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Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

V,8: Die Enthüllung der Familienverhältnisse

V,7 V,8


ACHTER AUFTRITT

Nathan und der Tempelherr zu den Vorigen

SALADIN. Ah, meine guten lieben Freunde! - Dich,
   Dich, Nathan, muss ich nur vor allen Dingen                                3690
   Bedeuten, dass du nun, sobald du willst,
   Dein Geld kannst wieder holen lassen!1 . . .
NATHAN.                                                   Sultan! . . .
SALADIN.
   Nun steh ich auch zu deinen Diensten . . .
NATHAN.                                               Sultan! . . .
SALADIN. Die Karawan' ist da2. Ich bin so reich
   Nun wieder, als ich lange nicht gewesen.
-
   Komm, sag mir, was du brauchst, so recht was Großes
   Zu unternehmen! Denn auch ihr, auch ihr,
   Ihr Handelsleute, könnt des baren Geldes
   Zuviel nie
haben!3
NATHAN.                 Und warum zuerst
   Von dieser Kleinigkeit
? - Ich sehe dort                                       3700
   Ein Aug' in Tränen
4, das zu trocknen, mir
   Weit angelegner5  ist. (Geht auf Recha zu.) Du hast geweint?
   Was fehlt dir? - bist doch meine Tochter noch?
RECHA. Mein Vater! . . .
NATHAN.                   Wir verstehen uns. Genug! -
   Sei heiter! Sei gefasst! Wenn sonst dein Herz
   Nur dein noch ist! Wenn deinem Herzen sonst
   Nur kein Verlust nicht droht! - Dein Vater ist
   Dir unverloren!

