Ich bin Herr. Aber ich möchte es vollends ganz sein, Amalia. - Du
weißt, was du unserm Hause warst, du wardst gehalten wie Moors Tochter, selbst
den Tod überlebte seine Liebe zu dir, das wirst du wohl niemals vergessen?
AMALIA. Niemals, niemals. Wer das
auch so leichtsinnig beim frohen Mahle hinwegzechen könnte!
FRANZ. Die Liebe meines Vaters
musst du in seinen Söhnen belohnen, und Karl ist tot - Staunst du? schwindelt
dir? Ja wahrhaftig, der Gedanke ist auch so schmeichelnd erhaben, dass er selbst
den Stolz eines Weibes betäubt. Franz tritt die Hoffnungen der edelsten
Fräuleins mit Füßen, Franz kommt und bietet einer armen, ohne ihn hilflosen
Waise sein Herz, seine Hand und mit ihr all sein Gold an und all seine Schlösser
und Wälder. Franz, der Beneidete, der Gefürchtete, erklärt sich freiwillig für
Amalias Sklaven -
AMALIA. Warum spaltet der Blitz
die ruchlose Zunge nicht, die das Frevelwort ausspricht! Du hast meinen
Geliebten ermordet, und Amalia soll dich Gemahl nennen! Du -
FRANZ. Nicht so ungestüm,
allergnädigste Prinzessin! - Freilich krümmt Franz sich nicht wie ein girrender
Seladon vor dir - freilich hat er nicht gelernt, gleich dem schmachtenden
Schäfer Arkadiens, dem Echo der Grotten und Felsen seine Liebesklagen entgegen
zu jammern - Franz spricht, und wenn man nicht antwortet, so wird er - befehlen.
AMALIA. Wurm du, befehlen? mir
befehlen? - und wenn man den Befehl mit Hohnlachen zurückschickt?
FRANZ. Das wirst du nicht. Noch
weiß ich Mittel, die den Stolz eines einbildischen Starrkopfs so hübsch
niederbeugen können - Klöster und Mauern!
AMALIA. Bravo! herrlich! und ich
Kloster und Mauern mit deinem Basiliskenanblick auf ewig verschont, und Muße
genug, an Karln zu denken, zu hangen. Willkommen in deinem Kloster! Auf, auf mit
deinen Mauern!
FRANZ. Haha! ist es das? - Gib
acht! Jetzt hast du mich die Kunst gelehrt, wie ich dich quälen soll - Diese
ewige Grille von Karl soll dir mein Anblick gleich einer feuerhaarigen Furie aus
dem Kopfe geißeln; das Schreckbild Franz soll hinter dem Bild deines Lieblings
im Hinterhalt lauern, gleich dem verzauberten Hund, der auf unterirdischen
Goldkästen liegt - an den Haaren will ich dich in die Kapelle schleifen, den
Degen in der Hand dir den ehlichen Schwur aus der Seele pressen, dein
jungfräuliches Bette im Sturm ersteigen und deine stolze Scham mit noch größerem
Stolze besiegen.
AMALIA (gibt ihm eine
Maulschelle). Nimm erst das zur Aussteuer hin.
FRANZ (aufgebracht). Ha!
wie das zehnfach und wieder zehnfach geahndet werden soll! - nicht meine
Gemahlin - die Ehre sollst du nicht haben - meine Maitresse sollst du werden,
dass die ehrlichen Bauernweiber mit Fingern auf dich deuten, wenn du es wagst
und über die Gasse gehst. Knirsche nur mit den Zähnen - speie Feuer und Mord aus
den Augen - mich ergötzt der Grimm eines Weibes, macht dich nur schöner,
begehrenswerter. Komm - dieses Sträuben wird meinen Triumph zieren und mir die
Wollust in erzwungnen Umarmungen würzen - Komm mit in meine Kammer - ich glühe
vor Sehnsucht - jetzt gleich sollst du mit mir gehn. (Will sie fortreißen.)
AMALIA (fällt ihm um den Hals).
Verzeih mir, Franz! (Wie er sie umarmen will, reißt sie ihm den Degen von der
Seite und tritt hastig zurück.) Siehst du, Bösewicht, was ich jetzt aus dir
machen kann? - Ich bin ein Weib, aber ein rasendes Weib - Wag es einmal mit
unzüchtigem Griff meinen Leib zu betasten - dieser Stahl soll deine geile Brust
mitten durchrennen, und der Geist meines Oheims wird mir die Hand dazu
führen. Fleuch auf der Stelle! (Sie jagt ihn davon.)
Ah! wie mir wohl ist! - Jetzt kann ich frei atmen - ich fühlte mich stark wie
das funkensprühende Ross, grimmig wie die Tigerin dem siegbrüllenden Räuber
ihrer Jungen nach - In ein Kloster, sagt er - Dank dir für diese glückliche
Entdeckung! - Jetzt hat die betrogene Liebe ihre Freiheit gefunden - das Kloster
- das Kreuz des Erlösers ist die Freistatt der betrognen Liebe. (Sie will
gehen.)
(Hermann tritt schüchtern
herein.)
HERMANN. Fräulein Amalia!
Fräulein Amalia!
AMALIA. Unglücklicher! Was
störest du mich?
HERMANN. Dieser Zentner muss von
meiner Seele, eh er sie zur Hölle drückt. (Wirft sich vor ihr nieder.)
Vergebung! Vergebung! Ich hab Euch sehr beleidigt, Fräulein Amalia.
AMALIA. Steh auf! Geh! ich will
nichts wissen. (Will fort.)
HERMANN (der sie zurückhält).
Nein! Bleibt! Bei Gott! Bei dem ewigen Gott! Ihr soll alles wissen!
AMALIA. Keinen Laut weiter - Ich
vergebe dir - Ziehe heim in Frieden. (Will hinwegeilen.)
HERMANN. So höret nur ein
einziges Wort - es wird Euch all Eure Ruhe wiedergeben.
AMALIA (kommt zurück und
blickt ihn verwundernd an). Wie, Freund? - Wer im Himmel und auf Erden kann
mir meine Ruhe wiedergeben? -
HERMANN. Das kann von meinen
Lippen ein einziges Wort - Höret mich an!
AMALIA (mit Mitleiden seine
Hand ergreifend). Guter Mensch - Kann ein Wort von deinen Lippen die Riegel
der Ewigkeit aufreißen?
HERMANN (steht auf). Karl
lebt noch!
AMALIA (schreiend).
Unglücklicher!
HERMANN. Nicht anders - Nun noch
ein Wort - Euer Oheim -
AMALIA (gegen ihn herstürzend).
Du lügst -
HERMANN. Euer Oheim -
AMALIA. Karl lebt noch!
HERMANN. Und Euer Oheim -
AMALIA. Karl lebt noch?
HERMANN. Auch Euer Oheim -
Verratet mich nicht. (Eilt hinaus.)
AMALIA (steht lang wie
versteinert. Dann fährt sie wild auf, eilt ihm nach). Karl lebt noch!
Zweite Szene
á
Gegend an der
Donau.
Die Räuber
gelagert auf einer Anhöhe unter Bäumen, die Pferde weiden den Hügel hinunter.
MOOR. Hier muss ich liegen
bleiben. (Wirft sich auf die Erde.) Meine Glieder wie abgeschlagen. Meine
Zunge trocken wie eine Scherbe. (Schweizer verliert sich unvermerkt.) Ich
wollt' euch bitten, mir eine Handvoll Wassers aus diesem Strome zu holen, aber
ihr seid alle matt bis in den Tod.
SCHWARZ. Auch ist der Wein all in
unsern Schläuchen.
MOOR. Seht doch,
wie schön das
Getreide steht! - Die Bäume brechen fast unter ihrem Segen. - Der Weinstock voll
Hoffnung.
GRIMM. Es gibt ein fruchtbares
Jahr.
MOOR. Meinst du? - Und so würde
doch ein Schweiß in der Welt bezahlt. Einer? - - Aber es kann ja über Nacht ein
Hagel fallen und alles zu Grund schlagen.
SCHWARZ. Das ist leicht möglich.
Es kann alles zu Grund gehen, wenig Stunden vorm Schneiden.
MOOR. Das sag ich ja.
Es wird
alles zu Grund gehn.
Warum soll dem Menschen
das gelingen, was er von der Ameise
hat, wenn ihm das fehlschlägt, was ihn den Göttern gleich macht? - oder ist hier
die Mark seiner Bestimmung?
SCHWARZ. Ich kenne sie nicht.
MOOR. Du hast gut gesagt und noch
besser getan, wenn du sie nie zu kennen verlangtest! - Bruder - ich habe die
Menschen gesehen, ihre Bienensorgen und ihre Riesenprojekte - ihre Götterplane
und ihre Mäusegeschäfte, das wunderseltsame Wettrennen nach Glückseligkeit; -
Dieser dem Schwung seines Rosses anvertraut - ein Anderer der Nase seines Esels
- ein Dritter seinen eigenen Beinen; dieses bunte Lotto des Lebens, worein so
mancher seine Unschuld und - seinen Himmel setzt, einen Treffer zu haschen, und
- Nullen sind der Auszug - am Ende war kein Treffer darin.
Es ist ein
Schauspiel, Bruder, das Tränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum
Gelächter kitzelt.
SCHWARZ. Wie herrlich die Sonne
dort untergeht!
MOOR (in den Anblick versenkt).
So stirbt ein Held! - Anbetenswürdig!
GRIMM. Du scheinst tief gerührt.
MOOR.
Da ich noch ein Bube war -
war's mein Lieblingsgedanke, wie sie zu leben, zu sterben wie sie - (mit
verbissenem Schmerz.) Es war ein Bubengedanke!
GRIMM. Das will ich hoffen.
MOOR (drückt den Hut übers
Gesicht). Es war eine Zeit - Lasst mich allein, Kameraden!
SCHWARZ. Moor! Moor! Was zum
Henker? - Wie er seine Farbe verändert!
GRIMM. Alle Teufel! was hat er?
wird ihm übel?
MOOR.
Es war eine Zeit, wo ich
nicht schlafen konnte, wenn ich mein Nachtgebet vergessen hatte -
GRIMM. Bist du wahnsinnig? Willst
du dich von deinen Bubenjahren hofmeistern lassen?
MOOR (legt sein Haupt auf Grimms
Brust). Bruder! Bruder!
GRIMM. Wie? sei doch kein Kind -
ich bitte dich -
MOOR. Wär ichs - wär ichs wieder!
GRIMM. Pfui! pfui!
SCHWARZ.
Heitre dich auf. Sieh
diese malerische Landschaft - den lieblichen Abend.
MOOR.
Ja, Freunde! diese Welt ist
so schön.
SCHWARZ. Nun, das war wohl
gesprochen.
MOOR.
Diese Erde so herrlich.
GRIMM. Recht - recht - so hör
ichs gerne.
MOOR (zurückgesunken).
Und
ich so hässlich auf dieser schönen Welt - und
ich ein Ungeheuer auf dieser
herrlichen Erde.
GRIMM. O weh, o weh!
MOOR.
Meine Unschuld! meine
Unschuld! - Seht! es ist alles hinausgegangen, sich im friedlichen Strahl des
Frühlings zu sonnen -
Warum ich allein die Hölle saugen aus den Freuden des
Himmels? - dass alles so glücklich ist, durch den Geist des Friedens alles so
verschwistert! - Die ganze Welt eine Familie und ein Vater dort oben
- Mein
Vater nicht -
ich allein der Verstoßene, ich allein ausgemustert aus den Reihen
der Reinen - mir nicht der süße Name Kind - nimmer mir der Geliebten
schmachtender Blick - nimmer, nimmer des Busenfreundes Umarmung. (Wild
zurückfahrend.) Umlagert von Mördern
- von Nattern umzischt -
angeschmiedet
an das Laster mit eisernen Banden -
hinausschwindelnd ins Grab des Verderbens
auf des Lasters schwankendem Rohr -
mitten in den Blumen der glücklichen Welt
ein heulender Abbadonna!
SCHWARZ (zu den Übrigen).
Unbegreiflich! ich hab ihn nie so gesehen.
MOOR (mit Wehmut).
dass ich
wiederkehren dürfte in meiner Mutter Leib! dass ich ein Bettler geboren werden
dürfte! - Nein! ich wollte nicht mehr, o Himmel - dass ich werden dürfte wie
dieser Taglöhner einer! - O ich wollte mich abmüden, dass mir das Blut von den
Schläfen rollte - mir die Wollust eines einzigen Mittagsschlafs zu erkaufen -
die Seligkeit einer einzigen Throne.
GRIMM (zu den Andern). Nur
Geduld, der Paroxysmus ist schon im Fallen.
MOOR.
Es war eine Zeit, wo sie
mir so gern flossen - o ihr Tage des Friedens!
du Schloss meines Vaters -
ihr
grünen schwärmerischen Täler!
O all ihr Elysiums-Szenen meiner Kindheit! -
werdet ihr nimmer zurückkehren
- nimmer mit köstlichem Säuseln meinen brennenden
Busen kühlen? - Traure mit mir, Natur - Sie werden nimmer zurückkehren, nimmer
mit köstlichem Säuseln meinen brennenden Busen kühlen. -
Dahin! dahin,
unwiederbringlich! -
(Schweizer mit Wasser im Hut.)
SCHWEIZER. Sauf zu, Hauptmann -
hier ist Wasser genug, und frisch wie Eis.
SCHWARZ. Du blutest ja - was hast
du gemacht?
SCHWEIZER. Narr, einen Spaß, der
mich bald zwei Beine und einen Hals gekostet hätte. Wie ich so auf dem Sandhügel
am Fluss hintrolle, glitsch, so rutscht der Plunder unter mir ab und ich zehn
rheinländische Schuhe lang hinunter - da lag ich, und wie ich mir eben meine
fünf Sinne wieder zurechtsetze, treff ich dir das klarste Wasser im Kies. Genug
diesmal für den Tanz, dacht ich, dem Hauptmann wirds wohl schmecken.
MOOR (gibt ihm den Hut zurück
und wischt ihm sein Gesicht ab).
Sonst sieht man ja die Narben nicht, die
die böhmischen Reiter in deine Stirne gezeichnet haben - dein Wasser war gut,
Schweizer - diese Narben stehen dir schön.
SCHWEIZER. Pah! hat noch Platz
genug für ihrer dreißig.
MOOR. Ja, Kinder - es war ein
heißer Nachmittag - und nur einen Mann verloren -
mein Roller starb einen
schönen Tod. Man würde einen Marmor auf seine Gebeine setzen, wenn er nicht mir
gestorben wäre. Nehmet vorlieb mit diesem. (Er wischt sich die Augen.)
Wie viel warens doch von den Feinden, die auf dem Platz blieben?
SCHWEIZER.
Hundert und sechzig
Husaren - drei und neunzig Dragoner, gegen vierzig Jäger - dreihundert in Allem.
MOOR.
Dreihundert für Einen! -
Jeder von euch hat Anspruch an diesen Scheitel! (Er entblößt sich das Haupt.)
Hier heb' ich meinen Dolch auf. So wahr meine Seele lebt!
Ich will euch niemals
verlassen.
SCHWEIZER. Schwöre nicht! Du
weißt nicht, ob du nicht noch glücklich werden und bereuen wirst.
MOOR.
Bei den Gebeinen meines
Rollers! Ich will euch niemals verlassen.
(Kosinsky kommt.)
KOSINSKY (vor sich). In
dieser Revier herum, sagen sie, werd ich ihn antreffen - he, holla! was sind das
für Gesichter? - Solltens - wie? wenns diese - sie sinds, sinds! - ich will sie
anreden.
SCHWARZ. Gebt Acht! wer kommt da?
KOSINSKY. Meine Herren! verzeihen
Sie! Ich weiß nicht, geh ich recht oder unrecht?
MOOR. Wer müssen wir sein, wenn
Sie recht gehn?
KOSINSKY. Männer!
SCHWEIZER. Ob wir das auch
gezeigt haben, Hauptmann?
KOSINSKY.
Männer such ich, die
dem Tod ins Gesicht sehen und die Gefahr wie eine zahme Schlange um sich spielen
lassen, die Freiheit höher schätzen als Ehre und Leben,
deren bloßer Name,
willkommen dem Armen und Unterdrückten, die Beherztesten feig und Tyrannen
bleich macht.
SCHWEIZER (zum Hauptmann).
Der Bursche gefällt mir. - Höre, guter Freund! du hast deine Leute gefunden.
KOSINSKY. Das denk ich und will
hoffen, bald meine Brüder. - So könnt ihr mich denn zu meinem rechten Manne
weisen, denn ich such euern Hauptmann, den großen Grafen von Moor.
SCHWEIZER (gibt ihm die Hand
mit Wärme). Lieber Junge! wir duzen einander.
MOOR (näher kommend).
Kennen Sie auch den Hauptmann?
KOSINSKY. Du bists - in
dieser Miene - wer sollte dich ansehen und einen Andern suchen? (Starrt ihn
lange an.) Ich habe mir immer gewünscht,
den Mann mit dem vernichtenden Blicke
zu sehen, wie er saß auf den Ruinen von Karthago - jetzt wünsch' ich es nicht
mehr.
SCHWEIZER. Blitzbub!
MOOR. Und was führt Sie zu mir?
KOSINSKY. O Hauptmann!
mein mehr
als grausames Schicksal -
ich habe Schiffbruch gelitten auf der ungestümen See
der Welt, die Hoffnungen meines Lebens hab ich müssen sehen in den Grund sinken,
und blieb mir nichts übrig, als die marternde Erinnerung ihres Verlustes, die
mich wahnsinnig machen würde, wenn ich sie nicht durch anderwärtige Tätigkeit zu
ersticken suchte.
MOOR.
Schon wieder ein Kläger
gegen die Gottheit! - Nur weiter.
KOSINSKY.
Ich wurde Soldat. Das
Unglück verfolgte mich auch da - ich
machte eine Fahrt nach Ostindien mit, mein
Schiff scheiterte an Klippen - nichts als fehlgeschlagene Plane! Ich hörte
endlich weit und breit erzählen von deinen Taten,
Mordbrennereien, wie
sie sie nannten, und bin hieher gereist dreißig Meilen weit,
mit dem festen
Entschluss, unter dir zu dienen, wenn du meine Dienste annehmen willst - Ich
bitte dich, würdiger Hauptmann, schlage mirs nicht ab!
SCHWEIZER (mit einem Sprung).
Heisa! Heisa! So ist ja unser Roller zehnhundertfach vergütet!
Ein ganzer
Mordbruder für unsre Bande!
MOOR. Wie ist dein Name?
KOSINSKY. Kosinsky.
MOOR. Wie, Kosinsky?
weißt du
auch, dass du ein leichtsinniger Knabe bist und über den großen Schritt deines
Lebens weggaukelst, wie ein unbesonnenes Mädchen - Hier wirst du nicht Bälle
werfen oder Kegelkugeln schieben, wie du dir einbildest.
