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Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

II,4 - Nathan und Recha warten auf das Erscheinen des Tempelherrn

II,3 II,4 →II,5


VIERTER AUFTRITT

Szene: vor dem Hause des Nathan, wo es an die Palmen stößt.
Recha und Nathan kommen heraus. Zu ihnen Daja.

RECHA. Ihr habt Euch sehr verweilt, mein Vater. Er
   Wird kaum noch mehr zu treffen sein.
NATHAN.                                            Nun, nun;
   Wenn hier, hier untern Palmen schon nicht mehr:
   Doch anderwärts. – Sei itzt nur ruhig. – Sieh!
   Kömmt dort nicht Daja auf uns zu?1
RECHA.                                          Sie wird                                  1150
   Ihn ganz gewiß verloren haben.
NATHAN.                                    Auch
   Wohl nicht.
RECHA. Sie würde sonst geschwinder kommen.2
NATHAN. Sie hat uns wohl noch nicht gesehn ...
RECHA.                                                       Nun sieht
   Sie uns.
NATHAN.  Und doppelt ihre Schritte. Sieh!3
   Sei doch nur ruhig! ruhig!
RECHA.                           Wolltet Ihr
   Wohl eine Tochter, die hier ruhig wäre?
   Sich unbekümmert ließe4, wessen Wohltat
   Ihr Leben sei? Ihr Leben, – das ihr nur
   So lieb, weil sie es Euch zu erst verdanket.
NATHAN. Ich möchte dich nicht anders, als du bist:                          1160
   Auch wenn ich wüßte, daß in deiner Seele
   Ganz etwas anders noch sich rege.
RECHA.                                          Was,
   Mein Vater?
NATHAN.          Fragst du mich? so schüchtern mich?
   Was auch in deinem Innern vorgeht, ist
   Natur und Unschuld.
Laß es keine Sorge
   Dir machen. Mir, mir macht es keine. Nur
   Versprich mir: wenn dein Herz vernehmlicher
   Sich einst erklärt,
mir seiner Wünsche keinen
   Zu bergen.5
RECHA.      Schon die Möglichkeit, mein Herz
    Euch lieber zu verhüllen, macht mich zittern.                                 1170
NATHAN. Nichts mehr hiervon! Das ein für allemal
   Ist abgetan. – Da ist ja Daja. – Nun?
DAJA. Noch wandelt er hier untern Palmen; und
  Wird gleich um jene Mauer kommen. – Seht,
   Da kömmt er
!6
RECHA.           Ah! und scheinet unentschlossen,
   Wohin? ob weiter? ob hinab? ob rechts?
   Ob links?7
DAJA.         Nein, nein; er macht den Weg ums Kloster
   Gewiß noch öfter; und dann muß er hier
   Vorbei. – Was gilts?
RECHA.                     Recht! recht! – Hast du ihn schon
   Gesprochen? Und wie ist er heut?
DAJA.                                           Wie immer.                               1180
NATHAN. So macht nur, daß er euch hier nicht gewahr
   Wird. Tretet mehr zurück. Geht lieber ganz
   Hinein.
RECHA.  Nur einen Blick noch! – Ah! die Hecke,
   Die mir ihn stiehlt.8
DAJA.                        Kommt! kommt! Der Vater hat
   Ganz recht. Ihr lauft Gefahr, wenn er Euch sieht,
   Daß auf der Stell' er umkehrt.
RECHA.                                  Ah! die Hecke!
NATHAN. Und kömmt er plötzlich dort aus ihr hervor:
   So kann er anders nicht, er muß euch sehn.
   Drum geht doch nur!
DAJA.                         Kommt! kommt! Ich weiß ein Fenster,
   Aus dem wir sie bemerken9 können.
RECHA.                                           Ja?                                         1190
(Beide hinein.)

 

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