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Frühe Kindheit Friedrich Schillers (1759 - 66)

Zwischen Marbach und Irgendwo

Leben am Rande der Militärlager (1759 - 1763

 
 
Friedrich Schiller wird am 10. November 1759 in Marbach am Neckar geboren. Sein Vater Johann Caspar (27.10.1723 - 7.9.96) dient zu dieser Zeit im württembergischen Heer von Herzog Carl Eugen (1728 - 93) im Range eines Leutnants als Wundarzt und Feldscher. Seine Mutter, Elisabetha Dorothea (13.12.1732 - 29.4.1802), seit ihrem sechzehnten Lebensjahr (1749) mit Johann Caspar verheiratet, ist eine Tochter von Georg Friedrich Kodweiß, des Wirts zum "Goldenen Löwen“ in Marbach. Die Familie hat in der Stadt einen guten Namen, seit der Ur- und der Großvater der Braut als Bürgermeister in der Stadt tätig gewesen waren. Auch die Familie von Georg Friedrich Kodweiß gilt als wohlsituiert und das von ihm über die Gastwirtschaft hinaus ausgeübte Amt eines herzöglichen Inspektors für das Floßbauwesen scheint eine Weile lang die gesellschaftliche Erfolgsgeschichte der Familie fortzuschreiben. Die Mutter Dorotheas, so der Rufname der Ehefrau Johann Caspar Schillers, stammt dagegen aus einer katholischen Bauernfamilie in Röhrach. Johann Caspars Vorfahren stammen aus Württemberg, sind Bäcker, Küfer, Bauern und Gastwirte, die hin und wieder auch als Gemeindevorsteher oder Dorfbürgermeister in Erscheinung getreten sind.
Schon kurz nach der Heirat des jungen Paares steht Georg Friedrich Kodweiß, der sich im Holzhandel verspekuliert hat, 1752 vor dem endgültigen Ruin. Mit seinem ganzen Privatvermögen muss er für sein kaufmännisches Missgeschick haften, verliert alles und auch der "Goldene Löwe“, fast dreißig Jahre in seinem Besitz, kommt unter den Hammer. Johann Caspar, der seinem Schwiegervater in seinem finanziellen Abwärtsstrudel mit dem Erwerb eines Anteils an dem Gasthof noch unter die Arme gegriffen hat, kann alles gerade noch rechtzeitig weiterveräußern, ehe die Gläubiger auch seinen Anteil der Konkursmasse zuschlagen können. (vgl. Alt Bd. I, 2004 S. 64) Johann Caspar, der nach alldem an keine gute bürgerliche Zukunft in Marbach glaubt, tritt im Januar 1753 wieder in den Militärdienst ein, wird bald wieder Regimentsmedicus und setzt sich damit wieder von seiner Frau mit ihren vor der Deklassierung stehenden Eltern in Marbach ab, ohne allerdings die eingegangene Bindung zu Dorothea damit aufzugeben. Diese lebt noch bis zum Jahr 1756 in diesem Gasthof, hin und wieder mit dem Mann, wenn er zu Besuch kommen kann. Georg Friedrich Kodweiß stürzt mit seiner Familie sozial ab und wird zum Bettler mit einer Art Gnadenbrot als Stadttorwächter von Marbach (vgl. Safranski 2004, S. 20).
Nach ihrem Auszug aus dem Goldenen Löwen ziehen Dorothea und Johann Caspar für drei Jahre in das Beck-Schmid’sche Haus, das in dessen unmittelbarer Nachbarschaft liegt. Dort kommt am 4. September 1757 Friedrich Schillers ältere Schwester Christophine zur Welt. Als Dorothea ihrer nächsten Niederkunft entgegensieht, mietet Johann Caspar eine Wohnung im Haus des Ledergebers Schölkopf, welche die Familie, Caspar ist zu der Zeit in der Nähe stationiert, 1759 bezieht. In der niederen und kleinen Erdgeschosswohnung dieses Hauses nahe dem Niklastor von Marbach bringt Dorothea am 10. November 1759 ihr zweites Kind, Johann Christoph Friedrich, zur Welt. Die physische Konstitution des schwächlichen Neugeborenen lässt zunächst nichts Gutes ahnen. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit in diesen Zeiten ist überaus hoch." Trotzdem“, so Rüdiger Safranski, einer der neueren Schiller-Biographen, "soll es zugegangen sein wie bei einer Hochzeit“ (Safranski 2004, S. 17), als man am nächsten Tag eilig zur lutherischen Taufe schreitet. Die Liste der Taufpaten macht gesellschaftlich durchaus etwas her. Es sind ihrer neun Personen, darunter einige von Rang und Namen, die mit ihrer Funktion auch etwas aussagen über das Ansehen, das die Familie aller Probleme zum Trotz genießt. Unter den Taufpaten sind der Kammerherr Friedrich von Gabelentz, der Marbacher Bürgermeister Ferdinand Paul Hartmann und Oberst Rieger, ein enger Berater des Herzogs, ansonsten berüchtigt für seine brutalen Methoden bei der Zwangaushebung von Soldaten. (Alt Bd. I, 2004, 2004, S. 28)
