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Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

II,2 - Saladin wird von Al-Hafi über seine Finanzlage aufgeklärt

II,1 II,2 →II,3


ZWEITER AUFTRITT

Der Derwisch Al-Hafi. Saladin. Sittah.

AL-HAFI.                 Die Gelder aus
   Ägypten
sind vermutlich angelangt.1
   Wenns nur fein viel ist.
SALADIN.                     Hast du Nachricht?
AL-HAFI.                                                   Ich?
   Ich nicht. Ich denke, daß ich hier sie in
   Empfang soll nehmen.
SALADIN.                     Zahl an Sittah tausend
   Dinare!
2                                                                                     920
(In Gedanken hin und her gehend.)
AL-HAFI.  Zahl! anstatt, empfang! O schön!
   Das ist für Was noch weniger als Nichts. –
   An Sittah? – wiederum an Sittah? Und
   Verloren? – wiederum im Schach verloren? –
   Da steht es noch das Spiel!
SITTAH.                               Du gönnst mir doch
   Mein Glück?
AL-HAFI (das Spiel betrachtend.)
                  Was gönnen? Wenn – Ihr wißt ja wohl.
SITTAH (ihm winkend.)
   Bst! Hafi! bst!
AL-HAFI (noch auf das Spiel gerichtet.)
                       Gönnts Euch nur selber erst!
SITTAH.   Al-Hafi! bst!
AL-HAFI (zu Sittah.)
                                Die Weißen waren Euer?
   Ihr bietet Schach?
SITTAH.                 Gut, daß er nichts gehört!
AL-HAFI. Nun ist der Zug an ihm?
SITTAH (ihm näher tretend.)
                                                So sage doch,
   Daß ich mein Geld bekommen kann.                                            930
AL-HAFI (noch auf das Spiel geheftet.)
                                                         Nun ja;
   Ihr sollts bekommen, wie Ihrs stets bekommen.
SITTAH. Wie? bist du toll?
AL-HAFI.                         Das Spiel ist ja nicht aus.
   Ihr habt ja nicht verloren, Saladin.
SALADIN (kaum hinhörend.)
   Doch! doch! Bezahl! bezahl!
AL-HAFI.                               Bezahl! bezahl!
   Da steht ja Eure Königin.
SALADIN (noch so.)
                                        Gilt nicht;
   Gehört nicht mehr ins Spiel.
SITTAH.                               So mach, und sag,
   Daß ich das Geld mir nur kann holen lassen.
AL-HAFI (noch immer in das Spiel vertieft.)
   Versteht sich, so wie immer. – Wenn auch schon;
   Wenn auch die Königin nichts gilt: Ihr seid
   Doch darum noch nicht matt.
SALADIN (tritt hinzu und wirft das Spiel um.)
                                             Ich bin es; will                                   940
   Es sein.

AL-HAFI. Ja so! – Spiel wie Gewinst!3 So wie
   Gewonnen, so bezahlt.
SALADIN (zu Sittah.)
                                    Was sagt er? was?
SITTAH (von Zeit zu Zeit dem Hafi winkend.)
   Du kennst ihn ja. Er sträubt sich gern; läßt gern
   Sich bitten; ist wohl gar ein wenig neidisch.

SALADIN. Auf dich doch nicht? Auf meine Schwester nicht? –
   Was hör' ich, Hafi? Neidisch? du?
AL-HAFI.                                     Kann sein!
   Kann sein! – Ich hätt' ihr Hirn wohl lieber selbst;
   Wär' lieber selbst so gut, als sie.
SITTAH.                                       Indes
   Hat er doch immer richtig noch bezahlt.
   Und wird auch heut' bezahlen. Laß ihn nur! –                                950
   Geh nur, Al-Hafi, geh! Ich will das Geld
   Schon holen lassen.
AL-HAFI.                    Nein; ich spiele länger
   Die Mummerei nicht mit.
4 Er muß es doch
   Einmal erfahren.
SALADIN.             Wer? und was?
SITTAH.                                        Al-Hafi!
   Ist dieses dein Versprechen? Hältst du so
   Mir Wort?

