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Lessing: Nathan der Weise

Inhaltsüberblick - 4. Akt

 
 
Die nachfolgende Zusammenstellung gibt eine umfassende Inhaltsübersicht über den 4. Akt von Lessings Drama »Nathan der Weise«.   

> IV,1

Daja, die weiterhin hofft, mit Hilfe des Tempelherrn nach Europa zurückzukommen, kann bei ihrem heimlichen Zusammentreffen mit dem Tempelherrn hören, dass dieser Recha liebt. Dadurch sieht sie sich ermuntert, diesem die Wahrheit über Rechas Herkunft mitzuteilen, zumal sie sich über die vermeintliche Zurückweisung des Heiratsantrags durch Nathan empört. Auf ihre Enthüllung, Recha sei Christin, kann der Tempelherr, sichtlich enttäuscht, zunächst nur spöttisch reagieren, da er offenbar vermutet, Daja habe Recha heimlich zum Christentum bekehrt. Erst als Daja erklärt, Recha sei ein Christenkind und getauft, und ihm bestätigt, dass Nathan nicht der Vater Rechas ist, kann der Tempelherr die ganze Tragweite der Enthüllungen erkennen. Die Vorstellung, der "weise, gute Nathan" habe sich in dieser Weise gegen Gott und die Natur versündigt, stürzt ihn so sehr in Verwirrung und erschüttert sein Bild von Nathan derart, dass er dem jeden Augenblick möglichen Wiederzusammentreffen mit Nathan aus dem Weg geht. Er bittet Recha, ihm auszurichten, dass sie sich bei Saladin wieder sehen würden. Als Daja dem Tempelherrn am Ende das Versprechen abringen will, sie selbst neben Recha nach Europa mitzunehmen, weicht dieser allerdings aus.

 > IV,1

In den Kreuzgängen des Klosters findet der Tempelherr den Klosterbruder, den er längere Zeit gesucht hat. Dieser hat gerade noch in einem kurzen Selbstgespräch seinem Unbehagen Luft gemacht, ständig im Auftrag des Patriarchen irgendwelche Intrigen oder Machenschaften auf den Weg zu bringen, als ihn der Tempelherr anspricht. In der irrigen Annahme, der Tempelherr habe seine Meinung über den ihm ehemals zugetragenen Mordplan des Patriarchen doch noch geändert, ist ihm die erneute Begegnung mit dem Tempelherrn mehr als suspekt. Erleichtert, aber nicht minder verwundert, nimmt er zur Kenntnis, dass der Tempelherr den Patriarchen wegen einer anderen Sache um Rat fragen will. Offenbar fürchtet er noch immer, dass der persönliche Kontakt mit dem Patriarchen, den Tempelherrn dazu bringen könnte, seine Meinung zu revidieren. Der Tempelherr, rundum enttäuscht von dem seiner Ansicht nach nur vordergründig toleranten, auf reinen Lippenbekenntnissen beruhenden Verhaltens von Nathan, hat die Überzeugung gewonnen, dass "Religion [...] auch Partei" ist. Als er beginnen will, sich von dem Klosterbruder statt dem Patriarchen den gewünschten (geistlichen) Beistand zu holen, unterbricht das Kommen des Patriarchen das Gespräch der beiden.

 > IV,2

Bei seinem Zusammentreffen mit dem im ganzen Pomp auftretenden Patriarchen von Jerusalem in den Kreuzgängen des Klosters muss sich der Tempelherr zunächst die verhohlen vorgetragene Kritik des Patriarchen wegen seiner Verweigerung des Mordplans gegen Saladin anhören. In diesem Zusammenhang stellt der Patriarch klar, dass er keine Kritik am Machtanspruch der Kirche und keinen Zweifel an der Übereinstimmung kirchlichen Handels mit der göttlichen Theodizee gestatte. Als ihm der Tempelherr im Anschluss daran, den Fall Recha ohne Nennung irgendeines Namens vorträgt, lässt er keinen Einwand des Tempelherrn mehr gelten, sondern wiederholt stereotyp, dass ein Jude, der einen Christen zum Abfall vom rechten Glauben (Apostasie) verleitet habe, auf dem Scheiterhaufen brennen müsse. Der Tempelherr, der diese letzte Konsequenz nicht annehmen will, wird, als er sich vom Patriarchen verabschieden will, von diesem aufgefordert, ihm den Namen des Juden preiszugeben. Denn er wähnt sich darin sogar mit Saladin über die Grenzen der Religion hinweg einig, dass Staat und Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert würden, wenn das integrierende Band des Glaubens zerrissen würde. Mit dem Hinweis, er müsse vor Saladin erscheinen, kann der Tempelherr weiteren insistierenden Fragen des Patriarchen ein Ende setzen und erklären, es habe sich nur um einen hypothetischen Fall gehandelt. Nach seiner Verabschiedung beauftragt der Patriarch, der dieser Beteuerung misstraut, den Klosterbruder der Sache auf den Grund zu gehen.

