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Lessing: Nathan der Weise - 4. Akt

IV,7: Nathan und der Klosterbruder

IV,6 IV,7→IV,8


SIEBENTER AUFTRITT

Nathan und der Klosterbruder.

NATHAN.                       (Ich bliebe Rechas Vater
   Doch gar zu gern!
- Zwar kann ich's denn nicht bleiben,
   Auch wenn ich aufhör, es zu heißen? - Ihr,
   Ihr selbst werd ich's doch immer auch noch heißen,
   Wenn sie erkennt, wie gern ich's wäre.)1 - Geh! -
   Was ist zu Euern Diensten, frommer Bruder?
KLOSTERBRUDER.
   Nicht eben viel. - Ich freue mich, Herr Nathan,
   Euch annoch2 wohl zu sehn.
NATHAN.                          So kennt Ihr mich?
KLOSTERBRUDER.
   Je nu; wer kennt Euch nicht? Ihr habt so manchem                        2920
   Ja Euern Namen in die Hand gedrückt.
   Er steht in meiner auch, seit vielen Jahren.
NATHAN (nach seinem Beutel langend)3.
   Kommt, Bruder, kommt; ich frisch ihn auf.
KLOSTERBRUDER.                                   Habt Dank!
   Ich würd' es Ärmern stehlen; nehme nichts. -
   Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig
   Euch meinen Namen aufzufrischen. Denn
   Ich kann mich rühmen, auch in Eure Hand
   Etwas gelegt zu haben, was nicht zu
   Verachten war.
NATHAN. Verzeiht! - Ich schäme mich -
   Sagt, was? - und nehmt zur Buße4 siebenfach                                2930
   Den Wert desselben von mir an.
KLOSTERBRUDER.                   Hört doch
   Vor allen Dingen, wie ich selber nur
   Erst heut an dies mein Euch vertrautes Pfand
   Erinnert worden.
NATHAN.               Mir vertrautes Pfand?
KLOSTERBRUDER.  Vor kurzem saß ich noch als Eremit5
   Auf Quarantana
6, unweit Jericho.7
   Da kam arabisch Raubgesindel, brach
   Mein Gotteshäuschen ab und meine Zelle8
   Und schleppte mich mit fort. Zum Glück entkam
   Ich noch und floh hierher zum Patriarchen,                                    2940
   Um mir ein ander Plätzchen auszubitten,
   Allwo9 ich meinem Gott in Einsamkeit
   Bis an mein selig Ende dienen könne
.
NATHAN. Ich steh auf Kohlen10, guter Bruder. Macht
   Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand!
KLOSTERBRUDER. Sogleich, Herr Nathan. - Nun, der Patriarch
   Versprach mir eine Siedelei11 auf Tabor,12
   Sobald als eine leer;
und hieß inzwischen
   Im Kloster mich als Laienbruder13 bleiben.
   Da bin ich itzt, Herr Nathan; und verlange                                     2950
   Des Tags wohl hundertmal auf Tabor. Denn
   Der Patriarch braucht mich zu allerlei,
   Wovor ich großen Ekel habe.
Zum
   Exempel:
NATHAN. Macht, ich bitt Euch!
KLOSTERBRUDER.                        Nun, es kömmt! -
   Da hat ihm jemand heut ins Ohr gesetzt:
   Es lebe hier herum ein Jude, der
   Ein Christenkind als seine Tochter sich
   Erzöge.
14
NATHAN. Wie? (Betroffen.)
KLOSTERBRUDER.              Hört mich nur aus! - Indem
   Er mir nun aufträgt
15,  diesem Juden stracks16,
   Wo möglich, auf die Spur zu kommen, und                                   2960
   Gewaltig sich ob eines solchen Frevels
   Erzürnt, der ihm die wahre Sünde wider
   Den heil'gen Geist17 bedünkt18; - das ist, die Sünde,
   Die aller Sünden größte Sünd' uns gilt19,
   Nur dass wir, Gott sei Dank, so recht nicht wissen,
   Worin sie eigentlich besteht: - da wacht
   Mit einmal mein Gewissen auf;
und mir
   Fällt bei20, ich könnte selber wohl vor Zeiten
   Zu dieser unverzeihlich großen Sünde
   Gelegenheit gegeben haben. - Sagt:                                           2970
   Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren
