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Friedrich Schiller

Biographische Konzepte 2

Karoline von Wolzogen (1830)

 
 
Karoline von Wolzogen verfasst auf Wunsch von Johann Friedrich Cotta, dem langjährigen Freund Friedrich Schillers im Jahr 1828 eine Biographie des Dichters. Selbst Schriftstellerin und Schiller als Schwägerin nicht nur nahe verwandt, sondern auch mit ihm befreundet glaubt sie sich in besonderer Weise dazu imstande, eine Biographie Schillers zu verfassen. Sie schreibt dazu an J. F. Cotta: "Der Hauch der Liebe und Gemütlichkeit kann nur aus einer Freundesseele wehen, tausend liebenswürdige Charakterzüge konnten nur mir und meiner seligen Schwester bekannt sein. Durch die Briefe unseres unsterblichen Freundes in den verschiedenen Perioden seines Lebens, die sein ganzes Wesen darstellen, glaube ich wirklich mit diesem Werke dem Publikum ein wichtiges Geschenk zu machen.“ Ihr Schreiben über Schiller ist, wie sie einmal notiert, den "heitersten Momenten" vorbehalten, was nicht ohne Auswirkung auf den Tenor der gesamten Lebensdarstellung geblieben ist. Sie gestaltet ein ideales Schillerbild, das in die Schillerverehrung der Zeit passt und den zeitgenössischen Publikumsgeschmack so gut trifft, dass das 1830 veröffentlichte Werk einen für damalige Verhältnisse reißenden Absatz findet und den Verleger veranlasst immer neue Auflagen herauszugeben. So heißt es in einem Vorwort zu ihrer Biographie: "Und so behauptet neben den großen Biographien von Hoffmeister, Schwab, Schäfer, Palleske, Wychgram, Brahm, Mino, Weltrich und andern, welche eine Geschichte der Geistesentwicklung und eine ästhetisch-kritische Würdigung der Werke Schillers geben, dieses, aus einer hingebenden, begeisterten Frauenseele dem Lieblingsdichter des deutschen Volks errichtete Denkmal seinen unbestrittenen Wert." (aus: www.Wissen-im-Netz.info, 15.02.07)

»Einleitung
Die Nachrichten von Schillers Leben, die der vertrauteste Freund des unsterblichen Dichters den sämtlichen Werken desselben vorausschickte, dienen folgenden Blättern zur Grundlage; ja, sie sind größtenteils wörtlich in dieselben aufgenommen worden. Jenem Umriss sollten diese nur eine weitere Ausführung geben.
In dem Nachlass meiner Schwester, der Witwe Schillers, fanden sich viele Notizen über sein Leben, meistens Erinnerungen aus Gesprächen mit ihm, welche sie selbst in ein Ganzes zu fassen gedachte, als sich manche ihr unerfreuliche Äußerungen in das Publikum drängten. Diese Nachklänge der Leibe, Erinnerungen aus Schillers Jugendzeit, von seiner ältern Schwester mitgeteilt, Nachrichten an die siebzehn Jahre, die ich in innigster Freundschaft mit ihm und größtenteils in seiner Nähe verlebte, lieferten manche Züge zur Vollendung der Darstellung eines Lebens, das der Welt lieb und wichtig geworden ist.
Wahrheit und Naivität geben allen Memoiren und Biographien an anziehendes Leben. Wenn absichtliches Gestalten oder Verbergen der Umstände hervorblickt, werden Lebensbeschreibungen zu einem kalten, toten Machwerk. Wohl trägt jeder Maler eines Bildnisses etwas von seiner Individualität in dasselbe über, und jeder Geist fasst die Form eines andern anders auf. Aber mit der Selbsttäuschung des Darstellers finden wir uns leichter ab, und sein Wahrseinwollen befreundet uns schon mit ihm.
Dieses Gefühl wünschte ich zu erzeugen. Wahrheit allein sollte mich leiten im Entwurf und möglichst klare Einsicht in die Umgebung und die Zeit unsers großen Dichters; das Kolorit der Billigkeit und Leibe wird Gleichfühlende ansprechen.
Die unermessliche Lücke, die das Verschwinden seiner Persönlichkeit in den Kreis der Freunde und der Familie riss, hielt sie lange im Abgrunde stummen Schmerzes versenkt. Nur der allbeherrschende Genius ergoss sich in ernster, männlicher Klage zu einem würdigen Totenopfer für den Freund. Dannecker, Schillers Jugendfreund, sprach begeistert seinen Schmerz in der Bildung seiner kolossalen Marmorbüste aus, die in Großartigkeit und zarter Ausführung eines der merkwürdigsten Monumente deutscher Kunst bleiben wird. Körners treue Freundeshand entwarf die Nachrichten von Schillers Leben.
Der Zeit tröstete die Seinen nicht; denn tief und wahr ist Schillers Wort: „Das ist eine gemeine Seele, die eine Heilung annimmt von der Zeit;“ aber sie lehrte uns mit dem Schmerz um seinen Verlust leben. Die Bilder der schönen Vergangenheit mit ihm gingen über der trostlosen Öde, als wir ohne ihn dastanden, auf, wie die ewigen Sterne durch das Dunkel umhüllender Gewölke dringen; sie sind immer da und glänzen uns unerwartet an aus dem nächtlichen Blau des Äthers. Diese Bilder, wie sie in meiner Seele leben, auch andern darzustellen, war die Aufgabe, die ich mir machte.
Das deutsche Publikum, an dessen Herz sich seine Jugend warf und das sein Vertrauen so schön rechtfertigte, empfange auch diese, Schillers Andenken gewidmeten Blätter mit Liebe.

