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Frühe Kindheit Friedrich Schillers (1759 - 66)

Leben in einer Idylle

Elementarschulzeit in Lorch (1764 - 1766)

 
 
Als Friedrich Schillers Vater Johann Caspar im Dezember 1763 Werbeoffizier in Schwäbisch Gmünd wird, zieht die Familie von Marbach zunächst für kurze Zeit nach Schwäbisch Gmünd und, als der Lohn für den Vater ausbleibt, um in das kleine Dorf Lorch, das eineinhalb Stunden Fußmarsch entfernt von Schwäbisch Gmünd liegt.
Während der folgenden drei Jahre, die die Familie dort, in der Wohnung über der Schmiede des Schmiedemeisters Molt wohnt, macht Friedrich im Alter zwischen vier und sieben Jahren Erfahrungen, die ein Leben lang nachwirken.
Seine späteren Erinnerungen daran sind stets verbunden mit einem intensiven Naturerleben und Gefühlen von Geborgenheit. Lorch ist für ihn so etwas wie das verlorene Paradies der frühen Kindheit (vgl. Safranski 2004, S.21) Erinnerungen daran hat Schiller in seinem späteren literarischen Schaffen immer wieder verarbeitet. Besonders deutlich kehren diese "unschuldig scheinenden Traumbilder der Jugend" in den pathetisch überhöhten Erinnerungen Karl von Moors an seine verlorene Heimat wieder, die ihm Friedrich Schiller als einer der Hauptfiguren seines Dramas "Die Räuber“ (III,2 und IV,1) in den Mund legt. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 70).
In Lorch und seiner Umgebung erleben Friedrich, von vier an, und seine Schwester Christophine, von sechs Jahren an, so etwas wie ein normales Familienleben. Dabei muss man sich das Leben, das die Schillers in Lorch und auch später in Ludwigsburg führen, wie Buchwald (1959, S.84) betont als "bürgerlich-beschränkt in dem Sinne vorstellen, dass man zwar an keinerlei Luxus denken durfte, dass aber auch kein Mangel am Nötigen war." Die Familie lebt, wenngleich ihre finanzielle Lage angesichts des Verhaltens Carl Eugens gegenüber seinem Offizier, auch nicht besonders rosig ist eben so wie viele andere Beamte und Angehörige der gelehrten Stände auch. In jedem Falle "ist nichts verkehrter als die Vorstellung, in Schillers Kindheit hätten Armut und Not geherrscht. Was Not ist, das hat er später, nach seiner Flucht, schmerzlich genug erfahren, so wie er als Zeit der Unterdrückung immer nur seine Karlsschulzeit empfunden hat.“ ( ebd.)
Vater und Mutter Schiller leben ihren Kinder die Rollenmuster vor, die in dieser Zeit von Mann und Frau erwartet werden.
Friedrich lernt sehr früh, wer in der Familie das Sagen hat. Es ist, wie in dieser patriarchalisch strukturierten Welt nicht anders zu erwarten, der Vater, dessen Autorität unumstritten ist. Dabei fordert Johann Caspar von Frau und Kindern, was sein eigenes Verständnis von Pflicht auch ihm abverlangt. Häufig erleben ihn Frau Kinder kompromisslos autoritär und es kommt auch vor, dass sie unter seinen cholerischen Ausbrüchen leiden müssen (vgl. Lahnstein 1981, S. 11). Friedrich begreift schnell, dass in seiner Welt gilt, was der Vater sagt, er diesem, komme, was wolle, zu gehorchen, andernfalls harte Strafen zu gewärtigen hat. Dass Friedrich seinen Vater aller von ihm ausgehenden psychischen und physischen Härten zum Trotz liebt, ihm wie einer seiner Biographen, Rüdiger Safranski (2004, S.24), betont, sogar "lebenslang eine fast kindliche Verehrung" entgegenbringt, scheint nur auf den ersten Blick verwunderlich. Psychologisch gesehen handelt es sich dabei um die in autoritären Vater-Sohn-Beziehungen oft stattfindende Reaktionsbildung, die den übermächtigen und eigentlich verhassten Vater zu einem Objekt der Liebe macht, um dem aussichtslosen Kampf ausweichen zu können. Das aus Reaktionsbildung entstehende ambivalente Gefühl Friedrichs in der Beziehung zu seinem Vater hat Safranski (2004) so beschrieben: "Gewiss fürchtete Friedrich seinen Vater, aber da er ihn auch liebte, wurde aus Furcht Ehrfurcht." (Safranski 2004, S.23) Mutter Dorothea zeigt sich, komplementär dazu, ganz anders. Sie strahlt die emotionale Wärme aus, die die Kinder in ihrem Aufwachsen begleiten.