AL-HAFI. Wie konnt' ich glauben, daß es so
   Weit gehen würde.
SALADIN.                 Nun? erfahr ich nichts?
SITTAH. Ich bitte dich, Al-Hafi; sei bescheiden.5
SALADIN. Das ist doch sonderbar! Was könnte Sittah
   So feierlich, so warm bei einem Fremden,                                    960
   Bei einem Derwisch lieber, als bei mir,
   Bei ihrem Bruder sich verbitten wollen.
Al-Hafi, nun befehl ich. – Rede, Derwisch!
SITTAH. Laß eine Kleinigkeit, mein Bruder, dir
   Nicht näher treten, als sie würdig ist.
   Du weißt, ich habe zu verschiednen Malen
   Dieselbe Summ' im Schach von dir gewonnen.
   Und weil ich itzt das Geld nicht nötig habe;
   Weil itzt in Hafis Kasse doch das Geld
   Nicht eben allzuhäufig ist: so sind                                                 970
   Die Posten stehn geblieben. Aber sorgt
   Nur nicht! Ich will sie weder dir, mein Bruder,
   Noch Hafi, noch der Kasse schenken.
AL-HAFI.                                             Ja,
   Wenns das nur wäre! das!
SITTAH.                             Und mehr dergleichen. –
   Auch das ist in der Kasse stehn geblieben,
   Was du mir einmal ausgeworfen; ist
   Seit wenig Monden stehn geblieben.
AL-HAFI.                                             Noch
   Nicht alles.
SALADIN.    Noch nicht? – Wirst du reden?
AL-HAFI. Seit aus Ägypten wir das Geld erwarten,
   Hat sie ...
SITTAH (zu Saladin.)
               Wozu ihn hören?
AL-HAFI.                         Nicht nur Nichts                                       980
   Bekommen ...

SALADIN.        Gutes Mädchen! – Auch beiher
   Mit vorgeschossen.
Nicht?
AL-HAFI.                          Den ganzen Hof
   Erhalten; Euern Aufwand ganz allein
   Bestritten.
6
SALADIN. Ha! das, das ist meine Schwester!
(Sie umarmend.)
SITTAH. Wer hatte, dies zu können, mich so reich
   Gemacht, als du, mein Bruder?
AL-HAFI.                                  Wird schon auch
   So bettelarm sie wieder machen, als
   Er selber ist.

SALADIN.        Ich arm? der Bruder arm?
   Wenn hab' ich mehr? wenn weniger gehabt? –
   Ein Kleid, Ein Schwert, Ein Pferd, – und Einen Gott!                     990
   Was brauch' ich mehr? 7 Wenn kanns an dem mir fehlen?
   Und doch, Al-Hafi, könnt' ich mit dir schelten.
SITTAH. Schilt nicht, mein Bruder. Wenn ich unserm Vater
   Auch seine Sorgen so erleichtern könnte!
SALADIN, Ah! Ah! Nun schlägst du meine Freudigkeit
   Auf einmal wieder nieder! – Mir, für mich
   Fehlt nichts, und kann nichts fehlen. Aber ihm
   Ihm fehlet; und in ihm uns allen. – Sagt,
   Was soll ich machen? – Aus Ägypten kommt
   Vielleicht noch lange nichts
. Woran das liegt,                               1000
   Weiß Gott. Es ist doch da noch alles ruhig. –
   Abbrechen, einziehn, sparen, will ich gern,
   Mir gern gefallen lassen;
wenn es mich,
   Bloß mich betrifft; bloß mich, und niemand sonst
   Darunter leidet. – Doch was kann das machen?
   Ein Pferd, Ein Kleid, Ein Schwert, muß ich doch haben.8
   Und meinem Gott ist auch nichts abzudingen.
   Ihm gnügt schon so mit wenigem genug;
   Mit meinem Herzen. – Auf den Überschuß
   Von deiner Kasse, Hafi, hatt' ich sehr                                          1010
   Gerechnet.

