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Friedrich Schiller

Biographische Konzepte 3

Schillers Leben für den weitern Kreis seiner Leser

Karl Hoffmeister (1846)

 
 

Vorwort

»Karl Hoffmeisters größeres Werk: „Schillers Leben, Geistesentwicklung und Werke im Zusammenhang“
gehört zu den seltenen literarischen Erscheinungen, welche über die Legion der ephemeren Schriften unserer Tage, mit der vollsten Berechtigung zu bleibender Anerkennung und Teilnahme, weit hervorragen; es sichert seinem Verfasser auf die Dauer eine der ehrenvollsten Plätze unter unseren Biografen und Literarhistorikern. Es ist viel behauptet, aber nicht zu viel, wenn man sagt, dass bisher schlechterdings keine Schrift dieser Gattung dem Ideale einer echt wissenschaftlichen Biografie so nahe gekommen ist, als Hoffmeisters Werk. Wer es bestreiten will, der nenne eine Lebensbeschreibung, worin eine klare, wohlgeordnete und, soweit es die vorhandenen Quellen erlaubten, erschöpfende Darstellung der Lebensbezüge eines Schriftstellers mit einer tiefen, gründlichen, umfassenden Charakteristik seiner Werke, und, was besonders hervorzuheben ist, mit einer wissenschaftlichen Naturgeschichte seines Geistes zu einem so fest gefügten, schön gegliederten Ganzen verbunden wäre. Hoffmeister war aber auch zur Lösung einer so hohen und schwierigen Aufgabe, wie er sich gestellt hatte, durch einen seltenen Verein trefflicher Eigenschaften vor vielen anderen befähigt. Mit dem lautersten Interesse für die Wahrheit, der wärmsten Begeisterung für seinen Gegenstand und einem nicht zu ermüdenden Fleiß und Forschungseifer verband sich bei ihm ein scharfer, durch langjährige philosophische Studien gereifter Verstand, eine unbestechliche Kritik, ein gesunder Geschmack und die Gabe einer körnigen und lichtvollen Darstellung. Wer das Glück hatte, den edeln Mann aus persönlichem Umgang näher kennen zu lernen, dem musste noch eine merkwürdige Ähnlichkeit seines ganzen Wesens mit dem des Helden seiner Biografie auffallen. Dieselbe heroische Seelenstimmung und energische Charakterstärke, der gleiche Stolz eines freien Geistes, der nämliche hohe sittliche Ernst, und wieder dieselbe Humanität, dasselbe sanft und zart organisierte Gemüt, dasselbe gleichmäßig dem Wahren, Guten und Schönen zugewandte Interesse, die gleiche Begeisterung für die Idee der fortschreitenden Veredelung unsers Geschlechtes, die nämliche ideale Welt- und Lebensanschauung – fanden sich unverkennbar bei ihm, wie bei Schiller; und so hatte ihn die Natur gleichsam prädestiniert, die innerste Geistes- und Herzensentwicklung Schillers nicht bloß beobachtend und reflektierend, sondern auch mitlebend und mitfühlend zu verfolgen, und der tiefste Interpret seiner Werke zu werden. Und wenn ihn diese große Übereinstimmung vielleicht der Gefahr einer allzu warmen Vorliebe und parteiischen Hingehung an die ganze Persönlichkeit seines Helden aussetzte, so schützte ihn dagegen wieder die hohe Besonnenheit, das klare Selbstbewusstsein und die strenge Gerechtigkeitsliebe, die er gleichfalls mit Schiller gemein hatte.
Eine ganze Reihe seiner kräftigsten Mannesjahre hat er an die hohe Aufgabe gewandt, das Gesamtgemälde des Lebens unsers großen Dichters in würdigen und treuen Farben und Zügen vor der Nation auszubreiten; und ein glänzender Erfolg hat sein Streben gekrönt. Eine Teilnahme und Anerkennung, wie sie nur wenigen literarischen Produkten zu Teil wird, haben ihm die kurze Zeit, die ihm nach der Vollendung seines Werkes noch vergönnt war, zur schönsten seines Lebens gemacht. In viele Schriften sah er die Resultate seiner Forschungen; selbst die Gegner seines Standpunktes konnten seine mächtige Einwirkung nicht ablehnen, und mussten sich ihm zu Dank verpflichtet bekennen; einem großen Kreise von Lesern ist durch ihn das tiefere und allseitige Verständnis eines Dichters erschlossen worden, den sie längst liebten und verehrten, aber nur oberflächlich und einseitig ergriffen hatten.
