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Bausteine

Thomas Buddenbrooks Gedanken über das Geschäftsleben und seinen Charakter analysieren

Thomas Buddenbrook (1826-1875)

 
FAChbereich Deutsch
Glossar
Literatur Literarische Gattungen Autorinnen und Autoren Thomas ManN (1875-1955) Buddenbrooks  Gesamttext/Rechercheversion Didaktische und methodische Aspekte Überblick ASPEKTE DER ERZÄHLTEXTANALYSE Überblick Zeitgestaltung Raumgestaltung ErzählverhaltenDarbietungsformen Figurengestaltung ▪ Einzelne figuren Johann Buddenbrook, sen. (1765 - 1842) Gotthold Buddenbrook (1796 - 1856) Friederike (1822-?), Henriette (1823-?) und Pfiffi Buddenbrook (1824-?) Antoinette Buddenbrook, geb. Duchamps (? - 1842) Johann Buddenbrook, der Jüngere, Konsul (ca. 1800 - 1855) Konsulin Elisabeth Buddenbrook, geb. Kröger (ca. 1803 - 1871) [ Thomas Buddenbrook (1826-1875) Überblick Aspekte zur Analyse und Interpretation Bausteine ] Antonie Buddenbrook, verh. Grünlich, Permaneder (1827-?) Christian Buddenbrook (1828-?) Clara Buddenbrook (1838-1864) Hanno Buddenbrook (1861-1877) Weitere Figuren Komparativisches ErzählenTextauswahl Bausteine Links ins Internet Schreibformen Operatoren im Fach Deutsch
 

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Erzählformen und Erzählverhalten (Petersen)
Überblick
Erzählform
Standort des Erzählers (point of view)
Erzählperspektive (Sichtweise)
Erzählverhalten
Erzählhaltung  
Darbietungsweisen

(Thomas Buddenbrook denkt an dieser Stelle u. a. darüber nach, ob er den risikoreichen Vorschlag folgen soll, den ihm seine Schwester Antonie, die mit der Frau des hoch verschuldeten Junkers Ralf Maiboom befreundet ist, unterbreitet. Er soll Maiboom fünfunddreißigtausend Courantmark für seine nächste Getreideernte bezahlen, was ein riskante Spekulation darstellt, auch wenn es zunächst wie ein gutes Geschäft aussieht. Als Antonie gegangen ist, ist Senator Thomas Buddenbrook allein in seinem Ankleidezimmer, wo die Unterredung stattgefunden hat.)

"[...]

oft erfaßte den Senator, wie jetzt, während er matten Blickes in die Finsternis des Salons hinüberstarrte, die Scham und eine verzweifelte Ungeduld, wenn er sich den unbeträchtlichen Kleinbetrieb, das pfennig(469)weise Geschäftemachen vergegenwärtigte, zu dem sich in letzter Zeit die Firma Johann Buddenbrook erniedrigt hatte.

Aber, war es nicht gut so? Auch das Unglück, dachte er, hat seine Zeit. War es nicht weise, sich still zu verhalten, während es in uns herrscht, sich nicht zu rühren, abzuwarten und in Ruhe innere Kräfte zu sammeln? Warum mußte man jetzt mit diesem Vorschlag an ihn herantreten, ihn aus seiner klugen Resignation vor der Zeit aufstören und ihn mit Zweifeln und Bedenken erfüllen! War die Zeit gekommen? War dies ein Fingerzeig? Sollte er ermuntert werden, aufzustehen und einen Schlag zu führen? Mit aller Entschiedenheit, die er seiner Stimme zu geben vermocht, hatte er das Ansinnen zurückgewiesen; aber war, seit Tony aufgebrochen, wirklich das Ganze erledigt? Es schien nicht, denn er saß hier und grübelte. »Man begegnet einem Vorschlage nur dann mit Erregtheit, wenn man sich in seinem Widerstande nicht sicher fühlt« … Eine verteufelt schlaue Person, diese kleine Tony! Was hatte er ihr entgegengehalten? Er hatte es sehr gut und eindringlich gesagt, wie er sich erinnerte. »Unreinliche Manipulation … Im Trüben fischen … Brutale Ausbeutung … Einen Wehrlosen übers Ohr hauen … Wucherprofit …« ausgezeichnet! Allein es fragte sich, ob dies die Gelegenheit war, so laute Worte ins Gefecht zu führen. Konsul Hermann Hagenström würde sie nicht gesucht und würde sie nicht gefunden haben. War Thomas Buddenbrook ein Geschäftsmann, ein Mann der unbefangenen That oder ein skrupulöser Nachdenker?

Oh ja, das war die Frage; das war von jeher, solange er denken konnte, seine Frage gewesen! Das Leben war hart, und das Geschäftsleben war in seinem rücksichtslosen und unsentimentalen Verlaufe ein Abbild des großen und ganzen Lebens. Stand Thomas Buddenbrook mit beiden Beinen fest wie seine Väter in diesem harten und praktischen Leben? Oft genug, von jeher, hatte er Ursache gehabt, daran zu zweifeln! Oft genug, von Jugend an, hatte er diesem Leben gegenüber sein Fühlen korrigieren müssen … Härte zufügen, Härte erleiden und es nicht als Härte, sondern als etwas Selbstverständliches empfinden – würde er das niemals vollständig erlernen?