   Ein Töchterchen gebracht von wenig Wochen?
NATHAN. Wie das? - Nun freilich - allerdings -
KLOSTERBRUDER.                                           Ei, seht
   Mich doch recht an! - Der Reitknecht, der bin ich.
NATHAN. Seid ihr?
KLOSTERBRUDER.  Der Herr, von welchem ich's Euch brachte,
   War - ist mir recht - ein Herr von Filnek. - Wolf
   Von Filnek
21!
NATHAN.    Richtig!
KLOSTERBRUDER.   Weil die Mutter kurz
   Vorher gestorben
war; und sich der Vater
   Nach - mein ich - Gazza22  plötzlich werfen musste,
   Wohin das Würmchen ihm nicht folgen konnte:                              2980
   So sandt' er's Euch. Und traf ich Euch damit
   Nicht in Darun23?
NATHAN.          Ganz recht!
KLOSTERBRUDER.             Es wär' kein Wunder,
   Wenn mein Gedächtnis mich betrög'. Ich habe
   Der braven Herrn so viel gehabt; und diesem
   Hab ich nur gar zu kurze Zeit gedient.
   Er blieb24 bald drauf bei Askalon25: und war
   Wohl sonst ein lieber Herr.
NATHAN.                          Ja wohl! ja wohl!
   Dem ich so viel, so viel zu danken habe!
   Der mehr als einmal mich dem Schwert entrissen!
26
KLOSTERBRUDER. 
   O schön! So werd't Ihr seines Töchterchens                                 2990
   Euch um so lieber angenommen haben.
NATHAN. Das könnt Ihr denken.
KLOSTERBRUDER.                       Nun, wo ist es denn?
   Es ist doch wohl nicht etwa gar gestorben? -
   Lasst's lieber nicht gestorben sein! - Wenn sonst
   Nur niemand um die Sache weiß: so hat
   Es gute Wege
.27
NATHAN.           Hat es?
KLOSTERBRUDER.          Traut mir, Nathan!
   Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute,
   Das ich zu tun vermeine, gar zu nah
   Was gar zu Schlimmes grenzt: so tu ich lieber
   Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar                                 3000
   So ziemlich zuverlässig kennen, aber
   Bei weiten nicht das Gute. -
War ja wohl
   Natürlich; wenn das Christentöchterchen
   Recht gut von Euch erzogen werden sollte:
   Dass Ihr's als Euer eigen Töchterchen
   Erzögt. - Das hättet Ihr mit aller Lieb'
   Und Treue nun getan, und müsstet so
   Belohnet werden? Das will mir nicht ein28.
   Ei freilich, klüger hättet Ihr getan;
   Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand                                 3010
   Als Christin auferziehen lassen:
aber
   So hättet Ihr das Kindchen Eures Freunds
   Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe,
   Wär's eines wilden Tieres Lieb'29 auch nur,
   In solchen Jahren mehr, als Christentum.
   Zum Christentume hat's noch immer Zeit.
   Wenn nur das Mädchen sonst gesund und fromm
   Vor Euern Augen aufgewachsen ist,
   So blieb's vor Gottes Augen, was es war.
   Und ist denn nicht das ganze Christentum                                    3020
   Aufs Judentum gebaut?
Es hat mich oft
   Geärgert, hat mir Tränen g'nug gekostet,
   Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten,
   Dass unser Herr ja selbst ein Jude war.
NATHAN. Ihr, guter Bruder, müsst mein Fürsprach30 sein,
   Wenn Hass und Gleisnerei31 sich gegen mich
   Erheben sollten, - wegen einer Tat -
   Ah, wegen einer Tat!
- Nur Ihr, Ihr sollt
   Sie wissen! - Nehmt sie aber mit ins Grab!
   Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht,                                       3030
   Sie jemand andern zu erzählen
. Euch
   Allein erzähl ich sie
. Der frommen Einfalt32
   Allein erzähl ich sie. Weil die allein
   Versteht, was sich der gottergebne Mensch
33
   Für Taten abgewinnen kann.

