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Lessing: Nathan der Weise

IV,1: Die zweite Begegnung von Tempelherr und Klosterbruder

III,10 IV,1 →IV,2


VIERTER AUFZUG

ERSTER AUFTRITT

(Szene: in den Kreuzgängen des Klosters.)*

Der Klosterbruder und bald darauf der Tempelherr.

KLOSTERBRUDER.1 Ja, ja! er hat schon recht, der Patriarch!
   Es hat mir freilich noch von alledem                                             2380
   Nicht viel gelingen wollen, was er mir
   So aufgetragen. - Warum trägt er mir
   Auch lauter solche Sachen auf? - Ich mag
   Nicht fein sein; mag nicht überreden; mag
   Mein Näschen nicht in alles stecken2; mag
   Mein Händchen nicht in allem haben. - Bin
   Ich darum aus der Welt geschieden3, ich
   Für mich, um mich für andre mit der Welt
   Noch erst recht zu verwickeln?
TEMPELHERR (mit Hast auf ihn zukommend). Guter Bruder!
   Da seid Ihr ja. Ich hab Euch lange schon                                      2390
   Gesucht.
KLOSTERBRUDER. Mich, Herr?
TEMPELHERR.                          Ihr kennt mich schon nicht mehr?
KLOSTERBRUDER.
   Doch, doch! Ich glaubte nur, dass ich den Herrn
   In meinem Leben wieder nie zu sehn
   Bekommen würde. Denn ich hofft' es zu
   Dem lieben Gott. - Der liebe Gott, der weiß,
   Wie sauer4 mir der Antrag5 ward, den ich
   Dem Herrn zu tun verbunden war.6 Er weiß,
   Ob ich gewünscht, ein offnes Ohr bei Euch
   Zu finden
7; weiß, wie sehr ich mich gefreut,
   Im Innersten gefreut, dass Ihr so rund                                          2400
   Das alles, ohne viel Bedenken, von
   Euch wies't
8, was einem Ritter nicht geziemt. -
   Nun kommt Ihr doch; nun hat's doch nachgewirkt!
TEMPELHERR. Ihr wisst es schon, warum ich komme? Kaum
   Weiß ich es selbst.
KLOSTERBRUDER. Ihr habt's nun überlegt;
   Habt nun gefunden, dass der Patriarch
   So unrecht doch nicht hat; dass Ehr' und Geld
   Durch seinen Anschlag zu gewinnen; dass
   Ein Feind ein Feind ist, wenn er unser Engel9
   Auch siebenmal gewesen wäre. Das,                                          2410
   Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen10,
   Und kommt, und tragt Euch wieder an. - Ach Gott!
TEMPELHERR. Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden.
   Deswegen komm ich nicht; deswegen will
   Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch,
   Noch denk ich über jenen Punkt, wie ich
   Gedacht, und wollt' um alles in der Welt
   Die gute Meinung nicht verlieren, deren
   Mich ein so grader, frommer, lieber Mann
   Einmal gewürdiget. - Ich komme bloß,                                         2420
   Den Patriarchen über eine Sache
   Um Rat zu fragen . . .
KLOSTERBRUDER. Ihr den Patriarchen?
   Ein Ritter, einen - Pfaffen11? (sich schüchtern umsehend.)
TEMPELHERR. Ja; - die Sach'
   Ist ziemlich pfäffisch.12
KLOSTERBRUDER. Gleichwohl fragt der Pfaffe
   Den Ritter nie, die Sache sei auch noch
   So ritterlich.
TEMPELHERR. Weil er das Vorrecht hat,
   Sich zu vergehn; das unsereiner ihm
   Nicht sehr beneidet. - Freilich, wenn ich nur
   Für mich zu handeln hätte; freilich, wenn
   Ich Rechenschaft nur mir zu geben hätte:                                     2430
   Was braucht' ich Euers Patriarchen? Aber
   Gewisse Dinge will ich lieber schlecht,
   Nach andrer Willen, machen; als allein
   Nach meinem, gut. - Zudem, ich seh nun wohl,
   Religion ist auch Partei;13 und wer
   Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt
,
   Hält, ohn' es selbst zu wissen, doch nur seiner
   Die Stange14. Weil das einmal nun so ist:
   Wird's so wohl recht sein.
KLOSTERBRUDER. Dazu schweig ich lieber.
Denn ich versteh den Herrn nicht recht.                                           2440
TEMPELHERR.                                    Und doch! -
   (Lass sehn, warum mir eigentlich zu tun!
   Um Machtspruch oder Rat? - Um lautern, oder
   Gelehrten Rat?
)15 - Ich dank Euch, Bruder; dank
   Euch für den guten Wink. - Was Patriarch? -
   Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch
   Den Christen mehr im Patriarchen, als
   Den Patriarchen in dem Christen fragen. -
   Die Sach' ist die . . .
KLOSTERBRUDER. Nicht weiter, Herr, nicht weiter!
   Wozu? - Der Herr verkennt mich. - Wer viel weiß,
   Hat viel zu sorgen; und ich habe ja                                               2450
   Mich einer Sorge nur gelobt16. - O gut!
   Hört! seht! Dort kömmt, zu meinem Glück, er selbst.
   Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt.
17

