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Friedrich Schiller: Maria Stuart - 5. Akt

V,7

 
 
 
Siebenter Auftritt

Maria. Melvil.

MARIA. Ich habe alles Zeitliche berichtigt

Und hoffe, keines Menschen Schuldnerin

Aus dieser Welt zu scheiden - Eins nur ist's,

Melvil, was der beklemmten Seele noch

Verwehrt, sich frei und freudig zu erheben.

MELVIL. Entdecke mir's. Erleichtre deine Brust,

Dem treuen Freund vertraue deine Sorgen.

MARIA. Ich stehe an dem Rand der Ewigkeit,

Bald soll ich treten vor den höchsten Richter,

Und noch hab ich den Heil'gen nicht versöhnt.                    3590

Versagt ist mir der Priester meiner Kirche.

Des Sakramentes heil'ge Himmelspeise

Verschmäh ich aus den Händen falscher Priester.

Im Glauben meiner Kirche will ich sterben,

Denn der allein ist's, welcher selig macht.

MELVIL. Beruhige dein Herz. Dem Himmel gilt

Der feurig fromme Wunsch statt des Vollbringens.

Tyrannenmacht kann nur die Hände fesseln,

Des Herzens Andacht hebt sich frei zu Gott;

Das Wort ist tot, der Glaube macht lebendig.                      3600

MARIA. Ach Melvil! Nicht allein genug ist sich

Das Herz, ein irdisch Pfand bedarf der Glaube,

Das hohe Himmlische sich zuzueignen.

Drum ward der Gott zum Menschen und verschloss

Die unsichtbaren himmlischen Geschenke

Geheimnisvoll in einem sichtbarn Leib.

- Die Kirche ist's, die heilige, die hohe,

Die zu dem Himmel uns die Leiter baut;

Die allgemeine, die kathol'sche heißt sie:

Denn nur der Glaube aller stärkt den Glauben;                    3610

Wo Tausende anbeten und verehren,

Da wird die Glut zur Flamme, und beflügelt

Schwingt sich der Geist in alle Himmel auf.

- Ach die Beglückten, die das froh geteilte

Gebet versammelt in dem Haus des Herrn!

Geschmückt ist der Altar, die Kerzen leuchten,

Die Glocke tönt, der Weihrauch ist gestreut,

Der Bischof steht im reinen Messgewand,

Er faßt den Kelch, er segnet ihn, er kündet

Das hohe Wunder der Verwandlung an,                             3620

Und niederstürzt dem gegenwärt'gen Gotte

Das gläubig überzeugte Volk - Ach! Ich

Allein bin ausgeschlossen, nicht zu mir

In meinen Kerker dringt der Himmelsegen.

MELVIL. Er dringt zu dir! Er ist dir nah! Vertraue

Dem Allvermögenden - der dürre Stab

Kann Zweige treiben in des Glaubens Hand!

Und der dir die Quelle aus dem Felsen schlug,

Kann dir im Kerker den Altar bereiten,

Kann diesen Kelch, die irdische Erquickung,                      3630

Dir schnell in eine himmlische verwandeln.

(Er ergreift den Kelch, der auf dem Tische steht.)

MARIA. Melvil! Versteh ich Euch? Ja! Ich versteh Euch!

Hier ist kein Priester, keine Kirche, kein

Hochwürdiges - Doch der Erlöser spricht:

"Wo zwei versammelt sind in meinem Namen,

Da bin ich gegenwärtig unter ihnen."

Was weiht den Priester ein zum Mund des Herrn?

Das reine Herz, der unbefleckte Wandel.

- So seid Ihr mir, auch ungeweiht, ein Priester,

Ein Bote Gottes, der mir Frieden bringt.                             3640

- Euch will ich meine letzte Beichte tun,

Und Euer Mund soll mir das Heil verkünden.

MELVIL. Wenn dich das Herz so mächtig dazu treibt,

So wisse, Königin, daß dir zum Troste

Gott auch ein Wunder wohl verrichten kann.