Die Jahre bis 1763 ist Friedrich mit seiner Mutter und seiner größeren Schwester viel unterwegs. Da Johann Caspar, wenn er nicht gerade im Krieg seinen Mann steht, mal hier mal da stationiert ist, reist ihm die Ehefrau mit den Kindern oft hinterher und bezieht an den verschiedensten Orten Württembergs Quartier. In einem so unsteten Leben, dessen Wohnplätze immer nur Heimstatt auf Zeit sind, ist für die Kinder wenig familiäre Geborgenheit zu spüren. Man lebt meist sehr beengt, muss sich mit schlechten hygienischen Bedingungen abfinden, lebt in der Nähe der Militärlager ein Leben ohne besondere Anregungen, allesamt Kennzeichen einer insgesamt "misslichen Lebenssituation, die Ruhe und Intimität nie aufkommen lässt." (Alt Bd. I, 2004, 2004, S. 68) Vielleicht lassen sich auch die Krampfanfälle und die immer wieder auftretenden Fieberschübe, unter denen Friedrich in seiner frühen Kindheit leidet, auf diese ungünstigen Lebensumstände zurückführen. Auch wenn diese Frage vom heutigen Standpunkt aus nicht mehr geklärt werden kann, spricht einiges für den von der Schwester behaupteten Zusammenhang. Soviel ist jedenfalls klar: Eine "gesunde" psychosoziale Entwicklung des Menschen lässt nach Erik Erikson ein Kind in den ersten Lebensjahren zwischen der Geburt und dem Alter von drei Jahren ein "grundlegendes Vertrauen in seine Umwelt entwickeln" (Zimbardo/Gerrig 2004, S.470) Und bekanntermaßen kann ein Mangel an engen und liebevollen Beziehungen in der frühen Kindheit auch zu einer erhöhten Infektionsanfälligkeit sowie Fiebern unbekannter Herkunft führen. (vgl. ebd.) Ob dem "zarten schwächlichen Kind", wie Christophine später ihren kleineren Bruder jener Tage beschreibt, ein Stück weit jenes Urvertrauen abgeht, das durch die Zuwendung der Mutter oder anderer Bezugspersonen gefördert wird, lässt sich heute sicher nicht sagen und am besten lässt man es daher bei solchen Andeutungen daher auch bewenden. Jedenfalls lernen die beiden ersten Kinder von Dorothea in ihren ersten Jahren eigentlich nur die weibliche Seite einer Familie kennen. Vielleicht prägt Dorothea damit auch ihren Sohn Friedrich in seiner frühen Kindheit so, dass er eine große "Neigung sowohl zur Mutter als auch zur älteren Schwester" ausbildet, die auch später "die Wahl der Frauen, die er in sein Leben lassen will," bestimmen wird. (Aufenanger 2006, S.15) Unter Umständen geht dies sogar soweit, dass er in den Frauen seines Lebens immer wieder "das Abbild von Mutter und Schwester" suchen wird. (ebd.)
Auch die Kontaktaufnahme zu Gleichaltrigen und die Entwicklung früher Kinderfreundschaften fallen unter solchen Umständen gewiss nicht leicht. So wundert es überhaupt nicht, dass Friedrichs ältere Schwester Christophine für längere Zeit, selbst in Lorcher Tagen noch, seine wichtigste Spielgefährtin ist. Der Fähigkeit Friedrichs, auch im späteren Leben, Freundschaften zu schließen, tut dies indessen keinen Abbruch. (vgl. Alt Bd. I, 2004, S.74)
Die Zeit zwischen verschiedenen Militärlagern verbringen Mutter und Kinder zu Hause in Marbach, wo ja auch noch ihre Eltern leben. Allerdings kann sie bei ihren Eltern wohl auch nicht allzu viel Trost erwarten, wenn sie um ihren im Krieg stehenden Ehemann und damit um die Zukunft der eigenen Familie bangt. Ihr Vater ist seit seinem Ruin ein gebrochener Mann.
Als Johann Caspar im Dezember 1763 Werbeoffizier in Schwäbisch Gmünd wird, zieht die Familie von Marbach um in das kleine Dorf Lorch, das eineinhalb Stunden Fußmarsch entfernt von Schwäbisch Gmünd liegt.

© Gert Egle, teachSam - 29.09.2013

 
   
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