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Klosterbruder Bonafides

Fromme Einfalt und gesunder Menschenverstand als Grundlage von Menschlichkeit und Toleranz

Gert Egle (2014)


Der Klosterbruder Bonafides tritt als Nebenfigur in Lessings Drama »Nathan der Weise« in den Akten 1, 4 und 5 in insgesamt 5 Szenen auf (→Szenenschema). 

Seine persönliche Geschichte ist eng mit einer der Vorgeschichten des Dramas verbunden.
Im Gespräch mit Nathan (IV,7) enthüllt er seine eigene (Vor-)Geschichte, die in Teilen immer auch zu anderen Vorgeschichten des Stücks gehört. Der Klosterbruder Bonafides war, so erzählt er selbst, 18 Jahre (IV,7 V 2971) vor dem Einsetzen der dramatischen Handlung christlicher Reitknecht. (ebd.) In dieser Zeit militärischer Auseinandersetzungen verrichtete er seinen Dienst für kurze Zeit (ebd., V 3095) im Umfeld des wohl zum Christentum konvertierten Bruders von Saladin, Assad, der nach seiner Heirat mit einer Christin aus dem Geschlecht der von Stauffen und vorübergehendem Aufenthalt in Europa mit seiner Frau nach Palästina zurückkehrt. Ihren Sohn Leu (Tempelher) lassen sie dabei in der Obhut des Bruders der Mutter, bei dem Tempelherrn Conrad von Stauffen, in Europa zurück, der sich des Sohnes seiner Schwester annimmt (V,8 V 3776) und in ebenfalls zu einem Tempelritter erzieht. In Palästina bringt die Ehefrau Assads, der in Europa den Namen Wolf von Filnek angenommen hat, eine Tochter zur Welt, verstirbt aber wenige Wochen nach der Geburt von Blanda (Recha) (IV,7 V 2977). Da sich Wolf von Filnek wegen seiner Beteiligung bei kriegerischen Auseinandersetzungen in Gaza (IV,7 V 2979) und bei Askalon (IV,7 V 2986) um das Neugeborene nicht selbst kümmern kann, beauftragt er einen Reitknecht, das Kind zu seinem Freund Nathan (V,8 V 3785) zu bringen. Als er kurz danach bei Askalon umkommt, führt der Reitknecht seinen Auftrag aus und übergibt Nathan in Darun, der bei dem Judenpogrom in Gath gerade seine ganze Familie verloren hat, das Kind und erfüllt damit das Vermächtnis seines Herrn. Dabei behält er ein "Büchelchen" (IV,7 V 3102), ein "Brevier" (IV,7 V 3106) mit Gebeten darin zurück, das er vor der Bestattung Wolfs von Filnek bei Askalon noch aus dessen Besitz an sich nimmt. Das Brevier, in das, wie man ihm als Analphabeten (IV,7 V 3108) gesagt habe, Wolf von Filnek selbst, und zwar in arabischer Schrift, die Angehörigen seiner Familie bzw. der Kinder notiert habe, übergibt er Nathan jedenfalls in Darun nicht. Ganz offenkundig weiß er nicht, dass es sich bei seinem Herrn um Assad, den Bruder Saladins, handelt. An das Büchlein erinnert er sich überhaupt erst, als ihn Nathan mit Nachfragen zu den Familienverhältnissen bedrängt. (IV,7 V 3101) (Verwandtschaftsbeziehungen der Figuren) Was zwischen dem christlichen Reitknecht und dem Juden Nathan bei der Übergabe des Kindes besprochen oder vereinbart worden ist, kommt auch im weiteren Verlauf des analytischen Dramas nicht zur Sprache.
Später zieht sich der Reitknecht aus der Welt zurück und lebt bis kurz vor dem Einsetzen der dramatischen Handlung als Eremit in einer Einsiedelei (Klause) zwischen Jericho und Jerusalem (Quarantana), um dort "(s)einem Gott in Einsamkeit/ Bis an (s)ein selig Ende dienen (zu) könne(n)". (IV,7 V 2942f.) Als seine Klause jedoch von "arabisch Raubgesindel" (IV,7 V  2937) überfallen, zerstört und er selbst verschleppt wird, ist es um das weltabgewandte Einsiedlerdasein geschehen. Er kann jedoch aus der Gefangenschaft fliehen und sucht danach Hilfe beim Patriarchen, den er bittet, ihm eine andere Klause anzuvertrauen. Der Patriarch macht ihm daraufhin Versprechungen auf eine Siedelei in Tabor (IV,7 V  2947), fordert aber, solange dort eine solche nicht vakant sei, seinen Dienst als Laienbruder im Kloster. Auf diese Weise wird der Klosterbruder, der dem Kirchenoberen natürlich Gehorsam schuldet, auch mit diesen Versprechungen persönlich an den Patriarchen gebunden, und soll, das spürt der Klosterbruder schnell heraus, zu "allerlei" gebraucht werden, wovor er selbst "großen Ekel" (IV,7 V 2952f.) hegt.

Wie der Klosterbruder das "Dilemma der frommen Einfalt" (Sedding 1992, S.89) mit seinem gesunden Menschenverstand, seiner "Herzensreiheit" (Woyte o. J., S.59) oder mit Hilfe "selbständig denkenden Nachdenklichkeit" (Kröger 1991/98, S.45) in der Praxis löst, beschreibt er Nathan, als sich die beiden über die Ereignisse achtzehn Jahre vor der Dramengegenwart in Darun unterhalten (IV,7)

   Wenn an das Gute,
   Das ich zu tun vermeine, gar zu nah
   Was gar zu Schlimmes grenzt: so tu ich lieber
   Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar                       3000
   So ziemlich zuverlässig kennen, aber
   Bei weiten nicht das Gute. -

Dabei ist es die immer wieder stimmige Einheit von persönlichen Gefühlen, Glaubensüberzeugungen und seiner pragmatischen Herangehensweise an Probleme, die ihn das Richtige tun lässt. So spricht er z. B. auch davon, dass er sich vor den ihm vom Patriarchen auferlegten Pflichten geradezu ekele. (IV,7 V 2952f.)

Für Lessing ist der Klosterbruder, der wie "ein kreuzfahrender Schwejk in der Kutte" (Demetz 1984, S.176) daherkommt, wie der Derwisch Al-Hafi eine "Episodenfigur" im Sinne Denis Diderots (1713-1784). Beide haben dabei die u. a. die Aufgabe, den überwiegenden Ernst des Stückes zu mindern und "das komische Element zu stützen und zu kräftigen." (ebd.) Darüber hinaus kann Lessing mit dem Klosterbruder und dem Derwisch ein Thema zur Sprache bringen, dass ihn seit seinen frühen Komödien beschäftigt hat, nämlich "die alte Frage von Weltflucht und Weltläufigkeit zu erörtern." (ebd., S.177) Und an beiden zeigt er in seinem "Nathan" auf, wie gefährlich es sein kann, wenn man sich nach einem Leben in Weltabgeschiedenheit und Weltabgewandheit ziemlich naiv, man könnte auch sagen, "betriebsblind" für die Geschäfte der Welt mit den Mächtigen einlässt.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 28.09.2014

      
  Saladin ] Sittah ] Nathan ] Recha ] Daja ] Tempelherr ] Al-Hafi ] Patriarch ] Klosterbruder ] Emir ]  
     

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