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Er war sanftmütig und freundlich. Seine Augen standen dicht beieinander.
Das bedeutete Hinterlist. Seine Brauen stießen über der Nase zusammen. Das
bedeutete Jähzorn. Seine Nase war lang und spitz. Das bedeutete
unstillbare Neugier. Seine Ohrläppchen waren angewachsen. Das bedeutete
Hang zum Verbrechertum. Warum gehst du nicht unter die Leute?, fragte man
ihn. Er besah sich im Spiegel und bemerkte einen grausamen Zug um seinen
Mund. Ich bin kein guter Mensch, sagte er. Er verbohrte sich in seine
Bücher. Als er sie alle ausgelesen hatte, musste er unter die Leute, sich
ein neues Buch kaufen gehn. Hoffentlich gibt es kein Unheil, dachte er und
ging unter die Leute. Eine Frau sprach ihn an und bat ihn, ihr einen
Geldschein zu wechseln. Da sie sehr kurzsichtig war, musste sie mehrmals
hin- und zurücktauschen. Der Skorpion dachte an seine Augen, die dicht
beieinander standen, und verzichtete darauf, sein Geld hinterlistig zu
verdoppeln. In der Straßenbahn trat ihm ein Fremder auf die Füße und
beschimpfte ihn in einer fremden Sprache. Der Skorpion dachte an seine
zusammengewachsenen Augenbrauen und ließ das Geschimpfe, das er nicht
verstand, als Bitte um Entschuldigung gelten. Er stieg aus und vor ihm lag
eine Brieftasche auf der Straße. Der Skorpion dachte an seine Nase und
blickte sich nicht und drehte sich auch nicht um. In der Buchhandlung fand
er ein Buch, das hätte er gern gehabt. Aber es war zu teuer. Es hätte gut
in seine Manteltasche gepasst. Der Skorpion dachte an seine Ohrläppchen
und stellte das Buch ins Regal zurück. Er nahm ein anderes. Als er es
bezahlen wollte, klagte ein Bücherfreund: Das ist das Buch, das ich seit
Jahren suche. Jetzt kauft's mir ein anderer weg. Der Skorpion dachte an
den grausamen Zug um seinen Mund und sagte: Nehmen Sie das Buch. Ich trete
zurück. Der Bücherfreund weinte fast. Er presste das Buch mit beiden
Händen an sein Herz und ging davon. Das war ein guter Kunde, sagte der
Buchhändler, aber für Sie ist auch noch was da. Er zog aus dem Regal das
Buch, das der Skorpion so gern gehabt hätte. Der Skorpion winkte ab: Das
kann ich mir nicht leisten. - Doch, Sie können, sagte der Buchhändler,
eine Liebe ist der anderen wert. Machen Sie den Preis. Der Skorpion weinte
fast. Er presste das Buch mit beiden Händen fest an sein Herz und, da er
nichts mehr frei hatte, reichte er dem Buchhändler zum Abschied seinen
Stachel. Der Buchhändler drückte den Stachel und fiel tot um.
(aus: Christa Reinig, Orion trat aus dem Haus. Neue
Sternbilder, 1968)
*Reinig, Christa, *6.8.1926 Berlin. Lehre als
Blumenbinderin in Berlin, nach 1945 Fabrikarbeiterin, nach dem Abitur
1950-53 Studium an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät, danach studierte sie
Kunstgeschichte und Archäologie, wurde Archivarin und 1957
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Märkischen Museum. 1949-55 gehörte R.
der Gruppe der "Zukunftssachlichen Dichter" an und war Mitherausgeberin
einer Zeitschrift. Da ihre Lyrik und kleine Prosa in der DDR seit 1951
nicht mehr gedruckt wurde, veröffentlichte R. nur noch in westdeutschen
Verlagen. Für Gedichte bekam sie 1964 den Bremer Literaturpreis. Von der
Reise kehrte sie nicht mehr in die DDR zurück. Freie Autorin. Stipendium
der Villa Massimo 1965/66. Mehrere Preise, u.a. Roswitha-Gedenkmedaille
1993.
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