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Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

IV,4 - Der Tempelherr bringt vor Saladin seine Klage gegen Nathan vor

IV,3 IV,4 →IV,5


VIERTER AUFTRITT

Der Tempelherr und Saladin.

TEMPELHERR. Ich, dein Gefangner, Sultan ...1
SALADIN.                                                      Mein Gefangner?
   Wem ich das Leben schenke , werd' ich dem
   Nicht auch die Freiheit schenken?
TEMPELHERR.                              Was dir ziemt
   Zu tun, ziemt mir, erst zu vernehmen, nicht
   Vorauszusetzen. Aber, Sultan, – Dank,
   Besondern Dank dir für mein Leben zu
   Beteuern,
stimmt mit meinem Stand' und meinem
   Charakter nicht. – Es steht in allen Fällen
   Zu deinen Diensten wieder.
SALADIN.                           Brauch es nur
   Nicht wider mich!
– Zwar ein Paar Hände mehr,                            2660
   Die gönnt' ich meinem Feinde gern. Allein
   Ihm so ein Herz auch mehr zu gönnen, fällt
   Mir schwer. – Ich habe mich mit dir in nichts
   Betrogen, braver junger Mann! Du bist
   Mit Seel und Leib mein Assad.
2 Sieh! ich könnte
   Dich fragen: wo du denn die ganze Zeit
   Gesteckt? in welcher Höhle3 du geschlafen?
   In welchem Ginnistan4,  von welcher guten
   Div5 diese Blume fort und fort so frisch
   Erhalten worden? Sieh! ich könnte dich                                        2670
   Erinnern wollen, was wir dort und dort
   Zusammen ausgeführt. Ich könnte mit
   Dir zanken, daß du Ein Geheimnis doch
   Vor mir gehabt! Ein Abenteuer mir
   Doch unterschlagen
:6 – Ja, das könnt' ich; wenn
   Ich dich nur säh', und nicht auch mich. – Nun, mags!
   Von dieser süßen Träumerei ist immer
   Doch so viel wahr, daß mir in meinem Herbst7
   Ein Assad wieder blühen soll. – Du bist
   Es doch zufrieden, Ritter?                                                           2680
TEMPELHERR.                  Alles, was
   Von dir mir kömmt, –  sei was es will – das lag
   Als Wunsch in meiner Seele.

SALADIN.                              Laß uns das
   Sogleich versuchen. – Bliebst du wohl bei mir?
   Um mir? – Als Christ, als Muselmann8: gleich viel!
   Im weißen Mantel9, oder Jamerlonk10;
   Im Tulban11, oder deinem Filze12: wie
   Du willst! Gleich viel! Ich habe nie verlangt,
   Daß allen Bäumen Eine Rinde wachse.

TEMPELHERR. Sonst wärst du wohl auch schwerlich, der du bist:
   Der Held, der lieber Gottes Gärtner wäre.13                                   2690
SALADIN. Nun dann; wenn du nicht schlechter von mir denkst:
   So wären wir ja halb schon richtig?
TEMPELHERR.                               Ganz!
SALADIN (ihm die Hand bietend.)
   Ein Wort?
TEMPELHERR (einschlagend.) Ein Mann! – Hiermit empfange mehr
   Als du mir nehmen konntest. Ganz der Deine!
SALADIN. Zu viel Gewinn für einen Tag! zu viel! –
   Kam er nicht mit?
TEMPELHERR.      Wer?
SALADIN.                          Nathan.
TEMPELHERR (frostig.)                  Nein. Ich kam
   Allein.
SALADIN. Welch eine Tat von dir14! Und welch
   Ein weises Glück, daß eine solche Tat
   Zum Besten eines solchen Mannes ausschlug.
TEMPELHERR. Ja, ja!                                                                  2700
SALADIN.                    So kalt? – Nein, junger Mann! wenn Gott
   Was Gutes durch uns tut, muß man so kalt
   Nicht sein! – selbst aus Bescheidenheit so kalt
   Nicht scheinen wollen!
TEMPELHERR.              Daß doch in der Welt
   Ein jedes Ding so manche Seiten hat!

   Von denen oft sich gar nicht denken läßt,
   Wie sie zusammenpassen!
SALADIN.                             Halte dich
   Nur immer an die best', und preise Gott!
   Der weiß, wie sie zusammenpassen. – Aber,
   Wenn du so schwierig sein willst, junger Mann:
   So werd' auch ich ja wohl auf meiner Hut15                                    2710
   Mich mit dir halten müssen? Leider bin
   Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die
   Oft nicht so recht zu passen scheinen mögen.