RECHA.               Keiner, keiner sonst!
TEMPELHERR. Sonst keiner? - Nun! so hab ich mich betrogen.
   Was man nicht zu verlieren fürchtet, hat                                      3710
   Man zu besitzen nie geglaubt, und nie
   Gewünscht. - Recht wohl! recht wohl! - Das ändert, Nathan,
   Das ändert alles! - Saladin, wir kamen
   Auf dein Geheiß. Allein, ich hatte dich
   Verleitet;
6 itzt bemüh dich nur nicht weiter!
SALADIN. Wie gach7 nun wieder, junger Mann!8 - Soll alles
   Dir denn entgegenkommen? Alles dich
   Erraten?
TEMPELHERR. Nun du hörst ja! siehst ja, Sultan!
SALADIN. Ei wahrlich! - Schlimm genug, dass deiner Sache
   Du nicht gewisser warst!
TEMPELHERR.                So bin ich's nun.                                  3720
SALADIN. Wer so auf irgendeine Wohltat trotzt9,
   Nimmt sie zurück. Was du gerettet, ist
   Deswegen nicht dein Eigentum. Sonst wär'
   Der Räuber, den sein Geiz ins Feuer jagt,
   So gut ein Held wie du! (Auf Recha zugehend, um sie dem
   Tempelherrn zuzuführen
.) Komm, liebes Mädchen,
   Komm! Nimm's mit ihm nicht so genau. Denn wär'
   Er anders; wär' er minder warm10 und stolz:
   Er hätt' es bleiben lassen, dich zu retten.
   Du musst ihm eins fürs andre rechnen11. - Komm!
   Beschäm ihn! tu, was ihm zu tun geziemte!                                  3730
   Bekenn ihm deine Liebe! trage dich ihm an!12
   Und wenn er dich verschmäht; dir's je vergisst,
   Wie ungleich mehr in diesem Schritte du
   Für ihn getan, als er für dich . . . Was hat
   Er denn für dich getan? Ein wenig sich
   Beräuchern lassen
!13 ist was Rechts! - so hat
   Er meines Bruders, meines Assad,14 nichts!
   So trägt er seine Larve, nicht sein Herz.
   Komm, Liebe . . .
SITTAH.              Geh! geh, Liebe, geh! Es ist
   Für deine Dankbarkeit noch immer wenig;                                  3740
   Noch immer nichts.
NATHAN.                  Halt Saladin! halt Sittah!
SALADIN. Auch du?
NATHAN.                    Hier hat noch einer mitzusprechen . . .
SALADIN. Wer leugnet das? - Unstreitig, Nathan, kömmt
   So einem Pflegevater eine Stimme
   Mit zu
! Die erste, wenn du willst. - Du hörst,
   Ich weiß der Sache ganze Lage.
NATHAN.                                        Nicht so ganz! -
   Ich rede nicht von mir. Es ist ein andrer;
   Weit, weit ein andrer, den ich, Saladin,
   Doch auch vorher zu hören bitte.
SALADIN.                                      Wer?                                    3750
NATHAN. Ihr Bruder!
SALADIN.                      Rechas Bruder?
NATHAN.                                                  Ja!
RECHA.                                                             Mein Bruder?
   So hab ich einen Bruder?
TEMPELHERR (aus seiner wilden, stummen Zerstreuung
    auffahrend
).                       Wo? wo ist
   Er, dieser Bruder? Noch nicht hier? Ich sollt'
   Ihn hier ja treffen.
NATHAN.              Nur Geduld!
TEMPELHERR (äußerst bitter).   Er hat
   Ihr einen Vater aufgebunden
15: - wird
   Er keinen Bruder für sie finden?
SALADIN.                                   Das
   Hat noch gefehlt! Christ! ein so niedriger
  Verdacht wär' über Assads Lippen nicht
  Gekommen. - Gut! fahr nur so fort!
NATHAN.                                        Verzeih
   Ihm! - Ich verzeih ihm gern. - Wer weiß, was wir
   An seiner Stell', in seinem Alter dächten!                                     3760
   (Freundschaftlich auf ihn zugehend.)
   Natürlich, Ritter! - Argwohn folgt auf Misstraun! -
   Wenn Ihr mich Eures wahren Namens gleich
   Gewürdigt hättet
. . .16
TEMPELHERR.       Wie?
NATHAN.                                Ihr seid kein Stauffen!
TEMPELHERR. Wer bin ich denn?
NATHAN.                                        Heißt Curd von Stauffen nicht!
TEMPELHERR. Wie heiß ich denn?
NATHAN.                                        Heißt Leu von Filnek.
TEMPELHERR.                                                                  Wie?
NATHAN. Ihr stutzt?
TEMPELHERR.          Mit Recht! Wer sagt das?
NATHAN.                                                            Ich; der mehr,
   Noch mehr Euch sagen kann. Ich straf indes
   Euch keiner Lüge.
TEMPELHERR.      Nicht?
NATHAN.                           Kann doch wohl sein,
   Dass jener Nam' Euch ebenfalls gebührt.
TEMPELHERR. Das sollt' ich meinen! - (Das hieß Gott ihn sprechen!17) 3770
NATHAN. Denn Eure Mutter - die war eine Stauffin.
   Ihr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen,
   Dem Eure Eltern Euch in Deutschland ließen,
   Als, von dem rauhen Himmel dort vertrieben,
   Sie wieder hierzulande kamen: - Der
   Hieß Curd von Stauffen; mag an Kindes Statt
   Vielleicht Euch angenommen haben!
- Seid
   Ihr lange schon mit ihm nun auch herüber-
   Gekommen? Und er lebt doch noch?
TEMPELHERR.                                  Was soll
   Ich sagen? - Nathan! - Allerdings! So ist's!                                 3780
   Er selbst ist tot. Ich kam erst mit der letzten
   Verstärkung unsers Ordens.
- Aber, aber -
   Was hat mit diesem allen Rechas Bruder
   Zu schaffen?
NATHAN.       Euer Vater . . .
TEMPELHERR.                    Wie? auch den
   Habt Ihr gekannt? Auch den?
NATHAN.                                 Er war mein Freund.18
TEMPELHERR.   War Euer Freund? Ist's möglich, Nathan! . . .
NATHAN.                                                                          Nannte
   Sich Wolf von Filnek; aber war kein Deutscher . . .
TEMPELHERR. Ihr wisst auch das?
NATHAN.                                          War einer Deutschen nur
   Vermählt; war Eurer Mutter nur nach Deutschland
   Auf kurze Zeit gefolgt . . .