KOSINSKY. Ich weiß, was du sagen
willst - Ich bin vier und zwanzig Jahr alt, aber ich habe Degen blinken gesehen
und Kugeln um mich surren gehört.
MOOR. So, junger Herr? -
Und hast
du dein Fechten nur darum gelernt, arme Reisende um einen Reichstaler
niederzustoßen, oder Weiber hinterrücks in den Bauch zu stechen?
Geh, geh! du
bist deiner Amme entlaufen, weil sie dir mit der Rute gedroht hat.
SCHWEIZER. Was zum Henker,
Hauptmann! was denkst du? willst du diesen Herkules fortschicken? Sieht er nicht
gerade so drein, als wollt er den Marschall von Sachsen mit einem Rührlöffel
über den Ganges jagen?
MOOR. Weil dir deine Lappereien
missglücken, kommst du und willst ein Schelm, ein Meuchelmörder werden? -
Mord,
Knabe, verstehst du das Wort auch? Du magst ruhig schlafen gegangen sein, wenn
du Mohnköpfe abgeschlagen hast, aber einen Mord auf der Seele zu tragen -
KOSINSKY.
Jeden Mord, den du mich
begehen heißt, will ich verantworten.
MOOR. Was? bist du so klug?
Willst du dich anmaßen, einen Mann mit Schmeicheleien zu fangen? Woher weißt du,
dass ich nicht böse Träume habe, oder auf dem Todbett nicht werde blass werden?
Wie viel hast du schon getan, wobei du an Verantwortung gedacht hast?
KOSINSKY. Wahrlich! noch sehr
wenig, aber doch diese Reise zu dir, edler Graf!
MOOR. Hat dir dein Hofmeister die
Geschichte des Robins in die Hände gespielt - man sollte dergleichen
unvorsichtige Canaillen auf die Galeere schmieden -, die deine kindische
Phantasie erhitzte und
dich mit der tollen Sucht zum großen Mann ansteckte?
Kitzelt dich nach Namen und Ehre?
willst du Unsterblichkeit mit Mordbrennereien
erkaufen? Merk dirs, ehrgeiziger Jüngling!
Für Mordbrenner grünet kein Lorbeer!
Auf Banditensiege ist kein Triumph gesetzt - aber
Fluch, Gefahr, Tod, Schande -
Siehst du auch das Hochgericht dort auf dem Hügel?
SPIEGELBERG (unwillig auf und
abgehend). Ei wie dumm! wie abscheulich, wie unverzeihlich dumm! Das ist die
Manier nicht! ich habs anders gemacht.
KOSINSKY. Was soll der fürchten,
der den Tod nicht fürchtet?
MOOR. Brav! unvergleichlich! Du
hast dich wacker in den Schulen gehalten,
du hast deinen Seneca meisterlich
auswendig gelernt. - Aber, lieber Freund, mit dergleichen Sentenzen wirst du die
leidende Natur nicht beschwätzen, damit wirst du die Pfeile des Schmerzens
nimmermehr stumpf machen. - Besinne dich recht, mein Sohn! (Er nimmt seine
Hand.) denk, ich rate dir als ein Vater -
lern erst die Tiefe des Abgrunds
kennen, eh du hineinspringst! Wenn du noch in der Welt eine einzige Freude zu
erhaschen weißt - es könnten Augenblicke kommen, wo du - aufwachst - und dann -
möcht es zu spät sein.
Du trittst hier gleichsam aus dem Kreise der Menschheit -
entweder musst du ein höherer Mensch sein, oder du bist ein Teufel - Noch
einmal, mein Sohn! Wenn dir noch ein Funken von Hoffnung irgend anderswo glimmt,
so
verlass diesen schrecklichen Bund, den nur Verzweiflung eingeht, wenn ihn
nicht eine höhere Weisheit gestiftet hat - Man kann sich täuschen - glaube mir,
man kann Das für Stärke des Geistes halten, was doch am Ende Verzweiflung ist -
Glaube mir, mir! und mach dich eilig hinweg.
KOSINSKY. Nein! ich fliehe jetzt
nicht mehr. Wenn dich meine Bitten nicht rühren, so höre die
Geschichte meines
Unglücks. - Du wirst mir dann selbst den Dolch in die Hände zwingen, du wirst -
lagert euch hier auf dem Boden und hört mir aufmerksam zu!
MOOR. Ich will sie hören.
KOSINSKY. Wisset also,
ich bin
ein böhmischer Edelmann und wurde
durch den frühen Tod meines Vaters Herr eines
ansehnlichen Ritterguts. Die Gegend war paradiesisch - denn sie enthielt einen
Engel - ein Mädchen, geschmückt mit allen Reizen der blühenden Jugend und keusch
wie das Licht des Himmels. Doch, wem sag ich das? Es schallt an euren Ohren
vorüber - ihr habt niemals geliebt, seid niemals geliebt worden -
SCHWEIZER. Sachte, sachte! unser
Hauptmann wird feuerrot.
MOOR. Hör auf! ich wills ein
andermal hören - morgen, nächstens, oder - wenn ich Blut gesehen habe.
KOSINSKY. Blut, Blut - höre nur
weiter! Blut, sag ich dir, wird deine ganze Seele füllen.
Sie war bürgerlicher
Geburt, eine Deutsche - aber ihr Anblick schmelzte die Vorurteile des Adels
hinweg. Mit der schüchternsten Bescheidenheit nahm sie den Trauring von meiner
Hand, und übermorgen sollte ich meine Amalia vor den Altar führen.
MOOR (steht schnell auf).
KOSINSKY. Mitten im Taumel der
auf mich wartenden Seligkeit, unter den Zurüstungen zur Vermählung - werd ich
durch einen Expressen nach Hof zitiert. Ich stellte mich. Man zeigte mir
Briefe,
die ich geschrieben haben sollte, voll verräterischen Inhalts. Ich errötete über
der Bosheit - man nahm mir den Degen ab, warf mich ins Gefängnis, alle meine
Sinnen waren hinweg.
SCHWEIZER. Und unterdessen - nur
weiter! Ich rieche den Braten schon.
KOSINSKY.
Hier lag ich einen
Monat lang und wusste nicht, wie mir geschah.
Mir bangte für meine Amalia, die
meines Schicksals wegen jede Minute würde einen Tod zu leiden haben. Endlich
erschien der erste Minister des Hofes, wünschte mir zur Entdeckung meiner
Unschuld Glück mit zuckersüßen Worten, liest mir den Brief der Freiheit vor,
gibt mir meinen Degen wieder. Jetzt im Triumphe nach meinem Schloss,
in die Arme
meiner Amalia zu fliegen, - sie war verschwunden.
In der Mitternacht sei sie
weggebracht worden, wüsste niemand, wohin; und seitdem mit keinem Aug mehr
gesehen. Hui! schoss mirs auf, wie der Blitz, ich flieg nach der Stadt, sondiere
am Hof - alle Augen wurzelten auf mir, niemand wollte Bescheid geben - endlich
entdeck ich sie durch ein verborgenes Gitter im Palast - sie warf mir ein
Billetchen zu.
SCHWEIZER. Hab ichs nicht gesagt?
KOSINSKY. Hölle, Tod und Teufel!
da stands!
man hatte ihr die Wahl gelassen, ob sie mich lieber sterben sehen,
oder die Mätresse des Fürsten werden wollte. Im Kampf zwischen Ehre und Liebe
entschied sie für das zweite, und (lachend) ich war gerettet.
SCHWEIZER. Was tatst du da?
KOSINSKY. Das stand ich, wie von
tausend Donnern getroffen! - Blut! war mein erster Gedanke, Blut! mein letzter.
Schaum auf dem Munde, renn ich nach Haus, wähle mir einen dreispitzigen Degen,
und damit in aller Jast
in des Ministers Haus, denn nur er - er nur war der
höllische Kuppler gewesen. Man muss mich von der Gasse bemerkt haben, denn wie
ich hinauftrete, waren alle Zimmer verschlossen. Ich suche, ich frage: Er sei
zum Fürsten gefahren, war die Antwort. Ich mache mich geradenwegs dahin, man
wollte nichts von mir wissen. Ich gehe zurück, sprenge die Türen ein, finde ihn,
wollte eben - aber da sprangen fünf bis sechs Bediente aus dem Hinterhalt und
entwanden mir den Degen.
SCHWEIZER (stampft auf den
Boden). Und er kriegte nichts, und du zogst leer ab?
KOSINSKY.
Ich ward ergriffen,
angeklagt, peinlich prozessiert, infam - merkts euch! - aus besonderer
Gnade infam aus den Grenzen gejagt;
meine Güter fielen als Präsent dem Minister
zu, meine Amalia bleibt in den Klauen des Tigers, verseufzt und vertrauert ihr
Leben, während dass meine Rache fasten und
sich unter das Joch des Despotismus
krümmen muss.
SCHWEIZER (aufstehend, seinen
Degen wetzend). Das ist Wasser auf unsere Mühle, Hauptmann!
Da gibts was
anzuzünden!
MOOR (der bisher in heftigen
Bewegungen hin und her gegangen, springt rasch auf, zu den Räubern).
Ich
muss sie sehen - Auf! rafft zusammen -
du bleibst, Kosinsky - packt eilig
zusammen!
DIE RÄUBER. Wohin, was?
MOOR. Wohin? wer fragt wohin? (Heftig
zu Schweizern.) Verräter, du willst mich zurückhalten? Aber bei der Hoffnung
des Himmels! -
SCHWEIZER.
Verräter ich? - Geh in
die Hölle, ich folge dir!
MOOR (fällt ihm um den Hals).
Bruderherz! du folgst mir - Sie weint, sie vertrauert ihr Leben. Auf! Hurtig!
Alle! nach Franken!
In acht Tagen müssen wir dort sein. (Sie gehen ab.)
Erste Szene
á
Ländliche
Gegend um das Moorische Schloss.
Räuber Moor.
Kosinsky in der Ferne.
MOOR. Geh voran und melde mich.
Du weißt doch noch alles, es du sprechen musst?
KOSINSKY. Ihr seid der Graf von
Brand, kommt aus Mecklenburg, ich Euer Reitknecht - Sorgt nicht, ich will meine
Rolle schon spielen. Lebt wohl! (Ab.)
MOOR. Sei mir gegrüßt,
Vaterlandserde! (Er küsst die Erde.) Vaterlandshimmel! Vaterlandssonne! -
und Fluren und Hügel und Ströme und Wälder! seid alle, alle mir herzlich
gegrüßt! - Wie so köstlich wehet die Luft von meinen Heimatgebirgen! wie strömt
balsamische Wonne aus euch dem armen Flüchtling entgegen! - Elysium!
dichterische Welt! Halt ein, Moor! dein Fuß wandelt in einem heiligen Tempel. (Er
kommt näher.) Sieh da, auch die Schwalbennester im Schlosshof - auch das
Gartentürchen! - und diese Ecke am Zaun, wo du so oft den Fanger belauschtest
und necktest - und dort unten das Wiesental, wo du, der Held Alexander, deine
Mazedonier ins Treffen bei Arbela führtest, und nebendran der grasige Hügel, von
welchem du den persischen Satrapen niederwarfst - und deine siegende Fahne
flatterte hoch! (Er lächelt.) Die goldnen Maienjahre der Knabenzeit leben
wieder auf in der Seele des Elenden - da warst du so glücklich, warst so ganz,
so wolkenlos heiter - und nun - da liegen die Trümmer deiner Entwürfe! Hier
solltest du wandeln dereinst, ein großer, stattlicher, gepriesener Mann - hier
dein Knabenleben in Amalias blühenden Kindern zum zweiten Mal leben - hier! hier
der Abgott deines Volks - aber der böse Feind schmollte dazu! (Er fährt auf.)
Warum bin ich hieher gekommen? dass mirs ginge wie dem Gefangenen, den der
klirrende Eisenring aus Träumen der Freiheit aufjagt? - nein, ich gehe in mein
Elend zurück! - Der Gefangene hatte das Licht vergessen, aber der Traum der
Freiheit fuhr über ihm wie ein Blitz in die Nacht, der sie finsterer zurücklässt
- Lebt wohl, ihr Vaterlandstäler! einst saht ihr den Knaben Karl, und der Knabe
Karl war ein glücklicher Knabe - jetzt saht ihr den Mann, und er war in
Verzweiflung. (Er dreht sich schnell nach dem äußersten Ende der Gegend,
allwo er plötzlich stille steht und nach dem Schloss mit Wehmut herüber blickt.)
Sie nicht sehen, nicht einen Blick? - und nur eine Mauer gewesen zwischen mir
und Amalia - Nein! sehen muss und sie - muss ich ihn - es soll mich zermalmen! (Er
kehrt um.) Vater! Vater! dein Sohn naht - weg mit dir, schwarzes, rauchendes
Blut! weg, hohler, grasser, zuckender Todesblick! Nur diese Stunde lass
mir frei - Amalia! Vater! dein Karl naht! (Er geht schnell auf das Schloss
zu.) - Quäle mich, wenn der Tag erwacht, lass nicht ab von mir, wenn die
Nacht kommt - quäle mich in schrecklichen Träumen! nur vergifte mir diese
einzige Wollust nicht! (Er steht an der Pforte.) Wie wird mir? was ist
das, Moor? Sei ein Mann! - - Todesschauer - - Schreckenahnung - - (Er geht
hinein.)
Zweite Szene
á
Galerie im
Schloss.
Räuber Moor.
Amalia treten auf.
AMALIA. Und getrauten Sie sich
wohl, sein Bildnis unter diesen Gemälden zu erkennen?
MOOR. O ganz gewiss. Sein Bild
war immer lebendig in mir. (An den Gemälden herumgehend.) Dieser ists nicht.
AMALIA. Erraten! - Er war der
Stammvater des gräflichen Hauses und erhielt den Adel von Barbarossa, dem er
wider die Seeräuber diente.
MOOR (immer an den Gemälden).
Dieser ists auch nicht - auch Der nicht - auch nicht Jener dort - er ist nicht
unter ihnen.
AMALIA. Wie? Sehen Sie doch
besser! ich dachte, Sie kennten ihn -
MOOR. Ich kenne meinen Vater
nicht besser! Ihm fehlt der sanftmütige Zug um den Mund, der ihn aus Tausenden
kenntlich machte - er ists nicht.
AMALIA. Ich erstaune. Wie?
Achtzehn Jahre nicht gesehen, und noch -
MOOR (schnell mit einer
fliegenden Röte). Dieser ists! (Er steht wie vom Blitz gerührt.)
AMALIA. Ein vortrefflicher Mann!
MOOR (in seinem Anblick
versunken). Vater, Vater! vergib mir! - Ja, ein vortrefflicher Mann! - (Er
wischt sich die Augen.) Ein göttlicher Mann!
AMALIA. Sie scheinen viel Anteil
an ihm zu nehmen.
MOOR. Oh ein vortrefflicher Mann
- und er sollte dahin sein?
AMALIA. Dahin! wie unsere besten
Freuden dahin gehn - (Sanft seine Hand ergreifend.) Lieber Herr Graf, es reift
keine Seligkeit unter dem Monde.
MOOR. Sehr wahr, sehr wahr - und
sollten Sie schon diese traurige Erfahrung gemacht haben? Sie können nicht
dreiundzwanzig Jahre alt sein.
AMALIA. Und habe sie gemacht.
Alles lebt, um traurig wieder zu sterben. Wir interessieren und nur darum, wir
gewinnen nur darum, dass wir wieder mit Schmerzen verlieren.
MOOR. Sie verloren schon etwas?
AMALIA. Nichts! Alles! Nichts -
wollen wir weiter gehen, Herr Graf?
MOOR. So eilig? Wes ist dies Bild
rechter Hand dort? mich deucht, es ist eine unglückliche Physiognomie.
AMALIA. Dies Bild linker Hand ist
der Sohn des Grafen, der wirkliche Herr - Kommen Sie, kommen Sie!
MOOR. Aber dies Bild rechter
Hand?
AMALIA. Sie wollen nicht in den
Garten gehn?
MOOR. Aber dies Bild rechter
Hand? - Du weinst, Amalia?
AMALIA (schnell ab).
MOOR. Sie liebt mich! sie liebt
mich! - Ihr ganzes Wesen fing an, sich zu empören, verräterisch rollten die
Tränen von ihren Wangen. Sie liebt mich! - Elender, das verdientest du um sie!
Steh' ich nicht hier wie ein Gerichteter vor dem tödlichen Block? Ist das der
Sofa, wo ich an ihrem Halse in Wonne schwamm? Sind das die väterlichen Säle?
(Ergriffen vom Anblick seines Vaters.) Du, du - Feuerflammen aus deinem Auge -
Fluch, Fluch, Verwerfung! - Wo bin ich? Nacht vor meinen Augen - Schrecknisse
Gottes - Ich, ich hab ihn getötet! (Er rennt davon.)
FRANZ VON MOOR (in tiefen
Gedanken.) Weg mit diesem Bild! weg, feige Memme! Was zagst du, und vor wem?
ists mir nicht die wenigen Stunden, die der Graf in diesen Mauern wandelt, als
schlich' immer ein Spion der Hölle meinen Fersen nach - Ich sollt' ihn kennen!
Es ist so was Großes und Oft gesehenes in seinem wilden sonnenverbrannten
Gesicht, das mich beben macht - Auch Amalia ist nicht gleichgültig gegen ihn!
Lässt sie nicht so gierig schmachtende Blicke auf dem Kerl herumkreuzen, mit
denen sie doch gegen alle Welt sonst so geizig tut? Sah ichs nicht, wie sie ein
paar diebische Tränen in den Wein fallen ließ, den er hinter meinem Rücken so
hastig in sich schlürfte, als wenn er das Glas mit hineinziehen wollte? Ja, das
sah ich, durch den Spiegel sah ichs mit diesen meinen Augen. Holla, Franz! sieh
dich vor! dahinter steckt irgend ein verderbenschwangeres Ungeheuer! (Er
steht forschend dem Porträt Karls gegenüber.) Sein langer Gänsehals - seine
schwarzen, feuerwerfenden Augen, hm! hm! - sein finsteres überhangendes,
buschichtes Augenbraun. (Plötzlich zusammenfahrend.) - Schadenfrohe
Hölle! jagst du mir diese Ahnung ein? Es ist Karl! ja! jetzt werden mir
alle Züge wieder lebendig - Er ists! trutz seiner Larve! - Er ists - trutz
seiner Larve - Er ists - Tod und Verdammnis! (Auf und ab mit heftigen
Schritten.) hab ich darum meine Nächte verprasst, - darum Felsen
hinweggeräumt und Abgründe eben gemacht, - bin ich darum gegen alle Instinkte
der Menschheit rebellisch worden, dass mir zuletzt dieser unstete Landstreicher
durch meine künstlichsten Wirbel tölple - Sachte! nur sachte! - Es ist nur noch
Spielarbeit übrig - Bin ich doch ohnehin schon bis an die Ohren in Todsünden
gewatet, dass es Unsinn wäre, zurückzuschwimmen, wenn das Ufer schon so weit
hinten liegt - ans Umkehren ist doch nicht mehr zu gedenken - Die Gnade
selbst würde an den Bettelstab gebracht und die unendliche Erbarmung
bankrott werden, wenn sie für meine Schulden all gut sagen wollte - Also
vorwärts wie ein Mann - (Er schellt.) - Er versammle sich zu dem Geist
seines Vaters und komme! der Toten spott' ich. Daniel! he, Daniel! - Was giltst,
den haben sie auch schon gegen mich aufgewiegelt? Er sieht so geheimnisvoll. (Daniel
kommt.)
