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Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

III,3 - Recha verarbeitet ihre Gefühle nach dem Treffen mit dem Tempelherrn

III,2 III,3 →III,4


DRITTER AUFTRITT

Recha und Daja.

RECHA.                            Was ist das, Daja? –
   So schnell? – Was kömmt ihm an?1 Was fiel ihm auf?
   Was jagt ihn?
DAJA.              Laßt nur, laßt. Ich denk', es ist
   Kein schlimmes Zeichen.
RECHA.                            Zeichen? und wovon?
DAJA. Daß etwas vorgeht innerhalb. Es kocht,
   Und soll nicht überkochen. Laßt ihn nur.
   Nun ists an Euch.
RECHA.                  Was ist an mir? Du wirst,
   Wie er, mir unbegreiflich.                                                            1700
DAJA.                              Bald nun könnt
   Ihr
ihm die Unruh all vergelten, die
   Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch
   Nicht allzustreng, nicht allzu rachbegierig.
RECHA. Wovon du sprichst, das magst du selber wissen.
DAJA. Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder?
RECHA. Das bin ich; ja das bin ich ...
DAJA.                                           Wenigstens
   Gesteht, daß Ihr Euch seiner Unruh freut;
   Und seiner Unruh danket, was Ihr itzt
   Von Ruh' genießt.
RECHA.                  Mir völlig unbewußt!
   Denn was ich höchstens dir gestehen könnte,                               1710
   Wär', daß es mich – mich selbst befremdet, wie
   Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen
   So eine Stille plötzlich folgen können.
2
   Sein voller Anblick, sein Gespräch, sein Tun
   Hat mich ...
DAJA.          Gesättigt schon?
RECHA.                                  Gesättigt, will
   Ich nun nicht sagen; nein – bei weitem nicht –
DAJA. Den heißen Hunger nur gestillt.
RECHA.                                             Nun ja;
   Wenn du so willst.
DAJA.                      Ich eben nicht.
RECHA.                                           Er wird
   Mir ewig wert; mir ewig werter, als
   Mein Leben bleiben
: wenn auch schon mein Puls                           1720
   Nicht mehr bei seinem bloßen Namen wechselt;
   Nicht mehr mein Herz, so oft ich an ihn denke,
   Geschwinder, stärker schlägt.
3 – Was schwatz' ich? Komm,
   Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster,
   Das auf die Palmen sieht
.4
DAJA.                               So ist er doch
   Wohl noch nicht ganz gestillt, der heiße Hunger.
RECHA. Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn5:
   Nicht ihn bloß untern Palmen.
DAJA.                                     Diese Kälte
   Beginnt auch wohl ein neues Fieber
6  nur.
RECHA. Was Kält'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich                   1730
   Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe.7

 

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Dieses Werk (Nathan der Weise, von Gotthold Ephraim Lessing), das durch Gert Egle gekennzeichnet wurde, unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.

 

Worterläuterungen/Hinweise/Kommentar

1   hier gemeint: was ist mit ihm los?
2   →Motiv der Liebe im "Nathan"; Anzeichen dafür, dass Recha nicht völlig in Liebe entflammt ist (→Die Liebe als treibende Kraft. Die Entfaltung der Liebesthematik im "Nathan")
3   Recha beurteilt ihre Gefühlslage "vernünftig";
4   Implizite Bühnenanweisung (→ Haupt- und Nebentext); Recha und Daja hatten schon das Gespräch Nathans mit dem Tempelherrn (II,7) vom Fenster aus beobachtet - vgl. II,8 V 1409
5   im Sinne "vor lauter Bäumen (Palmen) den Wald nicht mehr sehen", h: statt nur auf den Tempelherrn zu sehen bzw. nach ihm Ausschau zu halten
6   →Motiv der Liebe im "Nathan": Liebe als Fieber(krankheit)
7   Vernunft und Leidenschaft (Emotionen, Affekte) widersprechen sich nicht oder müssen sich nicht widersprechen oder in einem dauernden Kampf miteinander liegen

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