 > IV,3

Während Sklaven die Geldstücke von Nathans Kredit in den Palast tragen,  macht sich Saladin Gedanken über seinen weiteren Umgang mit den neuen Finanzmitteln. Bis die erwarteten Tribute aus Ägypten eintreffen, nimmt er sich vor, äußerst sparsam damit umzugehen und seine Gaben für die Armen einzustellen. Einzige Ausnahme: Die Spenden, die am Heiligen Grabe eingehen, sollen weiterhin zur Versorgung der christlichen Pilger eingesetzt werden. Sittah zeigt Saladin ein Gemälde ihres gemeinsamen verschollenen Bruders Assad, dessen Aussehen sie mit dem des zum Sultan bestellten Tempelherrn vergleichen wollen. Der Bruder der beiden ist vor langer Zeit von einem Ausritt nicht mehr zurückgekehrt. Gegen den Willen seiner Schwester Lilla hatte Saladin ihm erlaubt, alleine auszureiten. Aus Gram über den Verlust des Bruders sei die ältere Schwester Sittahs danach gestorben. Sittah tröstet Saladin, der sich für dieses Geschehen verantwortlich sieht, mit dem Hinweis, dass man ja gar nicht wisse, was mit ihm geschehen, ob er nicht letzten Endes noch am Leben sei. Ihm könne widerfahren sein, was jedem Mann in so einer Lage passieren könne. Ehe sie ihre diesbezüglichen Andeutungen fortsetzen kann, erscheint der Tempelherr vor dem Sultan.

 > IV,4

Während Sittah verschleiert auf dem Sofa liegt, empfängt Saladin den Tempelherrn, in dem er erneut Züge seines verschollenen Bruders Assad zu erkennen glaubt. Nachdem er ihm erklärt hat, dass er nicht nur begnadigt, sondern auch frei sei, bietet ihm der Tempelherr aus Dankbarkeit seine Dienste an, eine Geste, die Saladin um das Angebot seiner Freundschaft erweitert. Für Saladin stellt es kein Problem dar, einen Christen in seinem Dienst und zu seinem Freund zu haben, denn er sieht sich als in religiösen Dingen tolerant. Als das Gespräch auf Nathan kommt, bringt der Tempelherr, dem seine tiefe Enttäuschung über dessen Verhalten noch immer anzusehen ist, seine Klage gegen Nathan vor. Auch wenn er vorgibt, sich mehr über sich, denn über Nathan zu ärgern, trägt das Bild von Nathan, das er nun vor Saladin entwirft, alle Züge der Verbitterung. Dass er sich Hals über Kopf in Recha, das Judenmädchen verliebt habe, sei sein eigener Fehler, dass er aber von Nathan hinters Licht geführt worden sei, habe eine andere Qualität. Nathans Verhalten gegenüber Recha, zeige "diesen Ausbund aller Menschen" als "toleranten Schwätzer". So in die Sache hineingesteigert, muss sich der Tempelherr gefallen lassen, von Saladin zurechtgewiesen zu werden. Seine Warnung, Nathan nicht der christlichen Obrigkeit zu denunzieren, kommt allerdings zu spät. So muss der Tempelherr um Vergebung dafür bitten, in seiner Wut zunächst zum Patriarchen gegangen zu sein. Am Ende des Gesprächs fordert Saladin, der ihm Recha verspricht, den Tempelherrn auf, Nathan zu suchen und mit ihm wieder vor ihm zu erscheinen.

 > IV,5

Sittah, die während des ganzen Gesprächs von Saladin mit dem Tempelherrn schweigend zugehört hat, bestätigt ihm die große Ähnlichkeit mit Assad. Zugleich hält sie ihm vor, dass er die Gelegenheit nicht hinreichend genutzt habe, sich nach den Eltern des Tempelherrn zu erkundigen. Es sei doch nicht auszuschließen, so deutet sie an, dass bei den ihrem Bruder Assad seinerzeit nachgesagten besonderen Vorlieben für "hübsche Christendamen" noch eine Überraschung ans Tageslicht kommen könne. Einig sind sich beide, dass Nathan Recha dem Tempelherrn zur Frau geben muss. Und Sittah fordert ihren Bruder auf, Recha unter seine eigene Vormundschaft zu nehmen, wofür sich Saladin allerdings nicht recht erwärmen kann. Dennoch erlaubt er Sittah, Recha in den Palast zu beordern, allerdings müsse dabei jeder Eindruck vermieden werden, man wolle Nathan von Recha gewaltsam trennen. 