Als Friedrich ab März 1765 mit fünfeinhalb Jahren in die Elementarschule in Lorch geht, bekommt er die väterliche Autorität in besonderem Maß zu spüren. Seine Schul- und Hausarbeiten werden von seinem Vater streng kontrolliert, Johann Caspar lässt seinen Sohn Gedächtnisübungen machen und nötigt ihn zu ersten Schreibversuchen. Auch wenn der Vater damit die geistigen Fähigkeiten seine Sohnes fördert, ist davon auszugehen, dass sich die Wünsche des Jungen nach fünf bis sechs Stunden in einem monotonen und "mechanischen Paukbetrieb mit spärlichen Auflockerungen“ (Alt Bd. I, 2004, S.72) auf alles andere richten als dessen Fortsetzung unter väterlicher Aufsicht zu Hause.
An das Schwänzen der Schule ist, wenn der Vater daheim ist, natürlich nicht zu denken, auch wenn die beiden Geschwister sonst schon einmal, meistens miteinander, der Schule unentschuldigt fern bleiben. (vgl. Lahnstein 1981, S. 24) Schulschwänzen ist in dieser Zeit noch allgemein üblich, weil es keine Möglichkeit gibt, die Schulpflicht zu erzwingen und sich, insbesondere auf dem Land der Widerstand dagegen nicht so einfach brechen lässt (vgl. Wehler 1987, S.287). So heißt es in einer Aufzeichnung, die Friedrichs ältere Schwester diesbezüglich hinterlassen hat: "Nur einmal geschah es, dass er sich vergaß, es rief ihn nämlich die Nachbarin, die mit der Familie sehr bekannt war (und durch deren Haus er immer den Gang nach der Schule machen musste), er solle einen Augenblick in die Küche kommen. Sie wusste, dass es sein Lieblingsgericht war, Brei von türkischem Weizen – natürlich folgte er der Einladung – und war kaum über den Brei geraten, als sein Vater, der oft zum Nachbarn ging ihm etwas aus der Zeitung mitzuteilen, an der Küche vorüber ging, ihn aber nicht bemerkte – allein der Arme erschrak so heftig und rief: Lieber Vater, ich will’s nie wieder tun, nie wieder! Jetzt erst bemerkte ihn der Vater, und sagte nur: nun geh nur nach Hause. Mit einem entsetzlichen Jammergeschrei verließ er seinen Brei – eilte nach Hause, bat die Mutter inständig, sie möchte ihn doch bestrafen, ehe der Vater nach Hause käme, und brachte ihr selbst den Stock.“ (zit. n. Lahnstein 1981, S.24) Nicht die Prügelstrafe mit dem Stock allein ist es, die zu denken gibt, zumal körperliche Züchtigung damals zur Erziehung einfach dazugehört. Das Beispiel wirft vielmehr ein bezeichnendes Licht auf den zweiten Teil des oben erwähnten Begriffs Ehrfurcht, der Furcht nämlich vor der strafenden, übermächtigen und gänzlich internalisierten Macht des Vaters. Und zu dem Vaterbild, das der junge Friedrich entwickelt, gehört auf der anderen Seite aber auch Bewunderung dafür, wie sich der württembergische Offizier in der Welt behauptet, und wie er sich, soviel weiß Friedrich aus den Erzählungen des Vaters, früher als Husar in den Niederlanden und später im Siebenjährigen Krieg (1756 - 63) als württembergischer Regimentsmedicus behauptet hat.
