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Lessing: Nathan der Weise

II,9: Al-Hafi verabschiedet sich von Nathan

II,8 II,9 →III,1


NEUNTER AUFTRITT

Nathan. Al-Hafi.

AL-HAFI. Ha! ha! zu Euch wollt' ich nun eben wieder.
NATHAN. Ist's denn so eilig? Was verlangt er denn
   Von mir?
AL-HAFI. Wer?
NATHAN.              Saladin. - Ich komm, ich komme.
AL-HAFI. Zu wem? Zum Saladin?
NATHAN.                                     Schickt Saladin
   Dich nicht?
AL-HAFI.     Mich? nein. Hat er denn schon geschickt?
NATHAN. Ja freilich hat er.
AL-HAFI.                            Nun, so ist es richtig.
NATHAN.
   Was? was ist richtig?
AL-HAFI.                       Dass . . . ich bin nicht schuld;
   Gott weiß, ich bin nicht schuld. - Was hab ich nicht
   Von Euch gesagt, gelogen, um es abzuwenden!
NATHAN. Was abzuwenden? Was ist richtig?
AL-HAFI.                                                          Dass                     1430
   Nun Ihr sein Defterdar1 geworden. Ich
   Bedaur' Euch. Doch mit ansehn will ich's nicht.
   Ich geh von Stund an; geh. Ihr habt es schon
   Gehört, wohin; und wisst den Weg. - Habt Ihr
   Des Wegs was zu bestellen, sagt: ich bin
   Zu Diensten. Freilich muss es mehr nicht sein,
   Als was ein Nackter2 mit sich schleppen kann.
   Ich geh, sagt bald.
NATHAN.                Besinn dich doch, Al-Hafi.
   Besinn dich, dass ich noch von gar nichts weiß.
   Was plauderst du denn da?
AL-HAFI.                               Ihr bringt sie doch                             1440
   Gleich mit, die Beutel?
NATHAN.                      Beutel?
AL-HAFI.                                      Nun, das Geld,
   Das Ihr dem Saladin vorschießen sollt.
NATHAN. Und weiter ist es nichts?
AL-HAFI.                                              Ich sollt' es wohl
   Mit ansehn, wie er Euch von Tag zu Tag
   Aushöhlen wird bis auf die Zehen?
3Sollt'
   Es wohl mit ansehn, dass Verschwendung aus
   Der weisen Milde sonst nie leeren Scheuern4
   So lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch
   Die armen eingebornen5 Mäuschen drin
   Verhungern? - Bildet Ihr vielleicht Euch ein,                                  1450
   Wer Euers Gelds bedürftig sei, der werde
   Doch Euerm Rate wohl auch folgen? - Ja;
   Er Rate folgen! Wenn6 hat Saladin
   Sich raten lassen? - Denkt nur, Nathan, was
   Mir eben itzt mit ihm begegnet.
NATHAN.                                  Nun?
AL-HAFI. Da komm ich zu ihm, eben dass er Schach
   Gespielt mit seiner Schwester
.7 Sittah spielt
   Nicht übel; und das Spiel, das Saladin
   Verloren glaubte, schon gegeben hatte,
   Das stand noch ganz so da. Ich seh Euch hin,                              1460
   Und sehe, dass das Spiel noch lange nicht
   Verloren
8.
NATHAN. Ei! das war für dich ein Fund!
AL-HAFI. Er durfte mit dem König an den Bauer
   Nur rücken, auf ihr Schach. - Wenn ich's Euch gleich
   Nur zeigen könnte!
NATHAN.               O ich traue dir!
AL-HAFI. Denn so bekam der Roche9 Feld10: und sie
   War hin. - Das alles will ich ihm nun weisen
   Und ruf ihn. - Denkt! . . .
NATHAN.                          Er ist nicht deiner Meinung?
AL-HAFI. Er hört mich gar nicht an, und wirft verächtlich
   Das ganze Spiel in Klumpen
.11
NATHAN.                                Ist das möglich?                              1470
AL-HAFI. Und sagt: er wolle matt12 nun einmal sein;
   Er wolle! Heißt das spielen?
NATHAN.                              Schwerlich wohl;
   Heißt mit dem Spielen spielen.
AL-HAFI.                                  Gleichwohl galt
   Es keine taube Nuss.13
NATHAN.                    Geld hin, Geld her!
   Das ist das wenigste
.14 Allein dich gar
   Nicht anzuhören! über einen Punkt
   Von solcher Wichtigkeit dich nicht einmal
   Zu hören! deinen Adlerblick nicht zu
   Bewundern! das, das schreit um Rache; nicht?15
AL-HAFI. Ach was! Ich sag Euch das nur, damit                              1480
   Ihr sehen könnt, was für ein Kopf er ist.
   Kurz, ich, ich halt's mit ihm nicht länger aus.
   Da lauf ich nun bei allen schmutz'gen Mohren16
   Herum, und frage, wer ihm borgen will.
   Ich, der ich nie für mich gebettelt habe,
   Soll nun für andre borgen. Borgen ist
   Viel besser nicht als betteln: so wie leihen,
   Auf Wucher leihen, nicht viel besser ist,
   Als stehlen. Unter meinen Ghebern17, an
   Dem Ganges, brauch ich beides nicht, und brauche                      1490
   Das Werkzeug beider nicht zu sein. Am Ganges,
   Am Ganges nur gibt's Menschen.
Hier seid Ihr
   Der einzige, der noch so würdig wäre,
   Dass er am Ganges lebte. - Wollt Ihr mit? -
   Lasst ihm mit eins den Plunder18 ganz im Stiche19,
   Um den es ihm zu tun. Er bringt Euch nach
   Und nach doch drum. So wär' die Plackerei20
   Auf einmal aus. Ich schaff Euch einen Delk.21
   Kommt! kommt!
NATHAN.                     Ich dächte zwar, das blieb' uns ja
   Noch immer übrig. Doch, Al-Hafi, will                                           1500
   Ich's überlegen. Warte . . .
AL-HAFI.                        Überlegen?
   Nein, so was überlegt sich nicht.
NATHAN.                                       Nur bis
   Ich von dem Sultan wiederkomme; bis
   Ich Abschied erst . . .
AL-HAFI.                      Wer überlegt, der sucht
   Bewegungsgründe, nicht zu dürfen
. Wer
   Sich Knall und Fall22, ihm selbst zu leben, nicht
   Entschließen kann, der lebet andrer Sklav'
   Auf immer. - Wie Ihr wollt! - Lebt wohl! wie's Euch
   Wohl dünkt. - Mein Weg liegt dort; und Eurer da
NATHAN. Al-Hafi! Du wirst selbst doch erst das Deine                     1510
   Berichtigen
23?
AL-HAFI.       Ach Possen24! Der Bestand
   Von meiner Kass' ist nicht des Zählens wert;
   Und meine Rechnung bürgt25 - Ihr oder Sittah.
   Lebt wohl! (Ab.)
NATHAN (ihm nachsehend).
   Die bürg ich! - Wilder, guter, edler -
   Wie nenn ich ihn? - Der wahre Bettler ist
   Doch einzig und allein der wahre König!