DANIEL. Was steht zu Befehl, mein
Gebieter?
FRANZ. Nichts. Fort, fülle diesen
Becher Wein, aber hurtig! (Daniel ab.) Wart, Alter! dich will ich fangen, ins
Auge will ich dich fassen, so starr, dass dein getroffenes Gewissen durch die
Larve erblassen soll! - Er soll sterben! Der ist ein Stümper, der sein Werk nur
auf die Hälfte bringt und dann weggeht und müßig zugafft, wie es weiter damit
werden wird. Daniel mit Wein.
FRANZ. Stell' ihn hieher! Sieh
mir fest ins Auge! Wie deine Knie schlottern! wie du zitterst! Gesteh, Alter,
was hast du getan?
DANIEL. Nichts, gnädiger Herr, so
wahr Gott lebt und meine arme Seele.
FRANZ. Trink diesen Wein aus! -
Was? du zauderst? - Heraus, schnell! Was hast du in den Wein geworfen?
DANIEL. Hilf Gott! Was? Ich - in
den Wein?
FRANZ. Gift hast du in den Wein
geworfen! Bist du nicht bleich wie Schnee? Gesteh, gesteh! Wer hat's dir
gegeben? Nicht wahr, der Graf, der Graf hat dirs gegeben?
DANIEL. Der Graf? Jesus Maria!
Der Graf hat mir nichts gegeben.
FRANZ (greift ihn hart an). Ich
will dich würgen, dass du blau wirst, eisgrauer Lügner du! Nichts? Und was
staket ihr denn so beisammen? Er und du und Amalia? Und was flüstertet ihr immer
zusammen? Heraus damit! Was für Geheimnisse, was für Geheimnisse hat er dir
anvertraut?
DANIEL. Das weiß der allwissende
Gott. Er hat mir keine Geheimnisse anvertraut.
FRANZ. Willst du es leugnen? Was
für Kabalen habt ihr angezettelt, mich aus dem Weg zu räumen? Nicht wahr? Mich
im Schlaf zu erdrosseln? Mir beim Bartscheren die Gurgel abzuschneiden? Mir im
Wein oder im Schokolade zu vergeben? Heraus, heraus! - oder mir in der Suppe den
ewigen Schlaf zu geben? Heraus damit! ich weiß alles.
DANIEL. So helfe mir Gott, wenn
ich in Not bin, wie ich Euch jetzt nichts anders sage, als die reine lautere
Wahrheit.
FRANZ. Diesmal will ich dir
verzeihen. Aber gelt, er steckte dir gewiss Geld in deinen Beutel? Er drückte
dir die Hand stärker, als der Brauch ist? so ungefähr, wie man sie seinen alten
Bekannten zu drücken pflegt?
DANIEL. Niemals, mein Gebieter.
FRANZ. Er sagte dir, zum Exempel,
dass er dich etwa schon kenne? - dass du ihn fast kennen solltest? Dass dir
einmal die Decke von den Augen fallen würde - dass - was? Davon sollt' er dir
niemals gesagt haben?
DANIEL. Nicht das Mindeste.
FRANZ. Dass gewisse Umstände ihn
abhielten - dass man oft Masken nehmen müsse, um seinen Feinden zuzukönnen -
dass er sich rächen wolle, aufs grimmigste rächen wolle?
DANIEL. Nicht einen Laut von
Diesem allem.
FRANZ. Was? Gar nichts? Besinne
dich recht. - dass er den alten Herrn sehr genau - besonders genau gekannt -
dass er ihn liebe - ungemein liebe - wie ein Sohn liebe -
DANIEL. Etwas dergleichen
erinnere ich mich von ihm gehört zu haben.
FRANZ (blass). Hat er, hat er
wirklich? Wie, so lass mich doch hören! Er sagte, er sei mein Bruder?
DANIEL (betroffen). Was, mein
Gebieter? - Nein, das sagte er nicht. Aber wie ihn das Fräulein in der Galerie
herumführte, ich putzte eben den Staub von den Rahmen der Gemälde ab, stand er
bei dem Porträt des seligen Herrn plötzlich still, wie vom Donner gerührt. Das
gnädige Fräulein deutete darauf hin und sagte: ein vortrefflicher Mann! Ja, ein
vortrefflicher Mann! gab er zur Antwort, indem er sich die Augen wischte.
FRANZ. Höre, Daniel! Du weißt,
ich bin immer ein gütiger Herr gegen dich gewesen, ich hab dir Nahrung und
Kleider gegeben und dein schwaches Alter in allen Geschäften geschonet -
DANIEL. Dafür lohn Euch der
liebe Herrgott! und ich hab Euch immer redlich gedienet.
FRANZ. Das wollt ich eben sagen.
Du hast mir in deinem Leben noch keine Widerrede gegeben, denn du weißt gar zu
wohl, dass du mir Gehorsam schuldig bist in allem, was ich dich heiße.
DANIEL. In allem von ganzem
Herzen, wenn es nicht wider Gott und mein Gewissen geht.
FRANZ. Possen, Possen! Schämst du
dich nicht? Ein alter Mann, und an das Weihnachtsmärchen zu glauben! Geh,
Daniel! das war ein dummer Gedanke. Ich bin ja Herr. Mich werden Gott und
Gewissen strafen, wenn es ja einen Gott und ein Gewissen gibt.
DANIEL (schlägt die Hände
zusammen). Barmherziger Himmel!
FRANZ. Bei deinem Gehorsam!
Verstehst du das Wort auch? Bei deinem Gehorsam befehl ich dir, morgen darf der
Graf nimmer unter den Lebendigen wandeln.
DANIEL. Hilf, heiliger Gott!
Weswegen?
FRANZ. Bei deinem blinden
Gehorsam! - und an dich werd ich mich halten.
DANIEL. An mich? Hilf, selige
Mutter Gottes! An mich? Was hab ich alter Mann denn Böses getan?
FRANZ. Hier ist nicht lang
Besinnszeit, dein Schicksal steht in meiner Hand. Willst du dein Leben im
tiefsten meiner Türme vollends ausschmachten, wo der Hunger dich zwingen wird,
deine eigenen Knochen abzunagen, und der brennende Durst, dein eigenes Wasser
wieder zu saufen? - Oder willst du lieber dein Brot essen in Frieden, und Ruhe
haben in deinem Alter?
DANIEL. Was, Herr? Fried und
Ruhe im Alter, und ein Totschläger?
FRANZ. Antwort auf meine Frage!
DANIEL. Meine grauen Haare, meine
grauen Haare!
FRANZ. Ja oder Nein!
DANIEL. Nein! - Gott erbarme sich
meiner!
FRANZ (im Begriff zu gehen). Gut,
du sollts nötig haben.
(Daniel hält ihn auf und fällt vor ihm nieder.)
DANIEL. Erbarmen, Herr! Erbarmen!
FRANZ. Ja oder Nein!
DANIEL. Gnädiger Herr, ich bin
heute einundsiebenzig Jahr alt, und hab Vater und Mutter geehret, und Niemand
meines Wissens um des Hellers Wert im Leben vervorteilt, und hab an meinem
Glauben gehalten treu und redlich, und hab in Eurem Hause gedient
vierundvierzig Jahr, und erwarte jetzt ein ruhig seliges Ende, ach, Herr, Herr!
(umfasst seine Knie heftig) und Ihr wollt mir den letzten Trost rauben im
Sterben, dass der Wurm des Gewissens mich um mein letztes Gebet bringe, dass ich
ein Gräuel vor Gott und Menschen schlafen gehen soll? Nein, nein, mein liebster
bester, liebster gnädiger Herr! Das wollt Ihr nicht, das könnt Ihr nicht wollen
von einem einundsiebenzigjährigen Manne.
FRANZ. Ja oder Nein! was soll das
Geplapper?
DANIEL. Ich will Euch von nun an
noch eifriger dienen, will meine dürren Sehnen in Eurem Dienst wie ein Taglöhner
abarbeiten, will früher aufstehen, will später mich niederlegen - ach, und will
Euch einschließen in mein Abend- und Morgengebet, und Gott wird das Gebet eines
alten Mannes nicht wegwerfen.
FRANZ. Gehorsam ist besser, denn
Opfer. Hast du je gehört, dass sich der Henker zierte, wenn er ein Urteil
vollstrecken sollte?
DANIEL. Ach ja wohl! aber eine
Unschuld erwürgen - einen -
FRANZ. Bin ich dir etwa
Rechenschaft schuldig? Darf das Beil den Henker fragen, warum dahin und nicht
dorthin? - Aber sieh, wie langmütig ich bin - ich biete dir eine Belohnung für
das, was du mir huldigtest.
DANIEL. Aber ich hoffte, ein
Christ bleiben zu dürfen, da ich Euch huldigte.
FRANZ. Keine Widerrede! Siehe,
ich gebe dir einen ganzen Tag noch Bedenkzeit! Überlege es nochmals. Glück und
Unglück - hörst du? verstehst du? das höchste Glück und das äußerste Unglück!
Ich will Wunder tun im Peinigen.
DANIEL (nach einigem Nachdenken).
Ich wills tun, morgen will ichs tun. (Ab.)
FRANZ. Die Versuchung ist stark,
und der war wohl nicht zum Märtyrer seines Glaubens geboren. - Wohl bekomms
denn, Herr Graf! Allem Ansehen nach werden Sie morgen Abend Ihre Henkermahlzeit
halten! - Es kommt alles nur darauf an, wie man davon denkt, und Der ist ein
Narr, der wider seine Vorteile denkt. Den Vater, der vielleicht eine Bouteille
Wein weiter getrunken hat, kommt der Kitzel an - und draus wird ein Mensch, und
der Mensch war gewiss das Letzte, woran bei der ganzen Herkulesarbeit gedacht
wird. Nun kommt mich eben auch der Kitzel an - und dran krepiert ein Mensch, und
gewiss ist hier mehr Verstand und Absichten, als dort bei seinem Entstehen war -
Hängt nicht das Dasein der meisten Menschen mehrenteils an der Hitze eines
Juliusmittags, oder am anziehenden Anblick eines Betttuchs, oder an der
wagrechten Lage einer schlafenden Küchengrazie, oder an einem ausgelöschten
Licht? - Ist die Geburt des Menschen das Werk einer viehischen Anwandlung, eines Ungefährs, wer sollte wegen der
Verneinung seiner Geburt sich einkommen lassen,
an ein bedeutendes Etwas zu denken? Verflucht sei die Torheit unserer Ammen und
Wärterinnen, die unsere Phantasie mit schrecklichen Märchen verderben und
grässliche Bilder von Strafgerichten in unser weiches Gehirnmark drücken, dass
unwillkürliche Schauder die Glieder des Mannes noch in frostige Angst rütteln,
unsere kühnste Entschlossenheit sperren, unsere erwachende Vernunft an Ketten
abergläubischer Finsternis legen - Mord! wie eine ganze Hölle von Furien um das
Wort flattert - die Natur vergaß einen Mann mehr zu machen - die Nabelschnur ist
nicht unterbunden worden - der Vater hat in der Hochzeitnacht glatten Leib
bekommen - und die ganze Schattenspielerei ist verschwunden. Es war etwas und
wird nichts - heißt es nicht eben so viel, als: es war nichts und wird nichts,
und um nichts wird kein Wort mehr gewechselt - der Mensch entsteht aus Morast,
und watet eine Weile im Morast, und macht Morast, und gärt wieder zusammen in
Morast, bis er zuletzt an den Schuhsohlen seines Urenkels unflätig anklebt. Das
ist das Ende vom Lied - der morastige Zirkel de menschlichen Bestimmung, und
somit - glückliche Reise, Herr Bruder! Der milzsüchtige, podagrische Moralist
von einem Gewissen mag runzligte Weiber aus Bordellen jagen und alte Wucherer
auf dem Todesbett foltern - bei mir wird er nimmermehr Audienz bekommen. (Er
geht ab.)
Dritte Szene
á
Anderes Zimmer im
Schloss.
Räuber Moor von der einen, Daniel von der andern.
MOOR (hastig). Wo ist das
Fräulein?
DANIEL. Gnädiger Herr! Erlaubt
einem armen Mann, Euch um etwas zu bitten.
MOOR. Es ist dir gewährt, was
willst du?
DANIEL. Nicht viel und alles, so
wenig und doch so viel - Lasst mich Eure Hand küssen!
MOOR. Das sollst du nicht, guter
Alter! (umarmt ihn) den ich Vater nennen möchte.
DANIEL. Eure Hand, Eure Hand! ich
bitt Euch.
MOOR. Du sollst nicht.
DANIEL. Ich muss! (Er greift sie,
betrachtet sie schnell und fällt vor ihm nieder.) Lieber, bester Karl!
MOOR (erschrickt, fasst sich,
fremd). Freund, was sagst du? Ich verstehe dich nicht.
DANIEL. Ja, leugnet es nur,
verstellt Euch! Schön, schön! Ihr seid immer mein bester, köstlicher Junker -
Lieber Gott, dass ich alter Mann noch die Freude - dummer Tölpel ich, dass ich
Euch nicht gleich - Ei du himmlischer Vater! So seid Ihr ja wiedergekommen, und
der alte Herr ist unterm Boden, und da seid Ihr ja wieder - was für ein blinder
Esel ich doch war (sich vor den Kopf schlagend), dass ich Euch nicht im ersten
Hui - Ei du mein! wer hätte sich das träumen lassen! - Um was ich mit Tränen
betete, - Jesus Christus! Da steht er ja leibhaftig wieder in der alten Stube!
MOOR. Was ist das für eine
Sprache? Seid Ihr vom hitzigen Fieber aufgesprungen? oder wollt Ihr eine
Komödienrolle an mir probieren?
DANIEL. Ei pfui doch, pfui doch!
Das ist nicht fein, einen alten Knecht so zum Besten haben - Diese Narbe! He,
wisst Ihr noch? - Großer Gott! Was Ihr mir da für Angst einjagtet - ich hab
Euch immer so lieb gehabt, und was Ihr mir da für Herzeleid hättet anrichten
können - Ihr saßt mir im Schoß - wisst Ihr noch? - dort in der runden Stube -
gelt, Vogel! Das habt Ihr freilich vergessen - auch den Kuckuck, den Ihr so gern
hörtet - denkt doch! der Kuckuck ist zerschlagen, in Grundsboden geschlagen -
die alte Susel hat ihn verwettert, wie sie die Stube fegte - ja freilich, und da
saßt Ihr mir im Schoß und rieft: Hotto! und ich lief fort, Euch den Hottogaul zu
holen - Jesus Gott! warum musst ich alter Esel auch fortlaufen? - und wie mirs
siedigheiß über den Buckel lief - wie ich das Zetergeschrei höre draußen im
Öhrn, spring herein, und da lief das helle Blut, und laget am Boden, und hattet
- heilige Mutter Gottes! war mirs nicht, als wenn mir ein Kübel eiskalt Wasser
übern Nacken spritzte - aber so gehts, wenn man nicht alle Augen auf die Kinder
hat. Großer Gott, wenns ins Aug gegangen wäre - Wars dazu noch die rechte
Hand. Mein Lebenstag, sagt ich, soll mir kein Kind mehr ein Messer oder eine
Schere, oder so was Spitziges, sagt ich - in die Hände kriegen, sagt ich - war
zum Glück noch Herr und Frau verreiset - ja, ja, das soll mir mein Tag des
Lebens eine Warnung sein, sagt ich - Jemini, Jemini! ich hätte vom Dienst
kommen können, ich hätte - Gott der Herr verzeihs Euch, gottloses Kind - aber
gottlob! es heilte glücklich, bis auf die wüste Narbe.
MOOR. Ich begreife kein Wort von
allem, was du sagst.
DANIEL. Ja gelt, galt? Das war
noch eine Zeit? Wie manches Zuckerbrot, oder Biskuit, oder Makrone ich Euch hab
zugeschoben, hab Euch immer am gernsten gehabt, und wisst Ihr noch, was Ihr mir
drunten sagtet im Stall, wie ich Euch auf des alten Herrn seinen Schweißfuchsen
setzte und Euch auf der großen Wiese ließ herumjagen? Daniel, sagtet Ihr, lass
mich nur einen großen Mann werden, Daniel, so sollst du mein Verwalter sein und
mit mir in der Kutsche fahren, - ja, sagt ich und lachte, wenn Gott Leben und
Gesundheit schenkt, und Ihr Euch eines alten Mannes nicht schämen werdet, sagt
ich, so will ich Euch bitten, mir das Häuschen drunten im Dorf zu räumen, das
schon eine gute Weil leer steht, und da wollt ich mir ein Eimer zwanzig Wein
einlegen und wirtschaften in meinen alten Tagen. - Ja, lacht nur, lacht nur!
Gelt, junger Herr, das habt Ihr rein ausgeschwitzt? - den alten Mann will man
nicht kennen, da tut man so fremd, so fürnehm - o Ihr seid doch mein goldiger
Junker - freilich halt ein bisschen luker gewesen - nehmt mirs nicht übel! -
Wie's eben das junge Fleisch meistens ist - am Ende kann noch alles gut werden.
MOOR (fällt ihm um den Hals). Ja,
Daniel, ich wills nicht mehr verhehlen! Ich bin dein Karl, dein verlorner Karl!
Was macht meine Amalia?
DANIEL (fängt an zu weinen).
Dass
ich alter Sünder noch die Freude haben soll, - und der Herr selig weinte
umsonst! - Abe, abe, weißer Schädel! mürbe Knochen, fahret in die Grube mit
Freuden! Mein Herr und Meister lebt, ihn haben meine Augen gesehen!
MOOR. Und will halten, was er
versprochen hat, - nimm das, ehrlicher Graukopf, für den Schweißfuchsen im
Stall; (drängt ihm einen schweren Beutel auf) nicht vergessen hab ich den alten
Mann.
DANIEL. Wie? was treibt Ihr? Zu
viel, Ihr habt Euch vergriffen.
MOOR. Nicht vergriffen, Daniel!
