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Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

V,6 - Recha, die die Wahrheit erfahren hat, bittet Sittah um Hilfe

V,5 V,6→V,7


SECHSTER AUFTRITT

Szene: in Sittahs Harem.
Sittah und Recha in Unterhaltung begriffen.

SITTAH. Was freu ich mich nicht deiner, süßes Mädchen! –
   Sei so beklemmt nur nicht! so angst1! so schüchtern! –                3520
   Sei munter! sei gesprächiger! vertrauter2!
RECHA. Prinzessin, ...
SITTAH.                    Nicht doch! nicht Prinzessin! Nenn
   Mich Sittah, – deine Freundin, – deine Schwester
.
   Nenn mich dein Mütterchen! – Ich könnte das
   Ja schier auch sein. – So jung! so klug! so fromm!
   Was du nicht alles weißt! nicht alles mußt
   Gelesen haben!
RECHA.               Ich gelesen? – Sittah,
   Du spottest deiner kleinen albern Schwester.
   Ich kann kaum lesen.
SITTAH.                        Kannst kaum, Lügnerin!
RECHA. Ein wenig meines Vaters Hand!3 – Ich meinte,                  3530
   Du sprächst von Büchern.
SITTAH.                              Allerdings! von Büchern.
RECHA. Nun, Bücher wird mir wahrlich schwer zu lesen! –
SITTAH. Im Ernst?
RECHA.                  In ganzem Ernst. Mein Vater liebt
   Die kalte Buchgelehrsamkeit,
4 die sich
   Mit toten Zeichen ins Gehirn nur drückt,
   Zu wenig.
SITTAH.      Ei, was sagst du! – Hat indes
   Wohl nicht sehr Unrecht! – Und so manches, was
   Du weißt ...?
RECHA.            Weiß ich allein aus seinem Munde.
   Und könnte bei dem meisten dir noch sagen,
   Wie? wo? warum? er michs gelehrt.                                         3540
SITTAH.                                            So hängt
   Sich freilich alles besser an. So lernt
   Mit eins die ganze Seele.
RECHA.                             Sicher hat
   Auch Sittah wenig oder nichts gelesen!

SITTAH. Wie so? – Ich bin nicht stolz aufs Gegenteil.
   Allein wie so? Dein Grund! Sprich dreist. Dein Grund?
RECHA. Sie ist so schlecht und recht5; so unverkünstelt;
   So ganz sich selbst nur ähnlich ...
SITTAH.                                        Nun?
RECHA.                                                Das sollen
   Die Bücher uns nur selten lassen: sagt
   Mein Vater.
SITTAH.      O was ist dein Vater für
   Ein Mann!

RECHA.       Nicht wahr?
SITTAH.                        Wie nah er immer doch                           3550
   Zum Ziele trifft!

RECHA.              Nicht wahr? – Und diesen Vater –
SITTAH. Was ist dir, Liebe?
RECHA.                              Diesen Vater –
SITTAH.                                                      Gott!
   Du weinst?

RECHA.         Und diesen Vater – Ah! es muß
   Heraus! Mein Herz will Luft, will Luft ...
(Wirft sich, von Tränen überwältiget, zu ihren Füßen.)
SITTAH.
                                                        Kind, was
   Geschieht dir? Recha?
RECHA.                         Diesen Vater soll –
   Soll ich verlieren!

SITTAH.                Du? verlieren? ihn?
   Wie das? – Sei ruhig! – Nimmermehr! – Steh auf!
RECHA. Du sollst vergebens dich zu meiner Freundin,
   Zu meiner Schwester nicht erboten haben!
SITTAH. Ich bins ja! bins! – Steh doch nur auf! Ich muß                 3560
   Sonst Hülfe rufen.
RECHA                  die sich ermannt und aufsteht.
   Ah! verzeih! vergib! –
   Mein Schmerz hat mich vergessen machen, wer
   Du bist. Vor Sittah gilt kein Winseln, kein
   Verzweifeln. Kalte, ruhige Vernunft

   Will alles über sie allein vermögen.
   Wes Sache diese bei ihr führt, der siegt!
SITTAH. Nun dann?
RECHA. Nein; meine Freundin, meine Schwester
   Gibt das nicht zu! Gibt nimmer zu, daß mir
   Ein andrer Vater aufgedrungen werde!
SITTAH. Ein andrer Vater? aufgedrungen? dir?                             3570
   Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe?
RECHA. Wer? Meine gute böse Daja kann
   Das wollen, – will das können. – Ja; du kennst
   Wohl diese gute böse Daja nicht?
   Nun, Gott vergeb' es ihr! – belohn' es ihr!
   Sie hat mir so viel Gutes, – so viel Böses
   Erwiesen
!
SITTAH. Böses dir? – So muß sie Gutes
   Doch wahrlich wenig haben.
RECHA.                                 Doch! recht viel,
   Recht viel!
SITTAH.       Wer ist sie?
RECHA.                          Eine Christin, die
   In meiner Kindheit mich gepflegt; mich so                                   3580
   Gepflegt!
– Du glaubst nicht! – Die mir eine Mutter
   So wenig missen lassen!
– Gott vergelt'
   Es ihr! – Die aber mich auch so geängstet!6
   Mich so gequält!