   (Von einer andern Seite ab.)

 

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Dieses Werk (Nathan der Weise, von Gotthold Ephraim Lessing), das durch Gert Egle gekennzeichnet wurde, unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.

 

Worterläuterungen/Hinweise/Kommentar

1  Schatzmeister
2  h: ein Leichtgekleideter
3  Redensart, h: ausrauben, ausplündern
4  Scheune, Schuppen, in dem in der Landwirtschaft Stroh und Heu gelagert wird
5  dort geborenen und lebenden
6  Wann
7  vgl. II,1
8  vgl. II,2 V V 933
9  Turm(figur) beim Schachspiel
10  der Turm bekam Platz, Bewegungsfreiheit
11  wirft die Schachfiguren durcheinander, vgl. II,2 V 940 (Bühnenanweisung),
12  Spielende beim Schach
13  umgangssprachlich: dummer, langweiliger Mensch
14  Zu den Motiven des Sinneswandels von Nathan in Bezug auf die Kreditgewährung an Saladin II, 7 V 1349f., ursprüngliche Ablehnung Nathans im Dialog mit Al-Hafi (I,3 V 424 ff. ) dem Sultan Kredit zu gewähren
15  Redensart, h: verlangt Vergeltung, (ironisch gemeint)
16  dunkelhäutiger Bewohner von »Mauretanien, Mauretanier; veraltet; Schwarzer, Mensch mit schwarzer Hautfarbe; vgl. II,2 V 1092
17  Anhänger der Lehre des »Zarathustrismus (Zoroastrismus); lt. Wikipedia sind die »Parsen (persisch Pars „Perser“) "eine ethnisch streng abgeschlossene, aus »Persien stammende Gemeinschaft, die der Lehre des »Zoroastrismus anhängt."
18  Kram, unwichtiges Zeug
19  Redensart, h: ohne Hemmungen aufgeben
20  Mühe, mühevolle Anstrengung, Schufterei
21  Kittel eines Derwischs (islam. Bettelmönch)
22  umgangssprachlich etwa: plötzlich, völlig unvermittelt
23  h: deine Angelegenheiten regeln, deinen Auftrag ausführen
24  Unfug, Unsinn
25  für meine Rechnung (Buchhaltung) bürgt

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