(Daniel will niederfallen.) Steh auf! sage mir, was macht meine Amalia?
DANIEL. Gottes Lohn! Gottes Lohn!
Ei, Herr Jerem! - Eure Amalia, oh, die wirds nicht überleben, die wird sterben
vor Freude!
MOOR (heftig). Sie vergaß mich
nicht?
DANIEL. Vergessen? Wie schwätzt
Ihr wieder? Euch vergessen? - da hättet Ihr sollen dabei sein, hättets sollen
mit ansehen, wie sie sich gebärdete, als die Zeitung kam, Ihr wärt gestorben,
die der gnädige Herr ausstreuen ließ -
MOOR. Was sagst du? mein Bruder -
DANIEL. Ja, Euer Bruder, der
gnädige Herr, Euer Bruder - ich will Euch ein andermal mehr davon erzählen,
wenns Zeit dazu ist - und wie sauber sie ihm abkappte, wenn er ihr alle Tage,
die Gott schickt, seinen Antrag machte und sie zur gnädigen Frau machen wollte.
O ich muss hin, muss hin, ihr sagen, ihr die Botschaft bringen. (Will fort.)
MOOR. Halt, halt! sie darfs nicht
wissen, darfs niemand wissen, auch mein Bruder nicht. -
DANIEL. Euer Bruder? Nein,
beileibe nicht, er darfs nicht wissen! Er gar nicht! - Wenn er nicht schon mehr
weiß, als er wissen darf - Oh, ich sage Euch, es gibt garstige Menschen,
garstige Brüder, garstige Herren - aber ich möcht um alles Gold meines Herrn
willen kein garstiger Knecht sein - der gnädige Herr hielt Euch tot.
MOOR. Hm! was brummst du da?
DANIEL (leiser). Und wenn man
freilich so ungebeten aufersteht - Euer Bruder war des Herrn selig einziger Erbe
-
MOOR. Alter! - was murmelst du da
zwischen den Zähnen, als wenn irgend ein Ungeheuer von Geheimnis auf deiner
Zunge schwebte, das nicht heraus wollte und doch heraus sollte? Rede deutlicher!
DANIEL. Aber ich will lieber
meine alten Knochen abnagen vor Hunger, lieber vor Durst mein eigenes Wasser
saufen, als Wohlleben die Fülle verdienen mit einem Totschlag. (Schnell ab.)
MOOR (auffahrend aus einer schrecklichen Pause.) Betrogen, betrogen! da fährt es
über meine Seele wie der Blitz! - Spitzbübische Künste! Himmel und Hölle! Nicht
du, Vater! Spitzbübische Künste! Mörder, Räuber durch spitzbübische Künste!
Angeschwärzt von ihm! verfälscht, unterdrückt meine Briefe - voll Liebe sein
Herz - oh ich Ungeheuer von einem Toren - voll Liebe sein Vaterherz - oh
Schelmerei, Schelmerei! Es hätte mich einen Fußfall gekostet - es hätte mich
eine Träne gekostet - oh ich blöder, blöder, blöder Tor! (Wider die Wand
rennend). Ich hätte glücklich sein können - o Büberei, Büberei! das Glück meines
Lebens bübisch, bübisch hinwegbetrogen. (Er läuft wütend auf und nieder.)
Mörder, Räuber durch spitzbübische Künste! - Er grollte nicht einmal. Nicht ein
Gedanke von Fluch in seinem Herzen - Oh Bösewicht! unbegreiflicher,
schleichender, abscheulicher Bösewicht!
(Kosinsky kommt.)
KOSINSKY. Nun, Hauptmann, wo
steckst du? Was ists? Du willst noch länger hier bleiben, merk ich.
MOOR. Auf! Sattle die Pferde! Wir
müssen vor Sonnenuntergang noch über den Grenzen sein!
KOSINSKY. Du spaßest.
MOOR (befehlend). Hurtig, hurtig!
Zaudre nicht lang, Lass alles da! und dass kein Aug dich gewahr wird.
(Kosinsky
ab.)
MOOR. Ich fliehe aus diesen Mauern. Der geringste Verzug könnte mich wütig
machen, und er ist meines Vaters Sohn - Bruder, Bruder! du hast mich zum Elendesten auf Erden gemacht, ich habe dich niemals beleidigt, es war nicht
brüderlich gehandelt - Ernte die Früchte deiner Untat in Ruhe, meine Gegenwart
soll dir den Genuss nicht länger vergällen - aber gewiss, es war nicht brüderlich
gehandelt. Finsternis verlösche sie auf ewig, und der Tod rühre sie nicht auf.
(Kosinsky.)
KOSINSKY. Die Pferde stehn
gesattelt, Ihr könnt aufsitzen, wenn Ihr wollt.
MOOR. Presser, Presser! Warum so
eilig? Soll ich sie nicht mehr sehn?
KOSINSKY. Ich zäume gleich wieder
ab, wenn Ihrs haben wollt; Ihr hießt mich ja über Hals und Kopf eilen.
MOOR. Noch einmal! ein Lebewohl
noch! ich muss den Gifttrank dieser Seligkeit vollends ausschlürfen, und dann -
halt, Kosinsky! zehn Minuten noch - hinten am Schlosshof - und wir sprengen
davon!
Vierte Szene
á
Im Garten.
Amalia.
AMALIA. Du weinst, Amalia? - und
das sprach er mit einer Stimme! mit einer Stimme - mir wars, als ob die Natur
sich verjüngte - die genossenen Lenze der Liebe dämmerten auf mit der Stimme!
Die Nachtigall schlug wie damals - die Blumen hauchten wie damals - und ich lag
wonneberauscht an seinem Hals - Ha falsches, treuloses Herz! Wie du deinen
Meineid beschönigen willst! Nein, nein, weg aus meiner Seele, du Frevelbild! -
ich hab meinen Eid nicht gebrochen, du Einziger! Weg aus meiner Seele, ihr
verräterischen gottlosen Wünsche! im Herzen, wo Karl herrscht, darf kein
Erdensohn nisten. - Aber warum, meine Seele, so immer, so wider Willen nach
diesem Fremdling? Hängt er sich nicht so hart an das Bild meines Einzigen? Ist
er nicht der ewige Begleiter meines Einzigen? Du weinst, Amalia? - Ha ich will
ihn fliehen! - fliehen! - Nimmermehr sehen soll mein Aug diesen Fremdling!
(Räuber Moor öffnet die Gartentüre.)
AMALIA (fährt zusammen). Horch!
horch! Rauschte die Türe nicht? (Sie wird Karln gewahr und springt auf.) Er -
wohin? - was? - da hat michs angewurzelt, dass ich nicht fliehen kann - Verlass
mich nicht, Gott im Himmel! - Nein, du sollst mir meinen Karl nicht entreißen!
Meine Seele hat nicht Raum für zwei Gottheiten, und ich bin ein sterbliches
Mädchen! (Sie nimmt Karls Bild heraus.) Du, mein Karl, sei mein Genius wider
diesen Fremdling, den Liebestörer! dich, dich ansehen unverwandt, - und weg alle
gottlosen Blicke nach diesem. (Sie sitzt stumm - das Auge starr auf das Bild
geheftet.)
MOOR. Sie da, gnädiges Fräulein?
- und traurig? - und eine Träne auf diesem Gemälde? (Amalia gibt ihm keine
Antwort.) - Und wer ist der Glückliche, um den sich das Aug eines Engels
versilbert? darf auch ich diesen Verherrlichten - (Er will das Gemälde
betrachten.)
AMALIA. Nein, ja, nein!
MOOR (zurückfahrend). Ha! - und
verdient er diese Vergötterung? verdient er? -
AMALIA. Wenn Sie ihn gekannt
hätten!
MOOR. Ich würd ihn beneidet
haben.
AMALIA. Angebetet, wollen Sie
sagen.
MOOR. Ha!
AMALIA. Oh, Sie hätten ihn so
lieb gehabt - es war so viel, so viel in seinem Angesicht - in seinen Augen - im
Ton seiner Stimme, das Ihnen so gleich kommt - das ich so liebe -
MOOR (sieht zur Erde).
AMALIA. Hier, wo Sie stehen,
stand er tausendmal - und neben ihm die, die neben ihm Himmel und Erde vergaß -
hier durchirrte sein Aug die um ihn prangende Gegend - sie schien den großen
belohnenden Blick zu empfinden und sich unter dem Wohlgefallen ihres
Meisterbildes zu verschönern - hier hielt er mit himmlischer Musik die Hörer der
Lüfte gefangen - hier an diesem Busch pflückte er Rosen, und pflückte die Rosen
für mich - hier, hier lag er an meinem Halse, brannte sein Mund auf dem meinen,
und die Blumen starben gern unter der Liebenden Fußtritt -
MOOR. Er ist nicht mehr?
AMALIA. Er segelt auf ungestümen
Meeren - Amalias Liebe segelt mit ihm - er wandelt durch ungebahnte sandigte
Wüsten - Amalias Liebe macht den brennenden Sand unter ihm grünen und die wilden
Gesträuche blühen - der Mittag sengt sein entblößtes Haupt, nordischer Schnee
schrumpft seine Sohlen zusammen, stürmischer Hagel regnet um seine Schläfe, und
Amalias Liebe wiegt ihn in Stürmen ein - Meere und Berge und Horizonte zwischen
den Liebenden - aber die Seelen versetzen sich aus dem staubigten Kerker und
treffen sich im Paradiese der Liebe - Sie scheinen traurig, Herr Graf?
MOOR. Die Worte der Liebe machen
auch meine Liebe lebendig.
AMALIA (blass). Was? Sie lieben
eine andre? - Weh mir, was hab ich gesagt?
MOOR. Sie glaubte mich tot, und
blieb treu dem Totgeglaubten - sie hörte wieder, ich lebe, und opferte mir die
Krone einer Heiligen auf. Sie weiß mich in Wüsten irren und im Elend
herumschwärmen, und ihre Liebe fliegt durch Wüsten und Elend mir nach. Auch
heißt sie Amalia, wie Sie, gnädiges Fräulein.
AMALIA. Wie beneid ich Ihre
Amalia!
MOOR. Oh, sie ist ein
unglückliches Mädchen; ihre Liebe ist für einen, der verloren ist, und wird -
ewig niemals belohnt.
AMALIA. Nein, sie wird im Himmel
belohnt. Sagt man nicht, es gebe eine bessere Welt, wo die Traurigen sich freuen
und die Liebenden sich wieder erkennen?
MOOR. Ja, eine Welt, wo die
Schleier hinwegfallen und die Liebe sich schrecklich wieder findet - Ewigkeit
heißt ihr Name - meine Amalia ist ein unglückliches Mädchen.
AMALIA. Unglücklich, und Sie
lieben?
MOOR. Unglücklich, weil sie mich
liebt! Wie, wenn ich ein Totschläger wäre? wie, mein Fräulein, wenn Ihr
Geliebter Ihnen für jeden Kuss einen Mord aufzählen könnte? Wehe meiner Amalia!
sie ist ein unglückliches Mädchen.
AMALIA (froh aufhüpfend). Ha! wie
bin ich ein glückliches Mädchen! Mein Einziger ist Nachtstrahl der Gottheit, und
die Gottheit ist Huld und Erbarmen! Nicht eine Fliege konnt er leiden sehen -
Seine Seele ist so fern von einem blutigen Gedanken, als fern der Mittag von der
Mitternacht ist.
MOOR (kehrt sich schnell ab in
ein Gebüsch, blickt starr in die Gegend).
AMALIA (singt und spielt auf der
Laute).
Willst mich, Hektor, ewig mir entreißen,
Wo des Äaciden mordend Eisen
Dem Patroklus schrecklich Opfer
bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen
lehren
Speere werfen und die Götter
ehren,
Wenn hinunter dich der Xanthus
schlingt?
MOOR (nimmt die Laute
stillschweigend und spielt).
Teures Weib, geh, hol die Todeslanze! -
Lass - mich fort - zum wilden
Kriegestanze -
(Er wirft die Laute weg und flieht davon.)
Fünfte Szene
á
Nahgelegener Wald.
Nacht. Ein altes verfallenes Schloss in der Mitte.
Die Räuberbande
gelagert auf der Erde.
DIE RÄUBER (singen)
Stehlen, morden, huren, balgen
Heißt bei uns nur die Zeit
zerstreun.
Morgen hangen wir am Galgen,
Drum Lasst uns heute lustig sein.
Ein freies Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne;
Der Wald ist unser Nachtquartier,
Bei Sturm und Wind hantieren wir,
Der Mond ist unsre Sonne,
Mercurius ist unser Mann,
Ders Praktizieren trefflich kann.
Heut laden wir bei Pfaffen uns ein,
Bei masten Pächtern morgen;
Was drüber ist, da lassen wir
fein
Den lieben Herrgott sorgen.
Und
haben wir im Traubensaft
Die Gurgel ausgebadet,
So machen wir uns Mut und Kraft
Und mit dem Schwarzen
Brüderschaft,
Der in der Hölle bratet.
Das
Wehgeheul geschlagner Väter,
Der bangen Mütter Klaggezeter,
Das Winseln der verlassnen Braut
Ist Schmaus für unsre
Trommelhaut!
Ha! wenn sie euch unter dem Beile so zucken,
Ausbrüllen wie Kälber, umfallen
wie Mucken,
Das kitzelt unsern Augenstern,
Das schmeichelt unsern Ohren
gern.
Und wenn mein Stündlein kommen nun,
Der Henker soll es holen!
So haben wir halt unsern Lohn
Und schmieren unsre Sohlen,
Ein Schlückchen auf den Weg vom
heißen Traubensohn,
Und hurra rax dax!
gehts, als
flögen wir davon.
SCHWEIZER. Es wird Nacht, und der
Hauptmann noch nicht da!
RAZMANN. Und versprach doch
Schlag acht Uhr wieder bei uns einzutreffen.
SCHWEIZER. Wenn ihm Leides
geschehen wäre - Kameraden! wir zünden an und morden den Säugling.
SPIEGELBERG (nimmt Razmann
beiseite). Auf ein Wort, Razmann.
SCHWARZ (zu Grimm). Wollen wir
nicht Spionen ausstellen?
GRIMM. Lass du ihn! Er wird einen
Fang tun, dass wir uns schämen müssen.
SCHWEIZER. Da brennst du dich,
beim Henker! Er ging nicht von uns wie einer, der einen Schelmenstreich im
Schild führt. Hast du vergessen, was er gesagt hat, als er uns über die Heide
führte? - »Wer nur eine Rübe vom Acker stiehlt, dass ichs erfahre, Lässt seinen
Kopf hier, so wahr ich Moor heiße.« - Wir dürfen nicht rauben.
RAZMANN (leise zu Spiegelberg).
Wo will das hinaus - rede deutscher!
SPIEGELBERG. Pst! Pst! - Ich weiß
nicht, was du oder ich für Begriffe von Freiheit haben, dass wir an einem Karrn
ziehen, wie Stiere, und dabei wunderviel von Independenz deklamieren - Es
gefällt mir nicht.
SCHWEIZER (zu Grimm). Was wohl
dieser Windkopf hier an der Kunkel hat?
RAZMANN (leise zu Spiegelberg).
Du sprichst vom Hauptmann? -
SPIEGELBERG. Pst doch! Pst! - Er
hat so feine Ohren unter uns herumlaufen - Hauptmann, sagst du? wer hat ihn zum
Hauptmann über uns gesetzt, oder hat er nicht diesen Titel usurpiert, der von
Rechtswegen mein ist? - Wie, legen wir darum unser Leben auf Würfel - baden
darum alle Milzsuchten des Schicksals aus, dass wir am Ende noch von Glück
sagen, die Leibeigenen eines Sklaven zu sein? - Leibeigene, da wir Fürsten sein
könnten? - Bei Gott! Razmann - das hat mir niemals gefallen.
SCHWEIZER (zu den andern). Ja -
du bist mir der rechte Held. - Frösche mit Steinen breit zu schmeißen - schon
der Klang seiner Nase, wenn er sich schnäuzte, könnte dich durch ein Nadelöhr
jagen -
SPIEGELBERG (zu Razmann). Ja -
und Jahre schon dicht ich darauf: es soll anders werden. Razmann - - wenn du
bist, wofür ich dich immer hielt - Razmann! man vermisst ihn - gibt ihn halb
verloren - Razmann, mich deucht, seine schwarze Stunde schlägt - Wie? nicht
einmal röter wirst du, da dir die Glocke zur Freiheit läutet? Hast nicht einmal
so viel Mut, einen kühnen Wink zu verstehen?
RAZMANN. Ha, Satan! worin
verstrickst du meine Seele?
SPIEGELBERG. Hats gefangen? -
Gut! so folge! Ich hab mirs gemerkt, wo er hinschlich - Komm! Zwei Pistolen
fehlen selten, und dann - so sind wir die Ersten, die den Säugling erdrosseln.
(Er will ihn fortreißen.)
SCHWEIZER (zieht wütend sein
Messer). Ha, Bestie! Eben recht erinnerst du mich an die böhmischen Wälder! -
Warst du nicht die Memme, die anhub zu schnadern, als sie riefen: der Feind
kommt? Ich hab damals bei meiner Seele geflucht - Fahr hin, Meuchelmörder! (Er
sticht ihn tot.)
Räuber (in Bewegung). Mordjo!
Mordjo! - Schweizer - Spiegelberg - Reißt sie auseinander! -
SCHWEIZER (wirft das Messer über
ihn). Da! - und so krepier du - Ruhig, Kameraden - Lasst euch den Bettel nicht
unterbrechen - Die Bestie ist dem Hauptmann immer giftig gewesen und hat keine
Narbe auf ihrer ganzen Haut - Noch einmal, gebt euch zufrieden - Ha! über den
Racker - Von hinten her will er Männer zu Schanden schmeißen? Männer von hinten
her! - Ist uns darum der helle Schweiß über die Backen gelaufen, dass wir aus
der Welt schleichen wie Hundsfötter? Bestie du! Haben wir uns darum unter Feuer
und Rauch gebettet, dass wir zuletzt wie Ratten verrecken?
GRIMM. Aber zum Teufel - Kamerad
- was hattet ihr mit einander? - Der Hauptmann wird rasend werden.
SCHWEIZER. Dafür lass mich sorgen
-
Und du, Heilloser (zu Razmann), du warst sein Helfershelfer, du! - Pack dich
aus meinen Augen -
der Schufterle hat's auch so gemacht; aber dafür hängt er
jetzt auch in der Schweiz, wies ihm mein Hauptmann prophezeit hat - (Man
schießt.)
SCHWARZ (aufspringend). Horch,
ein Pistolenschuss! (Man schießt wieder.) Noch einer! Holla! der Hauptmann!
GRIMM. Nur Geduld! Er muss zum
dritten Mal schießen! (Man hört noch einen Schuss.)