Mitunter kann Friedrich, wie schon erwähnt, seinen Vater auf einem eineinhalb bis zweistündigen Fußmarsch zur Arbeit nach Schwäbisch Gmünd begleiten. Hier schlängelt sich die Rems durch Wiesen, Auen und Hügel, auf denen Tannen stehen. In dieser seit der Stauferzeit burgenbewehrten Landschaft mit dem Hohenstaufergrab hoch oben auf dem Klosterberg gibt es vieles, was die Phantasie des Jungen anregt. Auf dem Weg beschreibt ihm sein Vater die durchwanderte Landschaft und erzählt ihm allerlei sagenhafte Geschichten. (Alt Bd. I, 2004, S.70) Diese Geschichten kann Friedrich phantasievoll weiterspinnen. Gewiss wird sein Vater auch von seiner abenteuerlichen Zeit in den Niederlanden erzählt haben, die ihm so viel bedeuten. Wie sehr den Jungen die "Heldentaten“ seines Vaters beeindrucken, wenn dieser lebendig und anschaulich davon erzählt, macht eine Anekdote sichtbar, die "durch ein paar Generationen im Meiningischen weitererzählt“ worden ist. Friedrich Schiller soll nach seiner Flucht aus Stuttgart, während seines Aufenthaltes in Bauerbach, wo er aus Angst vor Repressalien zwischen 1782 und 1783 unter einem Decknamen lebt, in einem Gespräch mit einem wegen seiner doppelten Berufsausübung als Kantor und Gerichtsaktuar etwas großspurig auftretenden Mann geäußert haben: "Ich kenne einen Mann, der in seiner Jugend den Siebenjährigen Krieg mitmachte. Im Winter 1757 stand er als Fähnrich in den böhmischen Winterquartieren. Da das in jener traurigen Zeit herrschende Faulfieber die Ärzte hinweggerafft hatte, fungierte mein Freund, der eine Zeitlang chirurgische Studien gemacht hatte, als Arzt. Da hierauf der Regimentskommandeur regelmäßige Gottesdienste anordnete, aber weder ein Vorsänger noch ein Geistlicher da war, so übernahm mein Freund auch zugleich das Amt eines Kantors und Feldpredigers. Wenn ich etwas zu befehlen hätte, so würde ich darauf dringen, dass jeder Geistliche und Schullehrer sich soviel als möglich medizinische Kenntnisse erwürbe, damit sie nicht bloß für das Seelenheil ihrer Beichtkinder, sondern in dringenden Fällen auch für deren leibliche Gesundheit tätig sein könnten.“ (zit. n. Buchwald 1959, S.47) Der Mann, von dem die Rede ist, ist sein Vater, den er wegen Wahrung seiner falschen Identität natürlich nicht erwähnen kann.
Auch bei den bis in die Ludwigsburger Zeit hineinreichenden Morgen- und Abendandachten, deren regelmäßige Durchführung dem Vater besonders am Herzen liegt, zeigt sich Friedrich als besonders aufmerksamer Zuhörer und bewundert den Vater, wenn dieser hin und wieder eigene Gebetstexte verfasst. (Alt Bd. I, 2004, S.71)
Die erwachende Religiosität Friedrichs orientiert sich zunächst dennoch weniger an der "Religion des Verstandes“ (Safranski 2004, S. 30), wie sie sein Vater vertritt.
Insgesamt gesehen entwickelt sich Friedrichs Schillers Verhältnis zu seinem Vater in dieser Phase seines Lebens, in einer Ambivalenz von Gefühlen, wie sie wohl die meisten Vater-Sohn-Beziehungen seiner Zeit ausgezeichnet haben. Väterliche Autorität, väterliches Erziehungshandeln und die von Vater repräsentierte Welt vermitteln eben, auch wenn man unter ihnen leiden muss "ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit" (Safranski 2004, S.23), verhelfen zu Orientierung in einer von autoritären Strukturen geprägten Gesellschaft.
