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Friedrich Schiller: Maria Stuart - 1.Akt

I,6

 
 
 
 

Sechster Auftritt

Mortimer. Maria.

MARIA. Von meinem Oheim,

Dem Kardinal von Lothringen, aus Frankreich! ( Liest.)

"Traut dem Sir Mortimer, der Euch dies bringt,

Denn keinen treuern Freund habt Ihr in England."

(Mortimer mit Erstaunen ansehend.)

Ist' s möglich? Ist's kein Blendwerk, das mich täuscht?           390

So nahe find ich einen Freund und wähnte mich

Verlassen schon von aller Welt - find ihn

In Euch, dem Neffen meines Kerkermeisters,

In dem ich meinen schlimmsten Feind -

MORTIMER. (sich ihr zu Füßen werfend). Verzeihung

Für diese verhasste Larve, Königin,

Die mir zu tragen Kampf genug gekostet,

Doch der ich's danke, dass ich mich Euch nahen,

Euch Hilfe und Errettung bringen kann.

MARIA. Steht auf - Ihr überrascht mich , Sir - Ich kann

So schnell nicht aus der Tiefe meines Elends                          400

Zur Hoffnung übergehen - Redet, Sir -

Macht mir dies Glück begreiflich, dass ich's glaube.

MORTIMER. (steht auf).

Die Zeit verrinnt. Bald wird mein Oheim hier sei,

Und ein verhasster Mensch begleitet ihn.

Eh' Euch ihr Schreckensauftrag überrascht,

Hört an, wie Euch der Himmel Rettung schickt.

MARIA.

Er schickt sie durch ein Wunder seiner Allmacht!

MORTIMER.

Erlaubt, dass ich von mir beginne.

MARIA. Redet, Sir!

MORTIMER. Ich zählte zwanzig Jahre, Königin,

In strengen Pflichten war ich aufgewachsen,                           410

In finsterm Hass des Papsttums aufgesäugt,

Als mich die unbezwingliche Begierde

Hinaustrieb auf das feste Land. Ich ließ

Der Puritaner dumpfe Predigtstuben,

Die Heimat hinter mir, in schnellem Lauf

Durchzog ich Frankreich, das gepriesene

Italien mit heißem Wunsche suchend.

Es war die Zeit des großen Kirchenfests,

Von Pilgerscharen wimmelten die Wege,

Bekränzt war jedes Gottesbild, es war,                                 420

Als ob die Menschheit auf der Wandrung wäre,

Wallfahren nach dem Himmelreich - Mich selbst

Ergriff der Strom der glaubenvollen Menge

Und riss mich in das Weichbild Roms -

Wie ward mir, Königin!

Als mir der Säulen Pracht und Siegesbogen

Entgegenstieg, des Kolosseums Herrlichkeit

Den Staunenden umfing, ein hoher Bildnergeist

In seine heitre Wunderwelt mich schloss!

Ich hatte nie der Künste Macht gefühlt:                                  430

Es hasst die Kirche, die mich auferzog,

Der Sinne Reiz, kein Abbild duldet sie,

Allein das körperlose Wort verehrend.

Wie wurde mir, als ich ins Innre nun

Der Kirchen trat und die Musik der Himmel

Herunterstieg und der Gestalten Fülle

Verschwenderisch aus Wand und Decke quoll,

Das Herrlichste und Höchste, gegenwärtig,

Vor den entzückten Sinnen sich bewegte,

Als ich sie selbst nun sah, die Göttlichen,                               440

Den Gruß des Engels, die Geburt des Herrn,

Die Heil'ge Mutter, die herabgestiegne

Dreifaltigkeit, die leuchtende Verklärung -

Als ich den Papst drauf sah in seiner Pracht

Das Hochamt halten und die Völker segnen.

O, was ist Goldes, was Juwelen Schein,

Womit der Erde Könige sich schmücken!

Nur er ist mit dem Göttlichen umgeben.

Ein wahrhaft Reich der Himmel ist sein Haus,

Denn nicht von dieser Welt sind diese Formen.                      450

MARIA.  O schonet mein! Nicht weiter. Höret auf,

Den frischen Lebensteppich vor mir aus

Zu breiten - Ich bin elend und gefangen.

MORTIMER.

Auch ich war's, Königin! und mein Gefängnis

Sprang auf, und frei auf einmal fühlte sich

Der Geist, des Lebens schönen Tag begrüßend.

Hass schwur ich nun dem engen dumpfen Buch,

Mit frischem Kranz die Schläfe mir zu schmücken,

Mich fröhlich an die Fröhlichen zu schließen.