TEMPELHERR. Das schmerzt! – Denn Argwohn ist so wenig sonst
   Mein Fehler –

SALADIN.       Nun, so sage doch, mit wem
   Dus hast? – Es schien ja gar, mit Nathan. Wie?
   Auf Nathan Argwohn? du? – Erklär' dich! sprich!
   Komm, gib mir deines Zutrauns erste Probe.
TEMPELHERR. Ich habe wider Nathan nichts. Ich zürn'
   Allein mit mir –
                                                                          2720
SALADIN.           Und über was?
TEMPELHERR.                           Daß mir
   Geträumt, ein Jude könn' auch wohl ein Jude
   Zu sein verlernen
; daß mir wachend so
   Geträumt.
SALADIN.   Heraus mit diesem wachen Traume!
TEMPELHERR. Du weißt von Nathans Tochter, Sultan. Was
   Ich für sie tat, das tat ich, – weil ichs tat.
   Zu stolz, Dank einzuernten, wo ich ihn
   Nicht säete, verschmäht ich Tag für Tag
   Das Mädchen noch einmal zu sehn. Der Vater
   War fern; er kömmt; er hört; er sucht mich auf;
   Er dankt; er wünscht, daß seine Tochter mir                                2730
   Gefallen möge; spricht von Aussicht, spricht
   Von heitern Fernen. – Nun, ich lasse mich
   Beschwatzen, komme, sehe, finde wirklich
   Ein Mädchen ... Ah, ich muß mich schämen, Sultan!
SALADIN. Dich schämen? – daß ein Judenmädchen auf
   Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr?
TEMPELHERR. Daß diesem Eindruck, auf das liebliche
   Geschwätz des Vaters
hin, mein rasches Herz
   So wenig Widerstand entgegen setzte! –
   Ich Tropf16! ich sprang zum zweitenmal ins Feuer17. –                        2740
   Denn nun warb ich, und nun ward ich verschmäht.
SALADIN. Verschmäht?
TEMPELHERR.            Der weise Vater schlägt nun wohl
   Mich platterdings nicht aus.
Der weise Vater
   Muß aber doch sich erst erkunden, erst
   Besinnen.18 Allerdings! Tat ich denn das
   Nicht auch? Erkundete, besann ich denn
   Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie? –
   Fürwahr! bei Gott! Es ist doch gar was Schönes,
   So weise, so bedächtig sein
!19
SALADIN.                               Nun, nun!
   So sieh doch einem Alten etwas nach!                                         2750
   Wie lange können seine Weigerungen
   Denn dauern? Wird er denn von dir verlangen,
   Daß du erst Jude werden sollst?

TEMPELHERR.                             Wer weiß!
SALADIN. Wer weiß? – der diesen Nathan besser kennt.
TEMPELHERR. Der Aberglaub', in dem wir aufgewachsen,
   Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
   Doch seine Macht nicht über uns
. – Es sind
   Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten
.
SALADIN. Sehr reif bemerkt! Doch Nathan wahrlich, Nathan ...
TEMPELHERR. Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen          2760
   Für den erträglichern zu halten
...
SALADIN.                                      Mag
   Wohl sein! Doch Nathan ...
TEMPELHERR.                  Dem allein
   Die blöde Menschheit zu vertrauen, bis
   Sie hellern Wahrheitstag gewöhne; dem
   Allein ...
SALADIN. Gut! Aber Nathan! – Nathans Los
   Ist diese Schwachheit nicht.

TEMPELHERR.                      So dacht' ich auch! ...
   Wenn gleichwohl dieser Ausbund aller Menschen20
   So ein gemeiner Jude wäre, daß
   Er Christenkinder zu bekommen suche,
   Um sie als Juden aufzuziehn: – wie dann?                                    2770
SALADIN. Wer sagt ihm so was nach?
TEMPELHERR.                                  Das Mädchen selbst,
   Mit welcher er mich körnt21,  mit deren Hoffnung
   Er gern mir zu bezahlen schiene, was
   Ich nicht umsonst für sie getan soll haben: –
   Dies Mädchen selbst, ist seine Tochter – nicht;
   Ist ein verzettelt Christenkind.
22
SALADIN.                               Das er
   Dem ungeachtet dir nicht geben wollte?
TEMPELHERR (heftig.) Woll' oder wolle nicht! Er ist entdeckt.
   Der tolerante Schwätzer ist entdeckt!
23
   Ich werde hinter diesen jüd'schen Wolf                                        2780
   Im philosoph'schen Schafpelz, Hunde schon
   Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen!
24
SALADIN (ernst.) Sei ruhig, Christ!
TEMPELHERR.                            Was? ruhig Christ? – Wenn Jud'
   Und Muselmann, auf Jud', auf Muselmann
   Bestehen: soll allein der Christ den Christen
   Nicht machen dürfen?
SALADIN (noch ernster.) Ruhig, Christ!
TEMPELHERR (gelassen.)                  Ich fühle
   Des Vorwurfs ganze Last, – die Saladin
   In diese Silbe preßt! Ah, wenn ich wüßte,
   Wie Assad, – Assad sich an meiner Stelle
   Hierbei genommen hätte!
                                                            2790
SALADIN.                           Nicht viel besser! –
   Vermutlich, ganz so brausend! – Doch, wer hat
   Denn dich auch schon gelehrt, mich so wie er
   Mit Einem Worte zu bestechen
? Freilich
   Wenn alles sich verhält, wie du mir sagest:
   Kann ich mich selber kaum in Nathan finden.