SCHWARZ. Er ists! - ists -
Salvier dich, Schweizer - Lass uns ihm antworten! (Sie schießen.)
(Moor. Kosinsky
treten auf.)
SCHWEIZER (ihnen entgegen). Sei
willkommen, mein Hauptmann - Ich bin ein bisschen vorlaut gewesen, seit du weg
bist. (Er führt ihn an die Leiche.) Sei du Richter zwischen mir und diesem - von
hinten hat er dich ermorden wollen.
RÄUBER (mit Bestürzung). Was? den
Hauptmann?
MOOR (in den Anblick versunken,
bricht heftig aus). O unbegreiflicher Finger der rachekundigen Nemesis! -
wars
nicht dieser, der mir das Sirenenlied trillerte? - Weihe dieses Messer der
dunklen Vergelterin! Das hast du nicht getan, Schweizer.
SCHWEIZER. Bei Gott! ich habs
wahrlich getan, und es ist beim Teufel nicht das Schlechtste, was ich in meinem
Leben getan habe. (Geht unwillig ab.)
MOOR (nachdenkend). Ich verstehe
- Lenker im Himmel - ich verstehe - die Blätter fallen von den Bäumen - und mein
Herbst ist kommen - Schafft mir diesen aus den Augen! (Spiegelbergs Leiche wird hinweggetragen.)
GRIMM. Gib uns Ordre, Hauptmann -
was sollen wir weiter tun?
MOOR. Bald - bald ist alles
erfüllet - Gebt mir meine Laute - Ich habe mich selbst verloren, seit ich dort
war - Mein Laute, sag ich - ich muss mich zurücklullen in meine Kraft -
verlasst mich!
Räuber. Es ist Mitternacht,
Hauptmann.
MOOR. Doch warens nur die Tränen
im Schauspielhaus - den Römergesang muss ich hören, dass mein schlafender Genius
wieder aufwacht - meine Laute her - Mitternacht, sagt ihr?
SCHWARZ. Wohl bald vorüber. Wie
Blei liegt der Schlaf in uns. Seit drei Tagen kein Auge zu.
MOOR. Sinkt denn der balsamische
Schlaf auch auf die Augen der Schelmen? Warum fliehet er mich? Ich bin nie ein
Feiger gewesen, oder ein schlechter Kerl - Legt euch schlafen - Morgen am Tag
gehen wir weiter.
RÄUBER. Gute Nacht, Hauptmann.
(Sie lagern sich auf der Erde und schlafen ein.)
(Tiefe Stille.)
MOOR (nimmt die
Laute und spielt.)
Brutus.
Sei willkommen,
friedliches Gefilde,
Nimm den Letzten aller Römer auf!
Von Philippi, wo die Mordschlacht
brüllte,
Schleicht mein gramgebeugter
Lauf.
Cassius, wo bist du? - Rom
verloren!
Hingewürgt mein brüderliches
Heer,
Meine Zuflucht zu des Todes
Thoren!
Keine Welt für Brutus mehr.
Cäsar.
Wer, mit Schritten eines Nichtbesiegten,
Wandert dort vom Felsenhang? -
Ha! wenn meine Augen mir nicht
lügten,
Das ist eines Römers Gang. -
Tibersohn - von wannen deine
Reise?
Dauert noch die Siebenhügelstadt?
Oft geweinet hab ich um die
Waise,
dass sie nimmer einen Cäsar hat.
Brutus.
Ha! du mit der dreiundzwanzigfachen Wunde!
Wer rief, Toter, dich ans Licht?
Schaudre rückwärts zu des Orkus
Schlunde,
Stolzer Weiner! - Triumphiere
nicht!
Auf Philippis eisernem Altare
Raucht der Freiheit letztes
Opferblut;
Rom verröchelt über Brutus'
Bahre,
Brutus geht zu Minos - Kreuch in
deine Flut!
Cäsar.
O ein Todesstoß von Brutus' Schwerte!
Auch du - Brutus - du?
Sohn - es war dein Vater - Sohn -
die Erde
Wär gefallen dir als Erbe zu!
Geh - du bist der größte Römer
worden,
Da in Vaters Brust dein Eisen
drang.
Geh - und heul es bis zu jenen
Pforten:
Brutus ist der größte Römer
worden,
Da in Vaters Brust sein Eisen
drang,
Geh - du weißt nun, was an Lethes
Strande
Mich noch bannte -
Schwarzer Schiffer, stoß vom
Lande!
Brutus. Vater, halt! - Im ganzen Sonnenreiche
hab ich einen nur gekannt,
Der dem großen Cäsar gleiche;
Diesen einen hast du Sohn
genannt.
Nur ein Cäsar mochte Rom
verderben,
Nur nicht Brutus mochte Cäsar
stehn.
Brutus will Tyrannengut nicht
erben;
Wo ein Brutus lebt, muss Cäsar
sterben;
Geh du linkwärts, Lass mich
rechtwärts gehn.
(Er legt die Laute hin, geht tiefdenkend auf und nieder.)
Wer
mir Bürge wäre? - - es ist alles so finster - verworrene Labyrinthe - kein
Ausgang - kein leitendes Gestirn - wenns aus wäre mit diesem letzten Odemzug -
Aus, wie ein schales Marionettenspiel - Aber wofür der heiße Hunger nach
Glückseligkeit? Wofür das Ideal einer unerreichten Vollkommenheit? Das
Hinausschieben unvollendeter Plane? - Wenn der armselige Druck dieses armseligen
Dings (die Pistole vors Gesicht haltend) den Weisen dem Toren - den Feigen dem
Tapfern - den Edlen dem Schelmen gleich macht? - Es ist doch eine so göttliche
Harmonie in der seelenlosen Natur, warum sollte dieser Missklang in der
vernünftigen sein? - Nein, nein! es ist etwas mehr, denn ich bin noch nicht
glücklich gewesen. Glaubt ihr, ich werde zittern?
Geister meiner Erwürgten! ich
werde nicht zittern. (Heftig zitternd.) - Euer banges Sterbegewinsel - euer schwarzgewürgtes Gesicht - eure fürchterlich klaffenden Wunden sind ja nur
Glieder einer unzerbrechlichen Kette des Schicksals und hängen zuletzt an meinen
Feierabenden, an den Launen meiner Ammen und Hofmeister, am Temperament meines
Vaters, am Blut meiner Mutter - (Von Schauer geschüttelt.)
Warum hat mein Perillus einen Ochsen aus mir gemacht, dass die Menschheit in meinem glühenden
Bauche bratet? (Er setzt die Pistole an.)
Zeit und Ewigkeit - gekettet an
einander durch ein einzig Moment! - Grauser Schlüssel, der das Gefängnis des
Lebens hinter mir schließt und vor mir aufriegelt die Behausung der ewigen Nacht
- sage mir - o sage mir - wohin - wohin wirst du mich führen? - Fremdes, nie
umsegeltes Land! - Siehe, die Menschheit erschlappt unter diesem Bilde, die
Spannkraft des Endlichen lässt nach, und die Phantasie, der mutwillige Affe der
Sinne, gaukelt unserer Leichtgläubigkeit seltsame Schatten vor - Nein! nein! Ein
Mann muss nicht straucheln - Sei, wie du willst, namenloses Jenseits - bleibt
mir nur dieses mein Selbst getreu - Sei, wie du willst, wenn ich nur mich selbst
mit hinübernehme - Außendinge sind nur der Anstrich des Manns - Ich bin mein
Himmel und meine Hölle.
Wenn du mir irgend einen eingeäscherten Weltkreis allein
ließest, den du aus deinen Augen verbannt hast, wo die einsame Nacht und die
ewige Wüste meine Aussichten sind? - Ich würde dann die schweigende Öde mit
meinen Phantasien bevölkern und hätte die Ewigkeit zur Muße, das verworrene Bild
des allgemeinen Elends zu zergliedern. - Oder willst du mich durch immer neue
Geburten und immer neue Schauplätze des Elends von Stufe zu Stufe - zur
Vernichtung - führen? Kann ich nicht die Lebensfäden, die mir jenseits gewoben
sind, so leicht zerreißen, wie diesen? - Du kannst mich zu nichts machen - Diese
Freiheit kannst du mir nicht nehmen. (Er lädt die Pistole. Plötzlich hält er
inne.) Und soll ich vor Furcht eines qualvollen Lebens sterben? - Soll ich dem
Elend den Sieg über mich einräumen? - Nein, ich wills dulden. (Er wirft die
Pistole weg.) Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich wills vollenden.
(Es wird
immer finsterer.)
(Hermann, der durch den Wald
kommt.)
HERMANN. Horch, horch! grausig
heulet der Kauz - zwölf schlägts drüben im Dorf - Wohl, wohl - das Bubenstück
schläft - in dieser Wilde kein Lauscher. (Tritt an das Schloss und pocht.) Komm
herauf, Jammermann, Turmbewohner! - Deine Mahlzeit ist bereitet.
MOOR (sachte zurücktretend). Was
soll das bedeuten?
EINE STIMME (aus dem Schloss).
Wer pocht da? Bist dus, Hermann, mein Rabe?
HERMANN. Bi's, Hermann, dein
Rabe. Steig herauf ans Gitter und iss. (Eulen schreien.) Fürchterlich trillern
deine Schlafkameraden, Alter - dir schmeckt?
DIE STIMME. Hungerte mich sehr.
Habe Dank, Rabensender, fürs Brot in der Wüste! - Und wie gehts meinem lieben
Kind, Hermann?
HERMANN. Stille - Horch -
Geräusche wie von Schnarchenden! Hörst du nicht was?
STIMME. Wie? Hörst du etwas?
HERMANN. Den seufzenden Windlaut
durch die Ritzen des Turms - eine Nachtmusik, davon einem die Zähne klappern und
die Nägel blau werden - Horch, noch einmal - Immer ist mir, als hört ich ein
Schnarchen. - Du hast Gesellschaft, Alter - Huhuhu!
STIMME. Siehst du etwas?
HERMANN. Leb wohl - leb wohl -
Grausig ist diese Stätte - Steig ab ins Loch - droben dein Helfer, dein Rächer -
Verfluchter Sohn! - (Will fliehen.)
MOOR (mit Entsetzen
hervortretend). Steh!
HERMANN (schreiend). Oh mir!
MOOR. Steh, sag ich!
HERMANN. Weh! weh! weh! Nun ist
alles verraten!
MOOR. Steh! Rede! Wer bist du?
was hast du hier zu tun? Rede!
HERMANN. Erbarmen, o Erbarmen,
gestrenger Herr! - Nur ein Wort höret an, eh Ihr mich umbringt.
MOOR (indem er den Degen zieht).
Was werd ich hören?
HERMANN. Wohl habt Ihr mirs beim
Leben verboten - ich konnt' nicht anders - durft nicht anders - im Himmel ein
Gott - Euer leiblicher Vater dort -- mich jammerte sein - Stecht mich nieder!
MOOR. Hier steckt ein Geheimnis -
Heraus! Sprich! Ich will alles wissen.
DIE STIMME (aus dem Schloss).
Weh! Weh! Bist dus, Hermann, der da redet? Mit wem redst du, Hermann?
MOOR. Drunten noch jemand - Was
geht hier vor? (Läuft dem Turme zu.) Ists ein Gefangener, den die Menschen
abschüttelten? - Ich will seine Ketten lösen. - Stimme! noch einmal! Wo ist die
Türe?
HERMANN. O habt Barmherzigkeit,
Herr - dringt nicht weiter, Herr - geht aus Erbarmen vorüber! (Verrennt ihm den
Weg.)
MOOR. Vierfach geschlossen! - Weg
da - Es muss heraus - Jetzt zum ersten Mal komm mir zu Hilfe, Dieberei! (Er
nimmt Brechinstrumente und öffnet das Gittertor. Aus dem Grunde steigt ein
Alter, ausgemergelt wie ein Gerippe.)
DER ALTE. Erbarmen einem Elenden!
Erbarmen!
MOOR (springt erschrocken
zurück). Das ist meines Vaters Stimme!
DER ALTE MOOR. Habe Dank, o Gott!
Erschienen ist die Stunde der Erlösung.
MOOR. Geist des alten Moors! Was
hat dich beunruhigt in deinem Grab? Hast du eine Sünde in jene Welt geschleppt,
die dir den Eingang in die Pforten des Paradieses verrammelt? Ich will Messen
lesen lassen, den irrenden Geist in seine Heimat zu senden. Hast du das Gold der
Witwen und Waisen unter die Erde vergraben, das dich zu dieser mitternächtlichen
Stunde heulend herumtreibt? Ich will den unterirdischen Schatz aus den Klauen
des Zauberdrachen reißen, und wenn er tausend rote Flammen auf mich speit und
seine spitzen Zähne gegen meinen Degen bleckt, - oder kommst du, auf meine
Fragen die Rätsel der Ewigkeit zu entfalten? Rede, rede! ich bin der Mann der
bleichen Furcht nicht.
DER ALTE MOOR. Ich bin kein
Geist. Taste mich an, ich lebe, oh ein elendes, erbärmliches Leben!
MOOR. Was? Du bist nicht begraben
worden?
DER ALTE MOOR. Ich bin begraben
worden - das heißt: ein toter Hund liegt in meiner Väter Gruft; und ich - drei
volle Monde schmacht ich schon in diesem finstern unterirdischen Gewölbe, von
keinem Strahle beschienen, von keinem warmen Lüftchen angeweht, von keinem
Freunde besucht, wo wilde Raben krächzen und mitternächtliche Uhus heulen. -
MOOR. Himmel und Erde! Wer hat
Das getan?
DER ALTE MOOR. Verfluch ihn
nicht! - Das hat mein Sohn Franz getan.
MOOR. Franz? Franz? Oh ewiges
Chaos!
DER ALTE MOOR. Wenn du ein Mensch
bist und ein menschliches Herz hast, Erlöser, den ich nicht kenne, o so höre den
Jammer eines Vaters, den ihm seine Söhne bereitet haben - drei Monden schon hab
ichs tauben Felsenwänden zugewinselt, aber ein hohler Widerhall äffte meine
Klagen nur nach. Darum, wenn du ein Mensch bist und ein menschliches Herz hast -
MOOR. Diese Aufforderung könnte
die wilden Bestien aus ihren Löchern hervorrufen.
DER ALTE MOOR. Ich lag eben auf
dem Siechbett, hatte kaum angefangen, aus einer schweren Krankheit etwas Kräfte
zu sammeln, so führte man einen Mann zu mir, der vorgab, mein Erstgeborener sei
gestorben in der Schlacht, und mit sich brachte ein Schwert, gefärbt mit seinem
Blut, und sein letztes Lebewohl, und dass ihn mein Fluch gejagt hätte in Kampf
und Tod und Verzweiflung.
MOOR (heftig von ihm abgewandt).
Es ist offenbar!
DER ALTE MOOR. Höre weiter! ich
ward ohnmächtig bei der Botschaft. Man muss mich für tot gehalten haben, denn
als ich wieder zu mir selber kam, lag ich schon in der Bahre, und ins
Leichentuch gewickelt wie ein Toter. Ich kratzte an dem Deckel der Bahre. Er
ward aufgetan. Es war finstere Nacht, mein Sohn Franz stand vor mir. - Was? rief
er mit entsetzlicher Stimme, willst du denn ewig leben? - und gleich flog der
Sargdeckel wieder zu. Der Donner dieser Worte hatte mich meiner Sinne beraubt;
als ich wieder erwachte, fühlt ich den Sarg erhoben und fortgeführt in einem
Wagen eine halbe Stunde lang. Endlich ward er geöffnet - ich stand am Eingang
dieses Gewölbes, mein Sohn vor mir, und der Mann, der mir das blutige Schwert
von Karln gebracht hatte - zehnmal umfasst ich seine Knie und bat und flehte,
und umfasste sie und beschwur - das Flehen seines Vaters reichte nicht an sein
Herz - Hinab mit dem Balg! donnerte es von seinem Munde, er hat genug gelebt,
und hinab ward ich gestoßen ohn Erbarmen, und mein Sohn Franz schloss hinter
mir zu.
MOOR. Es ist nicht möglich, nicht
möglich! Ihr müsst Euch geirrt haben.
DER ALTE MOOR. Ich kann nicht
geirrt haben. Höre weiter, aber zürne doch nicht! So lag ich zwanzig Stunden,
und kein Mensch gedachte meiner Not. Auch hat keines Menschen Fußtritt je diese
Einöde betreten, denn die allgemeine Sage geht, dass die Gespenster meiner Väter
in diesen Ruinen rasselnde Ketten schleifen und in mitternächtlicher Stunde ihr
Totenlied raunen. Endlich hörte ich die Türe wieder aufgehen, dieser Mann
brachte mir Brot und Wasser und entdeckte mir, wie ich zum Tod des Hungers
verurteilt gewesen, und wie er sein Leben in Gefahr setze, wenn es herauskäm,
dass er mich speise. So ward ich kümmerlich erhalten diese lange Zeit, aber der
unaufhörliche Frost - die faule Luft meines Unrats - der grenzenlose Kummer -
meine Kräfte wichen, mein Leib schwand; tausendmal bat ich Gott mit Tränen um
den Tod, aber das Maß meiner Strafe muss noch nicht gefüllet sein - oder muss
noch irgend eine Freude meiner warten, dass ich so wunderbarlich erhalten bin.
Aber ich leide gerecht - Mein Karl! Mein Karl! - und er hatte noch keine grauen
Haare.
MOOR. Es ist genug. Auf! Ihr
Klötze, ihr Eisklumpen! ihr trägen, fühllosen Schläfer! Auf! will keiner
erwachen? (Er tut eine Pistolschuss über die schlafenden Räuber.)
DIE RÄUBER (aufgejagt). He,
holla! holla! was gibts da?
MOOR. Hat euch die Geschichte
nicht aus dem Schlummer gerüttelt? Der ewige Schlaf würde wach worden sein!
Schaut her, schaut her! Die Gesetze der Welt sind Würfelspiel worden, das Band
der Natur ist entzwei, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater
erschlagen.
DIE RÄUBER. Was sagt der
Hauptmann?
MOOR. Nein, nicht erschlagen! das
Wort ist Beschönigung! - der Sohn hat den Vater tausendmal gerädert, gespießt,
gefoltert, geschunden! die Worte sind mir zu menschlich - worüber die Sünde rot
wird, worüber der Kannibale schaudert, worauf seit Äonen kein Teufel gekommen
ist. - Der Sohn hat seinen eigenen Vater - oh seht her, seht her, er ist in
Ohnmacht gesunken, - in dieses Gewölbe hat der Sohn seinen Vater - Frost, -
Blöße, - Hunger, - Durst - oh seht doch, seht doch! - es ist mein eigner Vater,
ich wills nur gestehn.
DIE RÄUBER (springen herbei und
umringen den Alten). Dein Vater? dein Vater?