Viel edle Schotten drängten sich an mich,                              460

Und der Franzosen muntre Landsmannschaften.

Sie brachten mich zu Eurem edeln Oheim,

Dem Kardinal von Guise - Welch ein Mann!

Wie sicher, klar und männlich groß! - Wie ganz

Geboren, um die Geister zu regieren!

Das Muster eines königlichen Priesters,

Ein Fürst der Kirche, wie ich keinen sah !

MARIA. Ihr habt sein teures Angesicht gesehn,

Des vielgeliebten, des erhabnen Mannes,

Der meiner zarten Jugend Führer war.                                   470

O redet mir von ihm. Denkt er noch mein?

Liebt ihn das Glück, blüht ihm das Leben noch,

Steht er noch herrlich da, ein Fels der Kirche?

MORTIMER. Der Treffliche ließ selber sich herab,

Die hohen Glaubenslehren mir zu deuten

Und meines Herzen Zweifel zu zerstreun.

Er zeigt mir , dass grübelnde Vernunft

Den Menschen ewig in der Irre leitet,

Dass seine Augen sehen müssen, was

Das Herz soll glauben, dass ein sichtbar Haupt                      480

Der Kirche not tut, dass der Geist der Wahrheit

Geruht hat auf den Sitzungen der Väter.

Die Wahnbegriffe meiner kind'schen Seele,

Wie schwanden sie vor seinem siegenden

Verstand und vor der Suada seines Mundes!

Ich kehrte in der Kirche Schoß zurück,

Schwur meinen Irrtum ab in seine Hände.

MARIA. So seid Ihr einer jener Tausende,

Die er mit seiner Rede Himmelskraft,

Wie der erhabne Prediger des Berges,                                  490

Ergriffen und zum ew'gen Heil geführt!

MORTIMER. Als ihn des Amtes Pflichten bald darauf

Nach Frankreich riefen, sandt' er mich nach Reims,

Wo die Gesellschaft Jesu, fromm geschäftig,

Für Englands Kirche Priester auferzieht.

Den edeln Schotten Morgan fand ich hier,

Auch Euren treuen Leßley, den gelehrten

Bischof von Roße, die auf Frankreichs Boden

Freudlose Tage der Verbannung leben -

Eng schloss ich mich an diese Würdigen                                500

Und stärkte mich im Glauben - Eines Tages,

Als ich mich umsah in des Bischofs Wohnung,

Fiel mir ein weiblich Bildnis in die Augen

Von rührend wundersamem Reiz; gewaltig

Ergriff es mich in meiner tiefsten Seele,

Und, des Gefühls nicht mächtig, stand ich da.

Da sagte mir der Bischof: Wohl mit Recht

Mögt Ihr gerührt bei diesem Bilde weilen.

Die schönste aller Frauen, welche leben,

Ist auch die jammernswürdigste von allen,                              510

Um unsers Glaubens willen duldet sie,

Und Euer Vaterland ist's, wo sie leidet.

MARIA. Der Redliche! Nein, ich verlor nicht alles,

Da solcher Freund im Unglück mir geblieben.

MORTIMER. Drauf fing er an, mit herzerschütternder

Beredsamkeit mir Euer Märtyrtum

Und Eurer Feinde Blutgier abzuschildern.

Auch Euern Stammbaum wies er mir, er zeigt

Mir Eure Abkunft von dem hohen Hause

Der Tudor, überzeugt mich , dass Euch                                 520

Allein gebührt, in England zu herrschen,

Nicht dieser Afterkönigin, gezeugt

In ehebrecherischem Bett, die Heinrich

Ihr Vater, selbst verwarf als Bastardtochter.

Nicht seinem einz'gen Zeugnis wollt' ich traun,

Ich holte Rat bei allen Rechtsgelehrten,

Viel alte Wappenbücher schlug ich nach,

Und alle Kundige, die ich befragte,

Bestätigten mir Eures Anspruchs Kraft.

Ich weiß nunmehr, dass Euer gutes Recht                              530

An England Euer ganzes Unrecht ist,

Dass Euch dies Reich als Eigentum gehört,

Worin Ihr schuldlos als Gefangne schmachtet.

MARIA. O dieses unglücksvolle Recht! Es ist

Die einz'ge Quelle aller meiner Leiden.

MORTIMER. Um diese Zeit kam mir die Kunde zu,

Dass Ihr aus Talbots Schloss hinweggeführt

Und meinem Oheim übergeben worden -

Des Himmels wundervolle Rettungshand

Glaubt' ich in dieser Fügung zu erkennen,                               540

Ein lauter Ruf des Schicksals war sie mir,

Dass meinen Arm gewählt, Euch zu befreien.