   Indes, er ist mein Freund, und meiner Freunde
   Muß keiner mit dem andern hadern. – Laß
   Dich weisen! Geh behutsam! Gib ihn nicht
   Sofort den Schwärmern deines Pöbels Preis!
25
   Verschweig, was deine Geistlichkeit, an ihm                                2800
   Zu rächen, mir so nahe legen würde!
26
   Sei keinem Juden, keinem Muselmanne
   Zum Trotz ein Christ!
TEMPELHERR.             Bald wärs damit zu spät!
   Doch Dank der Blutbegier des Patriarchen,
   Des Werkzeug mir zu werden graute!
SALADIN.                                            Wie?
   Du kamst zum Patriarchen eher, als
   Zu mir?
TEMPELHERR. Im Sturm der Leidenschaft, im Wirbel
   Der Unentschlossenheit!
– Verzeih! – Du wirst
   Von deinem Assad, fürcht' ich, ferner nun
   Nichts mehr in mir erkennen wollen.
SALADIN.                                            Wär'                                  2810
   Es diese Furcht nicht selbst! Mich dünkt, ich weiß,
   Aus welchen Fehlern unsre Tugend keimt.
   Pfleg' diese ferner nur, und jene sollen
   Bei mir dir wenig schaden. – Aber geh!
   Such du nun Nathan, wie er dich gesucht;
   Und bring' ihn her.
Ich muß euch doch zusammen
   Verständigen.
– Wär' um das Mädchen dir
   Im Ernst zu tun: sei ruhig. Sie ist dein!
   Auch soll es Nathan schon empfinden, daß
   Er ohne Schweinefleisch27 ein Christenkind                                    2820
   Erziehen dürfen
!28 – Geh!

(Der Tempelherr geht ab, und Sittah verläßt den Sofa).

 

Public Domain Mark
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Worterläuterungen/Hinweise/Kommentar

1   vgl. II,7 V 1357
2     →Verwandtschaftsbeziehungen der Figuren
3   Anspielung auf die Legende von den Siebenschläfern, die sowohl bei Christen als auch Muslimen bekannt ist; dabei wird von der Verfolgung von sieben jungen Leuten berichtet, weil sie den Kaiser nicht als Gott verehren wollten; aus diesem Grunde wurden sie von einem Schäfer in einer Felsenhöhle versteckt, wo sie vom Kaiser aus Rache eingemauert wurden; 184 Jahre später wachten sie wieder auf, verschwanden aber bald wieder.
4   Dschinnistan = Feenland
5   guter Geist, (gute) Fee
6   Anspielung Saladins auf das Verschwinden seines Bruders Assad und dessen Motiv dafür  - vgl. IV,3 V 2621
7   bildlich für im vorgerückten Alter; Hinweis auf Saladins Alter
8   veraltete, ins Deutsche übernommene Bezeichnung für Moslem/Muslim
9   der weiße Mantel war eines der Kennzeichen der Tempelritter
10  nach Lessing weites Oberkleid der Araber
11  Turban
12  wie der weiße Mantel (vgl. Anm. 9) war die Filzkappe eines der Kennzeichen der Tempelritter
13  Anspielung auf die Saladin nachgesagte Bescheidenheit und Freigiebigkeit
14  Nathan hat Saladin über die Rettungstat des Tempelherrn beim Brand seines Hauses unterrichtet - vgl. III,7 V 2092ff.
15  Redewendung: auf der Hut vor dir sein, mich in acht nehmen vor dir
16  Dummkopf, naiver, zu gutgläubiger Mensch
17  Das →Motiv des (Ver-)Brennens taucht an anderen Stellen des Dramas immer wieder auf, z. B. IV,7: "Verbrennen" der Familie Nathans beim Judenpogrom in Gath 18 Jahre vor Einsetzen der dramatischen Handlung (→Vorgeschichte), vgl. I,2 V 177, I,6 V 773, h: im Zusammenhang mit dem →Motiv der Liebe
18  vgl. III,9 V 2219
19  ironisch
20  dieses Muster an Vorbildlichkeit für alle Menschen
21  anlockt, wie einen Vogel mit Körnern anlockt
22  verzettelt: verstreut, zersprengt, verloren
23  in der Aufklärung wird Toleranz stets als religiöse Toleranz verstanden, aufgrund derer der Staat unterschiedliche religiöse Bekenntnisse dulden soll.
24  zausen: am Fell zupfen, am Fell zerren
25  christlichen Fanatiker und Fundamentalisten
26  vgl. die Äußerung des Patriarchen IV,2 V 2570
27  In der jüdischen und islamischen Religion ist der Verzehr von Schweinefleisch untersagt.
28  Von Saladin ironisch gemeint; er macht sich damit über den Eifer des Tempelherrn lustig; dieser bestätigt die spöttische Tendenz später in seinem Monolog V,3 V 3268f.

Textauswahl

 

     
  Inhaltsüberblick ] Szenenüberblick ] IV,1 ] IV,2 ] IV,3 ] IV,4 ] IV,5 ] IV,6 ] IV,7 ] IV,8 ] Bausteine ]  
     

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