TEMPELHERR.               Nicht mehr! Ich bitt                              3790
   Euch! - Aber Rechas Bruder? Rechas Bruder . . .
NATHAN. Seid Ihr!
TEMPELHERR.         Ich? ich ihr Bruder?
RECHA.                                                     Er mein Bruder?
SITTAH. Geschwister!
SALADIN.                      Sie Geschwister!
RECHA (will auf ihn zu).                              Ah! mein Bruder!
TEMPELHERR (tritt zurück). Ihr Bruder!
RECHA (hält an, und wendet sich zu Nathan).
                                                    Kann nicht sein! nicht sein! Sein Herz
   Weiß nichts davon! - Wir sind Betrüger! Gott!
SALADIN (zum Tempelherrn).
   Betrüger? wie? Das denkst du? kannst du denken?
   Betrüger selbst! Denn alles ist erlogen
   An dir: Gesicht und Stimm' und Gang! Nichts dein!
   So eine Schwester nicht erkennen wollen! Geh!
TEMPELHERR (sich demütig ihm nahend).
   Missdeut auch du nicht mein Erstaunen, Sultan!                           3800
   Verkenn in einem Augenblick', in dem
   Du schwerlich deinen Assad je gesehen,
   Nicht ihn und mich! (Auf Nathan zueilend.)
   Ihr nehmt und gebt mir, Nathan!
   Mit vollen Händen beides! - Nein! Ihr gebt
   Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr!
   (Recha um den Hals fallend.)
   Ah! meine Schwester! meine Schwester!
NATHAN.                                                    Blanda
   Von Filnek
.
TEMPELHERR.  Blanda? Blanda? - Recha nicht?
   Nicht Eure Recha mehr? - Gott! Ihr verstoßt
   Sie! gebt ihr ihren Christennamen wieder
!
   Verstoßt sie meinetwegen! - Nathan! Nathan!                            3810
   Warum es sie entgelten lassen? sie!
NATHAN. Und was? - O meine Kinder! meine Kinder! -
   Denn meiner Tochter Bruder wär' mein Kind
   Nicht auch, - sobald er will?
   (Indem er sich ihren Umarmungen überlässt, tritt Saladin
   mit unruhigem Erstaunen zu seiner Schwester
.)
SALADIN.                                Was sagst du, Schwester?
SITTAH. Ich bin gerührt . . .
SALADIN.                         Und ich, - ich schaudere
   Vor einer größern Rührung fast zurück!
   Bereite dich nur drauf, so gut du kannst.
SITTAH.                                                     Wie?
SALADIN. Nathan, auf ein Wort! ein Wort! -
   (Indem Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu dem Ge-
   schwister, ihm ihre Teilnahme zu bezeigen; und Nathan
   und Saladin sprechen leiser
.19)
   Hör! hör doch, Nathan! Sagtest du vorhin 
   Nicht -?
NATHAN. Was?
SALADIN.                  Aus Deutschland sei ihr Vater nicht            3820
   Gewesen; ein geborner Deutscher nicht.
   Was war er denn? Wo war er sonst denn her?
NATHAN. Das hat er selbst mir nie vertrauen wollen.
   Aus seinem Munde weiß ich nichts davon.
SALADIN. Und war auch sonst kein Frank? kein Abendländer?
NATHAN. Oh! dass er der nicht sei, gestand er wohl. -
   Er sprach am liebsten Persisch . . .
SALADIN.                                    Persisch? Persisch?
   Was will ich mehr? - Er ist's! Er war es!
NATHAN.                                               Wer?
SALADIN. Mein Bruder! ganz gewiss! Mein Assad!20 ganz 
   Gewiss!
NATHAN. Nun, wenn du selbst darauf verfällst: -                         3830
   Nimm die Versichrung21 hier in diesem Buche!22
   (Ihm das Brevier überreichend.)
SALADIN (es begierig aufschlagend).
   Ah! seine Hand23! Auch die erkenn ich wieder!
NATHAN. Noch wissen sie von nichts! Noch steht's bei dir
   Allein, was sie davon erfahren sollen!
SALADIN (indes er darin geblättert).
   Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen?
   Ich meine Neffen - meine Kinder nicht?
   Sie nicht erkennen24? ich? Sie dir wohl lassen?
  (Wieder laut.)
   Sie sind's! Sie sind es, Sittah, sind's! Sie sind's!
   Sind beide meines . . . deines Bruders Kinder!
   (Er rennt in ihre Umarmungen.)
SITTAH (ihm folgend).
   Was hör ich! - Konnt's auch anders, anders sein! -                     3840
SALADIN (zum Tempelherrn).
   Nun musst du doch wohl, Trotzkopf, musst mich lieben!
   (Zu Recha.) Nun bin ich doch, wozu ich mich erbot?
   Magst wollen, oder nicht!
SITTAH.                              Ich auch! ich auch!
SALADIN (zum Tempelherrn zurück).
   Mein Sohn! mein Assad! meines Assads Sohn!
TEMPELHERR. Ich deines Bluts! - So waren jene Träume,
   Womit man meine Kindheit wiegte
, doch -
   Doch mehr als Träume! (Ihm zu Füßen fallend.)
SALADIN (ihn aufhebend).
                                             Seht den Bösewicht!
   Er wusste was davon, und konnte mich
   Zu seinem Mörder machen wollen!25 Wart!
   (Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen
   fällt der Vorhang.
)