Die erwachende Religiosität Friedrichs findet in der Person der Mutter Dorothea größere Resonanz als beim Vater. Sie lebt ihm eine Frömmigkeit vor, die er, da sie echt auf ihn wirkt, nachempfinden kann. Sie ist den pietistischen Strömungen der Zeit mehr zuneigt als ihr Mann, der solchen Gefühlskultivierungen stets skeptisch gegenübersteht. Ihre "Religion des Herzens“ nährt sich aus dem Empfindsamen und Poetischen der Religion (vgl. ebd., S.18) und äußert sich in ihren Vorlieben für die pietistischen Andachtsbücher »Johann Albrecht Bengels (1687-1752), in ihrer Freude, geistliche Lieder auswendig zu rezitieren (vgl. ebd., S.30) und ihrer Lektüre der Gesangbuchtexte von Luther, Gerhardt und Gellert, die sie ihrem Sohn nahe bringt (vgl. Alt Bd. I, 2004, S.78). Christophine erinnert sich später an einen Spaziergang der Kinder mit der Mutter von Lorch nach Marbach zu den Großeltern, in dessen Verlauf sich zeigt, auf welche Weise die Mutter die pietistische Empfindsamkeit ihrer Kinder fördern will. Die Mutter wählt dabei den Weg über einen Berg. „Es war ein schöner Ostermontag“, notiert Friedrich Schillers ältere Schwester, "und die Mutter teilte uns unterwegs die Geschichte von den zwei Jüngern mit, denen auf ihrer Wanderung nach Emmaus Jesus zugesellt hatte. Ihre Rede und Erzählung wurde immer begeisterter, und als wir auf den Berg kamen, waren wir alle so gerührt, dass wir niederknieten und beteten. Dieser Berg wurde uns zum Tabor.“ (zit. n. Safranski 2004, S. 30) Was uns heute möglicherweise daran befremdet, ist den Pietisten der Zeit Programm: über Gebet und Gesang zur Versenkung in Gott gelangen und in solchen Momenten schon jene Seligkeit erfahren, die der Seele sonst erst im Himmel zuteil werden kann (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 53)
Mutter Dorothea, die über ihre Frömmigkeit hinaus allgemein als warmherzig, sanft und liebevoll gilt (vgl. Safranski 2004, S.24), gewinnt die Zuneigung ihres Sohnes auch durch ihre im Vergleich zu ihrem Mann weitaus größere Toleranz und ihre emotionale Spontaneität. Mehr als einmal deckt sie den kleinen Friedrich vor seinem Vater, wenn er irgendetwas "verbrochen“ hat, was den Zorn des Vaters auf ihn ziehen kann (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 69). So solidarisieren sich die beiden auch gegen den Vater, unter dessen kompromisslos pedantischer Prinzipienreiterei und seinen gelegentlichen cholerischen Ausbrüchen (vgl. Lahnstein 1981, S. 11) sicher auch beide zu leiden haben.
 Insgesamt scheint Friedrich in seiner Mutter eine Frau erlebt zu haben, die ihm Zugänge zu einer relativ entspannten, von überzogenen Disziplinanforderungen entlasteten Gefühlskultur verschafft hat. Sein ganzes Leben lang wird er eine starke emotionale Bindung an die Mutter bewahren. Vielleicht, so vermutet sein Biograph Peter André Alt (Bd. I, 2004, S.69), rührt auch aus dieser emotionalen Bindung an die Mutter jenes erotische Interesse an älteren Frauen wie Dorothea Vischer oder Henriette von Wolzogen, das er in seiner Adoleszenz entwickelt.
Ab März 1765 geht der junge Friedrich also in die Elementarschule von Lorch. In Württemberg ist der Besuch dieser Volksschule auch über einhundert Jahre nach Einführung der allgemeinen Schulpflicht im Land (1649) noch immer keineswegs selbstverständlich, da bis dahin wohl kaum mehr als die Hälfte der Kinder überhaupt statistisch erfasst sind (vgl. Wehler 1987, S.287, vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 72). Was im internationalen Vergleich zwar sehr gut gewesen ist, bedeutet allerdings auch, dass die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler entweder überhaupt keine Schule besucht oder aber schlicht durch Abwesenheit glänzt, weil es keine Möglichkeit gibt, die Schulpflicht zu erzwingen und sich, insbesondere auf dem Land der Widerstand dagegen nicht so einfach brechen lässt (vgl. Wehler 1987, S.287) Der Unterricht, der meistens in einer einzigen Klasse oder in einer mehrere Jahrgänge übergreifenden Klasse stattfindet, wird, in der Regel im Nebenerwerb, von Dienstleuten oder ärmeren Handwerkern erteilt, die selbst nur acht Jahre die Elementarschule besucht haben. Wenn der Pfarrer, der oft genug, die Rolle des Elementarlehrers spielt, diese lästige Aufgabe delegiert, dann treten Küster, Dienstboten, Witwen oder auch irgendwelche gescheiterten Existenzen an ihre Stelle. (vgl. ebd.)