AL-HAFI.        Überschuß? – Sagt selber, ob
   Ihr mich nicht hättet spießen, wenigstens
   Mich drosseln lassen, wenn auf Überschuß
   Ich von Euch wär' ergriffen worden. Ja,
   Auf Unterschleif! das war zu wagen.
SALADIN.                                           Nun,
   Was machen wir denn aber? – Konntest du
   Vor erst bei niemand andern borgen, als
   Bei Sittah?

SITTAH.        Würd' ich dieses Vorrecht, Bruder,
   Mir haben nehmen lassen? Mir von ihm?
   Auch noch besteh' ich drauf. Noch bin ich auf                               1020
   Dem Trocknen völlig nicht.
SALADIN.                          Nur völlig nicht!
   Das fehlte noch! – Geh gleich, mach Anstalt, Hafi!
   Nimm auf bei wem du kannst! und wie du kannst!
   Geh, borg, versprich. – Nur, Hafi, borge nicht
   Bei denen, die ich reich gemacht. Denn borgen
   Von diesen, möchte wiederfodern 9 heißen.
   Geh zu den Geizigsten; die werden mir
   Am liebsten leihen. Denn sie wissen wohl,
   Wie gut ihr Geld in meinen Händen wuchert.
AL-HAFI. Ich kenne deren keine.                                                   1030
SITTAH.                                 Eben fällt
   Mir ein, gehört zu haben, Hafi, daß
   Dein Freund zurückgekommen.

AL-HAFI (betroffen.)
                                                 Freund? mein Freund?
   Wer wär' denn das?

SITTAH.                    Dein hochgepriesner Jude.
AL-HAFI. Gepriesner Jude? hoch von mir?
SITTAH.                                                    Dem Gott, – –
   Mich denkt des Ausdrucks noch recht wohl, des einst
   Du selber dich von ihm bedientest, – dem
   Sein Gott von allen Gütern dieser Welt
   Das kleinst' und größte so in vollem Maß
   Erteilet habe. –

AL-HAFI.           Sagt' ich so? – Was meint'
   Ich denn damit?                                                                        1040
SITTAH.               Das kleinste: Reichtum. Und
   Das größte: Weisheit.
AL-HAFI.                       Wie? von einem Juden?
   Von einem Juden hätt' ich das gesagt?
SITTAH. Das hättest du von deinem Nathan nicht
   Gesagt?
AL-HAFI. Ja so! von dem! vom Nathan! – Fiel
   Mir der doch gar nicht bei. – Wahrhaftig? Der
   Ist endlich wieder heim gekommen? Ei!
   So mags doch gar so schlecht mit ihm nicht stehn. –
   Ganz recht: den nannt' einmal das Volk den Weisen!
   Den Reichen auch
.10
SITTAH.                  Den Reichen nennt es ihn
   Itzt mehr als je
. Die ganze Stadt erschallt,                                 1050
   Was er für Kostbarkeiten, was für Schätze,
   Er mitgebracht.
11
AL-HAFI.             Nun, ists der Reiche wieder:
   So wirds auch wohl der Weise wieder sein.

SITTAH. Was meinst du, Hafi, wenn du diesen angingst?
AL-HAFI. Und was bei ihm? – Doch wohl nicht borgen? – Ja,
   Da kennt Ihr ihn. – Erborgen! – Seine Weisheit
   Ist eben, daß er niemand borgt.

