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Zeitgestaltung

Erzählgeschwindigkeit

Bernhard Schlink, Der Vorleser - Aspekte der Erzähltextanalyse

 
FAChbereich Deutsch
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WIE WIRD ERZÄHLT? (Zeitgestaltung, Perspektiven, Darbietungsformen ...)
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Die • Zeitgestaltung in • Bernhard Schlinks Roman •»Der Vorleser« stellt eine wichtigen • Aspekt der Analyse und Interpretation des Textes dar. Dabei geht es im Wesentlichen um die folgenden Aspekte:

Die erzählte Zeit des Romans umspannt den Zeitraum zwischen der ersten Begegnung von Hanna und Michael im Oktober 1958 und der wahrscheinlichen Erzählergegenwart des Jahres 1995. Bezieht man die Jahre 1943-1945 ein, die in dem Prozess gegen Hanna im Zweiten Teil des Romans mit Hannas Verbrechen als KZ-Aufseherin zur Darstellung gebracht werden, dehnt sich der Zeitraum der erzählten Zeit auf diesen Zeitraum aus.

Ausgangspunkt der Rekonstruktion der zeitlichen Daten der erzählten Zeit sind die Angaben zur Person, die Hanna am Beginn des Prozesses (Zweiter Teil, Kap. 3, S. 91) macht. Dort wird ihr Geburtsdatum fixiert: 21. Oktober 1922.

  • Ferner wird angegeben, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Vernehmung zur Person (Frühjahr) 43 Jahre alt ist.
    Diese zeitlich fixierten Angaben ermöglichen es, eine mehr oder weniger genaue Datierung der erzählten Zeit vorzunehmen. Der Prozess findet also 1966 statt.

  • Hanna sagt Michael während ihrer gemeinsamen Affäre im Frühjahr und Sommer, dass sie 36 Jahre alt ist. Daraus ergibt sich das Jahr ihrer Affäre: 1959. (S.40)

  • Michael ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt (S. 5) und ist im Juli 1943 geboren (S.70).

Der vergleichsweise lange Zeitraum der erzählten Zeit wird vom Erzähler so erzählt, dass das Geschehen als Ganzes gerafft, einzelne Textpassagen aber mit unterschiedlicher • Erzählgeschwindigkeit (auch: Erzähltempo, Geschwindigkeit, narratives Tempo) dargeboten werden (• anisochrones Erzählen). Der Wechsel zwischen ▪ Szene, ▪ Dehnung, ▪ Raffung, ▪ Ellipse, ▪ Pause Martinez/Scheffel (1998/2016, S.47) rhythmisiert Mischung die Erzählung.


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Der Erzählerbericht, der die • Betrachtungen und Erörterungen bzw. Reflexionen, mit denen vor allem das erzählende Ich das dargestellte Geschehen kommentiert, sowie die • szenischen Darstellungen miteinander verknüpft, • rafft das dargestellte Geschehen der ▪ erzählten Zeit in allen drei Teilen des Romans. Dabei ist die Intensität der Raffung im Dritten Teil am größten, der verglichen mit den beiden anderen ja auch den größten Zeitraum an erzählter Zeit umfasst und dafür eine vergleichsweise geringe ▪ Erzählzeit ausweist. Sein Erzähltempo ist, auch wenn es dafür • keinen wirklich objektiven Maßstab gibt, damit im Vergleich gesehen am größten.

Ein Beispiel für die raffende Funktion ist das 1. Kapitel im 2. Teil des Romans, in dem der Erzählerbericht mit vergleichsweise wenigen Sätzen die Zeit zwischen dem Verschwinden von Hanna und dem Abitur bzw. der Aufnahme des Jurastudiums durch Michael Berg überbrückt. ("Ich habe die letzten Jahre auf der Schule und die ersten auf der Universität als glückliche Jahre in in Erinnerung. Zugleich kann ich nur wenig über sie sagen." (Schlink, Der Vorleser, »Zweiter Teil, Kap. 1, S.84)

Der Ich-Erzähler vermittelt die Ereignisse bzw. das Geschehen im wesentlichen ▪ linear, d. h. in chronologischer Reihenfolge.

Bringt er die weiter zurückliegende Vergangenheit, z. B. die Verbrechen, derer sich Hanna als SS-Aufseherin in der Vergangenheit schuldig gemacht hat, ins Spiel, dann wird sie nicht als eigenständiger Handlungsstrang gestaltet. Der Erzähler verlässt dabei die Erzählgegenwart nicht, "um an früherer Stelle einen anderen Teil seiner Erzählung zu beginnen, sondern er führt ausholend ein Stück Vergangenheit in die Gegenwart ein" (Lämmert 1955, S. 101), das als Rückwendung der Gegenwartshandlung untergeordnet bleibt.

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 02.06.2024

 
 

 
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