Gotthold Ephraim Lessing

Die Gans

 (1759)


Die Federn einer Gans beschämten den neugebornen Schnee. Stolz auf dieses blendende Geschenk der Natur, glaubte sie eher zu einem Schwane, als zu dem was sie war, geboren zu sein. Sie sonderte sich von ihres gleichen ab, und schwamm einsam und majestätisch auf dem Teiche herum. Bald dehnte sie ihren Hals, dessen verräterischer Kürze sie mit aller Macht abhelfen wollte. Bald suchte sie ihm die prächtige Biegung zu geben, in welcher der Schwan das würdigste Ansehen eines Vogels des Apollo hat. Doch vergebens; er war zu steif, und mit aller ihrer Bemühung brachte sie es nicht weiter, als dass sie eine lächerliche Gans ward, ohne ein Schwan zu werden.

(aus: Gotthold Ephraim Lessing, Fabeln (1759), an moderne Rechtschreibung angepasst)

     
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Überlegen Sie: Welche Lehre enthält diese Fabel?

  2. Stellen sie dar, auf welchen Sachteil der Bildteil verweisen könnte.
     

 
     
   
     

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