SCHWEIZER (tritt ehrerbietig
näher, fällt vor ihm nieder). Vater meines Hauptmanns! Ich küsse dir die Füße!
du hast über meinen Dolch zu befehlen.
MOOR. Rache, Rache, Rache dir!
grimmig beleidigter, entheiligter Greis! So zerreiß ich von nun an auf ewig das
brüderliche Band. (Er zerreißt sein Kleid von oben bis unten.) So verfluch ich
jeden Tropfen brüderlichen Bluts im Antlitz des offenen Himmels! Höre mich, Mond
und Gestirne! Höre mich, mitternächtlicher Himmel, der du auf die Schandtat
herunterblicktest! Höre mich, dreimal schrecklicher Gott, der da oben über dem
Monde waltet, und rächt und verdammt über den Sternen, und feuerflammt über der
Nacht! Hier knie ich - hier streck ich empor die drei Finger in die Schauer
der Nacht - hier schwör ich, und so speie die Natur mich aus ihren Grenzen wie
eine bösartige Bestie aus, wenn ich diesen Schwur verletze, schwör ich, das
Licht des Tages nicht mehr zu grüßen, bis des Vatermörders Blut, vor diesem
Steine verschüttet, gegen die Sonne dampft. (Er steht auf.)
DIE RÄUBER. Es ist ein
Belialsstreich! Sag einer, wir seinen Schelmen! Nein, bei allen Drachen! So
bunt haben wirs nie gemacht.
MOOR. Ja, und bei allen
schrecklichen Seufzern derer, die jemals durch eure Dolche starben, derer, die
meine Flamme fraß und mein fallender Turm zermalmte, - eh soll kein Gedanke von
Mord oder Raub Platz finden in eurer Brust, bis euer aller Kleider von des
Verruchten Blut scharlachrot gezeichnet sind - das hat euch wohl niemals
geträumt, dass ihr der Arm höherer Majestäten seid? Der verworrene Knäuel unsers
Schicksals ist aufgelöst! Heute, heute hat eine unsichtbare Macht unser Handwerk
geadelt! Betet an vor dem, der euch dies erhabene Los gesprochen, der euch
hieher geführt, der euch gewürdigt hat, die schrecklichen Engel seines finstern
Gerichtes zu sein! Entblößet eure Häupter! Kniet hin in den Staub und stehet geheiliget auf! (Sie knien.)
SCHWEIZER. Gebeut, Hauptmann! was
sollen wir tun?
MOOR. Steh auf, Schweizer, und
rühre diese heiligen Locken an! (Er führt ihn zu seinem Vater und gibt ihm eine
Locke in die Hand.) Du weißt noch, wie du einstmals jenem böhmischen Reiter den
Kopf spaltetest, da er eben den Säbel über mich zuckte und ich atemlos und
erschöpft von der Arbeit in die Knie gesunken war? Dazumal verhieß ich dir eine
Belohnung, die königlich wäre; ich konnte diese Schuld bisher niemals bezahlen -
SCHWEIZER. Das schwurst du mir,
es ist wahr, aber lass mich dich ewig meinen Schuldner nennen!
MOOR. Nein, jetzt will ich
bezahlen. Schweizer, so ist noch kein Sterblicher geehrt worden, wie du! - Räche
meinen Vater! (Schweizer steht auf.)
SCHWEIZER. Großer Hauptmann! Heut
hast du mich zum ersten Mal stolz gemacht! - Gebeut, wo, wie, wann soll ich ihn
schlagen?
MOOR. Die Minuten sind geweiht,
du musst eilends gehn - lies dir die Würdigsten aus der Bande und führe sie
gerade nach des Edelmanns Schloss! Zerr ihn aus dem Bette, wenn er schläft oder
in den Armen der Wollust liegt, schlepp ihn vom Mahle weg, wenn er besoffen
ist, reiß ihn vom Kruzifix, wenn er betend vor ihm auf den Knien liegt! Aber ich
sage dir, ich schärf es dir hart ein, liefr' ihn mir nicht tot! Dessen Fleisch
will ich in Stücken reißen und hungrigen Geiern zur Speise geben, der ihm nur
die Haut ritzt oder ein Haar kränkt! Ganz muss ich ihn haben, und wenn du ihn
ganz und lebendig bringst, so sollst du eine Million zur Belohnung haben, ich
will sie einem Könige mit Gefahr meines Lebens stehlen, und du sollst frei
ausgehn wie die weite Luft - Hast du mich verstanden, so eile davon!
SCHWEIZER. Genug, Hauptmann! -
hier hast du meine Hand darauf: Entweder du siehst zwei zurückkommen, oder gar
keinen. Schweizers Würgengel, kommt! (Ab mit einem Geschwader.)
MOOR. Ihr übrigen zerstreut euch
im Wald - Ich bleibe.
Erste
Szene á
Aussicht
von vielen Zimmern. Finstre Nacht.
Daniel
kommt mit einer Laterne und einem Reisebündel.
DANIEL. Lebe wohl, teures
Mutterhaus - Hab so manch Guts und Liebs in dir genossen, da der Herr
seliger noch lebete - Tränen auf deine Gebeine, du lange Verfaulter! Das
verlangt er von einem alten Knecht - es war das Obdach der Waisen und der
Port der Verlassenen, und dieser Sohn hats gemacht zur Mördergrube - Lebe
wohl, du guter Boden! wie oft hat der alte Daniel dich abgefegt - Lebe
wohl, du lieber Ofen, der alte Daniel nimmt schwer Abschied von dir - es
war dir alles so vertraut worden - wird dir weh tun, alter Elieser - aber
Gott bewahre mich in Gnaden vor dem Trug und List des Argen - Leer kam ich
hieher - leer zieh ich wieder hin - aber meine Seele ist gerettet. (Wie
er gehen will, kömmt Franz im Schlafrock hereingestürzt.)
DANIEL. Gott steh mir bei!
Mein Herr! (Löscht die Laterne aus.)
FRANZ. Verraten! Verraten!
Geister ausgespieen aus Gräbern - Losgerüttelt das Totenreich aus dem
ewigen Schlaf brüllt wider mich: Mörder! Mörder! - Wer regt sich da?
DANIEL (ängstlich).
Hilf, heilige Mutter Gottes! Seid Ihrs, gestrenger Herre, der so grässlich
durch die Gewölbe schreit, dass alle Schläfer auffahren?
FRANZ. Schläfer? Wer heißt
euch schlafen? Fort, zünde Licht an! (Daniel ab, es kommt ein andrer
Bedienter.) Es soll niemand schlafen in dieser Stunde. Hörst du? Alles
soll auf sein - in Waffen - alle Gewehre geladen - Sahst du sie dort den
Bogengang hinschweben?
BEDIENTER. Wen, gnädiger
Herr?
FRANZ. Wen, Dummkopf, wen?
So kalt, so leer fragst du, wen? hat michs doch angepackt wie der
Schwindel? Wen, Eselskopf, wen? Geister und Teufel! Wie weit ists in der
Nacht?
BEDIENTER. Eben jetzt ruft
der Nachtwächter Zwei an.
FRANZ. Was? will diese
Nacht währen bis an den Jüngsten Tag? Hörtest du keinen Tumult in der
Nähe? kein Siegsgeschrei? kein Geräusch galoppierender Pferde? Wo ist Kar
- der Graf, will ich sagen?
BEDIENTER. Ich weiß nicht,
mein Gebieter.
FRANZ. Du weißts nicht? Du
bist auch unter der Rotte? Ich will dir das Herz aus den Rippen stampfen!
Mit deinem verfluchten: Ich weiß nicht! Fort, hole den Pastor!
BEDIENTER. Gnädiger Herr!
FRANZ. Murrst du? zögerst
du? (Erster Bedienter eilend ab.) Was? auch Bettler wider mich
verschworen? Himmel, Hölle! alles wider mich verschworen?
DANIEL (kommt mit dem
Licht). Mein Gebieter -
FRANZ. Nein! ich zittere
nicht! es war ledig ein Traum. Die Toten stehen noch nicht auf - Wer sagt,
dass ich zittere und bleich bin? Es ist mir ja so leicht, so wohl.
DANIEL. Ihr seid
totenbleich, Eure Stimme ist bang und lallet.
FRANZ. Ich habe das Fieber.
Sage du nur, wenn der Pastor kommt, ich habe das Fieber. Ich will morgen
zur Ader lassen, sage dem Pastor.
DANIEL. Befehlt Ihr, dass
ich Euch Lebensbalsam auf Zucker tröpfle?
FRANZ. Tröpfle mir auf
Zucker! der Pastor wird nicht sogleich da sein. Meine Stimme ist bang und
lallet, gib Lebensbalsam auf Zucker!
DANIEL. Gebt mir erst die
Schlüssel, ich will drunten holen im Schrank -
FRANZ. Nein, nein, nein!
Bleib! oder ich will mit dir gehn. Du siehst, ich kann nicht allein sein!
Wie leicht könnt ich, du siehst ja - ohnmächtig - wenn ich allein bin.
Lass nur, lass nur! Es wird vorübergehen, du bleibst.
DANIEL. Oh, Ihr seid
ernstlich krank.
FRANZ. Ja freilich,
freilich! Das ist alles. - Und Krankheit verstöret das Gehirn und brütet
tolle und wunderliche Träume aus - Träume bedeuten nichts - Nicht wahr,
Daniel? Träume kommen ja aus dem Bauch, und Träume bedeuten nichts - ich
hatte so eben einen lustigen Traum. (Er sinkt ohnmächtig nieder.)
DANIEL. Jesus Christus! was
ist das? Georg! Konrad! Bastian! Martin! so gebt doch nur eine Urkund von
Euch! (Rüttelt ihn.) Maria, Magdalena und Joseph! so nehmt doch nur
Vernunft an! So wirds heißen, ich hab ihn tot gemacht! Gott erbarme sich
meiner!
FRANZ (verwirrt).
Weg - weg! was rüttelst du mich so, scheußliches Totengeripp? - die Toten
stehen noch nicht auf -
DANIEL. O du ewige Güte! Er
hat den Verstand verloren.
FRANZ (richtet sich matt
auf). Wo bin ich? - du, Daniel? was hab ich gesagt? merke nicht drauf!
ich hab eine Lüge gesagt, es sei, was es wolle - komm! hilf mir auf! - es
ist nur ein Anstoß von Schwindel - weil ich - weil ich - nicht
ausgeschlafen habe.
DANIEL. Wär nur der Johann
da! Ich will Hilfe rufen, ich will nach Ärzten rufen.
FRANZ. Bleib! setz dich
neben mich auf diesen Sofa - so - du bist ein gescheiter Mann, ein guter
Mann. Lass dir erzählen!
DANIEL. Jetzt nicht, ein
andermal! Ich will Euch zu Bette bringen, Ruhe ist Euch besser.
FRANZ. Nein, ich bitte
dich, lass dir erzählen und lache mich derb aus! - Siehe, mir dauchte, ich
hätte ein königlich Mahl gehalten, und mein Herz wär guter Dinge, und ich
läge berauscht im Rasen des Schlossgartens, und plötzlich - es war zur
Stunde des Mittags - plötzlich, aber ich sage dir, lache mich derb aus! -
DANIEL. Plötzlich?
FRANZ. Plötzlich traf ein
ungeheurer Donner mein schlummerndes Ohr; ich taumelte bebend auf, und
siehe, da war mirs, als säh ich aufflammen den ganzen Horizont in feuriger
Lohe, und Berge und Städte und Wälder wie Wachs im Ofen zerschmolzen, und
eine heulende Windsbraut fegte von hinnen Meer, Himmel und Erde - da
erscholl wie aus ehernen Posaunen: Erde, gib deine Toten; gib deine Toten,
Meer! Und das nackte Gefild begonn zu kreißen und aufzuwerfen Schädel und
Rippen und Kinnbacken und Beine, die sich zusammenzogen in menschliche
Leiber und daherströmten unübersehlich, ein lebendiger Sturm: Damals sah
ich aufwärts, und siehe, ich stand am Fuß des donnernden Sina, und über
mir Gewimmel und unter mir, und oben auf der Höhe des Bergs auf drei
rauchenden Stühlen drei Männer, vor deren Blick flohe die Kreatur -
DANIEL. Das ist ja das
leibhafte Konterfei vom Jüngsten Tage.
FRANZ. Nicht wahr, das ist
ein tolles Gezeuge? Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Sternennacht,
der hatte in seiner Hand einen eisernen Siegelring, den hielt er zwischen
Aufgang und Niedergang und sprach: Ewig, heilig, gerecht, unverfälschbar!
Es ist nur eine Wahrheit, es ist nur eine Tugend! Wehe,
wehe, wehe dem zweifelnden Wurme! - Da trat hervor ein Zweiter, der hatte
in seiner Hand einen blitzenden Spiegel, den hielt er zwischen Aufgang und
Niedergang und sprach: Dieser Spiegel ist Wahrheit; Heuchelei und Larven
bestehen nicht - da erschrak ich und alles Volk, denn wir sahen Schlangen-
und Tiger- und Leopardengesichter zurückgeworfen aus dem entsetzlichen
Spiegel. - Da trat hervor ein Dritter, der hatte in seiner Hand eine
eherne Waage, die hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach:
Tretet herzu, ihr Kinder von Adam - ich wäge die Gedanken in der Schale
meines Zornes und die Werke mit dem Gewicht meines Grimms! -
DANIEL. Gott erbarme sich
meiner!
FRANZ. Schneebleich stunden
Alle, ängstlich klopfte die Erwartung in jeglicher Brust. Da war mirs, als
hört ich meinen Namen zuerst genannt aus den Wettern des Berges, und mein
innerstes Mark gefror in mir, und meine Zähne klapperten laut. Schnell
begonn die Waage zu klingen, zu donnern der Fels, und die Stunden zogen
vorüber, eine nach der andern an der links hangenden Schale, und eine nach
der andern warf eine Todsünde hinein -
DANIEL. Oh, Gott vergeb
Euch!
FRANZ. Das tat er nicht! -
Die Schale wuchs zu einem Gebirge, aber die andere, voll vom Blut der
Versöhnung, hielt sie noch immer hoch in den Lüften - Zuletzt kam ein
alter Mann, schwer gebeuget von Gram, angebissen den Arm von wütendem
Hunger, aller Augen wandten sich scheu vor dem Mann, ich kannte den Mann,
er schnitt eine Locke von seinem silbernen Haupthaar, warf sie hinein in
die Schale der Sünden, und siehe, sie sank, sank plötzlich zum Abgrund,
und die Schale der Versöhnung flatterte hoch auf! - Da hört ich eine
Stimme schallen aus dem Rauche des Felsen: Gnade, Gnade jedem Sünder der
Erde und des Abgrunds! du allein bist verworfen! - (Tiefe Pause.)
Nun, warum lachst du nicht?
DANIEL. Kann ich lachen,
wenn mir die Haut schaudert? Träume kommen von Gott.
FRANZ. Pfui doch, pfui
doch, sage das nicht! Heiß mich einen Narren, einen aberwitzigen,
abgeschmackten Narren! Tu das, lieber Daniel, ich bitte dich drum, spotte
mich tüchtig aus!
DANIEL. Träume kommen von
Gott. Ich will für Euch beten.
FRANZ. Du lügst, sag ich -
geh den Augenblick, lauf, spring, sieh, wo der Pastor bleibt, heiß ihn
eilen, eilen; aber ich sage dir, du lügst.
DANIEL (im Abgehn).
Gott sei Euch gnädig!
FRANZ. Pöbelweisheit,
Pöbelfurcht! - Es ist ja noch nicht ausgemacht, ob das Vergangene nicht
vergangen ist, oder ein Auge findet über den Sternen - Hum, hum! wer
raunte mir das ein? Rächet denn droben über den Sternen einer? - Nein,
nein! - Ja, ja! Fürchterlich zischelts um mich: Richtet droben einer über
den Sternen! Entgegengehen dem Rächer über den Sternen diese Nacht noch!
Nein! sag ich - Elender Schlupfwinkel, hinter den sich deine Feigheit
verstecken will - öd, einsam, taub ists droben über den Sternen - Wenns
aber doch etwas mehr wäre? Nein, nein, es ist nicht! Ich befehle, es ist
nicht! Wenns aber doch wäre? Weh dir, wenns nachgezählt worden wäre! wenns
dir vorgezählt würde diese Nacht noch! - Warum schaudert mir so durch die
Knochen? - Sterben! warum packt mich das Wort so? Rechenschaft
geben dem Rächer droben über den Sternen - und wenn er gerecht ist, Waisen
und Witwen, Unterdrückte, Geplagte heulen zu ihm auf, und wenn er gerecht
ist? - warum haben sie gelitten, warum hast du über sie triumphieret? -
(Pastor Moser tritt auf.)
MOSER. Ihr ließt mich
holen, gnädiger Herr. Ich erstaune. Das erste Mal in meinem Leben! Habt
Ihr im Sinn, über die Religion zu spotten, oder fangt Ihr an, vor ihr zu
zittern?
FRANZ. Spotten oder
zittern, je nachdem du mir antwortest. - Höre, Moser, ich will dir zeigen,
dass du ein Narr bist, oder die Welt fürn Narren halten willst, und du
sollst mir antworten. Hörst du? Auf dein Leben sollst du mir antworten.
MOSER. Ihr fordert einen
Höheren vor Euren Richterstuhl. Der Höhere wird Euch dermaleins antworten.
FRANZ. Jetzt will ichs
wissen, jetzt diesen Augenblick, damit ich nicht die schändliche Torheit
begehe und im Drange der Not den Götzen des Pöbels anrufe. Ich habs dir
oft mit Hohnlachen beim Burgunder zugesoffen: Es ist kein Gott! - Jetzt
red ich im Ernste mir dir, ich sage dir: Es ist keiner! Du sollst mich mit
allen Waffen widerlegen, die du in deiner Gewalt hast, aber ich blase sie
weg mit dem Hauch meines Mundes.
MOSER. Wenn du auch eben so
leicht den Donner wegblasen könntest, der mit zehntausendfachem
Zentnergewicht auf deine stolze Seele fallen wird! Dieser allwissende
Gott, den du Tor und Bösewicht mitten aus seiner Schöpfung zernichtest,
braucht sich nicht durch den Mund des Staubes zu rechtfertigen. Er ist
eben so groß in deinen Tyranneien, als irgend in einem Lächeln der
siegenden Tugend.
FRANZ. Ungemein gut,
Pfaffe! So gefällst du mir.
MOSER. Ich stehe hier in
den Angelegenheiten eines größeren Herrn und rede mit einem, der ein Wurm
ist, wie ich, dem ich nicht gefallen will. Freilich müsst ich Wunder tun
können, wenn ich deiner halsstarrigen Bosheit das Geständnis abzwingen
könnte, - aber wenn deine Überzeugung so fest ist, warum ließest du mich
rufen? Sage mir doch, warum ließest du mich in der Mitternacht rufen?