(470) Er erinnerte sich des Eindruckes, den die Katastrophe des Jahres 66 auf ihn hervorgebracht hatte, und er rief sich die unaussprechlich schmerzlichen Empfindungen zurück, die ihn damals überwältigt hatten. Er hatte eine große Summe Geldes verloren … ach, nicht das war das Unerträglichste gewesen! Aber er hatte zum ersten Male in vollem Umfange und am eigenen Leibe die grausame Brutalität des Geschäftslebens verspüren müssen, in dem alle guten, sanften und liebenswürdigen Empfindungen sich vor dem einen rohen, nackten und herrischen Instinkt der Selbsterhaltung verkriechen, und in dem ein erlittenes Unglück bei den Freunden, den besten Freunden nicht Teilnahme, nicht Mitgefühl, sondern – »Mißtrauen«, kaltes, ablehnendes Mißtrauen hervorruft. Hatte er das nicht gewußt? War er berufen, sich darüber zu verwundern? Wie sehr hatte er sich später in besseren und stärkeren Stunden darüber geschämt, daß er in den schlaflosen Nächten von damals sich empört, voll Ekel und unheilbar verletzt gegen die häßliche und schamlose Härte des Lebens aufgelehnt hatte!

Wie albern das gewesen war! Wie lächerlich jedes Mal diese Regungen gewesen waren, wenn er sie empfunden hatte! Wie war es überhaupt möglich, daß sie in ihm entstanden? Denn nochmals gefragt: War er ein praktischer Mensch oder ein zärtlicher Träumer?

Ach, diese Frage hatte er sich schon tausendmal gestellt, und er hatte sie, in starken und zuversichtlichen Stunden, bald so und – in müden – bald so beantwortet. Aber er war zu scharfsinnig und ehrlich, als daß er sich nicht schließlich die Wahrheit hätte gestehen müssen, daß er ein Gemisch von Beidem sei.

Zeit seines Lebens hatte er sich den Leuten als thätiger Mann präsentiert; aber soweit er mit Recht dafür galt – war er es nicht, mit seinem gern citierten Goetheschen Wahl- und Wahrspruch – aus bewußter Überlegung gewesen? Er hatte ehemals Erfolge zu verzeichnen gehabt … aber waren sie nicht nur aus dem Enthusiasmus, der Schwungkraft hervorgegangen, die er der Reflexion verdankte? Und da er nun daniederlag, da seine Kräfte – wenn auch, Gott gebe es, nicht für immer – erschöpft schienen: (471) war es nicht die notwendige Folge dieses unhaltbaren Zustandes, dieses unnatürlichen und aufreibenden Widerstreites in seinem Innern? … Ob sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater die Pöppenrader Ernte auf dem Halme gekauft haben würden? Gleichviel! … Gleichviel! … Aber daß sie praktische Menschen gewesen, daß sie es voller, ganzer, stärker, unbefangener, natürlicher gewesen waren, als er, das war es, was feststand! …

Eine große Unruhe ergriff ihn, ein Bedürfnis nach Bewegung, Raum und Licht. Er schob seinen Stuhl zurück, ging hinüber in den Salon und entzündete mehrere Gasflammen des Lüstre über dem Mitteltische. Er blieb stehen, drehte langsam und krampfhaft an der langen Spitze seines Schnurrbartes und blickte, ohne etwas zu sehen, in diesem luxuriösen Gemache umher. Es nahm zusammen mit dem Wohnzimmer die ganze Frontbreite des Hauses ein, war mit hellen, geschweiften Möbeln ausgestattet und trug, mit seinem großen Konzertflügel, auf dem Gerdas Geigenkasten stand, seiner mit Notenbüchern beladenen Etagère daneben, dem geschnitzten Stehpult und den Basreliefs von musizierenden Amoretten über den Thüren, den Charakter eines Musikzimmers. Der Erker war mit Palmen angefüllt.

Senator Buddenbrook stand zwei oder drei Minuten, ohne sich zu bewegen. Dann raffte er sich auf, ging ins Wohnzimmer zurück, trat ins Speisezimmer und erleuchtete auch dies. [...] "

(Quelle: Thomas Mann, Buddenbrooks, Frankfurt; Fischer 1999/2008, VIII, 4 - S. 468f.; Mann, Thomas. Buddenbrooks: Verfall einer Familie (Fischer Klassik) (S.282-284). FISCHER E-Books. Kindle-Version)

Erzählformen und Erzählverhalten (Petersen)
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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 18.04.2024

       
    Arbeitsanregungen
:
  1. Arbeiten Sie heraus, wie Thomas Buddenbrook das Gespräch mit Antonie Permaneder (Tony) verarbeitet.

    • Welche Auffassungen über den konkreten Vorschlag und das Geschäftsleben im Allgemeinen gehen ihm dabei durch den Kopf? Welche Position nimmt er dazu ein?

    • Wie sieht er sich selbst?

  2. Untersuchen Sie, wie der Erzähler die Textpassage gestaltet. Greifen Sie dabei zur Beschreibung auf die • Kategorientafel zur Analyse erzählender Texte von Petersen zurück und belegen Sie Ihre Ergebnisse am Text.

 
 
 

 
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