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Schiller, Die Räuber - Uraufführung 13.1.1782

Franz Moor als schauspielerische Gestaltung

August Wilhelm Iffland (1806) - Auszüge

 
 
 

"Wer raunte mir das ein?" frägt der unter sich gekehrte Blick. "Rächet denn jemand" - hier hebt sich der Blick allmählich gegen den Himmel - "droben über den Sternen?" Hier ist die ganze Gestalt zurückgelehnt, er wagt es, in seine Zukunft zu starren. Er erblickt das Weltgericht - seine Qual auf Erden, seine Verdammnis droben - die letzte Kraft ringt gegen seinen Untergang - er wirft sich vor, dem Gerichte Gottes entgegen, stampft die Erde unter seinem Fuß, drohet mit aufgehobener Rechten in den Himmel hinein, und mit fürchterlichem Tone ruft er: "Nein!" Doch ist es keine geballte Faust, die den Himmel herausfordert; - es ist eine aufgehobene offene Hand. - Nur der Ballen derselben lehnt sich frech gegen den Himmel, die flache Hand, die ausgebreiteten Finger vermögen es nicht, sich zu dem trotzigen Willen zu schließen. So hält er eine Weile; bis ihn die Angst überwältigt, die Brust bricht, er sich zurückzieht, den Arm sinken läßt, den Fuß, der die Erde einstampfen wollte, zurückzieht und mit zermalmendem Tone, indem er das Gesicht bedeckt, ausruft: "Ja, ja! Wehe mir - -" Franz ist schon von der Erde weg, er steht dem Weltgericht entgegen - unermeßlicher Greuel - ewiges Gericht! zwischen diesen äußersten Enden schwebt seine geängstigte Seele. Sie ist bang und lallet - nur hie und da dringt ein Schrei der Verzweiflung vor! In diesem Zustande, bei den hohen Bildern, die seine aufgejagte Phantasie herauswirft, kann es nicht möglich sein, daß der, welcher den Franz darstellt, an Mienen und Artikulationen denken wollte, die den Bösewicht bezeichnen sollten, Hier ist vom Schrecklichen die Rede, und das kann nicht kleinlich gegeben werden ... Die Schrecken, die zuletzt ihn umgeben, und wie er sie zu empfinden die Fähigkeit hat, beweisen, daß Anlagen zum Außerordentlichen in seiner Seele waren. Indem wir mit Entsetzen uns von ihm wenden, fühlen wir unwillkürlich, daß Seelenvermögen dazu gehöre, selbst diese Greuel in sich zu tragen und zu reifen.

(Iffland 1806, zit. n. Buchwald 41959, S. 310)

Szene V,1 (Trauerspielfassung): Monolog von Franz Moor am Szenenende:

Franz. Pöbelweisheit! Pöbelfurcht! - Es ist ja noch nicht ausgemacht, ob das Vergangene nicht vergangen ist, oder ein Auge findet über den Sternen - Hum! hum! - Wer raunte mir das ein? Rächet den droben über den Sternen einer? - Nein, nein! - Ja, ja! Fürchterlich zischelts um mich: Richtet droben einer über den Sternen? Entgegen gehen dem Rächer über den Sternen diese Nacht noch! Nein! sag ich - Elender Schlupfwinkel, hinter den sich deine Feigheit verstecken will - öd, einsam, taub ist droben über den Sternen - Wenns aber doch etwas mehr wäre? Nein, nein, es ist nicht! Ich wills, es ist nicht! Wenns aber doch doch wäre? Whe mir, wenns nachgezählt würde diese Nacht noch! - Warum schaudert mirs so durch die Knochen? - Sterben! warum packt mich das Wort so? Rechenschaft geben de, Rächer droben über den Sternen - und wenn er gerecht ist, - wenn er gerecht ist?

 

 
     
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Dalberg und Iffland haben im Mannheimer Soufflierbuch, Schiller in der späteren Trauerspielfassung den Monologtext der Erstausgabe gekürzt und inhaltlich leicht verändert. In der Erstausgabe schließt sich das im Mannheimer Soufflierbuch und der Trauerspielfassung fehlende Gespräch mit Pastor Moser an, die Trauerspielfassung geht mit dem Gespräch zwischen Franz und Daniel weiter.
    Vergleichen Sie die oben dargestellte Fassung des Trauerspiels mit der Erstausgabe, der Schauspielfassung des Dramas. Welche Wirkung geht von dem Monolog in seiner jeweiligen szenischen Einbettung aus?

  2. Reinhard Buchwald (41959, S. 309) betont, dass sich gerade in der Gestaltung dieser Szene Ifflands "Meisterschaft" zeige, der den Text im Übrigen an dieser Stelle noch weiter zusammengestrichen habe, möglichst viel durch sein stummes Spiel auszudrücken. - Nehmen Sie dazu kritisch Stellung, indem Sie die von Iffland beschriebene und in der Darstellung festgehaltene Haltung einnehmen.

 →Operatorenkatalog des Landes Baden-Württemberg)

 
      
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