FRANZ. Weil ich Langeweile
hab und eben am Schachbrett keinen Geschmack finde. Ich will mir einen
Spaß machen, mich mit Pfaffen herumzubeißen. Mit dem leeren Schrecken
wirst du meinen Mut nicht entmannen. Ich weiß wohl, dass derjenige auf
Ewigkeit hofft, der hier zu kurz gekommen ist; aber er wird garstig
betrogen. Ich habs immer gelesen, dass unser Wesen nichts ist, als Sprung
des Geblüts, und mit dem letzten Blutstropfen zerrinnt auch Geist und
Gedanke. Er macht alle Schwachheiten des Körpers mit, wird er nicht auch
aufhören bei seiner Zerstörung? nicht bei seiner Fäulung verdampfen? Lass
einen Wassertropfen in deinem Gehirne verirren, und dein Leben macht eine
plötzliche Pause, die zunächst an das Nichtsein grenzt, und ihre Fortdauer
ist der Tod. Empfindung ist Schwingung einiger Saiten, und das
zerschlagene Klavier tönet nicht mehr. Wenn ich meine sieben Schlösser
schleifen lasse, wenn ich diese Venus zerschlage, so ists Symmetrie und
Schönheit gewesen. Siehe da! Das ist eure unsterbliche Seele!
MOSER. Das ist die
Philosophie Eurer Verzweiflung. Aber Euer eigenes Herz, das bei diesen
Beweisen ängstlich bebend wider Eure Rippen schlägt, straft Euch Lügen.
Diese Spinnweben von Systemen zerreißt das einzige Wort: Du musst sterben!
- Ich fordere Euch auf, das soll die Probe sein, wenn Ihr im Tode annoch
feste steht, wenn Euch Eure Grundsätze auch da nicht im Stiche lassen, so
sollt Ihr gewonnen haben; wenn Euch im Tode nur der mindeste Schauer
anwandelt, weh Euch dann! Ihr habt Euch betrogen.
FRANZ (verwirrt).
Wenn mich im Tode ein Schauer anwandelt?
MOSER. Ich habe wohl mehr
solche Elende gesehn, die bis hieher der Wahrheit Riesentrotz boten; aber
im Tode selbst flattert die Täuschung dahin. Ich will an Eurem Bette
stehn, wenn Ihr sterbet - ich möchte so gar gern einen Tyrannen sehen
dahinfahren - ich will dabei stehn und Euch starr ins Auge fassen, wenn
der Arzt Eure kalte nasse Hand ergreift und den verloren schleichenden
Puls kaum mehr finden kann und aufschaut und mit jenem schrecklichen
Achselzucken zu Euch spricht: Menschliche Hilfe ist umsonst! Hütet Euch
dann, o hütet Euch ja, dass Ihr da nicht ausseht wie Richard und Nero!
FRANZ. Nein, nein!
MOSER. Auch dieses Nein
wird dann zu einem heulenden Ja. - Ein inneres Tribunal, das Ihr
nimmermehr durch skeptische Grübeleien bestechen könnt, wird jetzt
erwachen und Gericht über Euch halten. Aber es wird ein Erwachen sein, wie
des lebendig Begrabenen im Bauche des Kirchhofs; es wird ein Unwille sein,
wie des Selbstmörders, wenn er den tödlichen Streich schon getan hat und
bereut; es wird ein Blitz sein, der die Mitternacht Eures Lebens zumal
überflammt; es wird ein Blick sein, und wenn Ihr da noch feste steht, so
sollt Ihr gewonnen haben!
FRANZ (unruhig im Zimmer
auf und ab gehend). Pfaffengewäsche, Pfaffengewäsche!
MOSER. Jetzt zum ersten Mal
werden die Schwerter einer Ewigkeit durch Eure Seele schneiden, und jetzt
zum ersten Mal zu spät. - Der Gedanke Gott weckt einen
fürchterlichen Nachbar auf, sein Name heißt Richter. Sehet, Moor,
Ihr habt das Leben von Tausenden an der Spitze Eures Fingers, und von
diesen Tausenden habt Ihr Neunhundertneunundneunzig elend gemacht. Euch
fehlt zu einem Nero nur das römische Reich, und nur Peru zu einem Pizarro.
Nun glaubt Ihr wohl, Gott werde es zugeben, dass ein einziger Mensch in
seiner Welt wie ein Wüterich hause und das Oberste zu unters kehre? Glaubt
Ihr wohl, diese Neunhundertundneunundneunzig seien nur zum Verderben, nur
zu Puppen Eures satanischen Spieles da? Oh, glaubt das nicht! Er wird jede
Minute, die Ihr ihnen getötet, jede Freude, die Ihr ihnen vergiftet, jede
Vollkommenheit, die Ihr ihnen versperrt habt, von Euch fordern dereinst,
und wenn Ihr darauf antwortet, Moor, so sollt Ihr gewonnen haben.
FRANZ. Nichts mehr, kein
Wort mehr! Willst du, dass ich deinen schwarzlebrigen Grillen zu Gebote
steh'?
MOSER. Sehet zu, das
Schicksal der Menschen steht unter sich in fürchterlich schönem
Gleichgewicht. Die Wagschale dieses Lebens sinkend, wird hochsteigen in
jenem, steigend in diesem, wird in jenem zu Boden fallen. Aber was hier
zeitliches Leiden war, wird dort ewiger Triumph; was hier endlicher
Triumph war, wird dort ewige unendliche Verzweiflung.
FRANZ (wild auf ihn
losgehend). Dass dich der Donner stumm mache, Lügengeist du! Ich will
dir die verfluchte Zunge aus dem Munde reißen!
MOSER. Fühlt Ihr die Last
der Wahrheit so früh? Ich habe ja noch nichts von Beweisen gesagt. Lasst
mich nur erst zu den Beweisen -
FRANZ. Schweig, geh in die
Hölle mit deinen Beweisen! Zernichtet wird die Seele, sag ich dir, und
sollst mir nicht darauf antworten!
MOSER. Darum winseln auch
die Geister des Abgrunds, aber der im Himmel schüttelt das Haupt. Meint
Ihr dem Arm des Vergelters im öden Reich des Nichts zu entlaufen? Und
führet Ihr gen Himmel, so ist er da! und bettetet Ihr Euch in die Hölle,
so ist er wieder da! und sprächet Ihr zu der Nacht: Verhülle mich, und zu
der Finsternis: Birg mich! so muss die Finsternis leuchten um Euch und um
den Verdammten die Mitternacht tagen - aber Euer unsterblicher Geist
sträubt sich unter dem Wort und siegt über den blinden Gedanken.
FRANZ. Ich will aber nicht
unsterblich sein - sei es, wer da will, ich wills nicht hindern. Ich will
ihn zwingen, dass er mich zernichte, ich will ihn zur Wut reizen, dass er
mich in der Wut zernichte. Sag mir, was ist die größte Sünde, und die ihn
am grimmigsten aufbringt?
MOSER. Ich kenne nur zwei.
Aber sie werden nicht von Menschen begangen, auch ahnden sie Menschen
nicht.
FRANZ. Diese zwei? -
MOSER (sehr bedeutend).
Vatermord heißt die eine, Brudermord die andere - Was macht
Euch auf einmal so bleich?
FRANZ. Was, Alter? Stehst
du mit dem Himmel oder mit der Hölle im Bündnis? Wer hat dir das gesagt?
MOSER. Wehe dem, der sie
beide auf dem Herzen hat! Ihm wäre besser, dass er nie geboren wäre! Aber
seid ruhig! Ihr habt weder Vater noch Bruder mehr!
FRANZ. Ha! - was, du
kennst keine drüber? Besinne dich nochmals - Tod, Himmel, Ewigkeit,
Verdammnis schwebt auf dem Laut deines Mundes - keine einzige drüber?
MOSER. Keine einzige
drüber.
FRANZ (fällt in einen
Stuhl). Zernichtung! Zernichtung!
MOSER. Freut Euch, freut
Euch doch! preist Euch doch glücklich! - Bei allen Euren Gräueln seid Ihr
noch ein Heiliger gegen den Vatermörder. Der Fluch, der Euch trifft, ist
gegen den, der auf diesen lauert, ein Gesang der Liebe - die Vergeltung -
FRANZ (aufgesprungen).
Geh in tausend Grüfte, du Eule! wer hieß dich hieher kommen? Geh, sag ich,
oder ich stoß dich durch und durch!
MOSER. Kann das
Pfaffengewäsch so einen Philosophen in Harnisch jagen? Blast es doch weg
mit dem Hauch Eures Mundes! (Geht ab.)
FRANZ (wirft sich in
seinem Sessel herum in schrecklichen Bewegungen. Tiefe Pause).
(Ein Bedienter eilig.)
BEDIENTER. Amalia ist
entsprungen, der Graf ist plötzlich verschwunden.
(Daniel kommt ängstlich.)
DANIEL. Gnädiger Herr, jagt
ein Trupp feuriger Reiter die Staig herab, schreien Mordjo, Mordjo - das
ganze Dorf in Alarm.
FRANZ. Geh, lass alle
Glocken zusammenläuten, alles soll in die Kirche - auf die Knie fallen
alles - beten für mich - alle Gefangne sollen los sein und ledig, ich will
den Armen alles doppelt und dreifach wiedergeben, ich will - so geh doch -
so ruf doch den Beichtvater, dass er mir meine Sünden hinwegsegne - Bist
du noch nicht fort? (Das Getümmel wird hörbarer.)
DANIEL. Gott verzeih mir
meine schwere Sünde! Wie soll ich das wieder reimen? Ihr habt ja immer das
liebe Gebet über alle Häuser hinausgeworfen, habt mir so manche Postill
und Bibelbuch an den Kopf gejagt, wenn Ihr mich ob dem Beten ertapptet -
FRANZ. Nichts mehr davon -
Sterben! siehst du? Sterben! - Es wird zu spät. (Man hört
Schweizern toben.) Bete doch! bete!
DANIEL. Ich sags Euch immer
- Ihr verachtet das liebe Gebet so - aber gebt acht, gebt acht! wenn die
Not an Mann geht, wenn Euch das Wasser an die Seele geht, Ihr werdet alle
Schätze der Welt um ein christliches Seufzerlein geben - Seht Ihrs? Ihr
verschimpftet mich! Da habt Ihrs nun! Seht Ihrs?
FRANZ (umarmt ihn
ungestüm). Verzeih, lieber, goldner Perlendaniel, verzeih - ich will
dich kleiden von Fuß auf - so bet doch - ich will dich zum Hochzeiter
machen - ich will - so bet doch - ich beschwöre dich - auf den Knien
beschwör ich dich - Ins T---ls Namen! so bet doch! (Tumult auf den
Straßen. Geschrei - Gepolter.)
SCHWEIZER (auf der Gasse).
Stürmt! Schlagt tot! Brecht ein! Ich sehe Licht, dort muss er sein.
FRANZ (auf den Knien).
Höre mich beten, Gott im Himmel! - Es ist das erste Mal - soll auch gewiss
nimmer geschehen - Erhöre mich, Gott im Himmel!
DANIEL. Mein doch! Was
treibt Ihr? Das ist ja gottlos gebetet.
(Volksauflauf.)
VOLK. Diebe! Mörder! Wer
lärmt so grässlich in dieser Mitternachtsstunde?
SCHWEIZER (immer auf der
Gasse). Schlag sie zurück, Kamerad - der Teufel ists und will euren
Herrn holen - Wo ist der Schwarz mit seinem Haufen? - Postier dich ums
Schloss, Grimm - Lauf Sturm wider die Ringmauer!
GRIMM. Holt ihr Feuerbrände
- wir hinauf oder er herunter - ich will Feuer in seine Säle schmeißen.
FRANZ (betet). Ich
bin kein gemeiner Mörder gewesen, mein Herrgott! - hab mich nie mit
Kleinigkeiten abgegeben, mein Herrgott -
DANIEL. Gott sei uns
gnädig! Auch seine Gebete werden zu Sünden. (Es fliegen Steine und
Feuerbrände. Die Scheiben fallen. Das Schloss brennt.)
FRANZ. Ich kann nicht beten
- hier, hier! (Auf Brust und Stirn schlagend.) Alles so öd - so
verdorret. (Steht auf.) Nein, ich will auch nicht beten - diesen
Sieg soll der Himmel nicht haben, diesen Spott mir nicht antun die Hölle -
DANIEL. Jesus Maria! helft
- rettet - das ganze Schloss steht in Flammen!
FRANZ. Hier, nimm diesen
Degen. Hurtig! Jag mir ihn hinterrücks in den Bauch, dass nicht diese
Buben kommen und treiben ihren Spott aus mir. (Das Feuer nimmt
überhand.)
DANIEL. Bewahre! Bewahre!
Ich mag Niemand zu früh in den Himmel fördern, viel weniger zu früh - (Er
entrinnt.)
FRANZ (ihm grass
nachstierend, nach einer Pause). In die Hölle, wolltest du sagen -
Wirklich? ich wittere so etwas - (Wahnsinnig.) Sind das ihre hellen
Triller? Hör ich euch zischen, ihr Nattern des Abgrunds? - Sie dringen
herauf - belagern die Tür - warum zag ich so vor dieser bohrenden Spitze?
- die Tür kracht - stürzt - unentrinnbar - Ha! so erbarm du dich meiner! (Er
reißt seine goldene Hutschnur ab und erdrosselt sich.)
(Schweizer mit seinen
Leuten.)
SCHWEIZER. Mordkanaille, wo
bist du? - Saht ihr, wie sie flohen? - hat er so wenig Freunde? - Wohin
hat sich die Bestie verkrochen?
GRIMM (stößt an die
Leiche). Halt, was liegt hier im Weg? Zündet hieher -
SCHWARZ. Er hat das
Prävenire gespielt. Steckt eure Schwerter ein, hier liegt er wie eine
Katze verreckt.
SCHWEIZER. Tot! was? tot?
ohne mich tot? - Erlogen, sag ich - Gebt acht, wie hurtig er auf die Beine
springt! - (Rüttelt ihn.) Heh du! Es gibt einen Vater zu ermorden.
GRIMM. Gib dir keine Müh.
Er ist maustot.
SCHWEIZER (tritt von ihm
weg). Ja! Er freut sich nicht - Er ist maustot - Gehet zurück und
saget meinem Hauptmann: Er ist maustot - mich sieht er nicht wieder. (Schießt
sich vor die Stirn.)
Zweite
Szene á
Der
Schauplatz wie in der letzten Szene des vorigen Akts.
Der alte
Moor auf einem Stein sitzend. Räuber Moor gegenüber. Räuber hin und her im
Wald.
RÄUBER MOOR. Er kommt noch
nicht? (Schlägt mit dem Dolch auf einen Stein, dass es Funken gibt.)
DER ALTE MOOR. Verzeihung
sei seine Strafe - meine Rache verdoppelte Liebe.
RÄUBER MOOR. Nein, bei
meiner grimmigen Seele! Das soll nicht sein. Ich wills nicht haben. Die
große Schandtat soll er mit sich in die Ewigkeit hinüberschleppen! - Wofür
hab ich ihn dann umgebracht?
DER ALTE MOOR (in Tränen
ausbrechend). O mein Kind!
RÄUBER MOOR. Was? - du
weinst um ihn? - an diesem Turme?
DER ALTE MOOR. Erbarmung! o
Erbarmung! (Heftig die Hände ringend.) Jetzt - jetzt wird mein Kind
gerichtet!
RÄUBER MOOR (erschrocken).
Welches?
DER ALTE MOOR. Ha! was ist
das für eine Frage?
RÄUBER MOOR. Nichts!
nichts!
DER ALTE MOOR. Bist du
kommen, Hohngelächter anzustimmen über meinen Jammer?
RÄUBER MOOR. Verräterisches
Gewissen! - Merket nicht auf meine Rede.
DER ALTE MOOR. Ja, ich hab
einen Sohn gequält, und ein Sohn musste mich wieder quälen, das ist Gottes
Finger - O mein Karl! mein Karl! wenn du um mich schwebst im Gewand des
Friedens! Vergib mir! oh vergib mir!
RÄUBER MOOR (schnell).
Er vergibt Euch. (Betroffen.) Wenn ers wert ist, Euer Sohn zu
heißen - er muss Euch vergeben.
DER ALTE MOOR. Ha! Er war
zu herrlich für mich - Aber ich will ihm entgegen mit meinen Tränen,
meinen schlaflosen Nächten, meinen quälenden Träumen, seine Kniee will ich
umfassen - rufen - laut rufen: Ich hab gesündigt im Himmel und vor dir.
Ich bin nicht wert, dass du mich Vater nennst.
RÄUBER MOOR (sehr
gerührt). Er war Euch lieb, Euer andrer Sohn?
DER ALTE MOOR. Du weißt es,
o Himmel! Warum ließ ich mich doch durch die Ränke eines bösen Sohnes
betören? Ein gepriesener Vater ging ich einher unter den Vätern der
Menschen. Schön um mich blühten meine Kinder voll Hoffnung. Aber - o der
unglückseligen Stunde! - der böse Geist fuhr in das Herz meines zweiten:
ich traute der Schlange - verloren meine Kinder beide. (Verhüllt sich
das Gesicht.)
RÄUBER MOOR (geht weit
von ihm weg). Ewig verloren!
DER ALTE MOOR. Oh, ich fühl
es tief, was mir Amalia sagte, der Geist der Rache sprach aus ihrem Munde:
Vergebens ausstrecken deine sterbenden Hände wirst du nach einem Sohn,
vergebens wähnen zu umfassen die warme Hand deines Karls, der nimmermehr
an deinem Bette steht -
RÄUBER MOOR (reicht ihm
die Hand mit abgewandtem Gesicht).
DER ALTE MOOR. Wärst du
meines Karls Hand! - Aber er liegt fern im engen Hause, schläft schon den
eisernen Schlaf, höret nimmer die Stimme meines Jammers - Weh mir! Sterben
in den Armen eines Fremdlings - Kein Sohn mehr - Kein Sohn mehr, der mir
die Augen zudrücken könnte -
RÄUBER MOOR (in der
heftigsten Bewegung). Jetzt muss es sein - jetzt - Verlasst mich (zu
den Räubern)! Und doch - kann ich ihm denn seinen Sohn wieder
schenken? Ich kann ihm seinen Sohn doch nicht mehr schenken - Nein! ich
wills nicht tun.
DER ALTE MOOR. Wie, Freund?
Was hast du da gemurmelt?
RÄUBER MOOR. Dein Sohn -
ja, alter Mann - (stammelnd) dein Sohn - ist - ewig verloren.
DER ALTE MOOR (in der
fürchterlichsten Beklemmung gen Himmel sehend). O nur diesmal! - lass
meine Seele nicht matt werden - nur diesmal halte mich aufrecht!
DER ALTE MOOR. Ewig, sagst
du?
