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Lessing: Nathan der Weise - Figurenkonstellation

Überblick


Die Figurenkonstellation in Lessings Nathan der Weise kann unter verschiedenen Aspekten analysiert werden, um die Beziehung der Figuren zueinander ins Blickfeld zu rücken.
  • Unter dem Aspekt der Familienverhältnisse, die im Zuge der dramatischen Handlung des analytischen Dramas enthüllt werden, kann man die Entwicklung betrachten, die zwischen den Ausgangsfamilien von Nathan und Recha auf der einen und der Familie von Saladin und Sittah auf der anderen am Dramenbeginn und der Wiederherstellung der biologischen Herkunftsfamilie und ihrer Erweiterung um Nathan am Ende des Dramas liegt. Ergebnis dieser Analyse kann die Erstellung einer Stammtafel sein, die die Verwandtschaftsbeziehungen der Figuren der biologischen Herkunftsfamilie abbildet.

  • Ein weiterer Aspekt der Figurenkonstellation stellt die religiöse Orientierung der Figuren dar. Dabei zeigen sich bestimmte Kontrast- und Korrespondenzbeziehungen zwischen einzelnen Figuren ebenso wie zwischen Figurengruppen. Dazu weist Lessing den unterschiedlichen religiösen Gruppen auch verschiedene Charaktereigenschaften zu. Auf der einen Seite stehen mit Nathan einerseits und Saladin, Sittah (und Derwisch Al-Hafi ) andererseits ein Jude und zwei Moslems und eine Muslima. Allerdings kommen sie höchstens am Rande auf ihre eigene Religion zu sprechen. So sind Nathan, Saladin, der Tempelherr und Recha "nirgend und in keinem Punkte ihres Denkens und Handelns Repräsentanten des Glaubens, in dem sie erzogen sind.", wie Wilhelm Dilthey (1867, S.55) schon festgestellt hat. Wenn sie auf Religion im Allgemeinen zu sprechen kommen, dann tun sie es mit Überzeugungen, die der Vorstellung einer natürlichen Religion verpflichtet sind, wenn z. B. von einem einzigen Gott (Monotheismus) oder der Anerkennung einer göttlichen Vorsehung die Rede ist. Auf der anderen Seite stehen vier Christen, die wenn man "eine Hierarchie der Weisheit und Verständigkeit" zugrundelegt, die am wenigsten aufgeklärten Figuren sind, "nämlich (in aufsteigender Reihe) der böswillige Patriarch, die bigotte Daja, der wohlmeinende, aber naive Klosterbruder und der noch unerfahrene Tempelherr, der dann zu sich selbst findet, indem er sie christlichen Vorurteile aufgibt und mit der Entdeckung seiner Abstammung und seiner Beziehung zu Recha fertigzuwerden sucht." (Nisbet 2008, S.792)

  • Wird die Figurenkonstellation unter dem Blickwinkel der Unterscheidung von Haupt-, Neben- und Randfiguren betrachtet, dann fallen insbesondere die beiden Nebenfiguren Al-Hafi und Klosterbruder auf, welche die Funktion von "Episodenfiguren" im Sinne Denis Diderots (1713-1784) erfüllen. Dieser war nämlich der Ansicht, dass solche Figuren den "Ernst" einer "wahren" Komödie nicht grundsätzlich in Frage stellen durften und nur dann in einer solchen auftauchen durften, wenn sie in das dramatische Geschehen wirklich integriert waren und eine echte Individualität aufwiesen. Eine in sich geschlossene Nebenhandlung, die mit der Haupthandlung also nur sehr locker verknüpft ist und u. U. den ernsten Gesamteindruck der Komödie beeinträchtigt, durfte also nicht sein. Im "Nathan" hat Lessings dies beherzigt und die beiden Figuren in die dramatische Handlung integriert. Ferner fällt ihnen, wie Demetz (1984, S.176) betont, zugleich die Aufgabe zu, den überwiegenden Ernst des Stückes zu mindern. "Da die Familiengeschichte immer wieder das Ernsthafte, Bedenkenswerte und gelegentlich auch das Tränenselige fordert, zieht Lessing", so Demetz (ebd.), "die beiden Einsiedler - den einen von feinerem, den anderen von gröberem Korne - herbei, um das komische Element zu stützen und zu kräftigen. Sie beide, Derwisch und Klosterbruder, Parse und Christ, tauchen als wiederholte Spiegelung eines Problems auf; der Derwisch, so plötzlich Schatzmeister, und der Klosterbruder, des Patriarchen Zuträger geworden, manifestieren das Gefährliche einer Weltflucht, die sich gegen alle ursprüngliche Intention mit den Mächten der Welt auf das Unvorsichtigste eingelassen hat." Lessing, der wohl beim Verfassen des "Nathan" ein Gespür dafür hatte, dass ihm Al-Hafi etwas über das Stück hinausgewachsen war (vgl. ebd.), beschäftigte das an seiner Figur verdeutlichte Problem aber offenbar so sehr, dass er sich nach Fertigstellung des Stückes zumindest vornahm, das weitere Schicksal Al-Hafis am Ganges bei den Parsen noch einmal aufzugreifen.

Die religiösen Bekenntnisse, die Enthüllung der Familienverhältnisse und hervorstechende Charaktereigenschaften der Figuren sind Grundlage des nachfolgenden Mind Maps zur Figurenkonstellation im "Nathan". Dabei wird die Visualisierung bewusst nicht überfrachtet, um ihre Anschaulichkeit zu erhalten und die Strukturebenen der Darstellung unmittelbar einsichtig zu halten. Dies ist bei zahlreichen Darstellungen, die im Internet zur Figurenkonstellation des "Nathan" kursieren, nicht der Fall.

Gert Egle, zuletzt bearbeitet am: 16.09.2014

     
    
   Arbeitsanregungen:
  1. Beschreiben Sie die Darstellung zur Figurenkonstellation. Mit welchem Zeichencode wurden welche Elemente der Figurenkonstellation visualisiert.

  2. Recherchieren Sie im Internet verschiedene Darstellungen zur Figurenkonstellation des "Nathan" und vergleichen Sie diese miteinander.
     

 
  
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