KLOSTERBRUDER.                Ihr seid
   Gerührt, und Euer Auge steht voll Wasser?
NATHAN. Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun.
   Ihr wisst wohl aber nicht, dass wenig Tage
   Zuvor, in Gath
34 die Christen alle Juden
   Mit Weib und Kind ermordet hatten
; wisst                                    3040
   Wohl nicht, dass unter diesen meine Frau
   Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich
   Befunden
,35 die in meines Bruders Hause,
   Zu dem ich sie geflüchtet, insgesamt
   Verbrennen36 müssen.
KLOSTERBRUDER.  Allgerechter!
NATHAN.                                        Als
   Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Nächt' in Asch'
   Und Staub vor Gott gelegen, und geweint.
-
   Geweint? Beiher37 mit Gott auch wohl gerechtet,38
   Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht;

   Der Christenheit den unversöhnlichsten                                        3050
   Hass zugeschworen
-
KLOSTERBRUDER. Ach! Ich glaub's Euch wohl!
NATHAN.
   Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder.
   Sie sprach mit sanfter Stimm': »und doch ist Gott!
   Doch war auch Gottes Ratschluß das! Wohlan!
   Komm! übe, was du längst begriffen hast,
   Was sicherlich zu üben schwerer nicht,
   Als zu begreifen ist, wenn du nur willst.
   Steh auf!« - Ich stand! und rief zu Gott: ich will!
   Willst du nur, dass ich will!
39 - Indem stiegt Ihr
   Vom Pferd, und überreichtet mir das Kind,                                   3060
   In Euern Mantel eingehüllt. - Was Ihr
   Mir damals sagtet; was ich Euch: hab ich
   Vergessen. Soviel weiß ich nur, ich nahm
   Das Kind, trug's auf mein Lager, küsst' es, warf
   Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben
   Doch nun schon Eines wieder!

KLOSTERBRUDER.                  Nathan! Nathan!
   Ihr seid ein Christ! - Bei Gott, Ihr seid ein Christ!
   Ein bessrer Christ war nie!

NATHAN.                            Wohl uns! Denn was
   Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir
   Zum Juden!
- Aber lasst uns länger nicht                                      3070
   Einander nur erweichen40. Hier braucht's Tat!
   Und ob mich siebenfache Liebe schon
   Bald an dies einz'ge fremde Mädchen band,
   Ob der Gedanke mich schon tötet, dass
   Ich meine sieben Söhn' in ihr aufs neue
   Verlieren soll: - wenn sie von meinen Händen
   Die Vorsicht41 wieder fodert42, - ich gehorche!
KLOSTERBRUDER. Nun vollends! - Eben das bedacht' ich mich
   So viel, Euch anzuraten! Und so hat's
   Euch Euer guter Geist schon angeraten!                                      3080
NATHAN. Nur muss der erste beste mir sie nicht
   Entreißen wollen!

KLOSTERBRUDER. Nein, gewiss nicht!
NATHAN.                                                 Wer
   Auf sie nicht größre Rechte hat, als ich,
   Muss frühere zum mind'sten haben -
KLOSTERBRUDER.                           Freilich!
NATHAN. Die ihm Natur und Blut erteilen.
KLOSTERBRUDER.                                     So
   Mein ich es auch!
NATHAN.               Drum nennt mir nur geschwind
   Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm43,
   Als Vetter oder sonst als Sipp'44 verwandt:
   Ihm will ich sie nicht vorenthalten - Sie,
   Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde                                     3090
   Zu sein erschaffen und erzogen ward. -
   Ich hoff, Ihr wisst von diesem Euern Herrn
   Und dem Geschlechte dessen, mehr als ich.