Hier sei kein Priester, sagst du, keine Kirche,

Kein Leib des Herrn? - Du irrest dich. Hier ist

Ein Priester, und ein Gott ist hier zugegen.

(Er entblößt bei diesen Worten das Haupt, zugleich

zeigt er ihr eine Hostie in einer goldenen Schale.)

- Ich bin ein Priester; deine letzte Beichte

Zu hören, dir auf deinem Todesweg                                    3650

Den Frieden zu verkündigen, hab ich

Die sieben Weihn auf meinem Haupt empfangen,

Und diese Hostie überbring ich dir

Vom Heil'gen Vater, die er selbst geweihet.

MARIA. O so muss an der Schwelle selbst des Todes

Mir noch ein himmlisch Glück bereitet sein!

Wie ein Unsterblicher auf goldnen Wolken

Herniederfährt, wie den Apostel einst

Der Engel führte aus des Kerkers Banden,                         3660

Ihn hält kein Riegel, keines Hüters Schwert,

Er schreitet mächtig durch verschlossne Pforten,

Und im Gefängnis steht er glänzend da -

So überrascht mich hier der Himmelsbote,

Da jeder ird'sche Retter mich getäuscht!

- Und Ihr, mein Diener einst, seid jetzt der Diener

Des höchsten Gottes und sein heil'ger Mund!

Wie Eure Kniee sonst vor mir sich beugten,

So lieg ich jetzt im Staub vor Euch.

(Sie sinkt vor ihm nieder.)

MELVIL. (indem er das Zeichen des Kreuzes über sie

macht).                                                    Im Namen

Des Vaters und des Sohnes und des Geistes!

Maria, Königin! Hast du dein Herz                                     3670

Erforschet, schwörst du und gelobest du,

Wahrheit zu beichten vor dem Gott der Wahrheit?

MARIA. Mein Herz liegt offen da vor dir und ihm.

MELVIL. Sprich, welcher Sünde zeiht dich dein Gewissen,

Seitdem du Gott zum letzten Mal versöhnt?

MARIA. Von neid'schem Hasse war mein Herz erfüllt,

Und Rachgedanken tobten in dem Busen.

Vergebung hofft' ich Sünderin von Gott

Und konnte nicht der Gegnerin vergeben.

MELVIL. Bereuest du die Schuld, und ist's dein ernster         3680

Entschluss, versöhnt aus dieser Welt zu scheiden?

MARIA. So wahr ich hoffe, dass mir Gott vergebe.

MELVIL. Welch andrer Sünde klagt das Herz dich an?

MARIA.

Ach, nicht durch Hass allein, durch sünd'ge Liebe

Noch mehr hab ich das höchste Gut beleidigt.

Das eitle Herz ward zu dem Mann gezogen,

Der treulos mich verlassen und betrogen!

MELVIL. Bereuest du die Schuld, und hat dein Herz

Vom eiteln Abgott sich zu Gott gewendet?

MARIA. Es war der schwerste Kampf, den ich bestand,       3690

Zerrissen ist das letzte ird'sche Band.

MELVIL. Welch andrer Schuld verklagt dich dein Gewissen?

MARIA. Ach, eine frühe Blutschuld, längst gebeichtet,

Sie kehrt zurück mit neuer Schreckenskraft

Im Augenblick der letzten Rechenschaft

Und wälzt sich schwarz mir vor des Himmels Pforten:

Den König, meinen Gatten, ließ ich morden,

Und dem Verführer schenkt' ich Herz und Hand!

Streng büßt' ich's ab mit allen Kirchenstrafen,

Doch in der Seele will der Wurm nicht schlafen.                  3700

MELVIL. Verklagt das Herz dich keiner andern Sünde,

Die du noch nicht gebeichtet und gebüßt?

MARIA. Jetzt weißt du alles, was mein Herz belastet.

MELVIL. Denk an die Nähe des Allwissenden!

Der Strafen denke, die die heil'ge Kirche

Der mangelhaften Beichte droht! Das ist

Die Sünde zu dem ew'gen Tod, denn das

Ist wider seinen Heil'gen Geist gefrevelt!