RÄUBER MOOR. Frage nichts
weiter! Ewig, sagt ich.
DER ALTE MOOR. Fremdling!
Fremdling! Warum zogst du mich aus dem Turme?
RÄUBER MOOR. Und wie? -
wenn ich jetzt seinen Sohn weghaschte - haschte, wie ein Dieb, und mich
davon schlich mit der göttlichen Beute? - Vatersegen, sagt man, geht
niemals verloren.
DER ALTE MOOR. Auch mein
Franz verloren? -
RÄUBER MOOR (stürzt vor
ihm nieder). Ich zerbrach die Riegel deines Turms - Gib mir deinen
Segen!
DER ALTE MOOR (mit
Schmerz). Dass du den Sohn vertilgen musstest, Retter des Vaters! -
Siehe, die Gottheit ermüdet nicht im Erbarmen, und wir armseligen Würmer
gehen schlafen mit unserm Groll. (Legt seine Hand auf des Räubers
Haupt.) Sei so glücklich, als du dich erbarmest.
RÄUBER MOOR (weichmütig
aufstehend). O - wo ist meine Mannheit? Meine Sehnen werden schlapp,
der Dolch sinkt aus meinen Händen.
DER ALTE MOOR. Wie köstlich
ists, wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen, wie der Tau, der vom
Hermon fällt auf die Berge Zion - Lern diese Wollust verdienen, junger
Mann, und die Engel des Himmels werden sich sonnen in deiner Glorie. Deine
Weisheit sei die Weisheit der grauen Haare, aber dein Herz - dein Herz sei
das Herz der unschuldigen Kindheit.
RÄUBER MOOR. O einen
Vorgeschmack dieser Wollust. Küsse mich, göttlicher Greis!
DER ALTE MOOR (küsst ihn).
Denk, es sei Vaterskuss! so will ich denken, ich küsse meinen Sohn - Du
kannst auch weinen?
RÄUBER MOOR. Ich dacht, es
sei Vaterskuss! - Weh mir, wenn sie ihn jetzt brächten!
(Schweizers Gefährten
treten auf im stummen Trauerzug mit gesenkten Häuptern und verhüllten
Gesichtern.)
RÄUBER MOOR. Himmel! (Tritt
scheu zurück und sucht sich zu verbergen. Sie ziehen an ihm vorüber. Er
sieht weg von ihnen. Tiefe Pause. Sie halten.)
GRIMM (mit gesenktem Ton).
Mein Hauptmann! (Räuber Moor antwortet nicht und tritt weiter zurück.)
SCHWARZ. Teurer Hauptmann!
(Räuber Moor weicht weiter zurück.)
GRIMM. Wir sind unschuldig,
mein Hauptmann.
RÄUBER MOOR (ohne nach
ihnen zu blicken). Wer seid ihr?
GRIMM. Du blickst uns nicht
an? Deine Getreuen.
RÄUBER MOOR. Weh euch, wenn
ihr mir getreu wart!
GRIMM. Das letzte Lebewohl
von deinem Knecht Schweizer - er kehrt nie wieder, dein Knecht Schweizer.
RÄUBER MOOR (aufspringend).
So habt ihr ihn nicht gefunden?
SCHWARZ. Tot gefunden.
RÄUBER MOOR (froh
emporhüpfend). Habe Dank, Lenker der Dinge! - Umarmet mich, meine
Kinder! - Erbarmung sei von nun an die Losung - Nun wär auch das
überstanden - Alles überstanden.
(Neue Räuber. Amalia.)
RÄUBER. Heisa, heisa! Ein
Fang, ein superber Fang!
AMALIA (mit fliegenden
Haaren). Die Toten, schreien sie, seien erstanden auf seine Stimme -
mein Oheim lebendig - in diesem Wald - Wo ist er? Karl! Oheim! - Ha! (Stürzt
auf den Alten zu.)
DER ALTE MOOR. Amalia!
Meine Tochter! Amalia! (Hält sie in seinen Armen gepresst.)
RÄUBER MOOR (zurückspringend).
Wer bringt dies Bild vor meine Augen?
AMALIA (entspringt dem
Alten, springt auf den Räuber zu und umschlingt ihn entzückt). Ich hab
ihn, o ihr Sterne! Ich hab ihn! -
RÄUBER MOOR (sich
losreißend, zu den Räubern). Brecht auf, ihr! Der Erzfeind hat mich
verraten!
AMALIA. Bräutigam,
Bräutigam, du rasest! Ha! Vor Entzückung! Warum bin ich auch so fühllos,
mitten im Wonnewirbel so kalt?
DER ALTE MOOR (sich
aufraffend). Bräutigam! Tochter! Tochter! Ein Bräutigam?
AMALIA. Ewig sein! Ewig,
ewig, ewig mein! - Oh ihr Mächte des Himmels! Entlastet mich dieser
tödlichen Wollust, dass ich nicht unter der Bürde vergehe!
RÄUBER MOOR. Reißt sie von
meinem Halse! Tötet sie! Tötet ihn! mich! euch! Alles! Die ganze Welt geh
zu Grunde! (Er will davon.)
AMALIA. Wohin? was? Liebe -
Ewigkeit! Wonn' - Unendlichkeit! und du fliehst?
RÄUBER MOOR. Weg, weg! -
Unglückseligste der Bräute! - Schau selbst, frage selbst, höre! -
Unglückseligster der Väter! Lass mich immer ewig davon rennen!
AMALIA. Haltet mich! Um
Gotteswillen, haltet mich! - es wird mir so Nacht vor den Augen - Er
flieht!
RÄUBER MOOR. Zu spät!
Vergebens! Dein Fluch, Vater! - frage mich nichts mehr! - ich bin, ich
habe, - dein Fluch - dein vermeinter Fluch! - Wer hat mich hergelockt? (Mit
gezogenem Degen auf die Räuber losgehend.) Wer von euch hat mich
hiehergelockt, ihr Kreaturen des Abgrunds? So vergeh denn, Amalia! -
Stirb, Vater! Stirb durch mich zum dritten Mal! - Diese deine Retter sind
Räuber und Mörder! Dein Karl ist ihr Hauptmann. (Der alte Moor gibt
seinen Geist auf.)
AMALIA (steht stumm und
starr wie eine Bildsäule. Die ganze Bande in fürchterlicher Pause).
RÄUBER MOOR (wider eine
Eiche rennend). Die Seelen derer, die ich erdrosselte im Taumel der
Liebe - derer, die ich zerschmetterte im heiligen Schlaf, derer, - hahaha!
Hört ihr den Pulverturm knallen über der Kreißenden Stühlen? Seht ihr die
Flammen schlagen an den Wiegen der Säuglinge? Das ist Brautfackel, das ist
Hochzeitmusik - oh, er vergisst nicht, er weiß zu knüpfen - darum von mir
die Wonne der Liebe! darum mir zur Folter die Liebe! Das ist Vergeltung!
AMALIA. Es ist wahr!
Herrscher im Himmel! Es ist wahr! - Was hab ich getan, ich unschuldiges
Lamm? Ich hab diesen geliebt!
RÄUBER MOOR. Das ist mehr,
als ein Mann erduldet. Hab ich doch den Tod aus mehr denn tausend Röhren
auf mich zupfeifen gehört und bin ihm keinen Fußbreit gewichen, woll ich
jetzt erst lernen beben wie ein Weib? - Nein, ein Weib erschüttert meine
Mannheit nicht - Blut, Blut! Es ist nur ein Anstoß vom Weibe - Blut muss
ich saufen, es wird vorübergehen. (Er will davon fliehn.)
AMALIA (fällt ihm in die
Arme). Mörder! Teufel! Ich kann dich Engel nicht lassen.
RÄUBER MOOR (schleudert
sie von sich). Fort, falsche Schlange, du willst einen Rasenden
höhnen, aber ich poche dem Tyrannen Verhängnis - Was, du weinst? O, ihr
losen, boshaften Gestirne! Sie tut, als ob sie weine, als ob um mich eine
Seele weine! (Amalia fällt ihm um den Hals.) Ha, was ist das? Sie
speit mich nicht an, stößt mich nicht von sich - Amalia! hast du
vergessen? Weißt du auch, wen du umarmest, Amalia?
AMALIA. Einziger,
Unzertrennlicher!
RÄUBER MOOR (aufblühend,
in ekstatischer Wonne). Sie vergibt mir, sie liebt mich! Rein bin ich,
wie der Äther des Himmels, sie liebt mich! - Weinenden Dank dir, Erbarmer
im Himmel! (Er fällt auf die Knie und weint heftig.) Der Friede
meiner Seele ist wiedergekommen, die Qual hat ausgetobt, die Hölle ist
nicht mehr - Sieh, o sieh, die Kinder des Lichts weinen am Hals der
weinenden Teufel - (Aufstehend, zu den Räubern.) So weinet doch
auch! Weinet, weinet, ihr seid ja so glücklich - O Amalia! Amalia! Amalia!
(Er hängt an ihrem Mund, sie bleiben in stummer Umarmung.)
EIN RÄUBER. (grimmig
hervortretend). Halt ein, Verräter! - Gleich lass diesen Arm fahren -
oder ich will dir ein Wort sagen, dass dir die Ohren quellen und deine
Zähne vor Entsetzen klappern! (Streckt das Schwert zwischen beide.)
EIN ALTER RÄUBER. Denk'an
die böhmischen Wälder! Hörst du? zagst du? - an die böhmischen Wälder
sollst du denken! Treuloser, wo sind deine Schwüre? Vergisst man Wunden so
bald? Da wir Glück, Ehre und Leben in die Schanzen schlugen für dich, da
wir standen wie Mauern, auffingen wie Schilder die Hiebe, die einem Leben
galten, - hubst du da nicht deine Hand zum eisernen Eid auf, schwurest,
uns nie zu verlassen, wie wir dich nicht verlassen haben? - Ehrloser!
Treuvergessener! Und du willst abfallen, wenn eine Metze greint?
EIN DRITTER RÄUBER. Pfui
über den Meineid! Der Geist des geopferten Rollers, den du zum
Zeugen aus dem Totenreich zwangest, wird erröten über deine Feigheit und
gewaffnet aus seinem Grab steigen, dich zu züchtigen.
DIE RÄUBER (durcheinander,
reißen ihre Kleider auf). Schau her, schau! Kennst du diese Narben? Du
bist unser! Mit unserem Herzblut haben wir dich zum Leibeigenen angekauft,
unser bist du, und wenn der Erzengel Michael mit dem Moloch ins
Handgemenge kommen sollte! - Marsch mit uns! Opfer um Opfer! Amalia für
die Bande!
RÄUBER MOOR (lässt ihre
Hand fahren). Es ist aus! - Ich wollte umkehren und zu meinem Vater
gehn, aber der im Himmel sprach, es soll nicht sein. (Kalt.) Blöder
Tor ich, warum wollt ich es auch? Kann denn ein großer Sünder noch
umkehren? Ein großer Sünder kann nimmermehr umkehren, das hätt ich längst
wissen können - Sei ruhig, ich bitte dich, sei ruhig! So ists ja auch
recht - Ich habe nicht gewollt, da er mich suchte; jetzt, da ich ihn
suche, will er nicht; was ist billiger? - Rolle doch deine Augen
nicht so - Er bedarf ja meiner nicht. Hat er nicht Geschöpfe die Fülle?
Einen kann er so leicht missen, und dieser eine bin nun ich. - Kommt,
Kameraden!
AMALIA (reißt ihn zurück).
Halt, halt! Einen Stoß! einen Todesstoß! Neu verlassen! Zeuch dein Schwert
und erbarme dich!
RÄUBER MOOR. Das Erbarmen
ist zu den Bären geflohen, - ich töte dich nicht!
AMALIA (seine Knie
umfassend). O, um Gottes willen, um aller Erbarmungen willen! Ich will
ja nicht Liebe mehr, weiß ja wohl, dass droben unsere Sterne feindlich von
einander fliehen - Tod ist meine Bitte nur. - Verlassen, verlassen! Nimm
es ganz in seiner entsetzlichen Fülle, verlassen! Ich kanns nicht
überdulden. Du siehst ja, das kann kein Weib überdulden. Tod ist meine
Bitte nur! Sieh, meine Hand zittert! Ich habe das Herz nicht, zu stoßen.
Mir bangt vor der blitzenden Schneide - dir ists ja so leicht, so leicht,
bist ja Meister im Morden, zeuch dein Schwert, und ich bin glücklich!
RÄUBER MOOR. Willst du
allein glücklich sein? Fort, ich töte kein Weib!
AMALIA. HaWürger! du kannst
nur die Glücklichen töten, die Lebenssatten gehst du vorüber. (Kriecht
zu den Räubern.) So erbarmet euch meiner, ihr Schüler des Henkers! -
Es ist ein so blutdürstiges Mitleid in euren Blicken, das dem Elenden
Trost ist - euer Meister ist ein eitler, feigherziger Prahler.
RÄUBER MOOR. Weib, was
sagst du? (Die Räuber wenden sich ab.)
AMALIA. Kein Freund? Auch
unter diesen nicht ein Freund? (Sie steht auf.) Nun denn, so lehre
mich Dido sterben! (Sie will gehen, ein Räuber zielt.)
RÄUBER MOOR. Halt! Wag es -
Moors Geliebte soll nur durch Moor sterben! (Er ermordet sie.)
DIE RÄUBER. Hauptmann!
Hauptmann! Was machst du? Bist du wahnsinnig geworden?
RÄUBER MOOR (auf den
Leichnam mit starrem Blick). Sie ist getroffen! Dies Zucken noch, und
dann wirds vorbei sein - Nun, seht doch! Habt ihr noch was zu fordern? Ihr
opfertet mir ein Leben auf, ein Leben, das schon nicht mehr euer war, ein
Leben voll Abscheulichkeit und Schande - Ich hab euch einen Engel
geschlachtet. Wie, seht doch recht her! Seid ihr nunmehr zufrieden?
GRIMM. Du hast deine Schuld
mit Wucher bezahlt. Du hast getan, was kein Mann würde für seine Ehre tun.
Komm jetzt weiter!
RÄUBER MOOR. Sagst du das?
Nicht wahr, das Leben einer Heiligen um das Leben der Schelmen, es ist
ungleicher Tausch? - O ich sage euch, wenn jeder unter euch aufs
Blutgerüste ging und sich ein Stück Fleisch nach dem andern mit glühenden
Zangen abzwicken ließ, dass die Marter elf Sommertage dauerte, es wöge
diese Tränen nicht auf. (Mit bitterem Gelächter.) Die Narben, die
böhmischen Wälder! Ja! ja, dies musste freilich bezahlt werden.
SCHWARZ. Sei ruhig,
Hauptmann! Komm mit uns, der Anblick ist nicht für dich. Führe uns weiter.
RÄUBER MOOR. Halt - noch
ein Wort, eh wir weiter gehn - Merket auf, ihr schadenfrohen Schergen
meines barbarischen Winks - Ich höre von diesem Nun an auf, euer
Hauptmann zu sein - Mit Scham und Grauen leg ich hier diesen blutigen Stab
nieder, worunter zu freveln ihr euch berechtigt wähntet und mit Werken der
Finsternis dies himmlische Licht zu besudeln - Gehet hin zur Rechten und
Linken - Wir wollen ewig niemals gemeine Sache machen.
RÄUBER. Ha, Muthloser! Wo
sind deine hochfliegenden Plane? Sinds Seifenblasen gewesen, die beim
Hauch eines Weibes zerplatzen?
RÄUBER MOOR. O über mich
Narren, der ich wähnete, die Welt durch Gräuel zu verschönern und die
Gesetze durch Gesetzlosigkeit aufrecht zu halten! Ich nannte es Rache und
Recht - Ich maßte mich an, o Vorsicht, die Scharten deines Schwerts
auszuwetzen und deine Parteilichkeit gut zu machen - aber - o eitle
Kinderei - da steh ich am Rand eines entsetzlichen Lebens und erfahre nun
mit Zähnklappern und Heulen, dass zwei Menschen, wie ich, den ganzen
Bau der sittlichen Welt zu Grund richten würden. Gnade - Gnade dem
Knaben, der Dir vorgreifen wollte - Dein eigen allein ist
die Rache. Du bedarfst nicht des Menschen Hand. Freilich stehts nun
in meiner Macht nicht mehr, die Vergangenheit einzuholen - schon bleibt
verdorben, was verdorben ist - was ich gestürzt habe, steht ewig niemals
mehr auf - Aber noch blieb mir etwas übrig, womit ich die beleidigten
Gesetze versöhnen und die misshandelte Ordnung wiederum heilen kann. Sie
bedarf eines Opfers - eines Opfers, das ihr unverletzbare Majestät vor der
ganzen Menschheit entfaltet - diese Opfer bin ich selbst. Ich selbst muss
für sie des Todes sterben.
RÄUBER. Nehmt ihm den Degen
weg - er will sich umbringen.
RÄUBER MOOR. Toren ihr! Zu
ewiger Blindheit verdammt! Meinet ihr wohl gar, eine Todsünde werde das
Äquivalent gegen Todsünden sein? Meinet ihr, die Harmonie der Welt werde
durch diesen gottlosen Misslaut gewinnen? (Wirft ihnen seine Waffen
verächtlich vor die Füße.) Er soll mich lebendig haben. Ich geh, mich
selbst in die Hände der Justiz zu überliefern.
RÄUBER. Legt ihn in Ketten!
Er ist rasend worden.
RÄUBER MOOR. Nicht, als ob
ich zweifelte, sie werde mich zeitig genug finden, wenn die obern Mächte
es so wollen. Aber sie möchte mich im Schlaf überrumpeln, oder auf der
Flucht ereilen, oder mit Zwang und Schwert umarmen; und dann wäre mir auch
das einige Verdienst entwischt, dass ich mit Willen für sie gestorben bin.
Was soll ich, gleich einem Diebe, ein Leben länger verheimlichen, das mir
schon lang im Rat der himmlischen Wächter genommen ist?
RÄUBER. Lasst ihn
hinfahren! Es ist die Großmannsucht. Er will sein Leben an eitle
Bewunderung setzen.
RÄUBER MOOR. Man könnte
mich darum bewundern. (Nach einigem Nachsinnen.) Ich erinnere mich,
einen armen Schelm gesprochen zu haben, als ich herüberkam, der im Taglohn
arbeitet und elf lebendige Kinder hat - Man hat tausend Louisdore geboten,
wer den großen Räuber lebendig liefert. Dem Mann kann geholfen werden. (Er
geht ab.)
(Quelle: Die Räuber.
Wirtembergisches Repertorium, Schillers sämtliche Schriften.
Historisch-krtische Ausgabe, 2. Theil, hrsgg. v. Karl Goedeke,
Stuttgart: Verlag der J.G. Cotta'sche Buchhandlung 1867,
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am:
14.11.2023