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Text Lessing: Nathan der Weise - 2. Akt: Szene 7

II,7 - Nathan und der Tempelherr: Die Identität des Tempelherrn

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FAChbereich Deutsch
Center-MapFachbegriffe des Deutschunterrichts Literatur Autorinnen und Autoren Gotthold Ephraim Lessing: │● Nathan der Weise
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ZWEITER AUFZUG

SIEBENTER AUFTRITT

Nathan und der Tempelherr.

TEMPELHERR. So kennt Ihr ihn noch nicht? – ich meine, von           1340
   Person.
NATHAN.  Den Saladin? Noch nicht. Ich habe
   Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen
.
   Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut
   Von ihm, daß ich nicht lieber glauben wollte,
   Als sehn. Doch nun, – wenn anders dem so ist, –
   Hat er durch Sparung1 Eures Lebens ...
TEMPELHERR.                                    Ja;
   Dem allerdings ist so. Das Leben, das
   Ich leb', ist sein Geschenk.

NATHAN.                           Durch das er mir
   Ein doppelt, dreifach Leben schenkte. Dies
   Hat alles zwischen uns verändert
; hat                                          1350
   Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das
   Mich seinem Dienst auf ewig fesselt.
Kaum,
   Und kaum, kann ich es nun erwarten, was
   Er mir zuerst befehlen wird.
Ich bin
   Bereit zu allem;
2 bin bereit ihm zu
   Gestehn, daß ich es Euertwegen bin.
TEMPELHERR. Noch hab ich selber ihm nicht danken können:3
   So oft ich auch ihm in den Weg getreten.
   Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam
   So schnell, als schnell er wiederum verschwunden.                       1360
   Wer weiß, ob er sich meiner gar erinnert.
   Und dennoch muß er, einmal wenigstens,
   Sich meiner noch erinnern, um mein Schicksal
   Ganz zu entscheiden. Nicht genug, daß ich
   Auf sein Geheiß noch bin, mit seinem Willen
   Noch leb': ich muß nun auch von ihm erwarten,
   Nach wessen Willen ich zu leben habe
.
NATHAN. Nicht anders; um so mehr will ich nicht säumen. –
   Es fällt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch
   Zu kommen, Anlaß gibt. – Erlaubt, verzeiht –                                1370
   Ich eile – Wenn, wenn aber sehn wir Euch
   Bei uns?
TEMPELHERR. So bald ich darf.
NATHAN.                                   So bald Ihr wollt.
TEMPELHERR. Noch heut.
NATHAN.                          Und Euer Name? – muß ich bitten.
TEMPELHERR.
   Mein Name war – ist Curd von Stauffen. – Curd!4
NATHAN.
   Von Stauffen? – Stauffen? – Stauffen?
TEMPELHERR.                                     Warum fällt
   Euch das so auf?
NATHAN.              Von Stauffen? – Des Geschlechts
   Sind wohl schon mehrere ...
TEMPELHERR.                     O ja! hier waren,
   Hier faulen des Geschlechts schon mehrere.
   Mein Oheim selbst, – mein Vater will ich sagen,
   Doch warum schärft sich Euer Blick auf mich                                1380
   Je mehr und mehr
? 5
NATHAN.                 O nichts! o nichts! Wie kann
   Ich Euch zu sehn ermüden?
TEMPELHERR.                     Drum verlaß
   Ich Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand
   Nicht selten mehr, als er zu finden wünschte
.
   Ich fürcht' ihn, Nathan. Laßt die Zeit allmählig,
   Und nicht die Neugier, unsre Kundschaft6 machen. (Er geht.)
NATHAN (der ihm mit Erstaunen nachsieht.)
  
»Der Forscher fand nicht selten mehr, als er
   Zu finden wünschte.«
7Ist es doch, als ob
   In meiner Seel' er lese
! – Wahrlich ja;
   Das könnt auch mir begegnen. – Nicht allein                                 1390
   Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme.8 So,
   Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf;
   Trug Wolf sogar das Schwert im Arm'; strich Wolf
   Sogar die Augenbraunen mit der Hand,
   Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen. –
   Wie solche tiefgeprägte Bilder doch
   Zu Zeiten in uns schlafen können
, bis
   Ein Wort, ein Laut sie weckt. – Von Stauffen! –
   Ganz recht, ganz recht; Filneck und Stauffen.

   Ich will das bald genauer wissen; bald.                                        1400
   Nur erst zum Saladin. – Doch wie? lauscht dort
   Nicht Daja? – Nun so komm nur näher, Daja.
9

 

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Dieses Werk (Nathan der Weise, von Gotthold Ephraim Lessing), das durch Gert Egle gekennzeichnet wurde, unterliegt keinen bekannten urheberrechtlichen Beschränkungen.

 

Worterläuterungen/Hinweise/Kommentar

1   Schonung
2   vgl. die Ablehnung Nathans im Dialog mit Al-Hafi (I,3 V 424 ff. ) dem Sultan Kredit zu gewähren
3   vgl. IV,4 V 2651ff.
4   →Verwandtschaftsbeziehungen der Figuren
5   Implizite Bühnenanweisung (→ Haupt- und Nebentext), h: warum fixiert ihr mich so genau
6   Bekanntschaft
7   vgl. V 1383 , Nathan wiederholt die Aussage des Tempelherrn wörtlich (ad spectatores?)
8   Auch für Saladin ist die Stimme und Sprechweise des Tempelherrn eine besonders herausragende Ähnlichkeit zwischen dem Tempelherrn und seinem verstorbenen Bruder Assad (Wolf von Filnek) (IV,4 V 2664)x
9   Implizite Bühnenanweisung (→ Haupt- und Nebentext),

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Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 07.08.2018

     
 

 
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