Von dem, was ein derartiger Elementarlehrer verdient, kann er jedoch nicht leben, ohne Nebenerwerb geht es nicht. Da ihre pädagogischen und didaktischen Kenntnisse nicht minder gering sind, gestaltet sich ihr Paukbetrieb monoton und erschöpft sich in stupidem Auswendiglernen. Wer sich diesem Drill toten Wissens während des fünf- bis sechsstündigen Unterrichts nicht hingibt, es gar wagt zu stören, bekommt zu spüren, was die schwarze Pädagogik in der Schule wie zu Hause an Erziehungsmaßnahmen bereithält: Ohrfeigen, Schläge mit einem Stock auf die Hand (Tatzen) oder „eine Tracht Prügel“ mit dem Stock. (vgl.  Alt Bd. I, 2004 S.70)
Dass der Schulmeister, Präzeptor Johannes Christoph Schmid, ein "fauler und nachlässiger Mensch“ und schon seit 40 Jahren im Amt ist (Lahnstein 1981, S. 24), wird den Anregungsgehalt seiner Unterrichtsstunden für den begabten und ehrgeizigen jungen Friedrich auch nicht gerade erhöht haben.
So lassen auch Berichte des Schuldekans eigentlich kein gutes Haar an ihm, wenn es u. a. heißt: "Übrigens aber sollte er freilich munterer und aufgeweckter in seinem Informieren sein. Es gehet ihm wie vielen, welche ihren Beruf nicht anders als eine Fron zu traktieren und immer wünschen, dass ihre Arbeit bald fertig wäre.“ An anderer Stelle heißt es über ihn lapidar: "Im Informieren träg und in der Zucht nachlässig.“ Die Verwarnungen, die ihm fast jährlich erteilt werden, gehen schließlich so weit, dass man 1768, zwei Jahre nach dem Wegzug der Familie Schiller nach Ludwigsburg, ernsthaft an eine Amtsenthebung denkt. Doch sein Tod macht diese Maßnahme überflüssig.
Trotz alledem, was in der Elementarschule in Lorch gelernt wird, entspricht in etwa dem, was auch die "teutsche Schule“ in der Residenzstadt den Kindern beibringen will: »auswendig schreiben und Briefe lesen«. "Das war“, so betont Buchwald (1959, S.86), "die höchste Stufe, die man damals erreichen konnte. Denn der Unterricht begann mit dem Lesen der Druckschrift nach einem mühseligen und primitiven Verfahren. Das diente dem wichtigsten Ziele der Volksschule: dem Bibellesen. Dann kam das Schreiben, das durch das Nachmalen von Vorlagen bewerkstelligt wurde. Und darauf erst konnten jene zuerst genannten höchsten Fähigkeiten einsetzen, Daneben ging ein umfangreiches Memorieren des Katechismus samt »Sprüchen, Psalmen und Gebeten« her nach einem »Neuen Biblischen Schatzkästlein«, das amtlich eingeführt war. Mit dem Rechnen gelangte man allenfalls bis zum kleinen Einmaleins. Das, was wir als Unterrichtsmethode zu bezeichnen pflegen, muss man sich an den Schulen vor Pestalozzi ganz hinwegdenken. Der Lehrer beschränkte sich darauf abzufragen, was die Kinder irgendwie lernten, und verlieh seinen Forderungen mit dem Stock den nötigen Nachdruck.“
Da fordern die nachmittäglichen Lateinstunden beim Dorfpfarrer, an denen er, kaum sechs Jahre alt, im Kreis von dessen Kindern teilnehmen darf, dem aufmerksamen, wissbegierigen und gelehrigen Jungen weitaus mehr ab und heben ihn aus dem Kreis der anderen Kinder seiner Elementarschule heraus. Lateinkenntnisse sind zu dieser Zeit wichtigster Grundpfeiler höherer Bildung und so beginnt man allgemein sehr früh damit, entsprechend talentierten Kindern grammatikalische Regeln beizubringen und sie unzählige Vokabeln lernen zu lassen.