Die Freunde stimmen freudig bei, es gibt

Der Kardinal mir seinen Rat und Segen

Und lehrt mich der Verstellung schwere Kunst.

Schnell ward der Plan entworfen, und ich trete

Den Rückweg an ins Vaterland, wo ich,

Ihr wisst's, vor zehen Tagen bin gelandet.

(Er hält inne.)

Ich sah Euch, Königin - Euch selbst!

Nicht Euer Bild! - O welchen Schatz bewahrt                        550

Dies Schloss! Kein Kerker! Eine Götterhalle,

Glanzvoller als der königliche Hof

Von England - O des Glücklichen, dem es

Vergönnt ist, eine Luft mit Euch zu atmen!

Wohl hat sie recht, die Euch so tief verbirgt!

Aufstehen würde Englands ganze Jugend,

Kein Schwert in seiner Scheide müßig bleiben

Und die Empörung mit gigantischem Haupt

Durch diese Friedensinsel schreiten, sähe

Der Brite seine Königin!

MARIA.                            Wohl ihr,                                       560

Säh jeder Brite sie mit Euren Augen!

MORTIMER. Wär' er, wie ich, ein Zeuge Eurer Leiden,

Der Sanftmut Zeuge und der edlen Fassung,

Womit Ihr das Unwürdige erduldet.

Denn geht Ihr nicht aus allen Leidensproben

Als eine Königin hervor? Raubt Euch

Des Kerkers Schmach von Eurem Schönheitsglanze?

Euch mangelt alles, was das Leben schmückt,

Und doch umfließt Euch ewig Licht und Leben.

Nie setz ich meinen Fuß auf diese Schwelle,                          570

Dass nicht mein Herz zerrissen wird von Qualen,

Nicht von der Lust entzückt, Euch anzuschauen! -

Doch furchtbar naht sich die Entscheidung, wachsend

Mit jeder Stunde dringet die Gefahr,

Ich darf nicht länger säumen - Euch nicht länger

Das Schreckliche verbergen -

MARIA.                                   Ist mein Urteil

Gefällt? Entdeckt mir's frei. Ich kann es hören.

MORTIMER. Es ist gefällt. Die zweiundvierzig Richter haben

Ihr Schuldig ausgesprochen über Euch. Das Haus

Der Lords und der Gemeinen, die Stadt London                    580

Bestehen heftig dringend auf des Urteils

Vollstreckung; nur die Königin säumt noch

- Aus arger List, dass man sie nötige,

Nicht aus Gefühl der Menschlichkeit und Schonung.

MARIA. (mit Fassung).

Sir Mortimer, Ihr überrascht mich nicht,

Erschreckt mich nicht. Auf solche Botschaft war ich

Schon längst gefasst. Ich kenne meine Richter.

Nach den Misshandlungen, die ich erlitten,

Begreif ich wohl, dass man die Freiheit mir

Nicht schenken kann - Ich weiß, wo man hinaus will.             590

In ew'gem Kerker will man mich bewahren

Und meine Rache, meinen Rechtsanspruch

Mit mir verscharren in Gefängnisnacht.

MORTIMER. Nein, Königin - o nein! nein! Dabei steht man

Nicht still. Die Tyrannei begnügt sich nicht,

Ihr Werk nur halb zu tun. Solang Ihr lebt,

Lebt auch die Furcht der Königin von England.

Euch kann kein Kerker tief genug begraben,

Nur Euer Tod versichert ihren Thron.

MARIA. Sie könnt' es wagen, mein gekröntes Haupt               600

Schmachvoll auf einen Henkerblock zu legen?

MORTIMER. Sie wird es wagen. Zweifelt nicht daran.

MARIA. Sie könnt so die eigne Majestät

Und aller Könige im Staube wälzen?

Und fürchtet sie die Rache Frankreichs nicht?

MORTIMER.

Sie schließt mit Frankreich einen ew'gen Frieden,

Dem Duc von Anjou schenkt sie Thron und Hand.

MARIA. Wird sich der König Spaniens nicht waffnen?

MORTIMER. Nicht eine Welt in Waffen fürchtet sie,

Solang sie Frieden hat mit ihrem Volke.                                 610

MARIA. Den Briten wollte sie dies Schauspiel geben?

MORTIMER. Dies Land, Mylady, hat in letzten Zeiten

Der königlichen Frauen mehr vom Thron

Herab aufs Blutgerüste steigen sehn.

Die eigne Mutter der Elisabeth

Ging diesen Weg, und Katharina Howard,

Auch Lady Gray war ein gekröntes Haupt.