 

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Worterläuterungen/Hinweise/Kommentar

1   Nathan hat Saladin in ihrem Gespräch im Audienzsaal des Palastes zugesagt, ihn finanziell zu unterstützen ((III,7 V 2066-2086) und die Lieferung des Geldes unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Palast in Auftrag gegeben (III,9 V 2168); Saladin hat das von Nathan als Kredit zugesagte Geld erhalten (vgl. IV,3 NebentextMotiv des Geldes
2   vgl. V,1
3   →Motiv des Geldes/Reichtums 
4   Implizite Bühnenanweisung (→ Haupt- und Nebentext)
5   hier im Sinne von: mehr am Herzen liegt, mir mehr Gedanken/Sorge macht
6   vgl. IV,4 V 2766ff.
7   hitzig, unbesonnen, vorschnell
8   Anspielung Saladins auf die ungestüme und vorschnelle Art des Tempelherrn Urteile zu fällen, die er schon in seinem ersten Gespräch mit ihm kennengelernt hat (vgl. z. B. IV,4 V 2783)
9   h: eine besonders gute Tat immer wieder herausstreicht,
10  hier wohl im Sinne von impulsiv
11  h: beides im Zusammenhang sehen
12  h: vertraue dich im an
13  ironisch provokative Bemerkung, die auf die Rettung Rechas durch den Tempelherrn beim Brand in Nathans Haus anspielt; →Motiv des (Ver-)Brennens  vgl. I,2 V 177, I,6 V 773,
14  vgl. u. a. IV,5
15  fälschlicherweise bewusst weisgemacht, vorgeflunkert, vorgelogen,
16  gewürdigt = für würdig gehalten; vgl. die Antwort des Tempelherrn auf die Frage Nathans nach seinem Namen II,7 V 1374
17  ad spectatores: monologisches Beiseite (a parte); umgangssprachlich für: "Das ließ Gott ihn sprechen."
18  Nathan berichtet ihm Gespräch mit dem Klosterbruder, dass ihn Wolf von Filnek/Assad mehrfach bei Judenverfolgungen das Leben gerettet habe (vgl. IV,7 V 2986ff.)
19  ad spectatores: dialogisches Beiseite
20  →Verwandtschaftsbeziehungen der Figuren
21  Beweis, Bestätigung
22  Nathan meint das Brevier, das er kurz zuvor vom Klosterbruder bekommen hat (vgl. V,4); dieser hatte das Büchlein Wolfs von Filnek/Assads nach dessen Tod an sich genommen. (vgl. IV,7 V 3101ff.)
23  (Hand-)Schrift
24  nicht (als legitime Kinder von Assad) anerkennen
25  Anspielung auf die Tatsache, dass der Tempelherr beinahe wie alle anderen Mitglieder seines Ordens hingerichtet werden sollte (vgl.  ); interessanterweise spricht Saladin hier davon, beinahe der "Mörder" an seinem Neffen geworden zu sein (vgl. u. a. I,7 V 572ff.)

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