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Friedrich Schiller: Maria Stuart - 1.Akt

I,4

 
 
 
 

Vierter Auftritt

Maria. Kennedy.

KENNEDY. Darf Euch der Rohe das ins Antlitz sagen!

Oh, es ist hart!

MARIA.  ( in Nachdenken verloren ).

Wie haben in den Tagen unsers Glanzes

Dem Schmeichler ein zu willig Ohr geliehn;

Gerecht ist's, gute Kennedy, dass wir

Des Vorwurfs ernste Stimme nun vernehmen.

KENNEDY. Wie? so gebeugt, so mutlos, teure Lady?

Wart Ihr doch sonst so froh, Ihr pflegtet mich zu trösten,

Und eher musst' ich Euren Flattersinn                                    270

Als Eure Schwermut schelten.

MARIA. Ich erkenn ihn.

Es ist der blut'ge Schatten König Darnleys,

Der zürnend aus dem Gruftgewölbe steigt,

Und er wird nimmer Friede mit mir machen,

Bis meines Unglücks Maß erfüllet ist.

KENNEDY. Was für Gedanken -

MARIA.                                 Du vergissest, Hanna -

Ich aber habe ein getreu Gedächtnis -

Der Jahrestag dieser unglückseligen Tat

Ist heute abermals zurückgekehrt,

Er ist's , den ich mit Buß' und Fasten feire.                             280

KENNEDY. Schickt endlich diesen bösen Geist zur Ruh'.

Ihr habt die Tat mit jahrelanger Reu',

Mit schweren Leidensproben abgebüßt.

Die Kirche, die den Löseschlüssel hat

Für jede Schuld, der Himmel hat vergeben.

MARIA. Frisch blutend steigt die längst vergebne Schuld

Aus ihrem leicht bedeckten Grab empor!

Des Gatten Rache forderndes Gespenst

Schickt keines Messedieners Glocke, kein

Hochwürdiges in Priesters Hand zur Gruft.                            290

KENNEDY. Nicht Ihr habt ihn gemordet ! Andre taten's!

MARIA. Ich wusste drum. Ich ließ die Tat geschehn

Und lockt' ihn schmeichelnd in das Todesnetz.

KENNEDY. Die Jugend mildert Eure Schuld. Ihr wart

So zarten Alters noch.

MARIA.                           So zart - und lud

Die schwere Schuld auf mein so junges Leben.

KENNEDY. Ihr wart durch blutige Beleidigung

Gereizt und durch des Mannes Übermut,

Den Eure Liebe aus der Dunkelheit,

Wie eine Götterhand, hervorgezogen,

Den Ihr durch Euer Brautgemach zum Throne

Geführt, mit Eurer blühenden Person                                     300

Beglückt und Eurer angestammten Krone.

Konnt' er vergessen, dass sein prangend Los

Der Liebe großmutsvolle Schöpfung war?

Und doch vergaß er's, der Unwürdige!

Beleidigte mit niedrigem Verdacht,

Mit rohen Sitten Eure Zärtlichkeit,

Und widerwärtig wurd' er Euren Augen.

Der Zauber schwand, der Euren Blick getäuscht,                  310

Ihr floht erzürnt des Schändlichen Umarmung

Und gabt ihn der Verachtung preis - Und er -

Versucht' er's, Eure Gunst zurückzurufen?

Bat er um Gnade? Warf er sich bereuend

Zu Euren Füßen, Besserung versprechend?

Trotz bot Euch der Abscheuliche - Der Euer

Geschöpf war, Euren König wollt' er spielen,

Vor Euren Augen ließ er Euch den Liebling,

Den schönen Sänger Rizzio, durchbohren -

Ihr rächtet blutig nur die blut'ge Tat.                                       320

MARIA. Und blutig wird sie auch an mir sich rächen,

Du sprichst mein Urteil aus, da du mich tröstest.

KENNEDY. Da Ihr die Tat geschehn ließt, wart Ihr nicht

Ihr selbst, gehörtet Euch nicht selbst. Ergriffen

Hatt' Euch der Wahnsinn blinder Liebesglut,

Euch unterjocht dem furchtbaren Verführer,

Dem unglücksel'gen Bothwell - Über Euch

Mit übermüt'gem Männerwillen herrschte

Der Schreckliche, der Euch durch Zaubertränke,

Durch Höllenkünste das Gemüt verwirrend,                           330

Erhitzte -

MARIA. Seine Künste waren keine andre

Als seine Männerkraft und meine Schwachheit.

KENNEDY. Nein, sag ich. Alle Geister der Verdammnis

Musst' er zu Hilfe rufen, der dies Band

Um Eure hellen Sinne wob. Ihr hattet

Kein Ohr mehr für der Freundin Warnungsstimme,

Kein Aug' für das, was wohlanständig war.

Verlassen hatte Euch die zarte Scheu

Der Menschen; Eure Wangen, sonst der Sitz

Schamhaft errötender Bescheidenheit,                                   340

Sie glühten nur vom Feuer des Verlangens.

Ihr warft den Schleier des Geheimnisses

Von Euch; des Mannes keckes Laster hatte

Auch Eure Blödigkeit besiegt, Ihr stelltet

Mit dreister Stirne Eure Schmach zur Schau.

Ihr ließt das königliche Schwert von Schottland

Durch ihn, den Mörder, dem des Volkes Flüche

Nachschallten, durch die Gassen Edinburghs

Vor Euch hertragen im Triumph, umringtet

Mit Waffen Euer Parlament, und hier,                                    350

Im eignen Tempel der Gerechtigkeit,

Zwangt Ihr mit frechem Possenspiel die Richter,

Den Schuldigen des Mordes loszusprechen -

Ihr gingt noch weiter - Gott!

MARIA.                                    Vollende nur!

Und reicht' ihm meine Hand vor dem Altare!

KENNEDY. O lasst ein ewig Schweigen diese Tat

Bedecken! Sie ist schauderhaft, empörend,

Ist einer ganz Verlornen wert - Doch Ihr seid keine

Verlorne - ich kenn Euch ja, ich bin's,

Die Eure Kindheit auferzogen. Weich                                    360

Ist Euer Herz gebildet, offen ist's

Der Scham - der Leichtsinn nur ist Euer Laster.

Ich wiederhol es, es gibt böse Geister,

Die in des Menschen unverwahrter Brust

Sich augenblicklich ihren Wohnplatz nehmen,

Die schnell in uns das Schreckliche begehn

Und, zu der Höll' entfliehend, das Entsetzten

In dem befleckten Busen hinterlassen.

Seit dieser Tat, die Euer Leben schwärzt,

Habt Ihr nichts Lasterhaftes mehr begangen,                          370

Ich bin ein Zeuge Eurer Besserung.

Drum fasset Mut! Macht Friede mit Euch selbst!

Was Ihr auch zu bereuen habt, in England

Seid Ihr nicht schuldig, nicht Elisabeth,

Nicht Englands Parlament ist Euer Richter.

Macht ist's , die Euch hier unterdrückt; vor diesen

Anmaßlichen Gerichtshof dürft Ihr Euch

Hinstellen mit dem ganzen Mut der Unschuld.

MARIA. Wer kommt?

(Mortimer zeigt sich an der Türe.)

KENNEDY. Es ist der Neffe. Geht hinein.

 

 
  [ Text I,4 ] Bausteine ]  
     

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