KLOSTERBRUDER. Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich! - Denn
   Ihr habt ja schon gehört, dass ich nur gar
   Zu kurze Zeit bei ihm gewesen.
NATHAN.                                  Wisst
   Ihr denn nicht wenigstens, was für Geschlechts
   Die Mutter war? - War sie nicht eine Stauffin?
KLOSTERBRUDER. Wohl möglich! - Ja, mich dünkt.
NATHAN.                                                              Hieß nicht ihr Bruder
   Conrad von Stauffen?
45 - und war Tempelherr?                               3100
KLOSTERBRUDER.
   Wenn mich's nicht trügt. Doch halt! Da fällt mir ein,
   Dass ich vom sel'gen Herrn ein Büchelchen46
   Noch hab
. Ich zog's ihm aus dem Busen47, als
   Wir ihn bei Askalon verscharrten.
NATHAN.                                       Nun?
KLOSTERBRUDER. Es sind Gebete drin. Wir nennen's ein
   Brevier48.  - Das, dacht' ich, kann ein Christenmensch
   Ja wohl noch brauchen. - Ich nun freilich nicht -
   Ich kann nicht lesen -
NATHAN.                    Tut nichts! - Nur zur Sache.
KLOSTERBRUDER. In diesem Büchelchen stehn vorn und hinten,
   Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn                                       3110
   Selbsteigner Hand49, die Angehörigen
   Von ihm und ihr geschrieben
.
NATHAN.                               O erwünscht!
   Geht! lauft! holt mir das Büchelchen. Geschwind!
   Ich bin bereit mit Gold es aufzuwiegen;
   Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft!
KLOSTERBRUDER.                        Recht gern!
   Es ist Arabisch aber, was der Herr
   Hineingeschrieben.
50(Ab.)
NATHAN.51                Einerlei! Nur her! -
   Gott! wenn ich doch das Mädchen noch behalten,
   Und einen solchen Eidam 52 mir damit
   Erkaufen könnte! - Schwerlich wohl! - Nun, fall'                              3120
   Es aus, wie's will! - Wer mag es aber denn
   Gewesen sein, der bei dem Patriarchen
   So etwas angebracht?
Das muss ich doch
   Zu fragen nicht vergessen. - Wenn es gar
   Von Daja käme?

 

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Dieses Werk (Nathan der Weise, von Gotthold Ephraim Lessing), das durch Gert Egle gekennzeichnet wurde, unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.

 