Karoline von Wolzogen, geborne von Lengefeld.«

(aus: Karoline von Wolzogen: Schillers Leben. Verfasst aus Erinnerungen der Familie, seinen eigenen Briefen und den Nachrichten seines Freundes Körner)

Biographische Autornotiz:
»»Karoline von Wolzogen, geb. von Lengefeld (* 3. Februar 1763 in Rudolstadt; † 11. Januar 1847 in Jena) dt. Schriftstellerin,  Tochter des Oberlandjägermeisters von Lengefeld am Hof von Rudolfstadt in Thüringen; Schwester von Charlotte, der Ehefrau Friedrich Schillers (Heirat 1790) Schwägerin Friedrich Schillers; wird mit 16 Jahren mit dem späteren Geheimen Legationsrat von Beulwitz verlobt, den sie 1784 heiratet; 1794 Scheidung und im gleichen Jahr Heirat mit Wilhelm von Wolzogen, dem geschiedenen Ehemann von Schillers Gönnerin Henriette von Wolzogen aus Bauerbacher Tagen, der am Hof in Sachsen-Weimar Kammerherr ist; seit 1797 wohnhaft in Weimar; dort zahlreiche Kontakte zu Literaten und Philosophen der Zeit, denen ihr Haus zu einem gern besuchten Treffpunkt wird; zu ihren Gästen zählen neben Friedrich Schiller, mit dem sie gut befreundet ist, Goethe, Wieland, Fichte, Schelling und Wilhelm von Humboldt; mehrere Schicksalsschläge wie der Tod Schillers (1805) und der ihres Mannes (1809), der ihrer Schwester und der ihres einzigen Sohnes August (1825), zieht sich Caroline von Wolzogen aus dem gesellschaftlichen Leben Weimars zurück und zieht 1825 nach Jena; dort führt sie bis zu ihrem Tod (1847) ein einsames, von schwärmerischer Religiosität geprägtes Leben; bekanntestes Werk: Roman "Agnes von Lilien", der 1796/97 in Schillers Zeitschrift "Die Horen" erscheint;

 

 
   
   Arbeitsanregungen
  1. Arbeiten Sie aus der Einleitung heraus, welches biographisch Konzept Karoline von Wolzogen verfolgt.

  2. Wie wird sich das Ihrer Ansicht nach auf bestimmte Aspekte ihrer Darstellung von Schillers Leben auswirken?
     

     
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