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Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

V,7 - Saladin verspricht Recha, ihr den Vater nicht zu nehmen

V,6 V,7→V,8


SIEBTER AUFTRITT

Saladin und die Vorigen.

SALADIN. Was gibts hier, Sittah?                                                   3640
SITTAH.                                    Sie ist von sich!1 Gott!
SALADIN. Wer ists?
SITTAH.                   Du weißt ja ...
SALADIN.                                    Unsers Nathans Tochter?
   Was fehlt ihr?
SITTAH.           Komm doch zu dir, Kind! – Der Sultan ...
RECHA (die sich auf den Knieen zu Saladins Füßen schleppt, den Kopf zur Erde gesenkt.)
   Ich steh nicht auf! nicht eher auf! – mag eher
   Des Sultans Antlitz nicht erblicken! – eher
   Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit2
   Und Güte nicht in seinen Augen, nicht
   Auf seiner Stirn bewundern ...
SALADIN.                              Steh ... steh auf!
RECHA.
   Eh er mir nicht verspricht ...
SALADIN.                         Komm! ich verspreche ...
   Sei was es will!
RECHA.                Nicht mehr, nicht weniger,
   Als meinen Vater mir zu lassen; und                                             3650
   Mich ihm! – Noch weiß ich nicht, wer sonst mein Vater
   Zu sein verlangt; – verlangen kann. Wills auch
   Nicht wissen. Aber macht denn nur das Blut
   Den Vater? nur das Blut?

SALADIN (der sie aufhebt.)
                                         Ich merke wohl! –
   Wer war so grausam denn, dir selbst – dir selbst
   Dergleichen in den Kopf zu setzen? Ist
   Es denn schon völlig ausgemacht? erwiesen?
RECHA. Muß wohl! Denn Daja will von meiner Amm'3
   Es haben.
SALADIN.    Deiner Amme!
RECHA.                            Die es sterbend
   Ihr zu vertrauen sich verbunden fühlte.4                                          3660
SALADIN. Gar sterbend! – Nicht auch faselnd schon? – Und wärs
   Auch wahr! – Ja wohl: das Blut, das Blut allein
   Macht lange noch den Vater nicht!
macht kaum
   Den Vater eines Tieres
! gibt zum höchsten5
   Das erste Recht, sich diesen Namen zu
   Erwerben!
– Laß dir doch nicht bange sein! –
   Und weißt du was? Sobald der Väter zwei
   Sich um dich streiten: – laß sie beide; nimm
   Den dritten! – Nimm dann mich zu deinem Vater!
SITTAH. O tu's! o tu's!
SALADIN.                    Ich will ein guter Vater,                                3670
   Recht guter Vater sein! – Doch halt! mir fällt
   Noch viel was Bessers bei. – Was brauchst du denn
   Der Väter überhaupt? Wenn sie nun sterben?
   Bei Zeiten sich nach einem umgesehn,
   Der mit uns um die Wette leben will!
   Kennst du noch keinen? ...
SITTAH.                            Mach sie nicht erröten!
SALADIN. Das hab' ich allerdings mir vorgesetzt.
   Erröten macht die Häßlichen so schön:
   Und sollte Schöne nicht noch schöner machen? –
   Ich habe deinen Vater Nathan; und                                               3680
   Noch einen – einen noch hierher bestellt.

   Errätst du ihn? – Hierher! Du wirst mir doch
   Erlauben, Sittah?
SITTAH.                 Bruder!
SALADIN.                            Daß du ja
   Vor ihm recht sehr errötest, liebes Mädchen
!
RECHA. Vor wem? erröten? ...
SALADIN.                             Kleine Heuchlerin!
   Nun so erblasse lieber! – Wie du willst
   Und kannst!

   (Eine Sklavin tritt herein, und nahet sich Sittah.)
   Sie sind doch etwa nicht schon da?
SITTAH (zur Sklavin.)
   Gut! laß sie nur herein.7 – Sie sind es, Bruder!

 

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Dieses Werk (Nathan der Weise, von Gotthold Ephraim Lessing), das durch Gert Egle gekennzeichnet wurde, unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.

 

Worterläuterungen/Hinweise/Kommentar

1   außer sich, hat die Selbstkontrolle verloren,
2   Abglanz = Widerschein, Ebenbild,
3   Amme = Frau, die ein fremdes Kind zusammen mit ihrem eigenen stillt und betreut
4   vgl. hierzu auch die Darstellung, die Recha gegenüber Sittah gibt V,6 V 3613 - 3638
5   gibt allenfalls
6   Implizite Bühnenanweisung (→ Haupt- und Nebentext)

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