Bei weitem größer noch würde dieser Kreis gewesen sein, wenn nicht die bedeutende Ausdehnung des Werks und der dadurch gebotene Preis nach manchen Seiten hin seine Verbreitung beschränkt hätte. Hoffmeister hatte dies wohl vorausgesehen; aber er konnte es sich nicht versagen, zuerst, von solchen Rücksichten absehend, Schillers Lebensgeschichte in genauem Detail, seine Werke in ihrer Fülle und Vielgestaltigkeit und seine Weltanschauung in ihrer ganzen Tiefe und reichen Gliederung darzustellen. Indes hatte er gleich Anfangs den Entschluss gefasst, dem größeren Werke ein weniger umfangreiches, übersichtlicheres folgen zu lassen, dessen Ausarbeitung er auch bald nach Vollendung des ersteren begann. Mitten in dieser Arbeit ereilte ihn unversehens der Tod. Seine Gattin ersuchte mich um Ergänzung der Schrift, von welcher ungefähr ein Drittel (bis S. 217 des ersten B.) druckfertig niedergeschrieben war, und zu deren übrigen Teilen sich noch fragmentarische Stücke, Andeutungen und Materialien vorfanden. Ich verkannte keineswegs das Bedenkliche eines solchen Auftrags, hielt mich aber, nach sorgfältiger Erwägung der Sache verpflichtet, den Versuch zu wagen. Was mich dazu ermutigte, war der Gedanke, dass, wie vieles auch mancher andere zur Lösung einer solchen Aufgabe vor mir voraushaben mochte, ich doch auch in einigen Hinsichten mich vor anderen im Vorteil befände. Bei häufigem brieflichen und mündlichen Verkehr mit dem Freund, zumal in der letzten Zeit seines Lebens, war ich mit der Bestimmung und dem ganzen Plan des neuen Werkes durchaus vertraut geworden; Hoffmeisters Sinnes- und Denkweise hatte ich durch eifriges Studium seiner Schriften und noch mehr durch den persönlichen Umgang mit ihm kennen gelernt; und in der Auffassung Schillers stimmten wir so sehr überein, dass auch Arbeiten, die wir ganz unabhängig voneinander durchführten, z.B. unsere Abhandlungen über die Jungfrau von Orleans, in vielen Resultaten überraschend genau zusammentrafen; in sein größeres Werk über Schiller aber, welches überall Grundlage und Hauptquelle der neuen Schrift bilden sollte, war ich, wie vielleicht wenige, mich zu vertiefen veranlasst gewesen, da ich es mir zur Aufgabe gemacht hatte, ihm meinen Kommentar über Schillers Gedichte allenthalben aufs Engste anzuschließen.
Indem ich nun hiermit Hoffmeisters letzte Schrift nebst meiner Ergänzung, der Öffentlichkeit übergebe, halte ich es noch für meine Pflicht, die Gesichtspunkte, von denen er bei der Anlage und Bearbeitung desselben ausging, sowie die Grundsätze, die ich bei der Ergänzung befolgte, und damit auch das Verhältnis dieser kleineren Schrift zu Hoffmeisters größerem Werke über Schiller, bestimmt und offen darzulegen.
Das äußerlich Biografische sollte hier in gleicher Vollständigkeit, wie in dem größeren Werke, gegeben werden; ja es mussten hier sogar manche lückenhafte Partien, die besonders im ersten Teil jenes Werks aus Mangel an Quellen und Nachrichten geblieben waren, durch inzwischen glücklich herbeigeschaffte Hilfsmittel ausgefüllt werden, wofür man den Raum durch eine gedrängtere, wenngleich darum nicht minder klare Darstellung zu gewinnen suchen musste. Was die eben erwähnten Hilfsmittel betrifft, so hatte Hoffmeister einen besonders glücklichen Fund an einem bisher ungedruckten und unbenutzten Manuskript des Professors (nachherzigen Prälaten) Abel über Schiller getan. Dann wurde Petersens bis jetzt noch nicht gehörig gebrauchter Nachlass über Schiller mit großer Sorgfalt ausgebeutet. Ferner war eine Menge Briefe an Schiller in Hoffmeisters Hände gekommen, wovon er für das größere Werk, mit Ausnahme der später erschienenen Teile, noch keinen Gebrauch hatte machen können. Auch bot die seit dem Erscheinen jener Schrift von ihm herausgegebene Nachlese zu Schillers Werken eine bedeutende Anzahl ganz neuer Dokumente dar; und endlich ward auch, was G. Schwab u.a. inzwischen ermittelt hatten, mit gewissenhafter Sorgfalt benutzt. Dies alles musste besonders auf den ersten Teil der neuen Schrift, der Schillers ersten Lebensabschnitt bis zur Vollendung des Don Carlos behandelt, einen großen Einfluss haben, wie denn auch dieser, dem Publikum bereits seit einiger Zeit vorliegende Teil eine von dem ersten Bande des größeren Werkes bedeutend abweichende Gestalt zeigt. In der zweiten und dritten Periode durfte das eigentlich Biografische unverrückter stehen bleiben, obgleich auch hier manches Einzelne, das der Leser ungern vermisst haben würde (z.B. die von Schwab ermittelten genaueren Data über Schillers Reise in die Heimat, das französische Bürgerdiplom, das Adelsdiplom usw.), nachzutragen war.