 > IV,6

Daja konfrontiert Nathan mit Tätigkeiten zur Vorbereitung der Hochzeit Rechas mit dem Tempelherrn. Gleichzeitig gibt sie ihm zu verstehen, dass sie ihr Schweigen über die Herkunft Rechas brechen werde, wenn Nathan sich ihrer Verbindung mit dem Tempelherrn widersetzen sollte. Ihre Belehrungen über die Sünde, die er begangen habe, will Nathan freilich nicht hören. Was den Tempelherrn betreffe, so habe er im Prinzip überhaupt nichts gegen ihn, benötige aber einfach noch ein paar Tage Zeit, die sie ihm gewähren müsse. Ehe es zu Verabredungen zwischen Daja und Nathan über diesen Zeitaufschub kommen kann, betritt der Klosterbruder die offene Flur in Nathans Haus.

IV,5 < IV,6 > IV,7

Vom Klosterbruder erfährt Nathan, dass er wegen seines Verhaltens gegenüber Recha von irgendjemandem beim Patriarchen denunziert worden ist. Der Klosterbruder gibt Nathan deutlich zu verstehen, dass er sich vom Patriarchen für dessen christlichen Fanatismus missbraucht sieht. Als ehemaliger Eremit sei er sei nur notgedrungen in den Dienst des Patriarchen gelangt. Nathan, der sich offenbar von der christlichen Obrigkeit entdeckt wähnt, wird vom Klosterbruder deswegen schnell beruhigt. Dieser verrät ihm, dass er es gewesen sei, der ihm als Reiterknecht vor achtzehn Jahren in Darun ein Kind im Auftrag ihres Vaters, Wolf von Filnek, übergeben habe. Die Mutter des Kindes, eine Stauffin und Schwester des Tempelherrn Conrad von Stauffen sei zu diesem Zeitpunkt schon verstorben gewesen, der Vater nicht viel später im Kampf um Askalon ums Leben gekommen. Erst als der Klosterbruder Nathan zu verstehen gibt, dass er dessen über die langen Jahre wirkende väterliche Liebe zu Recha höher einschätze als christliche Orthodoxie, hat er Nathans Vertrauen gewonnen. Dieser erzählt ihm, daraufhin sein bisher niemand anderem anvertrautes Schicksal. Nathans Familie, seine Frau und seine sieben Kinder, waren wenige Tage vor der Übergabe Rechas während eines von Christen durchgeführten Judenpogroms in Darun, im Hause seines Bruders, verbrannt. Die Übergabe Rechas sei für ihn eine Prüfung Gottes gewesen, die er dankbar auf sich genommen habe. Als der tief beeindruckte Klosterbruder ausruft, Nathan habe sich dadurch als wahrer Christ erwiesen, weist dieser darauf hin, dass sein Verhalten solcher religiöser Etikettierung und einseitiger Vereinnahmung nicht bedürfe. Was die Problematik um Rechas Herkunft anbelangt, ist Nathan aber durchaus bereit, seine formellen Vaterrechte möglichen Verwandten zu überlassen. Und um diese Fragen endgültig zu klären, bittet er den Klosterbruder, das in dessen Besitz befindliche Brevier Wolf von Filneks zu holen, in dem die Verwandtschaftsverhältnisse aufgezeichnet sind. Mit der Vermutung Daja könnte ihn beim Patriarchen angezeigt haben, sieht er Daja wieder auf sich zukommen. 

 > IV,8

Daja teilt Nathan ganz aufgeregt mit, dass Sittah  Recha zu sich bringen lasse. Trotz der Tatsache, dass Nathan von der Schwester des Sultans eigentlich nichts Bedrohliches erwartet, will er doch sicherheitshalber selber bei den Boten Sittahs Genaueres erfahren. Zuvor allerdings will er von Daja wissen, ob sie hinter der Denunziation beim Patriarchen steckt. Doch als Daja auf seine direkte Frage gänzlich überrascht und sichtlich empört reagiert, scheint er seine Vermutung fallen zu lassen. Während Nathan zu den Boten unterwegs ist, schwant Daja schon weiteres Unheil: Sie befürchtet, dass auch Saladin Interesse an einer Verbindung mit der Tochter des reichen Nathan haben könnte. Da sie damit ihre eigenen Interessen, mit Hilfe des Tempelherrn nach Europa zurückzukehren, in höchstem Maße gefährdet sieht, entschließt sie sich nun, ihr Versprechen Nathan gegenüber ein weiteres Mal zu brechen und Recha bei nächstbester Gelegenheit reinen Wein einzuschenken.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 12.07.2014

     
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