SITTAH.               Und über was? warum?
   Wie?
RECHA. Ach! die arme Frau, – ich sag' dirs ja –
   Ist eine Christin; – muß aus Liebe quälen;
   Ist eine von den Schwärmerinnen,7 die
   Den allgemeinen, einzig wahren Weg
   Nach Gott, zu wissen wähnen!

SITTAH.                                    Nun versteh' ich!
RECHA. Und sich gedrungen fühlen, einen jeden,                          3590
   Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken
. –
   Kaum können sie auch anders. Denn ists wahr,
   Daß dieser Weg allein nur richtig führt:
   Wie sollen sie gelassen ihre Freunde
   Auf einem andern wandeln sehn, – der ins
   Verderben stürzt, ins ewige Verderben?

   Es müßte möglich sein, denselben Menschen
   Zur selben Zeit zu lieben und zu hassen. –
   Auch ists das nicht, was endlich laute Klagen
   Mich über sie zu führen zwingt. Ihr Seufzen,                               3600
   Ihr Warnen, ihr Gebet, ihr Drohen hätt'
   Ich gern noch länger ausgehalten
; gern!
   Es brachte mich doch immer auf Gedanken,
   Die gut und nützlich
. Und wem schmeichelts doch
   Im Grunde nicht, sich gar so wert und teuer,
   Von wems auch sei, gehalten fühlen, daß
   Er den Gedanken nicht ertragen kann,
   Er müß' einmal auf ewig uns entbehren!
SITTAH. Sehr wahr!
RECHA.                  Allein – allein – das geht zu weit!
   Dem kann ich nichts entgegensetzen; nicht                                 3610
   Geduld, nicht Überlegung; nichts!
SITTAH.                                        Was? wem?
RECHA. Was sie mir eben itzt entdeckt will haben.
SITTAH. Entdeckt? und eben itzt?
RECHA.                                     Nur eben itzt!8
   Wir nahten, auf dem Weg' hierher, uns einem
   Verfallnen Christentempel. Plötzlich stand
   Sie still; schien mit sich selbst zu kämpfen; blickte
   Mit nassen Augen bald gen Himmel, bald
   Auf mich. Komm, sprach sie endlich, laß uns hier
   Durch diesen Tempel in die Richte gehn9!
   Sie geht; ich folg' ihr, und mein Auge schweift                             3620
   Mit Graus die wankenden Ruinen durch.

   Nun steht sie wieder; und ich sehe mich
   An den versunknen Stufen eines morschen
   Altars mit ihr
. Wie ward mir? als sie da
   Mit heißen Tränen, mit gerungnen Händen,
   Zu meinen Füßen stürzte
...
SITTAH.                              Gutes Kind!
RECHA.
   Und bei der Göttlichen10, die da wohl sonst
   So manch Gebet erhört, so manches Wunder11
   Verrichtet habe, mich beschwor; – mit Blicken
   Des wahren Mitleids mich beschwor, mich meiner                      3630
   Doch zu erbarmen!
– Wenigstens, ihr zu
   Vergeben, wenn sie mir entdecken müsse,
   Was ihre Kirch' auf mich für Anspruch habe.

SITTAH. (Unglückliche! – Es ahndte mir12!)13
RECHA.                                                 Ich sei
   Aus christlichem Geblüte; sei getauft;

   Sei Nathans Tochter nicht; er nicht mein Vater!
   Gott! Gott! Er nicht mein Vater! – Sittah! Sittah!
   Sieh mich aufs neu' zu deinen Füßen ...14
SITTAH.                                                Recha!
   Nicht doch! steh auf! – Mein Bruder kömmt! steh auf!15

 

Public Domain Mark
Dieses Werk (Nathan der Weise, von Gotthold Ephraim Lessing), das durch Gert Egle gekennzeichnet wurde, unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.

 

Worterläuterungen/Hinweise/Kommentar

1   ängstlich
2   vertraulicher, offener, intimer
3   (Hand-)Schrift
4   Lessing hegt eine gewisse Skepsis gegenüber Büchern als Mittel der Persönlichkeitsbildung, wie er in einem Brief vom 20.1.1749 zum Ausdruck bringt: "Ich lernte einsehen, die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen."
5   schlicht, ungekünstelt
6   Ängste bereitet hat, geängstigt hat
7   h: religiöse Fanatikerinnen
8   vgl.IV,8 V 3144f.
9   den kürzesten Weg nehmen, den Weg abschneiden/abkürzen
10  Maria, Mutter von Jesus Christus
11  vgl. Wunderglaube Dajas I,1 V 79f., trotz Rechas Einwände gegen den Wunderglauben Dajas (vgl. III,1 V 1577f.), versucht Daja hier Recha wieder mit ihren religiösen Überzeugungen zu bedrängen
12  vgl. IV,5 V 2848ff.: Sittah will Recha zu Saladin holen lassen, aus Neugier, wie sie sagt
13  ad spectatores: monologisches Beiseite (a parte)
14  Implizite Bühnenanweisung (→ Haupt- und Nebentext)
15  Implizite Bühnenanweisung (→ Haupt- und Nebentext)

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