MARIA. (nach einer Pause).

Nein, Mortimer! Euch blendet eitle Furcht.

Es ist die Sorge Eures treuen Herzens,

Die Euch vergebne Schrecknisse erschafft.                            620

Nicht das Schafott ist's, das ich fürchte, Sir.

Es gibt noch andre Mittel, stillere,

Wodurch sich die Beherrscherin von England

Vor meinem Anspruch Ruhe schaffen kann.

Eh' sich ein Henker für mich findet, wird

Noch eher sich ein Mörder dingen lassen.

- Das ist's, wovor ich zittre, Sir! und nie

Setz ich des Bechers Rand an meine Lippen,

Dass nicht ein Schauder mich ergreift, er könnte

Kredenzt sein von der Liebe meiner Schwester.                     630

MORTIMER.

Nicht offenbar, noch heimlich soll's dem Mord

Gelingen, Euer Leben anzutasten.

Seid ohne Furcht! Bereitet ist schon alles,

Zwölf edle Jünglinge des Landes sind

In meinem Bündnis, haben heute früh

Das Sakrament darauf empfangen, Euch

Mit starkem Arm aus diesem Schloss zu führen.

Graf Aubespine, der Abgesandte Frankreichs,

Weiß um den Bund, er bietet selbst die Hände,

Und sein Palast ist's, wo wir uns versammeln.                        640

MARIA.

Ihr macht mich zittern, Sir - doch nicht für Freude.

Mir fliegt ein böses Ahnen durch das Herz.

Was unternehmt Ihr? Wisst ihr's? Schrecken euch

Nicht Babingtons, nicht Tichburns blut'ge Häupter,

Auf Londons Brücke warnend aufgesteckt,

Nicht das Verderben der Unzähligen,

Die ihren Tod in gleichem Wagstück fanden

Und meine Ketten schwerer nur gemacht?

Unglücklicher, verführter Jüngling - flieht!

Flieht , wenn's noch Zeit ist - wenn der Späher Burleigh         650

Nicht jetzt schon Kundschaft hat von euch, nicht schon

In eure Mitte den Verräter mischte.

Flieht aus dem Reiche schnell! Marien Stuart

Hat noch kein Glücklicher beschützt.

MORTIMER.                                       Mich schrecken

Nicht Babingtons, nicht Tichburns blut'ge Häupter,

Auf Londons Brücke warnend aufgesteckt,

Nicht das Verderben der unzähl'gen andern,

Die ihren Tod in gleichem Wagstück fanden;

Sie fanden auch darin den ew'gen Ruhm,

Und Glück schon ist's, für Eure Rettung sterben.                    660

MARIA. Umsonst! Mich rettet nicht Gewalt, nicht List.

Der Feind ist wachsam, und die Macht ist sein.

Nicht Paulet nur und seiner Wächter Schar,

Ganz England hütet meines Kerkers Tore.

Der freie Wille der Elisabeth allein

Kann sie mir auftun.

MORTIMER.                  O das hoffet nie !

MARIA. Ein einz'ger Mann lebt, der sie öffnen kann.

MORTIMER. O nennt mir diesen Mann -

MARIA.                                              Graf Leicester.

MORTIMER. (tritt erstaunt zurück). Leicester!

Graf Leicester! - Euer blutigster Verfolger,

Der Günstling der Elisabeth - von diesem -                            670

MARIA. Bin ich zu retten, ist's allein durch ihn.

- Geht zu ihm. Öffnet Euch ihm frei,

Und zur Gewähr, dass ich's bin, die Euch sendet,

Bringt ihm dies Schreiben. Es enthält mein Bildnis

(Sie zieht ein Papier aus dem Busen, Mortimer tritt zu-

rück und zögert es anzunehmen.)

Nehmt hin. Ich trag es lange schon bei mir,

Weil Eures Oheims strenge Wachsamkeit

Mir jeden Weg zu ihm gehemmt - Euch sandte

Mein guter Engel -

MORTIMER. Königin - dies Rätsel -

Erklärt es mir -

MARIA.                Graf Leicester wird's Euch lösen.

Vertraut ihm, er wird Euch vertraun - Wer kommt?              680

Kennedy.(eilfertig eintretend).

Sir Paulet naht mit einem Herrn vom Hofe.

MORTIMER. Es ist Lord Burleigh. Fasst Euch, Königin!

Hört es mit Gleichmut an, was er Euch bringt.

(Er entfernt sich durch eine Seitentür, Kennedy folgt ihm.)

 

 
  [ Text I,6 ] Bausteine ]  
     

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