Pastor Philipp Ulrich Moser, 1720 geboren, ist ein, das belegen alle Quellen (vgl. Buchwald 1959, S.88f.), außergewöhnlicher Mann. Was ihm die jährlichen Visitationsberichte bescheinigen, er sei »ein weitläufig belesener und tiefsinniger Mann« lässt sich fast beliebig fortführen. Mal wird ihm Gelehrtheit attestiert, mal seine Bibliothek als die beste der Diözese gerühmt., kurzum alle Urteile münden in eine äußerst positive Würdigung dieses Mannes. Und auch die wissenschaftliche Literatur unserer Tage bestätigt dieses Urteil stets aufs Neue. Mal gilt er als bescheiden, gelehrt, ganz der Innerlichkeit zugewandt, als "unerschrockener Kämpfer gegen Unrecht und Unsittlichkeit“ (vgl. Buchwald 1959, S. 90), mal als gütiger und aufrechter Mann, (vgl. Lahnstein 1981, S. 25) oder als "aufgeklärter Theologe“ und versierter Pädagoge (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 71)
Er ist ein Schüler Johann Albrecht Bengels (1687 - 1752), sieht sich im guten Sinne als pietistisch orthodoxer Lutheraner, der sich in seinen Veröffentlichungen aber stets gegen extreme Auffassungen im religiösen Denken und Verhalten verwehrt, wenn sich diese zu sehr in rationalistische oder spiritualistische Konzepte versteigen. So verzichtet er auch im regelmäßigen Bibelunterricht, den er von Amts wegen den Lorcher Kindern erteilt, auf pietistisch überzogene Frömmelei und bringt seinen Schülerinnen und Schülern Religiöses in besonders anschaulicher Weise nahe. (vgl. ebd.).
Was ihm aber darüber hinaus die Bewunderung seiner Schüler, namentlich Friedrichs, einbringt, ist sein außergewöhnliches Talent als Prediger. Wortgewaltig und anschaulich, dazu noch didaktisch gut strukturiert, hält er seine Predigten, die nicht nur die Kinder in ihren Bann schlagen. Für Friedrich haben seine Predigten den Rang von Initiationserlebnissen, die er eben auch im Rollenspiel zu Hause verarbeitet. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S. 71) Die kindlichen Predigerübungen, die Friedrich durchführt, legen jedenfalls ein beredtes Zeugnis darüber ab, wie tief ihn die Religiosität und Persönlichkeit des Pastors beeindrucken und die in seiner Familie ohnehin gepflegte Frömmigkeit eine weitere Bestärkung erhält. Sein Vater und die ältere Schwester Christophine erinnern sich später daran, wie er zu Hause Pfarrer spielt und Gottesdienst abhält. "Von meinem Vater“ schreibt Christophine, "aber wurde er zum Geistlichen bestimmt und er selbst zeigte von früher Jugend an Neigung für diesen Stand, als Knabe von 6, 7 Jahren trat er oft mit einer schwarzen Schürze umgeben auf einen Stuhl und predigte uns; alles musste aufmerksam zuhören, bei dem geringsten Mangel an Andacht wurde er sehr heftig; der Gegenstand der Predigt war etwas, was sich wirklich zugetragen hatte, oft auch ein geistlich Lied oder Spruch, worüber er nach seiner Art eine Auslegung machte, er selbst war immer ganz eifrig und zeigte da schon Lust und Mut, die Wahrheit zu sagen. Aber immer war er gut, sanft und nachgiebig gegen seine Schwestern …“ (zit. n. Lahnstein 1981, S. 35)
Für Friedrich Schiller wird Pastor Moder jedenfalls zum bewunderten Vorbild, und so scheint es dem Jungen klar, dass er werden will, was Pfarrer Moser ist (vgl. Buchwald 1959, S.91).