Worterläuterungen/Hinweise/Kommentar

1   ad spectatores: monologisches Beiseite (a parte)
2   noch
3   greift nach seinem Geldbeutel, um dem vermeintlichen Bettelmönch eine milde Gabe zu geben
4   h: Wiedergutmachung, Entschädigung
5   Einsiedler; ein Mensch, der sich aus religiösen Gründen ganz in die Weltabgeschiedenheit zurückzieht
6   (arab. Karantel), Berg in Palästina, westlich oberhalb Jericho, schwer zu ersteigen, mit sehr alten, teilweise noch heute bewohnten Einsiedlerhöhlen; während der Kreuzzugszeit ging die Legende, wonach Jesus Christus seine Versuchung dort erlebte und sein 40tägiges Fasten durchführte;
7   »Jericho = Stadt im Tal des Flusses »Jordan; heute in den »Palästinensischen Autonomiegebieten am Westufer des Jordan und ist mit ihrer Lage von 250 Meter unter dem Meeresspiegel die tiefstgelegene Stadt der Welt; liegt etwa vier Kilometer von der »jordanischen Grenze im Osten entfernt und etwa acht Kilometer vom südlich gelegenen »Toten Meer
8   Behausung eines Einsiedlers, Klause
9   wo
10  Redensart: auf Kohlen stehen/sitzen: gespannt, ungeduldig oder in Eile auf etwas Wichtiges oder Dringliches warten;
11  Einsiedelei, Eremitei
12  »Berg Tabor: Berg am Ostrand der »Jesreelebene in »Galiläa (Nordisrael); soll nach christlicher Überlieferung der Ort der »Verklärung Jesu Christi gewesen sein.
13  in der katholischen Kirche »Ordensmänner, welche keine »Priesterweihe empfangen haben; Mitglieder einer »klerikalen »Ordensgemeinschaft (Priesterorden oder klerikale »Kongregation), so leben sie mit den »Ordenspriestern zusammen, können aber innerhalb der Ordensgemeinschaft in der Regel keine leitenden Funktionen wahrnehmen; es gibt auch Ordensgemeinschaften für Laienbrüder (laikale Kongregationen oder »Brüdergemeinschaft genannt); dort können nicht geweihte Brüder auch als Vorgesetzte von Priestern fungieren.
14  vgl. IV,2 V 2493ff.
15  vgl. IV,2 V 2599f.
16  schnellstmöglich, sofort
17  »Heiliger Geist: (lat. Spiritus Sanctus),im Christentum die dritte Person der göttlichen »Dreifaltigkeit (Trinität); ist zwar Gott, stellt aber keine eigenständige Substanz oder Gottheit dar; die Christen feiern an besonderen kirchlichen Feiertagen, an »Pfingsten, das Kommen des Heiligen Geistes; der Geist Gottes wird bereits im »Alten Testament erwähnt, von daher ein Zusammenhang mit dem »hebräischen Begriff rûah (Wind, Geist) im »Judentum und dem »arabischen rūḥ ‏روح‎ (Geist) im »Islam; in anderen Religionen und Traditionen spielt der Heilige Geist keine oder eine ganz andere Rolle.
18  erscheint, vorkommt als
19  religiöse Formel (Sünde wider/Den heil'gen Geist), die Sünden bezeichnet, die nicht vergeben werden können; h: leicht ironisch gemeint
20  mir fällt ein
21  →Verwandtschaftsbeziehungen der Figuren
22  Gazza = »Gaza (Stadt), antike Hafenstadt in Südpalästina, die schon unter verschiedenen ägyptischen Herrschern, unter dem Namen »Kanaan, Verwaltungssitz gewesen ist; seit dem frühen 11. Jahrhundert v. Chr. unter Kontrolle der »Israeliten; am Ende der »Weihrauchstraße gelegen, wurde die Stadt im 8. Jh. v. Chr. ein wichtiges regionales Zentrum; ihre Stellung als Handelsmetropole ging nach dem Ende des Reiches »Alexanders des Großen (356-323 v. Chr.)Alexanderreich) an »Alexandria verloren; 98 v. Chr. vollständige Zerstörung der Stadt durch »Alexander Jannäus (um 126-76 v. Chr.); unter den »Römern wird die Stadt etwas südlich des alten Stadthügels Mitte des 1. Jh. v. Chr. neu aufgebaut und macht sich vor allem wegen ihrer Rednerschule einen Namen; im 5. Jh. n. Chr. wurde die Stadt mehrheitlich von Christen bewohnt, daneben gab es auch eine jüdische Gemeinde; im 7. Jh. n. Chr.  Eroberung der Stadt durch die Araber;  1100 von den »Kreuzrittern unter »Balduin I. (1058-1118), dem König von Jerusalem, erobert und in Gadres umbenannt; die stark zerstörte Stadt wurde unter »Balduin III. (1130-1162) 1152 dem »Templerorden übergeben, der daraus eine starke Festung machte; 1170 belagert »Saladin (1137/38-1193) die Stadt erfolglos, die Festung fällt aber nach der »Schlacht von Hattin 1187 im Austausch gegen den in der Schlacht gefangen genommenen Großmeister der Templer, »Gérard de Ridefort (gest. 1189), kampflos an den Sultan; 1192 für kurze Zeit noch einmal von den Kreuzrittern des »Dritten Kreuzzugs (1189-1192) unter »Richard Löwenherz (1157-1199) besetzt, doch nach dem Friedensschluss von 1192 fällt sie wieder an Saladin zurück; vom 15. Jahrhundert an leben viele Juden und Araber in der Stadt; im »Ersten Weltkrieg (1914-1918) wird die Stadt, die sich zu diesem Zeitpunkt unter türkischer Hoheit befindet, von den Briten erobert; nach dem Ersten Weltkrieg gehört die Stadt, die dem umliegenden Küstenstreifen ihren Namen gibt, zu dem britischen