Dagegen sollten statt der ausführlichen Erörterungen und Beurteilungen der Schillerschen Werke, wie sie die größere Schrift bietet, hier nur kürzere, leicht überschaubare Charakteristiken und die Resultate tieferer Forschungen gegeben, aber kein einziges der bedeutenderen Geisteserzeugnisse Schillers unberücksichtigt gelassen werden. Nicht bloß für die Lektüre seiner Dichtungen, auch für das Studium seiner philosophischen und historischen Schriften sollte dieses Werk ein umsichtiger und sorgfältiger Führer und Interpret sein.
Die Grundauffassung Schillers aber nach der innersten Form, dem Entwicklungsgang und den Epochen seines Geistes, sowie nach seiner Zeit- und Weltstellung, war bei Hoffmeister unerschütterlich fest stehen geblieben, und wird auch, nach meiner innigsten Überzeugung, in ihren wesentlichen Punkten für alle Folgezeit maßgebend bleiben. dieser wird also der Leser in dem vorliegenden Werke, als einer durchaus unveränderten, wieder begegnen, wenngleich die Darlegung derselben auf einen bedeutend engeren Raum zusammengezogen worden ist.
Was nun endlich meinen Anteil an dieser Schrift betrifft, so war ich durch das größere Werk, verbunden mit den für das kleinere hinterlassenen Materialien, in den Stand gesetzt, die ganze Schrift beinahe mit Hoffmeisters eigenen Worten zu ende zu führen, so dass ich mich getrost der Hoffnung hingeben darf, der Leser werde darin ein nach Geist und Form streng harmonisches Ganzes finden. Waren stellenweise Zusätze oder kleine Berichtigungen unerlässlich, so waren doch diese nicht der Art, dass dadurch die Einheit des Tons gefährdet wurde. Bei der Verkürzung der erörternden Partien habe ich das Bedürfnis der Leser, für welche diese Schrift berechnet war, fest im Auge zu behalten gesucht, aber eher etwas zu viel, als zu wenig geben wollen. In der Abgrenzung der einzelnen Perioden bin ich gewiss, ganz im Sinne Hoffmeisters gehandelt zu haben. dadurch, dass ich den Schluss der zweiten Periode etwas weiter hinausrückte, als in dem größeren Werke, gewannen die drei Bändchen nicht nur dem Volumen nach eine ebenmäßigere Gestalt, sondern es konnte auch im zweiten Teile mit Schiller als Prosaiker vollkommener abgeschlossen werden, so dass der dritte sich nur noch mit dem Dichter beschäftigt. auf die Verteilung des Stoffes in die einzelnen Kapitel habe ich besondere Aufmerksamkeit verwandt. Die Erörterungen der Werke, zumal der historischen und philosophischen, glaubte ich in eigenen Kapiteln absondern zu müssen, damit der Leser, der sich diese für eine sorgfältige, eindringende Betrachtung vorbehalten wollte, dadurch in der Lektüre des eigentlich Biografischen möglichst wenig gehemmt werde.
Und so übergebe ich denn das teure Vermächtnis meines unvergesslichen Freundes dem Publikum mit dem sehnlichsten Wunsch, dass, wie durch seine größere Schrift bereits Schillers Verständnis einem engern Kreise tiefer eindringender Leser, erschlossen worden ist, so nun durch diese der große Lieblingsdichter unserer Nation dem gesamten gebildeten Deutschland möglichst nahe gerückt werden möge.
H. Viehoff

(aus: Karl Hoffmeister, Schillers Leben für den weitern Kreis seiner Leser, ergänzt und herausgegeben von Heinrich Viehoff. Stuttgart: Ad. Becher's Verlag. 1846. )

Biographische Autornotiz:
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   Arbeitsanregungen
  1. Arbeiten Sie aus der Einleitung heraus, welches biographische Konzept Hoffmeister und Viehoff verfolgen.

  2. Wie wird sich das Ihrer Ansicht nach auf bestimmte Aspekte seiner Darstellung von Schiller auswirken?
     

     
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