Noch in Lorch ist, wie schon erwähnt, die zwei Jahre ältere Schwester Christophine die wichtigste Spielgefährtin Friedrichs. Mit ihr streift er auf eigene Faust durch die nähere Umgebung. Daneben gibt es wohl noch Beziehungen zu anderen Spielkameraden, über die man von zwei Jungen abgesehen jedoch nicht viel weiß. Das ist zu einen Karl Philipp Conz, drei Jahre jünger als Friedrich, mit dessen Familie die Schillers befreundet sind. Der Vater von Karl ist Amtsschreiber oben im Kloster, wo er mit seiner Familie wohnt. Der gerade mal halb so alte kleine Conz hat Friedrich gewiss nie seine Führungsrolle in ihrer Beziehung streitig gemacht. Er wird später Professor an der Tübinger Universität, die freundschaftliche Zuneigung beider wird auch im späteren Leben erhalten bleiben. Während seines Aufenthaltes in Ludwigsburg 1793 werden sich die beiden Männer noch einmal häufiger sehen (vgl. Alt Bd. II, 2004, S. 66) und Conz wird als Mitarbeiter in Schillers von 1792 bis 1795 herausgegebenen Literaturzeitschrift "Neue Thalia“ mit eigenen lyrischen Texten in Erscheinung treten (vgl. ebd. S.196).Conz bleibt auch stets Bewunderer des literarischen Schaffens seines Lorcher Jugendfreundes. In einer 1782 in Stäudlins Schwäbischem Musenalmanach veröffentlichten Ode lässt er die gemeinsamen Kindheitserlebnisse in hymnisch-anschaulichen Bildern wiederaufleben und wendet sich voller Bewunderung am Ende direkt an den Freund:
„[…]
Und o wie du schon da
Manche kindischen Freuden
Mit mir theiltest!
Da noch schlummernd in uns
Ruhte der Funken, der jetzt
Aufzulodern begann und bald
Ausschlagen wird zur Flamme!“
(zit. n. Lahnstein 1981, S. 27)

Neben Karl Philipp Conz freundet sich Friedrich ab 1765 auch mit dem Sohn des Lorcher Pfarrers, Christoph Ferdinand Moser an.
Peter Lahnstein (1981, S. 26) hat die Lorcher Zeit Friedrich Schillers sehr anschaulich, wie folgt, zusammengefasst: "Bei aller Skepsis gegen den schönen Schein, die unserer Zeit gemäß ist, bei aller Einsicht in den Beruf des Vaters und in die wirtschaftliche Notlage der Familie, bei aller Abneigung gegen den Stock als Erziehungsmittel – sollten wir darüber hinwegsehen, wie viel Wärme, behagliche Vertraulichkeit dieses Kind umgeben haben, als es fünf, sechs sieben Jahre alt war? Wie gut war der Ort für kindliche Neugier und langsam wachsende Unternehmungslust: der weite Grasgarten und der vorbeieilende Bach, Schmiedfeuer und Pinkepank, Häuser und Gärten freundlicher Nachbarn, der nahe Wald und droben das Kloster mit seinen Geheimnissen. Die vom Vater gehaltene Morgenandacht, an die der kleine Junge seine eindringlichen Fragen knüpft; die schwärmerisch fromme Mutter, die ihn mit Versen von Gellert und Paul Gerhart vertraut macht; der Sonntagsgottesdienst, der bewunderte Lehrer auf der Kanzel; und wenn man, was sich eigentlich nicht schickt, umherguckt: die biblischen Bilder, mit denen die Empore bemalt ist. Die vertraute Schwester, die Spielkameraden ringsum … im Kloster droben, wo dessen Vater tätig ist, wohnt der kleine Conz, zwar kaum vier, wo man selber bald sieben ist, aber doch ein Freund.“
Als die Familie Schiller Lorch Ende 1766 verlässt und nach Ludwigsburg umzieht, steht für Vater Johann Caspar längst fest, wohin die weitere schulische Bildung seines einzigen Sohnes führen soll. Am Ende soll er protestantischer Geistlicher werden und damit auf diese Art und Weise auch den aus eigener Kraft vollzogenen sozialen Aufstieg der Schillers nachhaltig unter Beweis stellen.

© Gert Egle, teachSam - 07.12.2015

 
   
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