MARIA. So schenke mir die ew'ge Gnade Sieg

Im letzten Kampf, als ich dir wissend nichts verschwieg.      3710

MELVIL.

Wie? deinem Gott verhehlst du das Verbrechen,

Um dessentwillen dich die Menschen strafen?

Du sagst mir nichts von deinem blut'gen Anteil

An Babingtons und Parrys Hochverrat?

Den zeitlichen Tod stirbst du für diese Tat,

Willst du auch noch den ew'gen dafür sterben?

MARIA. Ich bin bereit, zur Ewigkeit zu gehn;

Noch eh' sich der Minutenzeiger wendet,

Werd ich vor meines Richters Throne stehn,

Doch wiederhol ich's: meine Beichte ist vollendet.               3720

MELVIL. Erwäg es wohl. Das Herz ist ein Betrüger.

Du hast vielleicht mit list'gem Doppelsinn

Das Wort vermieden, das dich schuldig macht,

Obgleich der Wille das Verbrechen teilte.

Doch wisse, keine Gaukelkunst berückt

Das Flammenauge, das ins Innre blickt!

MARIA. Ich habe alle Fürsten aufgeboten,

Mich aus unwürd'gen Banden zu befrein,

Doch nie hab ich durch Vorsatz oder Tat

Das Leben meiner Feindin angetastet!                                3730

MELVIL. So hätten deine Schreiber falsch gezeugt?

MARIA. Wie ich gesagt, so ist's. Was jene zeugten,

Das richte Gott!

MELVIL. So steigst du, überzeugt

Von deiner Unschuld, auf das Blutgerüste?

MARIA.

Gott würdigt mich, durch diesen unverdienten Tod

Die frühe schwere Blutschuld abzubüßen.

MELVIL. (macht den Segen über sie).

So gehe hin und sterbend büße sie!

Sink, ein ergebnes Opfer, am Altare -

Blut kann versöhnen, was das Blut verbrach;

Du fehltest nur aus weiblichem Gebrechen,                         3740

Dem sel'gen Geiste folgen nicht die Schwächen

Der Sterblichkeit in die Verklärung nach.

Ich aber künde dir, kraft der Gewalt,

Die mir verliehen ist, zu lösen und zu binden,

Erlassung an von allen deinen Sünden!

Wie du geglaubet, so geschehe dir!

(Er reicht ihr die Hostie.)

Nimm hin den Leib, er ist für dich geopfert!

(Er ergreift den Kelch, der auf dem Tische steht, konse-

kriert ihn mit stillem Gebet, dann reicht er ihr denselben.

Sie zögert, ihn anzunehmen, und weist ihn mit der Hand

zurück.)

Nimm hin das Blut, es ist für dich vergossen!

Nimm hin! Der Papst erzeigt dir diese Gunst!

Im Tode noch sollst du das höchste Recht                          3750

Der Könige, das priesterliche, üben!

(Sie empfängt den Kelch.)

Und wie du jetzt dich in dem ird'schen Leib

Geheimnisvoll mit deinem Gott verbunden,

So wirst du dort in seinem Freudenreich,

Wo keine Schuld mehr sein wird und kein Weinen,

Ein schön verklärter Engel, dich

Auf ewig mit dem Göttlichen vereinen.

(Er setzt den Kelch nieder. Auf ein Geräusch, das gehört

wird, bedeckt er sich das Haupt und geht an die Türe;

Maria bleibt in stiller Andacht auf den Knien liegen.)

MELVIL. (zurückkommend).

Dir bleibt ein harter Kampf noch zu bestehn.

Fühlst du dich stark genug, um jede Regung

Der Bitterkeit, des Hasses zu besiegen?                              3760

MARIA. Ich fürchte keinen Rückfall. Meinen Hass

Und meine Liebe hab ich Gott geopfert.

MELVIL. Nun so bereite dich, die Lords von Leicester

Und Burleigh zu empfangen. Sie sind da.

 

 
  [ Text V,7 ] Bausteine ]  
     

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