Protektorat über Palästina; von 1956 bis 1967 unter ägyptischer Verwaltung; im so genannten »Sechstagekrieg (1967) zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn Besetzung des gesamten Gaza-Streifens durch Israel bis zum Jahr 2005; danach Aufgabe aller jüdischen Siedlungen im Gaza-Streifen, aber weiterhin Kontrolle aller Luft- und Seeverbindungen durch Israel; heute (2014), in den Tagen eines erneuten, lang anhaltenden Gaza-Krieges steht der Gaza-Streifen unter Kontrolle der radikal-islamistischen Hamas. (→Gert Egle (2014): "Friede, das ist so was von 90er!" - Lessings "Nathan" in Zeiten von Hamas, Al-Qaida, Boko Haram und "Islamischem Staat" - vgl. Karte: →Egle, Gert (2012): Saladin, der edle Sarazene, und der Kreuzfahrerstaat in Jerusalem)
23  lt. Marin (1721 - 1809) ein fester an der palästinensischen Grenze auf der Seite Ägyptens (Francois Louis Claude Marin, Geschichte Saladins Sulthans von Egypten und Syrien, übersetzt von E.G. Küster, Celle 1761, Bd. II, S.268)
24  blieb h: fiel, kam um, wurde getötet
25  »Aschkelon: antike Hafenstadt, nördlich von Gaza-Stadt (vgl. Anm. 22); die Stadt bleibt auch nach Gründung des »Königreichs Jerusalem (1099) während des »Ersten Kreuzzuges (1095-1099) noch lange unter der Herrschaft der ägyptischen Fatimiden, die zwar 1099 von den Kreuzrittern unter »Gottfried von Bouillon (um 1060-1100) in der »Schlacht von Askalon besiegt worden waren; die Eroberung der Stadt gelingt erst 1153 nach einer langen Belagerung (»Belagerung von Askalon); eigentlich die Stadt sich im Austausch für den in der »Schlacht von Hattin 1187  von »Saladin (1137/38-1193) gefangen genommenen König, »Guido von Lusignon (gest. 1194), an Saladin fallen, aber ehe es soweit kommt, ist die Stadt schon nach elftägiger Belagerung von Saladin erobert; währen des »Dritten Kreuzzugs (1189-1192) wird die Stadt 1192 unter »Richard Löwenherz (1157-1199) für das Königreich Jerusalem zurückerobert, doch nach neun Monaten wird sie aufgrund der Waffenstillstandsvereinbarungen mit Saladin an diesen zurückgegeben; 1239-1241 noch einmal von den Kreuzrittern besetzt und an den »Hospitaliterorden übergeben; danach mehrfach zerstört und wiederaufgebaut, aber Verfall im 14. Jh. (vgl. Karte: →Egle, Gert (2012): Saladin, der edle Sarazene, und der Kreuzfahrerstaat in Jerusalem)
26  Nathan meint hier, dass er von Assad/Wolf von Filneck mehrfach das Leben gerettet bekam, ggf. bei anderen von Christen begangenen Judenpogromen wie dem in Gath, bei dem er seine ganze engere Familie verliert (vgl. Anm. 34); in der Schlussszene V,8 V 3785 bezeichnet Nathan Wolf von Filnek/Assad als seinen Freund
27  Redewendung: ist alles in Ordnung
28  leuchtet mir nicht ein
29  Anspielung auf »Sagen, in denen (ausgesetzte oder aufgefundene) Kinder von (wilden) Tieren in der Wildnis aufgezogen wurden (z. B. »Romulus und Remus)
30  Fürsprecher, Anwalt
31  fromme Heuchelei, christlicher Fanatismus
32  hier gemeint als fromme Einfachheit und Lauterkeit des Geistes und Gemüts, das nicht von theologischen und religiös-dogmatischen Grundsätzen geleitet ist, die Nathan in dem Klosterbruder verkörpert sieht; später ähnlich auch der Tempelherr in V,4 V 3349
33  →Motiv der Gottergebenheit
34  »Gat (auch Gath, Geth): mehrfach im »Alten Testament erwähnt; soll sich auf dem Gebiet der »Philister im »Elahtal zwischen den Orten »Gaza und »Asdod befunden haben.
35  Wie der biblische »Hiob verliert Nathan sieben Söhne(und seine Frau), wie Hiob liegt er drei Tage in Asche und Staub, wie Hiob hadert er mit Gott, klagt und weint. →zu weiteren Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Nathans Denken und Tun nach dem Judenpogrom und der Hiobgeschichte vgl. Nathans Verarbeitung seiner Erlebnisse beim Judenpogrom in Gath als Modell für Lessings Konzept vom Glauben als innere Wahrheit und als praktische Liebe
36  →Das→Motiv des (Ver-)Brennens taucht an anderen Stellen des Dramas immer wieder auf,  vgl. I,2 V 177, I,6 V 773,  - vgl. Anmerkung (1) zu I,1 V 13 , I,2 V 177,  (→Vorgeschichte)
37  dabei, währenddessen, nebenher
38  über Gott gerichtet, mit Gott abgerechnet
39  →Motiv der Gottergebenheit
40  erweichen h: (zu Tränen) rühren
41  göttliche Vorsehung
42  fordert
43  Oheim, Onkel
44  Verwandter
45  →Verwandtschaftsbeziehungen der Figuren
46  kleines Buch, Büchlein, Brevier
47  h: aus der Brustbekleidung
48  Gebetbuch mit einer kleinen Gebetssammlung und einer Auswahl von Zitaten
49  eigenhändig geschrieben, in der Originalhandschrift geschrieben, von eigener Hand geschrieben
50  Hinweis auf die arabische Herkunft Wolf von Filnecks/Assads
51  ad spectatores: monologisches Beiseite (a parte)
52  Schwiegersohn

Textauswahl

 

     
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