SITTAH.                                     Du hast
   Mir sonst doch ganz ein ander Bild von ihm
   Gemacht.
AL-HAFI.   Zur Not wird er Euch Waren borgen.
   Geld aber, Geld? Geld nimmermehr! – Es ist                              1060
   Ein Jude freilich übrigens, wie's nicht
   Viel Juden gibt. Er hat Verstand; er weiß
   Zu leben
; spielt gut Schach. Doch zeichnet er
   Im Schlechten sich nicht minder, als im Guten
   Von allen andern Juden aus. – Auf den,
   Auf den nur rechnet nicht
. – Den Armen gibt
   Er zwar; und gibt vielleicht Trotz Saladin
.
   Wenn schon nicht ganz so viel: doch ganz so gern;
   Doch ganz so sonder Ansehn. Jud' und Christ
   Und Muselmann12 und Parsi 13, alles ist                                       1070
   Ihm eins.
SITTAH.       Und so ein Mann ...
SALADIN.                                 Wie kommt es denn,
   Daß ich von diesem Manne nie gehört? ..
.
SITTAH. Der sollte Saladin nicht borgen? nicht
   Dem Saladin, der nur für andre braucht,
   Nicht sich?
AL-HAFI. Da seht nun gleich den Juden wieder;
   Den ganz gemeinen14 Juden! – Glaubt mirs doch! –
   Er ist aufs Geben Euch so eifersüchtig,
   So neidisch!
Jedes Lohn von Gott, das in
   Der Welt gesagt wird, zög' er lieber ganz
   Allein. Nur darum eben leiht er keinem,                                       1080
   Damit er stets zu geben habe.
Weil
   Die Mild' ihm im Gesetz geboten; die
   Gefälligkeit ihm aber nicht geboten: macht
   Die Mild' ihn zu dem ungefälligsten
   Gesellen auf der Welt. Zwar bin ich seit
   Geraumer Zeit ein wenig übern Fuß
   Mit ihm gespann
t;15 doch denkt nur nicht, daß ich
   Ihm darum nicht Gerechtigkeit erzeige.
   Er ist zu allem gut: bloß dazu nicht;
   Bloß dazu wahrlich nicht. Ich will auch gleich                                1090
   Nur gehn, an andre Türen klopfen ... Da
   Besinn' ich mich so eben eines Mohren,16
   Der reich und geizig ist. – Ich geh'; ich geh'.
SITTAH. Was eilst du, Hafi?
SALADIN.                         Laß ihn! laß ihn!

 

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Worterläuterungen/Hinweise/Kommentar

1   Tributzahlungen, die Saladin erwartet, vgl. dazu auch:
2    arabische Geldmünze, die bis ins 13. Jahrhundert hinein geprägt worden ist; ihr Münzbild besteht nur aus Schriftzeichen, (→Motiv des Geldes/des Reichtums)
3    Gewinn
4    Verstellung, Maske
5    hier im Sinne von zurückhaltend, verschwiegen, diskret
6    Ausgaben für die Hofhaltung Saladins
7    Überlieferte Maxime Saladins (→Egle, Gert (2012): Saladin, der edle Sarazene, und der Kreuzfahrerstaat in Jerusalem)
8  s. Anm. 7
9     zurückfordern
10   Auch Daja und der Tempelherr sprechen bei ihrem Zusammentreffen (I,6 V 740ff.) über die Nathan zugeschriebenen Attribute "reich" und "weise", wobei der Tempelherr betont, dass für die Juden reich und weise das Gleiche sei.
11   In ihrem Gespräch mit dem Tempelherrn macht Daja genauere Angaben darüber, mit welchen Reichtümern die 20 hochbeladenen Kamele mit Nathan von seiner Reise nach Babylon zurückkehren. (I,6 V 732) (→Motiv des Geldes/des Reichtums)
12   veraltete, ins Deutsche übernommene Bezeichnung für Moslem/Muslim
13  lt. Wikipedia sind die »Parsen (persisch Pars „Perser“) "eine ethnisch streng abgeschlossene, aus »Persien stammende Gemeinschaft, die der Lehre des »Zoroastrismus anhängt."
14  gewöhnlichen´; den Juden, wie man ihn sich gewöhnlich vorstellt;
15  Redewendung: in einem angespannten Verhältnis zueinander stehen, ohne eine direkte Feindschaft zu pflegen; Konflikte, Meinungsverschiedenheiten haben
16  dunkelhäutiger Bewohner von »Mauretanien, Mauretanier; veraltet; Schwarzer, Mensch mit schwarzer Hautfarbe

 

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