 

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Dieses Werk (Nathan der Weise, von Gotthold Ephraim Lessing), das durch Gert Egle gekennzeichnet wurde, unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.

 

Worterläuterungen/Hinweise/Kommentar

* Kreuzgang: ein überdeckter Rundgang neben einer Dom- oder Klosterkirche, der um einen Innenhof oder einen Garten herum angelegt ist
1   V 2379-2388 Monolog bzw. monologisches Beiseite (a parte), das aber u. U. vom Tempelherrn gegen Ende gehört werden kann
2   Redewendung: sich neugierig um Dinge kümmern, die einen nichts angehen
3   Klosterbruder spielt auf Einsiedlerdasein an, das er nach seinem Leben als Reitknecht eine Zeitlang geführt hat, vgl. IV,7 V 2935f.
4   unangenehm, unerfreulich
5  Auftrag, Vorschlag
6   vgl. I,5 V 607; h: verbunden im Sinne von verpflichtet
7   Redewendung: Gehör finden; auf Bereitschaft treffen, etwas (wohlwollend) anzuhören
8   vgl. I,5 V 652
9   Retter, Hinweis auf Begnadigung des Tempelherrn durch Saladin - vgl. vgl. I,5 V 582
10  als Mensch, der eher seinen Verstand einsetzt, auf seine Vernunft vertraut als auf göttliche Eingebung
11  Priester; im 18. Jh. war die Bezeichnung Pfaffe im Vergleich zu heute noch keineswegs immer eine Abwertung
12  Angelegenheit eines Priesters/Theologen, unter theologischem Gesichtspunkt spitzfindig
13  vgl. hierzu die Äußerung des Tempelherrn im Gespräch mit Nathan II,5 V 1313f., mit der er Nathans Feststellung es komme doch mehr als auf die jeweilige Religion darauf an, ein Mensch zu sein (II,5 V 1312), bestätigt 
14  Redensart: Die Treue halten, nicht im Stich lassen, kritiklos Partei ergreifen; ursprgl. Mittel der Rechtsfindung im Zweikampf, bei dem der Sekundant, d. h. der Begleiter/Berater/Zeuge eines Duellanten schützend eine Stange über den überwundenen Zweikämpfer hielt
15  ad spectatores: monologisches Beiseite (a parte)
16  als Laienbruder hat der Klosterbruder nur das Gehorsamgelübde abgelegt, er kann auch dementsprechend zu theologischen Streitfragen keine Auskunft erteilen
17  Implizite Bühnenanweisung (→ Haupt- und Nebentext)

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